Pianistisches Tiefenverständnis

26. Jänner 2012, 19:11
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Yu Kosuge eröffnet am Freitag das Liszt-Festival in Raiding

Was Virtuosität ist, davon hat Yu Kosuge genaue Vorstellungen: "Der Begriff kommt ja von 'virtus', was Tugend, Fähigkeit bedeutet. Ich finde, dazu gehören nicht nur die technischen Fähigkeiten. Man sollte die Musik auch in ihrer Tiefe verstehen, um sie ausdrücken zu können, ohne die Schwierigkeiten bemerkbar zu machen." Vielleicht ist das auch eine Selbstbeschreibung der japanischen Pianistin, die das Liszt-Festival eröffnet. Man wird es hören. Die 1983 in Tokio Geborene, die früh nach Deutschland kam, wird mit einem Liszt-Programm ihr Können vermitteln. Wäre Liszt heute einer der besten Pianisten? "Leider kann ich nicht wissen, wie er gespielt hat. Ich kann nur vermuten, dass die Erwartung heute anders ist als damals. Es wird heute oft sehr auf Perfektion geachtet, nicht auf Persönlichkeit. Auch wenn er einer der Besten wäre: Ich weiß nicht, ob er heute klargekommen wäre, vielleicht hätte er sich viel früher zurückgezogen als damals."

Zu ihren pianistischen Einflüssen zählt sie auch "Claudio Arrau und Arthur Schnabel, leider kann ich sie nicht mehr treffen". Getroffen hat sie aber András Schiff, bei dem "ich sehr viel gelernt habe: über Klangfarben, musikalisches Verstehen und wie man ein Stück kammermusikalisch oder orchestral gestaltet". Oder außerirdisch schön, könnte man sagen, da sie einst gern Astronautin geworden wäre. "Der Weltraum ist so groß – ich wunderte mich jeden Tag, wie unendlich die Möglichkeit wäre, etwas zu entdecken. Aber in der Musik ist es genauso", tröstet sich Kosuge. (tos / DER STANDARD, Printausgabe, 27.1.2012)

Ab 27. 1., Liszt-Festival, Raiding, 19.30

  • Yu Kosuge
    foto: borggreve

    Yu Kosuge

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