Frage und Antwort

Dichtung und Wahrheit im Steuerstreit

26. Jänner 2012, 18:33

Die SPÖ plädiert für vermögensbezogene Steuern, die ÖVP freundet sich wohl oder übel damit an - Vernünftig oder verrückt?

Behauptung: Steuererhöhungen sind ein Wachstumskiller.

Fakten: Dieser Binsenweisheit widersprechen nicht alle, aber etliche Experten - schließlich komme es darauf an, welche Steuern erhöht werden. Am Wifo hält man vermögensbezogene Steuern für "konjunkturschonend", zumal überwiegend Reiche betroffen wären, die wegen höherer Abgaben nicht den Konsum einschränkten. Ein OECD-Ranking zeigt: Vermögensbezogene Steuern dämpfen das langfristige Wachstum am wenigsten, gefolgt von Konsumsteuern, Einkommenssteuern und - am wachstumsschädlichsten - Unternehmenssteuern.

Behauptung: Österreich ist bereits jetzt ein Hochsteuerland.

Fakten: Stimmt im Gesamten, aber nicht für alle Bereiche. Mit 43,7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes liegt der Anteil der Steuern und Sozialabgaben deutlich über dem EU-Schnitt. Heimische Eigenheit: Während Steuern auf Konsum, Kapital und Unternehmensgewinn im Mittel rangieren, sind jene auf Arbeit überdurchschnittlich hoch. Dafür zählt Österreich punkto Vermögensbesteuerung zu den Schlusslichtern.

Behauptung: Die "Leistungsträger" schultern den Großteil der Last, während 2,7 Millionen Einkommensbezieher gar keine Steuern zahlen.

Fakten: Eine irreführende, weil selektive Darstellung. Zwar berappt das Top-Zehntel die Hälfte der Einkommenssteuer, während 44 Prozent wegen niedriger Verdienste steuerbefreit sind. Allerdings zahlen Werktätige auch noch Sozialversicherung und indirekte Steuern, die Ärmere besonders treffen. In absoluten Zahlen steigen die Beiträge natürlich mit dem Verdienst, doch aussagekräftiger ist die relative Belastung. Rechnet man die drei großen Posten, die drei Viertel der Staatseinnahmen ausmachen, zusammen (siehe Grafik), dann liefern laut Wifo-Studie alle Haushalte zwischen 37 und 40 Prozent des Einkommens an Steuern ab - ob arm oder reich. "Wären auch Vermögenserträge einbezogen", ergänzt Autor Alois Guger, "wären die oberen Einkommen eindeutig geringer belastet als die unteren."

Behauptung: Reiche können Vermögenssteuern leicht ausweichen.

Fakten: Geht es ums Geld, hat der Fiskus schlechte Karten. Das Bankgeheimnis schützt Vermögen vor neugierigen Behörden, die - wie Wifo-Expertin Margit Schratzenstaller meint - "einzig auf die Ehrlichkeit der Steuerpflichtigen angewiesen sind"; die einst abgeschaffte Vermögenssteuer habe deshalb fast nur Betriebe getroffen. Nicht flüchten oder untertauchen können jedoch Immobilien. Auch eine Erbschaftssteuer ist schwer zu umgehen.

Behauptung: Vermögensbezogene Steuern schröpfen die Mittelschicht.

Fakten: Zahlen aus der Nationalbank sprechen gegen Mittelstandspanik. Demnach ist das Vermögen der privaten Haushalte stark auf eine Oberschicht konzentriert: Das reichste Zehntel besitzt 53 Prozent des Geldvermögens (insgesamt 440 Milliarden) und 60 Prozent der Immobilien (880 Milliarden). Nicht als Hauptwohnsitz genutztes Eigentum macht nur ein Fünftel aller Immobilien aus, aber fast die Hälfte des Gesamtwertes. Laut der Daten von 2005 beträgt das durchschnittliche Immobilienvermögen eines Haushaltes mit mittlerem Einkommen 200.000 Euro - die Freibeträge bisher präsentierter Steuermodelle liegen weit darüber. Eine simple Grundsteuererhöhung träfe freilich alle Besitzer, allerdings wäre eine Staffelung nach Vermögenswert möglich.

Behauptung: Auch ein höherer Spitzensteuersatz trifft den Mittelstand.

Fakten: Nur bei exzessiver Interpretation. Gerade drei Prozent der Einkommensbezieher verdienen die 80.000 Euro brutto (Bemessungsgrundlage 60.000), um in diese Steuerklasse zu fallen. De facto beträgt der Spitzensteuersatz für Arbeitnehmer überdies nicht 50, sondern 43,7 Prozent, weil Weihnachts- und Urlaubsgeld mit nur sechs Prozent besteuert sind. Für Selbstständige hat der Gewinnfreibetrag einen ähnlichen Effekt, für Kapitalerträge gelten 25 Prozent. (Gerald John, DER STANDARD; Printausgabe, 27.1.2012)

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19 Postings
Braama Firn-I-Guinar
01
28.1.2012, 08:41
...hier gibt es alles noch ausführlicher im Überblick!

http://www.steuermythen.at/

FloW ERlebnis
22
27.1.2012, 11:03
Ach was interessieren solche Fakten schon die ÖVP(-Profiteure), Reichenschützer und "Klassenkämpfer von Oben".

.
Braucht man sich ja nur auch hier im Standard Rauschers ewig gleich falsche Talkingpoints der ÖVP ansehen.
Vom IV-Sprachrohr "Presse" und ihren PRopagandisten Fle, Schellhorn, Ortner ganz zu schweigen.

Dimple
01
27.1.2012, 10:28
Was ich immer sage

Runter mit den Steuern auf Arbeit (inkl. Unternehmenssteuern), dafür eine Erbschaftsteuer und eine Umwidmungsteuer, aber insgesamt eine Entlastung, dh. Senkung der Abgabenbelastung auf 37-40%

lg
Dimple

Marilynn E.
00
27.1.2012, 14:09

wie soll man diese senkung der abgabenquote finanzieren? eine senkung um 7% verursacht kosten von 20 milliarden euro. pro jahr. wo kommen die her?

Orbit Ohne Zucker
00
27.1.2012, 06:56
10 Milliarden ist ja gar nicht so viel

10 Milliarden sind zB so ca. 2% von 440 Milliarden.

Ist ein bisserl eine Milchmädchenrechnungen, aber wenn bei 10% der Österreicher 440 Mrd geparkt sind und man davon nur 2% abführen müsste um die 10 Mrd zu haben...

Aber das größte Problem der derzeitigen Wirtschaftskrise scheint zu sein, dass die Geldvermögen nicht mehr so stark wachsen wie bisher.
Und alles unternommen werden muss, damit es wieder so wird wie vorher.

Marilynn E.
21
26.1.2012, 21:57
noja, das mit der relativen leistung der abgaben mag wohl stimmen, allerdings in absolute zahlen finanziert ein kleiner teil den großteil der bevölkerung.

das ist nicht wegzudiskutieren. was hier aber ausgeblendet ist: für die sozialversicherungsbeiträge bekommt man eine gegenleistung, für steuern nicht. es ist unseriös, das zusammenzurechnen, vor allem schon alleine deshalb, weil die unteren einkommensschichten gerade diese sozialleistungen am häufigsten nutzen. alg, ausgleichszulage, etc. das konzentriert sich auf die unteren einkommen. alle zahlen ein, nur wenige bekommen was raus.

diese zahlungen in die belastung mit einzubeziehen ist daher unseriös. und wenn dann nur mit dem geld, das man wieder bezieht, in relation gesetzt und da schauts dann wieder ganz anders aus.

ust bezahlen die unteren schichten auch viel weniger, weil sie einen hohen anteil an 10% gütern haben.

MiazGoHome
00
27.1.2012, 13:29
in absolute zahlen

dann darf der treichl aber bei der nächsten gegaltserhöhung aber auch nur 30€ (=3% gehaltserhöhung von 1000€) brutto mehr bekommen.

und bei der UST kann er auch sparen indem er nur 1000€ im monat ausgibt. da werden dann auch großteils güter mit 10% UST dabei sein. es wird niemand gezwungen eine jacht oder eine millionenschwere villa zu kaufen.

ach und für steuern bekommt man keine gegenleistung?
es gibt also keine straßen, polizisten, subventionierte museen, theater, etc.

Marilynn E.
00
27.1.2012, 14:01

können´s nicht wahrheit nicht vertragen? wieso soll der treichl sparen oder weniger gehaltserhöhung bekommen?

hier geht es um das simple faktum, daß besserverdiener in absoluten und in relativen zahlen wesentlich mehr beitragen als die unteren einkommensschichten, wenn man es mal seriös betrachtet und die sv-beiträge minus daras konsumierte versicherungsleistungen bei allen abzieht. weil das wäre dann der steueranteil af die sv-leistungen. und der ist ganz logisch bei der besserverdienern ziemlich hoch und bei den unteren schichten ziemlich niedrig, weil die sehr viel der leistungen konsumieren und die höheren schichten wesentlich weniger.

Orbit Ohne Zucker
00
27.1.2012, 06:48
Keine Gegenleistung?

Haha - bitte nochmal genau nachdenken.

Wie wird denn unsere gesamte Infrastruktur bezahlt? Polizei, Justiz und Verwaltung?
Wenn das nicht funktioniert gibts keine Rechtssicherheit, keine stabiles Wirtschaftsumfeld, keine Schulen, keine Jobs - einfach nix. Denken Sie an afrikanische Staaten.

Das ist ihre Gegenleistung.

Marilynn E.
00
27.1.2012, 13:59

kopfsalat hat es eh schon erklärt. es gibt bei der sv eine direkt zuordenbare gegenleistung. bei steuern wird der allgemeine staat finanziert.

die infrastruktur nutzen alle, die sv-leistungen nutzen zu einem großteil die unteren einkommensschichten. die haben davon den meisten vorteil. wobei natürlich jeder einen vorteil davon hat.

es ist aber schlichtweg unseriös so zu tun, als wären alle gleich mit abgaben belastet, wenn das eine eine versicherungsleistung ist und das andere eine steuer.

kopfsalat
01
27.1.2012, 11:31
wenn sie keine sozialversicherung haben und keine steuern zahlen

duerfen sie noch immer die infrastruktur benützen, aber sv-leistungen kriegen sie halt keine. derstandard tut so, als waere die sv eine steuer, das ist falsch.

fuer einen gut verdienenden sind diese leistungen derzeit wesentlich teurer - er finanziert fuer andere mit, die weniger dafuer zahlen.
das ist gut so, nur wird es oft argumentativ pervertiert - der reiche zahlt prozentuell weniger und waere dadurch unsozial.
man kann sich ausmalen, was bei einer rein privaten krankenvorsorge herauskommen wuerde - reiche wuerden weniger als jetzt zahlen, nämlich nur die kosten der leistung, arme koennten sichs nicht leisten.
zu behaupten, die gutverdienenden wuerden bei den sozialversicherungsabgaben bevorzugt, ist unlautere argumentation.

MiazGoHome
00
27.1.2012, 13:13
fuer einen gut verdienenden sind diese leistungen derzeit wesentlich teurer

das gegenteil ist wegen der höchstbeitragsgrundlage der fall. ab einem gewissen einkommen (> 4.230€ brutto pro monat) zahlen sie keine SV mehr für den anteil der diese grenze überschreitet, während alle anderen den selben %-satz bezahlen.

kopfsalat
00
27.1.2012, 15:15
ueberhalb der bemessungsvrundlage ist es nicht teurer ala direkt an der bemessungsgrundlage, ja.

Marilynn E.
00
27.1.2012, 14:07

der steueranteil der sv-zahlungen bemißt sich aus eingezahlten beiträge minus bezogenen leistungen. das ist das, was man zusätzlich zu einer direkten gegenleistung in form der versicherungsleistung bezahlt. und dieser steueranteil ist eben bei besserverdiener wesentlich höher als bei schlechtverdienern. und wenn man nur den einberechnet, dann zahlen die wenigverdiener - was ja ok ist, wir sind ja ein sozialstaat, aber so ehrlich sollte man dann hatl schon sein, das auch offen auszusprechen - wesntlich weniger abgaben als besserverdiener.

Hums
00
29.1.2012, 10:44
2011 bezahlte

ich zb ca 16000 EUR und bezog Leistungen iHv ca 100 EUR. Ach ja, und in 20 Jahren wird es noch eine Pension von 2,50 EUR geben. Ich möchte NICHT in diesem Ausmaß solidarisch sein.

Marilynn E.
00
27.1.2012, 14:06

aber alle leistungen - bis auf den arzt/spitalsbesuch - sind dafür dann auch gedeckelt. der treichl bekommt weder eine pension, noch ein arbeitslosengeld, noch ein krankengeld, noch unfallrenten, noch ein einkommensabhängiges karenzgeld, das sich von 4 millionen euro berechnet. er bekommt diese leistungen nur von der höchstbeitragsgrundlage berechnet, also ist es auch logisch, daß man nur bis dahin einbezahlt. oder sollen wir dem treichl eine pension von 3 mio im jahr bezahlen?

nur die arztbesuche sind gedeckelt. was nicht gerecht ist. allerdings benutzen besserverdiener viel weniger das gesundheitssystem, weil sie meist privat versichert sind und diese versicherung die kosten übernimmt.

kopfsalat
00
27.1.2012, 11:08
wenn sie keine sozialversi herung haben,

rari
30
26.1.2012, 19:55
super !!!!

so eine präzise Art von Trennung - Fakten gegen Meinungen - ein Genuß ! - machen den Standard als einziges Medium lesenswert. Wenn sich der Bürger, die Bürgerin fragt, "was soll ich davon halten ?" kann das ein Kompliment für ein Medium sein. Denn...andere, insbesonders staatliche Medien vermanschen Halbwahrheiten mit Meinungen um sie als Wahrheiten dem zwangszahlendem Konsumenten unterzujubeln.
Zum Inhalt: wenn jemand meint nur durch Sparen das Finanzproblem zu lösen, hat sicher (absichtlich oder unabsichtlich) einen eingeschränkteren Horizont, gegenüber jemandem der ein "sowohl als auch" zulässt.

Werner F, der Inserator
10
27.1.2012, 01:02

Glaub nur den statistiken, die du selbst gefaelscht hast.

Es laesst sich nicht alles zusammenrechnen, was gj zusammenrechnen.

Sv- beitraege sind versicherungen, wo spaeter einmal eine leistung dagegen steht.

D.h. der gering verdienende bekommt spaeter eine pension oder auch mal arbeitslose. Statistisch gesehen wird die arbeitslose von schlechter verdienenden soar haeufiger in anspruch genommen.

Besser verdienende quersubventionieren mit zusatzversicherungen im regelfall sogar noch das gesundheitssystem.

Ad vermoegenssteuer) john erzaehlt die halbe wahrheit, in der schweiz ist das eine moderate massensteuer die fast alle betrifft und die funktioniert blendend, dafuer ist die steuer auf arbeit wesentlich geringer.

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