WKR-Ball

Dialektik der Aufklärung in und vor der Hofburg

Kommentar der anderen | 26. Jänner 2012 19:46
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    Zersetzungsresistentes Kulturerbe (Teilansicht).

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    Böse Onkels für stramme Rechte: Horkheimer (li.), Adorno.

Zur Rezeption der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule durch deutschnationale Tugendhüter und andere Meisterdenker - Kleine philosophiegeschichtliche Einstimmung auf den Burschenschafter-Ball - Von Stephan Grigat

"Was, ihr wollt uns lästern,
sagt, wir sind die von Gestern?
Doch macht euch keine Sorgen,
denn wir sind die von Morgen!"
(Siegfried Zimmerschied)*

Wenige Tage bevor deutsch-völkische Burschenschaften in der Hofburg von der FPÖ-Prominenz und ihren europäischen Freunden auf dem WKR-Ball beehrt werden, lud in Wien die vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands als rechtsextrem eingestufte Österreichische Landsmannschaft zu einer bemerkenswerten Veranstaltung: "Eine Utopie zerstört die Realität: Die Frankfurter Schule" lautete der Titel, unter dem sich am Mittwoch im Schulvereinshaus in der Fuhrmanngasse eine illustre Runde versammelte. Bernd Lindinger, der mehrere Jahre für die FPÖ im Bundesrat saß, referierte ebendort über den zersetzenden Einfluss jener Kritischen Theorie von Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und Herbert Marcuse, die auch schon den norwegischen Attentäter Anders Behring Breivik zur Weißglut getrieben hatte.

Zur Pflichtlektüre für rechtsradikale Akademiker und philosophierende Burschenschaftler gehört Rolf Kosieks mittlerweile in fünfter Auflage vorliegendes Machwerk Die Frankfurter Schule und ihre zersetzende Wirkung. Das Buch gewährt einen exemplarischen Einblick in die Gedankenwelt jener Leute, die heute beim WKR-Ball das Tanzbein schwingen werden. Kosiek outet sich als Antihedonist und führt aus, dass die Kritische Theorie mit der "Betonungen reiner Glücks- und Genussphilosophie" im scharfen "Gegensatz zur Haltung der deutschen Tradition" stehe, die sich über "diese niedere Sinnlichkeit" weit hinaushebe. Deutsch sei die Vorstellung, "dass der Sinn des Lebens vor allem im Erfüllen einer Aufgabe, einem Werk, in einer Pflicht beruht und nicht im platten Glücksstreben." Die von der Kritischen Theorie betriebene "Umerziehung" sei so erfolgreich gewesen, dass Deutschland heute keine "Volksgemeinschaft" mehr sei und "Fremde" ungehindert "in den deutschen Volkskörper in Millionenanzahl einströmen" könnten.

Schon 2004 hielten rechtsradikale Burschenschaften und Freiheitliche, die sich in der Arge Konrad Lorenz zusammengeschlossen hatten, in Wien ein Symposium unter dem ernstgemeinten Titel "Frankfurter Schule - die 9. Todsünde" ab. Die Burschenschaftler sahen es offenbar als eine Art Outing an, als sie die Kritische Theorie als "Verbindung von Neomarxismus und Psychoanalyse" charakterisierten. Gerade die Verbindung von gesellschaftskritischer und individueller Selbstreflexion prädestiniert die Kritische Theorie zum Hassobjekt der Rechtsradikalen. Und zwar aus dem gleichen Grund, den Adorno als Grund für den Hass auf die Psychoanalyse erkannte: "Der Hass auf die Psychoanalyse ist unmittelbar eins mit dem Antisemitismus, keineswegs bloß weil Freud Jude war, sondern weil Psychoanalyse genau in jener kritischen Selbstbesinnung besteht, welche die Antisemiten in Weißglut versetzt" , schrieb er 1959.

Dass Antisemiten und Rechtsradikale die Vertreter der Frankfurter Schule besonders inbrünstig hassen, bedarf keiner großartigen Erklärung. Durchaus bemerkenswert ist allerdings, dass sie ihren Hass in einem Augenblick kundtun, da die Kritische Theorie, sei es auf den Universitäten, sei es im Feuilleton, nur mehr unter "ferner liefen" abgehandelt wird.

Adorno und Horkheimer zogen zeitlebens jene Ressentiments auf sich, denen sich auch heute alle sicher sein können, die kritische Einwände gegen die bestehende Ordnung und ihre scheinbaren Antagonisten in der real existierenden Linken formulieren. Die Kritische Theorie sieht sich gegenwärtig keineswegs allein mit Rechtsradikalen aus dem miefigen Burschenschaftlermilieu konfrontiert. Im Feuilleton und auf den Universitäten wird Adorno heute gern als irgendwie beeindruckende, aber leider etwas überempfindliche Geistesgröße abgetan. Der universitäre Mainstream hält die Kritische Theorie für "veraltet" . Den postmodernen Meisterdenkern gilt Adorno schon deswegen als totalitär, weil er von gesellschaftlicher "Totalität" spricht. Und der Post-68er-Linken gilt die Kritische Theorie als abgehobene, blutleere und praxisfeindliche Philosophie und Adorno und Horkheimer allein aufgrund ihrer Sympathie für Israel und für die USA als Verräter.

In dieser Frage dürften sich gar nicht so wenige jener Demonstranten, die heute verständlicherweise gegen den WKR-Ball protestieren werden, mit den nationalen Tänzern in der Hofburg einig sein. (Stephan Grigat, DER STANDARD Print-Ausgabe, 27.01.2012)

*Aus dem Programm "A ganz a miesa, dafeida, dreggiga Dreg san sie", 1979

Autor

Stephan Grigat ist Lehrbeauftragter an der Universität Wien und Herausgeber von "Postnazismus revisited. Das Nachleben des Nationalsozialismus im 21. Jahrhundert" (ça ira: Frühjahr 2012).

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Frodo Der Hobbit
07.02.2012 10:34

den misserfolg von USA und israel erklärt die doku "das netz" von dammbeck bzw alle, die da über die macy konferenzen nachforschen.

bestimmte kreise haben sich angemasst, den persönlichen weg der psychoanalyse zu einem zentralismus zu machen, und ganze völker zu "analysieren" und dann einem psycho-engineering zu unterwerfen. wobei das engineering schon vom hof des alten sonnenkönigs zur meisterschaft gebracht wurde. wie man die masse nach yellow press news lechzen, und sie alles höfische nachahmen lässt.
die nazis haben das nur mehr wissenschaftlich weiterentwickelt.
und die heutige medienszene inklusive werbung und politpropaganda setzt da gradlinig fort, und die politik der kissinger cabale benutzt dies, und alles was es noch gibt.

Frodo Der Hobbit
07.02.2012 10:37

mit anderen worten, adorno ist an chomsky gescheitert.

rari
01.02.2012 19:51
alles wird relativ...

die derzeitige FPÖ vernichtet Begriffsinhalte: "Verfolgung" wird plötzlich für weinende Damen verwendet, "Ausgrenzung" für die eigene Wehleidigkeit, "Werte" zur populistischen Phrase, "christlich" als Kampfwort gegen Andersgläubige, "Freiheit" für Äusserungen zur Nichtbewältigung vergangener Schandtaten der Geschichte usw. usw.
Jemandem, der als Student Geschichte studiert hat, ist bei den Äusserungen in der Hofburg Vorsatz vorzuwerfen. Ein österreichischer Politiker (als Kanzler ?!) der im Ausland vor anderen Kollegen seine geistige Beherrschung so verlöre gäbe Österreich der Lächerlich preis. Darum: Liebes FPÖ: Abwahl von Strache, raus aus dem radikalen Loch und zurück zur europäischen FP !

AlexArnauld
 
28.01.2012 13:33

Martin Luther hat das "Deutsche Wesen" treffend charakterisiert:
„Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Ding und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Ding und jedermann untertan."

aus: Luther, Martin: Von der Freiheit eines Christenmenschen

AlexArnauld
 
27.01.2012 21:06

mir scheint, als hätte niemand der Kommentatoren Adorno gelesen.
---> nachzulesen bei Adorno "Theorie der Halbbildung"

Nick Tameer
28.01.2012 10:23

Da herrscht in der Tat Bescheidwissen vor.

pox vobiscum
29.01.2012 13:16

Wenn diese Philosophen nur nicht so mühsam zu lesen wären...

Vayav indrasca
27.01.2012 18:40

Die Präzision des Herrn lehrbeauftragten erkennt man ja schon an der Hybridbildung "Postnazismus revisited".

Nicht ernst zu nehmender, intoleranter Schwätzer.

B612
27.01.2012 17:51

Die Offenbarung des Universums als einer komplexen Idee seiner selbst im Gegensatz zum Sein in oder außerhalb des wahren Seins von sich ist in sich ein begriffliches Nichts oder ein Nichts in Beziehung zu jeder abstrakten Form des Seienden oder Sein-Sollenden oder in Ewigkeit Existiert-Habenden, und den Gesetzen des Physikalischen oder der Bewegung oder der Vorstellung in bezug auf die Nicht-Materie oder das Fehlen objektiven Seins oder objektiven Andersseins nicht unterworfen.
Und das habe ich immer schon gesagt!

Bernout
 
29.01.2012 12:19

Wissen Sie noch aus welchem von Allen's Büchern das ist? Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich das noch irgendwo hier rumliegen habe...

B612
30.01.2012 21:13

Nein, leider nicht. Über diese Perle bin ich im Netz gestolpert. Aber ich kann ihnen auf alle Fälle "Alles von Allen", rororo, empfehlen - 500 Seiten Verqueres, Amüsantes, Brillantes!
:-)

Hossam Hassan
28.01.2012 10:11
Horkheimer wies einmal darauf hin, dass christlicher Widerstand gegen das 3.Reich

und Opposition zum Antisemitismus fast ausschließlich katholisch geprägt war. Von den Geschwistern Scholl zu Franz Jägerstätter über Mutter Restituta und Maximilian Kolbe. Es waren fast ausschließlich katholische Priester, Nonne und Laien, die christliche Ablehnung des Nationalsozialismus äußerten.

Nur so viel dazu.

Bernout
 
29.01.2012 11:51

Die Geschwister Scholl waren nicht katholisch.

pox vobiscum
29.01.2012 13:20

Das ist richtig.
Obwohl sie Augustinus gelesen hat und offenbar dadurch sehr inspiriert wurde.

AlexArnauld
 
29.01.2012 14:21

die scholls wurden primär von theodor haecker inspiriert. kommt aber im film nicht vor...:-)

pox vobiscum
29.01.2012 15:32

Den Film habe ich nicht gesehen, ich habe es nur einmal in einer Kurzbiographie über Sophie Scholl gelesen (und mir "Jessas, Augustinus" gedacht).
Die Amtskirchen haben sich ja damals alle nicht mit Ruhm bekleckert und ich glaube eigentlich, dass es weniger die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Glaubensrichtung als die Fähigkeiten zu hinterfragen und vor allem zu ausreichend Mitgefühl ist, die verhindern, dass Leute durch die Gräuel des Krieges abstumpfen und zu Mitläufern/tätern bei derartigen Verbrecherregimes werden. Und diese werden nicht durch die Zugehörigkeit zu bestimmten Religionen entwickelt sondern durch entsprechende positive Erfahrungen im Laufe der (früh)kindlichen Entwicklung.

AlexArnauld
 
29.01.2012 16:48

stimmt schon was sie sagen. Das Entscheidene ist die frühkindliche Entwicklung und die Erziehung im Besonderen. Und hier muss differenziert werden: das ein katholisches Milieu und ein protestantisches Milieu den Werdegang eines Menschen beeinflusst, ist unbestritten. Gerade in Deutschland klaffen hier zwei Erziehungsmodelle auseinander, alleine schon geographisch. Erwägt man die Religionszugehörigkeit an den Universitäten der damaligen Zeit, wird dieser Umstand eklatant sichtbar.
Wenn sie Fichte "Reden an die deutsche Nation" lesen, wo die Erziehung den höchsten Stellenwert inne hat, kann man diese konfessionellen Unterschiede kaum übersehen. In Max Webers Studien wird dieser Sachverhalt sozialwissenschaftlich diskutiert.

AlexArnauld
 
28.01.2012 13:19

sehr richtig!

René Herndl
27.01.2012 17:41
Nimmt man all die Eigenschaften der "Rechten", ...

... die ihnen von Herrn Grigat zugeordnet werden alleine und versucht, deren Ursprung zu finden, dann stößt man unweigerlich auf den konservativen Katholizismus, auf den so ziemlich alles zutrifft. Hiistorisch betrachtet ist auch nicht zu verheimlichen, dass die Zusammenhänge zwischen den Extremen des Katholizismus und der politischen Rechten kausale sind, wie auch der Nationalsozialismus beweist. Dass grundsätzlich jeder Extremismus, egal ob rechts, links oder religiös der Menschlichkeit widersprechen , ist klar und beispielweise auch der inhaltlichen Nähe von Faschismus und religiösem Fundamentalismus der heutigen Zeit zu erkennen, egal ob bei uns, in den USA, in Saudi Arabien, im Iran oder in Israel.

denke
01.02.2012 19:57

Warum galt es dann in der Monarchie als Zeichen rechter Gesinnung, wenn man zum Protestantismus übertrat?
Die landeskirchliche Struktur eignet sich doch schon ihrer Natur nach besser dafür nationalistisch aufgeladen zu werden als eine Weltkirche

AlexArnauld
 
27.01.2012 20:53

ein völkischer nationalismus entsprang dem protestantischen Freiheitsbegriff, welcher durchaus politisch zu begreifen ist. --> nachzulesen bei Martin Luther.

der konservative Katholizismus wirkt stur und unbeweglich--->dogmatisch. das Gleichheitsprinzip unter den Menschen ist dogmatisch, deshalb der große Verbreitungsraum des Katholizismus.

AlexArnauld
 
28.01.2012 13:25

zusätzlich empfehle ich Max Weber über den Geist des Kapitalismus. Siehe da, in das Schattenreich der Unwissenheit verirrt sich ein Lichtstrahl der Erkenntnis...

chrilly donninger1
27.01.2012 16:08
Erfahrungen eines Statistikers II

Ein besonders tragik-komischer Fall war der E.Mandel. Der hat sein Leben lang über lange Welle geforscht und pubiliziert, hatte aber nicht die geringste Ahnung von Time-Series-Analysis. Ich habe ihn bei einem Vortag am IHS aufgezogen, indem ich mit einem Würfel sehr schöne lange Wellen erzeugt habe. Wobei es, wenn er eine Ahnung gehabt hätte, eigentlich ein gutes Hölzerl für seine Theorie war.
Der Mandel hätte m.E. weniger Agathe Christie und mehr Time-Series lesen sollen. Meine Frau ist da aber gänzlich anderer Ansicht. Er wär immer ein Statistik-Diletant geblieben. So hat er wenigstens eine sehr schönes Buch über den Krimi geschrieben.

Standard deviation
27.01.2012 17:18
Vom Stochastiker zum Statistiker:

Warum "Time-Series-Analysis" in einem deutschen
Beitrag und nicht Zeitreihenanalyse?

chrilly donninger1
27.01.2012 17:59
Ich wollt mich nur dem Nick anpassen

und dann ists wieder falsch.

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