Die Austria versucht Stürmer Barazite bestmöglich zu ersetzen. Vorstand Parits hat die Realitäten im österreichischen Fußball akzeptiert. "Wir sind ein Durchzugsverein"
Wien/Belek - Es ist nicht so, dass Austrias Sportvorstand Thomas Parits den hochbegabten Kicker Nacer Barazite persönlich nach Monaco chauffiert hätte. "Aber ich habe ihm geraten, den Wechsel vorzunehmen. Weil es keine vernünftigen Gegenargumente gab." Parits musste lediglich akzeptieren, was er längst wusste. "Da kann man nicht mithalten."
Der globale Fußball schaut nämlich so aus: Sogar ein österreichischer Spitzenklub, dieser Kategorie gehört die Wiener Austria allemal an, kann den wirtschaftlichen Kampf mit dem Drittletzten der zweiten französischen Liga niemals gewinnen. "Der AS Monaco hat den russischen Milliardär Rybolowlew als Besitzer, dort gibt es Perspektiven, daraus wird etwas. Und Barazite ist ein Teil dieses Plans."
Der 21-jährige Niederländer dankte der Austria, er werde "das wunderbare Jahr in Österreich" niemals vergessen. Den Transfer bezeichnete Barazite als "Lottogewinn" für den alten Arbeitgeber. Parits geht nicht so weit. "Lottogewinn ist übertrieben. Aber es war ein Geschäft, mit dem alle Parteien zufrieden sind." Die kolportierte Ablöse von drei Millionen Euro (ein Teil davon steht Arsenal zu) wollte Parits nicht bestätigen. "Darüber spricht man nicht, Stillschweigen wurde vereinbart."
Billig und gut
Der Vorstand weilt bis Samstag im Trainingslager in Belek, seine Hauptbeschäftigung ist das Telefonieren. Ein Stürmer und ein Torwart (Pascal Grünwald fällt zwei Monate aus) müssen möglichst rasch verpflichtet werden. Es dürften zwei Ausländer werden, der Markt in Österreich ist nämlich überschaubar bis leer. "Das Problem ist, zu filtern. Mir werden jeden Tage 30 Tormänner angetragen." Das Anforderungsprofil lautet: Die Neuen sollen billig, im Idealfall ablösefrei sein. Und gut, im Idealfall sehr gut. Parits: "Wir können immer nur einen Teil des Erlöses reinvestieren. Einen zweiten Barazite zu entdecken, ist nicht einfach. Wir wollen einen ähnlichen Typen, einen, der nur vor dem Tor steht und auf Bälle wartet, brauchen wir nicht."
Die Austria sei ein "Durchzugsverein". Sagt Parits. "Ich sehe das emotionslos. Das ist Fakt. Das gilt auch für Rapid." Es gehe darum, Spielern eine Plattform, eine Bühne zu bieten. "Wir können sie eine Zeit lang begleiten, Teil ihrer Entwicklung sein." Mit Barazite sei ein großer Fisch ins Netz gegangen. "Rapid hatte das Glück mit Nikica Jelavic. Aber in beiden Fällen war klar, dass man diese Fische nicht auf Dauer gefangen hat. Man musste sie irgendwann wieder freilassen."
Die Austria hat binnen kurzer Zeit Aleksander Dragovic (Basel), Julian Baumgartlinger (Mainz) und Barazite verloren. "Verloren ist falsch, wir haben Geld eingenommen." Der nächste Abgang steht fest, im Sommer wird Zlatko Junuzovic weg sein, Werder Bremen dürfte zuschlagen. Zum Leidwesen der Austria ist Junuzovic ablösefrei. Parits: "Ich vergönne ihm den Schritt ins Ausland, man muss auf sich selbst schauen."
Eine Wettbewerbsverzerrung zugunsten von Red Bull Salzburg befürchtet Parits nicht unbedingt. "Natürlich ist man dort bei Transfers flexibler. Aber warum sollte Salzburg davonlaufen? Nicht der wertvolle Kader, sondern die intakte Mannschaft entscheidet. So groß sind die Erfolge trotz des Geldes nicht." Die Austria weiß das aus der Ära des Frank Stronach, ein Lied davon möchte Parits aber nicht singen. Man werde langfristig der österreichischen Spitze angehören. Dafür sorge auch Ivica Vastic, der neue Trainer. "Er ist ambitioniert und voll motiviert, will sich etablieren." Minimalziel sei die Teilnahme an der Europa League. "Damit Leute wie Barazite international auffallen. Wir müssen in dem Kreislauf bleiben. Die Situation ist nicht schlimm." (DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 27. Jänner 2012)