Lädiertes Vertrauen

Eurostaaten sollen Athen Teil der Schulden erlassen

Interview | András Szigetvari, 26. Jänner 2012, 18:25

Europa könnte zu neuen Zugeständnissen gezwungen sein, sagt Eurogruppenchef Jean-Claude Juncker

Standard: Kann ein einzelner Bürger einen Beitrag zur Lösung der Eurokrise leisten? Zum Beispiel: nur mehr griechische Oliven kaufen, nach Portugal auf Urlaub fahren oder den letzten Cent hervorkramen und zur Stärkung der Banken aufs Konto einzahlen.

Juncker: Da möchte ich gleich widersprechen: Wir haben es nicht mit einer Eurokrise zu tun, sondern mit einer Verschuldenskrise einzelner Eurostaaten. Der Außenwert des Euro ist stabil, die Ersparnisse sind nicht in Gefahr. Trotzdem ist die salopp formulierte Frage nicht abwegig, in dem Sinne, dass es sehr wohl kleiner Solidaritätsleistungen bedarf, damit vor allem in Griechenland die Wirtschaft nicht total absackt. Ich fordere jetzt nicht jeden auf, seine Ferien in Griechenland zu verbringen. Aber es wäre gut, wenn möglichst viele hinfahren.

Standard: Sie sprechen von Solidarität. Derzeit wird in Europa aber nur gespart. Dabei ist die Situation in einigen Ländern kritisch. In Spanien etwa sind rund fünf Millionen Menschen arbeitslos.

Juncker: Es gibt keine realistischen Wachstumsperspektiven in einem Land, dessen öffentliche Finanzen versauern. Auch wenn dies kaum einsichtig zu erklären ist, sollte der junge Spanier Interesse daran haben, dass die öffentlichen Finanzen in seinem Land in Ordnung sind. Aber es stimmt, der arbeitslose Spanier - alle 23 Millionen Erwerbslosen in der EU - braucht Perspektiven. Darum müssen wir jetzt die Sparpolitik mit einer Wachstumsstrategie ergänzen.

Standard: Wie soll diese aussehen?

Juncker: Wir müssen uns genau ansehen, wie man die europäischen Haushaltsmittel besser für schwächere Euroländer einsetzen kann. Griechenland, Spanien und andere Länder könnten wesentlich mehr Mittel aus den EU-Töpfen abschöpfen, wenn wir die Regeln dieser Struktur- und Kohäsionsfonds ändern würden. Wir müssen diesen Ländern bei der Auswahl und Ausgestaltung der Projekte, die Gelder aus dem EU-Haushalt empfangen können, behilflich sein. Da tun wir bisher nicht genug. In Griechenland gibt es bereits eine EU-Taskforce und derartige Anstrengungen müssen auch in anderen Ländern verstärkt werden. Welche Summen lukriert werden können, muss sich die EU-Kommission ansehen.

Standard: Athen verhandelt mit den Banken über einen Schuldenschnitt. Reicht dieser Haircut?

Juncker: Unsere Erwartung ist, dass Griechenland bis 2020 die öffentliche Verschuldung auf 120 Prozent seiner Wirtschaftsleistung abgesenkt haben wird. Wahrscheinlich wird dies nicht zur Gänze zu erreichen sein. Trotzdem brauchen wir weitere Schritte in diese Richtung. Das hat zur Folge, dass das Angebot der Banken, was die Verzinsung der neuen griechischen Anleihen betrifft, noch verbessert werden muss.

Standard: Der Ruf wird lauter, dass sich auch die Europäische Zentralbank und die anderen Eurostaaten, die Kredite an Athen vergeben haben, an einem Schuldenschnitt beteiligen. Was denken Sie?

Juncker: Die Zentralbank ist unabhängig, und es ist nicht angebracht, dass der Präsident der Eurogruppe öffentliche Empfehlungen an die Währungshüter gibt.

Standard: Was empfehlen Sie den Eurostaaten in puncto Haircut?

Juncker: Das hängt von der Gesamtlösung ab. Wenn die griechische Schuldentragfähigkeit unter Beweis gestellt wird und es ein Gesamtverständnis mit dem privaten Sektor gibt, wird sich auch der öffentliche Sektor fragen müssen, ob er nicht die Hilfestellung leistet.

Standard: Politisch wäre die Teilnahme der Eurostaaten an einer Umschuldung schwer verkaufbar.

Juncker: Wenn man angesichts einer historischen Zwangslage unpopuläre Maßnahmen treffen muss, die auch nicht sofort von den eigenen Bürgern verstanden werden, ist das nicht eine Frage, die mich sonderlich bewegt. Ich kann mich nicht jeden Tag fragen, ob jeder Bürger der EU mit jeder Maßnahme der Politik einverstanden ist. Was wir jetzt machen, kann nicht von Applaus begleitet sein. Aber wenn wir den Karren jetzt an die Wand fahren, sind die Lebenschancen der nächsten Generation ernsthaft gefährdet.

Standard: Ist nicht ein zentraler Fehler, dass dauernd Horrorszenarien ausgemalt werden. Zuerst hieß es: Wenn Griechenland entschuldet wird, brechen die Banken zusammen. Jetzt wird gewarnt: Wenn Griechenland aus dem Euro austritt, bricht Chaos aus. Sollte man mit diesem Teufel-an-die-Wand-Malen nicht aufhören?

Juncker: Was heißt hier den Teufel an die Wand malen? Den Teufel gibt es doch! Wenn man Griechenland abrutschen lässt und die Menschen dort vor unlösbare Aufgaben stellt, zum Beispiel einer ungeordneten Staatspleite, dann ist dies nicht nur ein theoretisches Horrorszenario, sondern es wäre die Inkaufnahme von gewaltigen sozialen Problemen.

Standard: Am Montag wird beim EU-Gipfel der neue Fiskalpakt verhandelt. Da geht es etwa darum, ob Länder, die sich nicht an Sparvorgaben halten, vor den Europäischen Gerichtshof gezerrt werden ...

Juncker: ... so ist das falsch. Es gibt den Vorschlag, dass der Europäische Gerichtshof (EuGH) überprüft, ob die Schuldenbremsen richtig im nationalen Recht umgesetzt worden sind. Es gibt wohl eine Debatte, aber noch keine Festlegung darauf, dass der EuGH nationale Haushalte überprüfen kann. Das wird nicht passieren. Haushaltspolitik ist das Königsrecht der nationalen Parlamente. Die Regierungen müssen dafür sorgen, dass die gemeinsamen Beschlüsse in Brüssel in den Parlamenten umgesetzt werden. Der Vorstellung, dass der EUGH die Einhaltung der Haushaltsregeln sanktionieren oder überprüfen kann, hänge ich nicht an.

Standard: Ein anderer Streit betrifft den permanenten Euro-Rettungsschirm ESM. Es wird diskutiert, ob der ESM mit seinem 500-Milliarden-Euro-Volumen nicht aufgestockt wird. Nicht genutzte Gelder aus dem provisorischen Rettungsschirm (EFSF) könnten dazu dienen.

Juncker: Es ist entschieden, dass der ESM über ein Gesamtvolumen von 500 Milliarden Euro verfügt. Wir werden im März überprüfen, ob das ausreicht. Es ist noch nicht entschieden, ob die restlichen Mittel vom EFSF in den ESM übergeführt werden. Ich bin dafür. Wir müssen zudem auch noch entscheiden, wie schnell wir den Kapitalstock, über den der ESM verfügen muss, anlegen. Es ist jetzt verabredet, dass die Staaten in fünf Tranchen zu je 80 Milliarden Euro einzahlen. Es gibt jetzt die Überlegung, die ich nachhaltig unterstütze, dass man das Kapital schneller einzahlt.

Standard: Zum Schluss: Kann es sein, dass die Eurozone am Ende die Finanzmärkte beruhigt, damit aber den falschen Kampf gewinnt, dass die 23 Millionen Arbeitslosen das viel dramatischere Problem sind.

Juncker: Mich treibt um, dass man das Vertrauen der Menschen in das Europäische Projekt wiederherstellen muss, denn dieses ist zugegebenermaßen derzeit ziemlich lädiert. Bei aller Notwendigkeit die Finanzmärkte im Zaum zu halten, besteht die Notwendigkeit, die EU-Bürger mit dem Europäischen Projekt zu versöhnen. (András Szigetvari, DER STANDARD, Printausgabe, 27.1.2012)

Jean-Claude Juncker (57) ist seit 1995 Premierminister Luxemburgs. Bis 2009 hatte der christlich-soziale Politiker und Jurist auch das Amt des Finanzministers inne. Zugleich ist er Präsident der Eurogruppe, in deren Rahmen die Wirtschafts- und Fiskalpolitik der Eurozone koordiniert werden soll. Juncker ist verheiratet und hat keine Kinder.

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bbbbbbb
22
27.1.2012, 17:25
er sagt die Eurostaaten

meint aber die Nettozahler. Halb Europa, alle die Staaten die schon bei ihrem Betritt zur EU am Hungetuch nagten, Italien eingeschlossen, haben doch die Liebe zu Europa mit den Geldtöpfen der Nettozahler verwechselt.
Wenn wir in Österreich Griechische Verhältnisse verhindern wollen dann RAUS aus der EU! Besser ein Schaden mit einem Ende als ein Schaden ohne Ende!

computermaster
00
27.1.2012, 15:47

hehe

Das werden sie. Ist ganz klar und beschlossene Sache. Doch zuerst der Bankrott.

Don Quixote1
01
27.1.2012, 14:02
ESM ist keine Geldfrage, es ist eine Demokratiefrage.

Demokratieregulierung:
http://www.youtube.com/watch?v=kUNnjyK_S4c

Fernando Castro
00
27.1.2012, 13:35
hatte beruflich mit italien, österreich und deutschland zu tun.

es gibt ein nord-süd gefälle. bei der arbeitsmoral.
in deutschland wird vernünftig gearbeitet (mit ein paar ausnahmen), die organisation ist gut. in österreich wird ebenfalls vernünftig gearbeitet, die organisation ist nicht ganz so gut wie in deutschland. in italien kann es so oder so ein, die italiener könnten gut arbeiten wenn sie wollen.
in italien wird improvisiert. die organisation ist mangelhaft.ausnahmen gibt es dort und da.
griechenland kenne ich nur vom urlaub. ich war den griechen immer wohlgesonnen. allerdings gibt es auf kreta auch griechen die den urlaubern nicht so wohlgesonnen sind. ich kann nicht beurteilen wie die arbeitsmoral der griechen insgesamt ist. griechenland soll man pleite gehen lassen. man füttert nur die banken

Hackbrett Schorsch
00
27.1.2012, 13:12

Nicht nur die, sondern in erster Linie die Banken.

W. Müller
 
02
27.1.2012, 13:07
1. SOFORT raus aus dem Euro

.

2. Gleichzeitig Insolvenz !

3. Gesetzliche Beschränkung der CDS (Risikoversicherung) auf 100% der Schadenssumme, damit Anleger absichern, den Zockern jedoch die lange Nase zeigen.

4. Finanzhilfe von EU wie
-- Jahr 1 = 50 Mrd.
--- Jahr 2 = 40 Mrd.
---- Jahr 3 = 30 Mrd.
----- Jahr 4 = 20 Mrd.
------ Jahr 5 = 10 Mrd.

- Kommt der EU bzw. den Steuerzahlern billiger
- Läßt den Griechen ihre Souveränität
- Zeigt "Den Märkten" ein deutliches Signal

Wenns'es dann nicht schaffen, sind's selbst d'ran schuld.

cannery row
11
27.1.2012, 13:06
was hier wieder mal fehlt..

und vermutlich (wie so oft) bewusst weggelassen wurde, ist junckers aussage, die eurogruppe nur mehr bis mitte des jahres leiten zu wollen. die geschichte mit dem sinkenden schiff also.

Peter Lustig2
00
27.1.2012, 13:13

Danach wird die Gruppe im übrigen von einem Österreicher geleitet...

69
00
27.1.2012, 13:03

weg mit dem land, bringt nichts, für diese land ist es gelaufen und das seit drei jahren !!!
weg weg weg

Die Ente Lippens
00
27.1.2012, 12:55
Bei Entwicklungsstaaten, deren Bevoelkerung mit dem Hungertod bedroht ist, wird ein SChuldenerslass immer "aus oekonomischen Prinzip" ausgeschlossen.

Bei Griechenland ploetzlich denkbar. Um die dortige Steuerhinterziehungsgesellschaft und die aggresive Uneinsichtigkeit ruhigzustellen. Das Geld das nach Griechenland gepumpt werden soll koennte ganze Staaten Afrikas auf neue Beine stellen. Das gegenseitige SIchausliefern innerhalb der EU ist voellig gescheitert. EIne solche Organistation wird ueblicherweise geschlossen und allenfalls neu gegruendet. Dieses Weiterwurschteln mit den selben Versagern wie bisher ist zum Scheitern verurteilt. Allenfalls durch Gelder aus Deutschland, SChweden, Niederlande, Finnland und (noch) Oesterreich kuenstlich am Leben erhalten.
Wer pausenlos Nehmer-Staaten mit Null Steuermoral aufnimmt, braucht sich nicht wundern, wenn ploetzlich kein Geld mehr da ist.

der schwitzbär der schwitzt sehr
01
27.1.2012, 12:51
Ich helfe Griechenland gerne.

Es sind nette Menschen!

Sobald

- die verantortlichen waffenkaufenden Politiker einsitzen

- die verantwortlichen Brüsseler Vertuscher einsitzen

zahle ich freiwillig etwas. OHNE das - müßt ihr mich zwangsenteignen.

mad kulturzentrumwest
00
27.1.2012, 12:43
vorsorge

wer traut sich bei uns eigentlich noch eine lebens- oder pflegeversicherung in euro abschließen? was, wenn man jahrelang versucht vorzusorgen und dann gibt es den euro nicht mehr?

Thalhammerin
01
27.1.2012, 13:15

Wer auf die Vorsorgemodelle der Banken setzt, ist sowieso selber schuld. Wie das Abzockmodell gerade heißt, ist mehr oder weniger egal. Auf den Pensionsvorsorgeschmäh bin ich wenigstens nie reingefallen.

Dr.Student des Wurschtfachverkaufs
11
27.1.2012, 12:43

Nach der ersten Antwort aufgehört zu lesen. Echt armselig dieser Herr.

Wir haben keine Eurokrise, sondern eine Schuldenkrise einzelner Staaten? Was ist den das für ein Blödsinn.

Man muss nicht VWL studiert haben, um zu erkennen, das die Probleme viel vielfältiger sind.

Gemütlichkeit ist Menschenrecht
00
27.1.2012, 12:41

.

Leitet sich "Juncker" etymologisch eigentlich von "Junk" ab ???

.

W. Müller
 
00
27.1.2012, 13:10
Komparativ ?

;-)

Gemütlichkeit ist Menschenrecht
02
27.1.2012, 12:38
Erfahrungsresistent

Hat es da nicht einmal geheissen, daß die Griechenlandhilfe für uns ein tolles Geschäft ist, weil wir unser Geld inkl. ganz toller Zinsen zurückbekommen ?

Und auch da hat es noch immer Einige gegeben , die das den Politikern geglaubt haben.

Nicht die EU ist das problem, sondern diejenigen, die noch immer alles glauben, was uns da vorgelogen wird

Orakel von Lissabon
 
02
27.1.2012, 12:26
Herr Juncker, welchen Hedgefonds vertreten sie da nun genau?

Hedgefonds halten mittlerweile einen erklecklichen Teil problematischer Anleihen: mit dem Ziel Gewinne damit zu machen und zwar mit dem üblichen Trick, nämlich uns einzureden, dass wir "Griechenland" zum x.ten Mal retten müssen.
In Wirklichkeit würden wir lediglich den Gewinn der zockenden Hedgefonds (und einiger anderer Anleger) sichern.

http://www.berlinerumschau.com/news.php?... 1326276289

Contra
01
27.1.2012, 21:42
verdammt, ja ...

... alles, was nach griechenland noch reingebuttert wird, geht indirekt an die hedgefonds.

zwar nicht unmittelbar, aber in ein paar jahren, wenn sie mit den klagen durch sind:
http://www.zerohedge.com/news/subo... ault-world

dieses "geschäftsmodell" der hedgefonds ist grob sittenwidrig. man sollte in einem musterprozess gegen die fonds einen präzedenzfall schaffen.

Gemütlichkeit ist Menschenrecht
00
27.1.2012, 12:47

Du magst ja recht haben, aber bitte nicht vergessen, daß "die EU das größte Friedesprojekt der europäischen Geschichte ist".

:-)))))))

Das Argument hört man regelmäßig, wenn die EU endgültig mit dem Rücken zur Wand steht. Warum ist da eigentlich der Frieden durch die EU gesichert ??

Robert Bond
00
27.1.2012, 13:28

na weil der Joschka Fischer gesagt hat, wenn wir nicht zahlen gibt's Krieg in Europa.

playdude
00
27.1.2012, 12:26

@standard
"you are pathetic" big time

zutroy
00
27.1.2012, 11:52

Na so eine Überraschung! Wer hat das kommen sehen????

buena1vista1
01
27.1.2012, 11:47
Der Euro ist ...

nicht in Gefahr die 248.

Morgen: Gefahr für den Euro noch nicht gebannt.
Übermorgen: Euro-Kurs im freien Fall ...

M.Honeybee
02
27.1.2012, 12:08
"Die Grenze f. EZB-Anleihekäufe ist der Himmel"

lt. Morgan Stanley - also alles kein Problem;-)
Genießt den Euro, solang es in noch gibt.
Handelsblatt
http://tinyurl.com/6oj9vbg

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