Steiermark

(K)eine Schule für sieben Schüler

27. Jänner 2012, 06:15
  • Artikelbild
    foto: der standard/corn

    In der Volksschule Vereinsgasse in Wien werden bewusst altershomogene Klassen, aber auch reformpädagogische Mehrstufenklassen mit verschiedenen Altersstufen angeboten. In der Steiermark schließt man ab Herbst alle einklassigen Volksschulen.

Über den pädagogischen und finanziellen Sinn von Schulschließungen gibt es geteilte Meinungen - Eltern protestieren gegen lange Schulwege

Graz/Wien - "Wir haben genau abgewogen, ob wir in Graz leben wollen oder hier hinterm Berg", erzählt Renate Kornthaler im STANDARD-Gespräch. Hinterm Berg ist Breitenau im obersteirischen Bezirk Bruck an der Mur. Der Ort machte 2003 das Rennen für die Jungfamilie, weil "alles da war, von der Kletterwand bis zur Volksschule - in unmittelbarer Nähe", schwärmt Kornthaler. Die Volksschule besuchen ihre sechsjährigen Zwillinge, auch eine Hauptschule gibt es - "für später". Doch die Hauptschule ist bald Geschichte. Sie steht auf der Liste jener 36 Volksschulen und zwei Hauptschulen, die Landeshauptmann Franz Voves (SPÖ) und sein Vize, Hermann Schützenhöfer (ÖVP), ab Herbst schließen lassen.

In der Hauptschule Breitenau werden aktuell 53 Jugendliche unterrichtet. 21 davon aus dem benachbarten Pernegg. Würde man die Schulsprengel von Breitenau und Pernegg fusionieren, was diskutiert wurde, könnte die Schule in den nächsten Jahren sogar mehr als 100 Schüler haben.

Nach der Schließung müssen die Kinder aber nach Bruck pendeln. Die Landesregierung betonte bei der Präsentation des "regionalen Bildungsplans" vor zwei Wochen, dass niemandem ein langer Schulweg zugemutet werde.

175 Minuten Schulweg

"Im besten Fall wird der Schulweg mit dem Bus 85 Minuten beanspruchen, im schlechtesten 175 Minuten", sagt Kornthaler: "In eine Richtung." Die Mutter findet, dass die Regierung mit ihrem Plan über den Ort drüberfährt, ohne die "besondere topografische Lage unseres Tals" zu berücksichtigen. Und es gehe auch "um die Aufrechterhaltung des Almenlandes, um Kultur, Tradition und gelebtes Brauchtum, um die Ausdünnung des ländlichen Raumes und um Lebensqualität und Sicherheit".

Max Hörmann, ein betroffener Großvater aus Breitenau, dessen Tochter alleinerziehende Mutter ist, stimmt ihr zu: "Letztes Jahr durften unsere Kinder noch am Wiener Rathausplatz vor begeisterten Politikern in ihren Trachten tanzen. Jetzt nimmt man ihnen die Schule im Heimatort weg."

Die Volksschulen, die man schließen wird, sind hingegen einklassige Kleinschulen. Bei ihren Auflösungen argumentiert die Regierung nicht mit Spareffizienz, sondern zweifelt die pädagogische Sinnhaftigkeit von Schulformen an, wo verschieden alte Kinder zusammen unterrichtet werden.

"Ich frage mich, ob es wirklich notwendig ist, beim Sparen immer bei den Kleinsten, jedoch gut funktionierenden Strukturen zu beginnen", meint dazu der Bürgermeister von Bretstein, Hermann Beren (ÖVP). In Bretstein wird die kleinste Volksschule des Landes mit nur sieben Kindern geschlossen. Die Schule besteht aus einem Klassenzimmer im Gemeindeamt, die Kosten sind daher gering.

Bernd Schilcher, ehemaliger steirischer Landesschulratspräsident und Vordenker der ÖVP in Bildungsfragen, sieht bei Kleinstschulen ein spezielles Problem.

"Kritische Masse fehlt"

Jenes, "dass die kritische Masse, aus der man schöpfen kann, völlig fehlt" . Zudem, so Schilcher zum Standard, "können sie gewisse Dinge gar nicht machen, etwa Sprachgruppen bilden oder einfach nur ein Fußballspiel" .

Ganz so schlimm sieht das Edith Nachbagauer, die Direktorin der Volksschule Vereinsgasse in Wien, nicht: "Sicher, manche Dinge können wenige Kinder nicht machen, aber da muss man eben kreativ sein und sich etwas anderes einfallen lassen."

Ihre Volksschule ist für Wiener Verhältnisse mit rund 180 Schülern überschaubar. Und man bietet bewusst beide Konzepte an: Vier Mehrstufenklassen nach reformpädagogischen Richtlinien, aber auch vier altershomogene Klassen. Die Vorteile der altersgemischten Klassen seien etwa, "dass man Schulanfänger dort abholen kann, wo sie gerade stehen" . Manche könnten schon schreiben, andere noch nicht. Und: "Die älteren Kinder lernen in einer Tutorenfunktion, Verantwortung für Kleinere zu übernehmen."

Für unruhige Kinder, "die sich schwer auf ihre Aufgabe konzentrieren können und leicht abgelenkt werden, kann die mehrstufige Klasse aber eine Überforderung sein" , räumt Nachbagauer ein. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, Printausgabe, 27.1.2012)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 121
1 2 3
Julian95
 
00
29.1.2012, 18:17

Klingt alles schön und gut.
Aber ein anderes Fallbeispiel - aus dem Burgenland, wo noch nicht mit Schließungen begonnen worden ist:
Zwei Dörfer die zu einer Gemeinde gehören sind zu Fuß (Ortsschild zu Ortsschild, es verläuft sogar ein direkter Gehweg) ca. eine Minute entfernt. Beide Dörfer haben eine Volksschule - mit jeweils einer Klasse. In beiden Dörfern leben vor allem Burgenlandkroaten - es gibt also auch keine kulturellen Unterschiede, Differenzen oder irgendetwas dieser Art.
Und trotzdem legt man die Schulen nicht zusammen.

stall
00
28.1.2012, 12:33
für 2 schüler mit sonderpädag. bedarf

im regelschulwesen wird eine zusätzliche lehrkraft bereitgestellt. das ist natürlich billiger. der nutzen ist mehr oder wenig nicht erkennbar.

Eric der coole
00
30.1.2012, 10:40
völliger Unsinn

Für 2 KInder mit SPF wird niemals ein eigener Lehrer/in bereitgestellt, bestenfalls 4 oder 5 Stunden. Bei diesen Kindern wurde ja noch weit mehr gespart als bei den Kleinschulen...

Eric der coole
03
28.1.2012, 09:59
sehr sehr einfach

wenn man (politisch) will, dass auch die deregionalen Gebiete erhalten werden, wird man vermutlich die Schulen erhalten. Das will man aber nicht, weil der Rechenstift nur bei "denen da unten" herrscht. In den Fürhungsetagen wird ja munter weitergeprasst. Das land ist leider ohenhin längst ausgesaugt. Postämter, Gerichte, Polizeistellen, Gasthäuser , jetzt Schulen und Gemeindeämter usw. alles wurde zugesperrt. Und dann wundert man sich dass die Leute abwandern in die Ballungsgebiete, die nachweislich weit höhere infrastrukturelle Kopfkosten verrusachen alsdie Landbevölkerung (siehe ungerechte Finanzausgleich) - eine der üblichen politischen Schmierenkomödien...

Dreistein
 
31
27.1.2012, 15:51
Für 21 Km 85 bis 175 Minuten

Die Breitenauer tun sich selbst nichts Gutes, wenn sie mit Schauermärchen wie diesem zu argumentieren beginnen. Die Breitenau, genauer gesagt St. Jakob ist 21 km von Bruck entfernt. Selbst wenn man mit dem Fahrrad führe, würde man diese Strecke in jener Zeit schaffen, die dem Schulbus angedichtet wird. Ich bin vor 40 Jahren in Bruck ins Gymnasium gegangen. Schon damals gab es Schüler aus der Breitenau. Schon damals sind diese mit dem Bus oder Zug (inkl. umsteigen)gekommen und haben keine 1 1/2 Stunden dafür gebraucht.

byron sully
00
27.1.2012, 14:09

bei 7 kindern mag eine schließung ja noch halbwegs gerechtfertigt sein. aber bei 53??? gut, daß sich unter den bürgermeisterInnen dagegen widerstand regt. voves und schützenhöfer denken in ihrem kürzungswahn wohl gar nicht an die interessen der schülerInnen.

Dreistein
 
00
28.1.2012, 13:55

Die Schule in der Breitenau wurde bereits jetzt künstlich am Leben erhalten, indem 21 Kinder aus Pernegg zwangsverpflichtet wurden. Pernegg liegt zwischen St.Jakob/Breitenau und Bruck, wohin es 10 km sind. Zählt man diese 21 Kinder ab, verbleiben 32 Kinder, für die eine 4 klassige HS erhalten werden soll. Alle verlangen Einsparungen in der Verwaltung, beharren aber gleichzeitig auf den Status quo.

GoodieGoodie
05
27.1.2012, 13:38

"Bei ihren Auflösungen argumentiert die Regierung nicht mit Spareffizienz, sondern zweifelt die pädagogische Sinnhaftigkeit von Schulformen an, wo verschieden alte Kinder zusammen unterrichtet werden."

Und an anderen Standorten werden Mehrstufenklassen eröffnet, um genau diese Situation zu schaffen?

Goldi5
01
27.1.2012, 13:31
8 Jahre von Mariazell nach Bruck/Mur

ich bin auch 8 Jahre lang von Mariazell nach Bruck/Mur ins Gymnasium gependelt, mit der Strecke hin und retour über 120 km....
es ist halt wenn die Eltern nun mal am Land wohnen aus welchen Gründen auch immer, dass dies miteingerechnet werden muss, und wenn die Kinder eine ordentliche Schulbildung erfahren sollen, muss das eben der Kompromiss sein, wenn in die Peripherie gezogen wird....

Victoria Karl
 
00
darf ich fragen wie alt du bist bzw. wie kurz oder lange das her ist?

moshe dayan
05
27.1.2012, 11:40
eine kurze recherche

im liniensystem des steirischen verkehrsverbandes ergibt eine fahrtzeit von 24-45 minuten in eine richtung.

da bin ich ins gymnasium länger gefahren. hätte mich auch gewundert, dass 21 km strecke so lange dauern würden.

Simplicius Simplicissimus
00
27.1.2012, 12:53
Vom Bahnhof, ...

... wo auch die Busse stehen, bis zur HS oder zum Gymnasium 15 Minuten. Den Weg mussten schon Generationen von SchülerInnen zurücklegen. Das gilt auch für diejenigen, die die HAK oder HTBL in Kapfenberg, oder die Forstschule Bruck besuchen. Man muss sich angewöhnen, die Aufgaben teilweise im Buss oder Zug zu erledigen. Außerdem ist das Schulschwänzen leichter ...

Dreistein
 
00
28.1.2012, 15:12

Die Busse halten in Bruck auch am Hauptplatz. Von dort sind es 3 bis 4 Minuten bis zur HS.

4simo
01
27.1.2012, 12:15

wie lange brauchen die kinder um zur station zu kommen?

Hari Ka
00
27.1.2012, 12:21

5-10 Minuten zu Fuss.

4simo
01
27.1.2012, 12:25

bei Ihnen?

uU ist das aber der Unterschied zu dem Schulweg der betroffenen KInder

Hari Ka
01
27.1.2012, 13:57

Die Kinder zur Station, wenn der Bus nicht sowieso direkt vor der Haustüre stoppt. Das ist am Land einfach so.

Stahl_____666
00
27.1.2012, 12:05
.

Stimmt absolut!

Ausserdem könnte man ja dem schwedischen Beispiel folgen - dort werden die Kinder von den Schären per Helikopter in die Schule geflogen.

Hari Ka
01
27.1.2012, 11:52

Für mich war es pro Strecke eine Stunde, wobei es nur 10 Kilometer waren.

lanebbia
24
27.1.2012, 11:33

"Wir haben genau abgewogen, ob wir in Graz leben wollen oder hier hinterm Berg", erzählt Renate Kornthaler"
Wenn man sich hinterm Berg ansiedelt, darf man sich aber über Änderungen nicht wundern. Denn, dass die Kleinstschulen ein unhaltebarer Luxus sind, weiß man schon lange. Wenn sich eine Gemeinde diesen Luxus leisten will (manche Touristengemeinden mit satten Einnahmen tun dies), dann gerne, aber nicht auf Kosten des Finanzausgleichs.

flatline
42
27.1.2012, 12:53

Bevor ich jemals Kinden in eine VS in Wien geben würde, ziehe ich freiwillig in ein andere Bundesland....
Türkisch und Servokroatisch als zweit und dritt Sprache will ich meinen Kinden nicht zumuten...

Vorallem lernens in ein VS am land doch mehr, als in der Stadt. Da sind Kühe und Bauernhof vor der Haustür. Wald und Wiesen sind nicht von den Hunden in der Stadt zugekackt.
Und wenns einen Bach gibt kann man den wunderbar auf 1,5 Meter aufstauen :-D

Feuergeist
 
00
...und nächstes Jahr bekommen sie dann auch schon Fernsehen und Internet?

In welcher Welt leben sie in der Mehrsprachigkeit ein Nachteil ist?
Wenn mir so ein Posting ein reaktionärer Blau-Wähler schreibt sag ich ja noch ok, der is halt nicht nur Bildungsfern sondern auch Bildungsresistent. Aber in den Provinzen hab ich sowas bisher noch nicht feststellen können.

flatline
00

Wo das der Nachteil ist?
In der Industrie bemühen wir uns, Standards einzuführen, die Kommunikation zu vereinfachen, siehe TCP/IP usw. Ohne diese Entwicklungen würde jedes Land immer noch sein eigenes Süppchen kochen.
Bei Sprachen sehe ich es genau so. Eine Sprache soll die Kommuniktion vereinfach innerhalb einer Gruppe, eines Landes. In Österreich und Deutschland ist es eben Deutsch. Und als Internationale Fremdsprache eben English.
Warum sollen dann meine Kinder dann Türkisch lernen.

Feuergeist
 
00
Ok....

@Englisch: mag schon sein, aber nur als Beispiel: die Amtssprache in der EU ist Französiche, obwohl sicher mehr Leute in der EU Deutsch sprechen.
@Deutsch: diverse Leute versuchen zwar alkles dagegen zu unternehmen, aber Deutsch ist eine schwere Sprache, vor Allem für Menschen die aus einem völlig anderen Sprachstamm kommen (zB Slawisch).
Und ihre Erklärung lässt immer noch den Nachteil den ihre Kinder haben vermissen. Die anderen Kinder müssen ja trotzdem Deutsch lernen.

Victoria Karl
 
00
ihre Kinder tun mir jetzt schon Leid

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 121
1 2 3

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.