"Der blinde Geronimo und sein Bruder"
Arthur Schnitzler (1862- 1931) war wohl das, was man ein schwieriges
Geschwisterkind nennt. Eingebettet in eine Großfamilie, deren
gutbürgerlicher Rahmen eigentlich ein Gefühl der Geborgenheit hätte
gewährleisten sollen, schlug sich der Autor und Traumaufzeichner dennoch
mit quälenden Ambivalenzen herum.
Dass Schnitzler selbst die eigene "Novelette" Der blinde Geronimo und
sein Bruder (1900) so außerordentlich gut gefiel, mag mit dem
konfliktlösenden Ende der Erzählung zu tun haben. In ihm finden nicht
nur zwei verstockte Brüderherzen zueinander. Die Geschwisterliebe darf
sich gegen alle liberale Etikette handgreiflich äußern. Ein Blinder
tastet nach den Wangen seines älteren Bruders, um ihn umfangen und
küssen zu können. Man ermisst die Tragweite dieser herzzerreißenden
Geste vielleicht erst, wenn man ein dazugehöriges Notat Schnitzlers auf
die Goldwaage gelegt hat: Das Verhältnis zu seinem Bruder Julius sei
"eher herzlich als innig" gewesen.
Doch ehe es zur Versöhnung zwischen den norditalienischen Brüdern
Geronimo und Carlo kommt, muss der Staub der Landstraße mit schmutzigen
Stiefeln aufgewühlt werden. Carlo hatte dem fünf Jahre jüngeren Geronimo
das Augenlicht genommen, indem er im elterlichen Garten "mit dem Bolzen
nach der Esche schoss". Carlo, der eigentlich in einer Schmiede zur
Lehre ging, wird aus Schuldgefühlen zu seines Bruders Hüter: Er
begleitet den Bettler auf dessen ausgedehnten Wanderungen durch das
nördliche Italien und das südliche Tirol. Geronimo singt vor dem Eingang
liederlicher Kaschemmen, und Carlo sammelt die kärglichen Münzen im Hut.
Man macht gerade halt vor dem Stilfser Joch, als ein merkwürdiger
Reisender den nicht weiter bemerkenswerten Obulus eines Franken
entrichtet. Dem Blinden jedoch, der meist frühmorgens schon die Kehle
mit etlichen Schöppchen Weines zu schmieren pflegt, wirft der Wildfremde
ein rätselhaftes Wort an den Kopf: Er, Geronimo, möge sich vorsehen, da
er ihm soeben ein Goldstück im Gegenwert von 20 Francs geschenkt habe.
Die Lüge des dämonischen Herrn sät tiefes Misstrauen in das Herz
Geronimos, der in seiner Verzweiflung den Bruder mit allerlei
Beleidigungen bedenkt. Der verdutzte Carlo aber muss sich eingestehen,
dass die Liebe zu seinem hilflosen Alter Ego "den ganzen Inhalt seines
Lebens" ausmacht.
Flugs erleichtert er zwei durchreisende Gäste in dem Wirtshaus, das
ihrer beider Nachtquartier bildet, um exakt den gleichen Betrag, den er
Geronimo vorenthalten haben soll. Die Fabel wird meisterhaft entwickelt:
Carlo wird zum Dieb, um nicht als Dieb zu erscheinen - in den Augen
seines Bruders, der blind ist. Der Diebstahl fliegt auf, und die
Versöhnung ereignet sich im Beisein eines Gendarmen. Der blinde Geronimo
besitzt echte "neorealistische" Qualitäten. (Ronald Pohl / DER STANDARD, Printausgabe, 27.1.2012)
Die Serie mit Schnitzler-Werken wird unregelmäßig fortgesetzt.