In der klingenden Münze der Geschwisterliebe

26. Jänner 2012, 17:15

"Der blinde Geronimo und sein Bruder"

Arthur Schnitzler (1862- 1931) war wohl das, was man ein schwieriges Geschwisterkind nennt. Eingebettet in eine Großfamilie, deren gutbürgerlicher Rahmen eigentlich ein Gefühl der Geborgenheit hätte gewährleisten sollen, schlug sich der Autor und Traumaufzeichner dennoch mit quälenden Ambivalenzen herum.

Dass Schnitzler selbst die eigene "Novelette" Der blinde Geronimo und sein Bruder (1900) so außerordentlich gut gefiel, mag mit dem konfliktlösenden Ende der Erzählung zu tun haben. In ihm finden nicht nur zwei verstockte Brüderherzen zueinander. Die Geschwisterliebe darf sich gegen alle liberale Etikette handgreiflich äußern. Ein Blinder tastet nach den Wangen seines älteren Bruders, um ihn umfangen und küssen zu können. Man ermisst die Tragweite dieser herzzerreißenden Geste vielleicht erst, wenn man ein dazugehöriges Notat Schnitzlers auf die Goldwaage gelegt hat: Das Verhältnis zu seinem Bruder Julius sei "eher herzlich als innig" gewesen.

Doch ehe es zur Versöhnung zwischen den norditalienischen Brüdern Geronimo und Carlo kommt, muss der Staub der Landstraße mit schmutzigen Stiefeln aufgewühlt werden. Carlo hatte dem fünf Jahre jüngeren Geronimo das Augenlicht genommen, indem er im elterlichen Garten "mit dem Bolzen nach der Esche schoss". Carlo, der eigentlich in einer Schmiede zur Lehre ging, wird aus Schuldgefühlen zu seines Bruders Hüter: Er begleitet den Bettler auf dessen ausgedehnten Wanderungen durch das nördliche Italien und das südliche Tirol. Geronimo singt vor dem Eingang liederlicher Kaschemmen, und Carlo sammelt die kärglichen Münzen im Hut.

Man macht gerade halt vor dem Stilfser Joch, als ein merkwürdiger Reisender den nicht weiter bemerkenswerten Obulus eines Franken entrichtet. Dem Blinden jedoch, der meist frühmorgens schon die Kehle mit etlichen Schöppchen Weines zu schmieren pflegt, wirft der Wildfremde ein rätselhaftes Wort an den Kopf: Er, Geronimo, möge sich vorsehen, da er ihm soeben ein Goldstück im Gegenwert von 20 Francs geschenkt habe.

Die Lüge des dämonischen Herrn sät tiefes Misstrauen in das Herz Geronimos, der in seiner Verzweiflung den Bruder mit allerlei Beleidigungen bedenkt. Der verdutzte Carlo aber muss sich eingestehen, dass die Liebe zu seinem hilflosen Alter Ego "den ganzen Inhalt seines Lebens" ausmacht.

Flugs erleichtert er zwei durchreisende Gäste in dem Wirtshaus, das ihrer beider Nachtquartier bildet, um exakt den gleichen Betrag, den er Geronimo vorenthalten haben soll. Die Fabel wird meisterhaft entwickelt: Carlo wird zum Dieb, um nicht als Dieb zu erscheinen - in den Augen seines Bruders, der blind ist. Der Diebstahl fliegt auf, und die Versöhnung ereignet sich im Beisein eines Gendarmen. Der blinde Geronimo besitzt echte "neorealistische" Qualitäten.  (Ronald Pohl  / DER STANDARD, Printausgabe, 27.1.2012)

Die Serie mit Schnitzler-Werken wird unregelmäßig fortgesetzt.

Kommentar posten
Posten Sie als Erste(r) Ihre Meinung

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.