Nach neun Jahren Verhandlungen wurde man handelseins: Die Nationalbibliothek erwarb von Gerhard Rühm, Polyartist und Mitglied der Wiener Gruppe, um 450.000 Euro dessen umfangreichen Vorlass
Wien - Als Mitbegründer der Wiener Gruppe (mit Friedrich Achleitner, H.
C. Artmann, Konrad Bayer und Oswald Wiener) ist Gerhard Rühm, 1930 in
Wien geboren, schon jetzt legendär: In den 1950er-Jahren begann der
Avantgardist Lautgedichte, Sprechtexte, visuelle Poesie, Fotomontagen
und Buchobjekte zu produzieren. Aber noch immer ist Rühm, der als
Dreifachbegabung (Autor, Komponist und Künstler) permanent Genregrenzen
überschreitet, hochaktiv - und ein mitreißender Interpret etwa seiner
Chansons.
Aber auch als Archivar in eigener Sache beeindruckt Rühm: Er sammelte
alles, was mit seinem umfangreichen wie vielschichtigen Werk in
Beziehung steht. Bereits 2002 trat das Literaturarchiv der
Nationalbibliothek wegen des Vorlasses an ihn heran. Nun, nach neun
Jahren, wurde man handelseins: Die ÖNB erwarb um 450.000 Euro, so
Bernhard Fetz, der Leiter des Literaturarchivs, das gesamte Material
(ausgenommen das rein bildnerische Werk): Die Partituren kommen in die
Musiksammlung, der große Rest ins Literaturarchiv. Dazu gehört neben den
Manuskripten eine beachtliche Sammlung zur Wiener Gruppe samt
Gemeinschaftsarbeiten, weiters Requisiten der berühmten literarischen
Kabaretts, Livemitschnitte, Korrespondenzen und Collagen. Laut Fetz, der
die programmatische Intermedialität von Rühms Werk besonders würdigt,
bildet der Vorlass die perfekte Ergänzung zu den vorhandenen Konvoluten
zur Wiener Gruppe.
Mit ein Grund, warum Rühm mit dem Verkauf zuwartete, war die geplante
Veröffentlichung des Gesamtwerks in 14 voluminösen Einzelbänden. Die
ersten Bände (darunter Visuelle Poesie und Visuelle Musik, herausgegeben
von Rühms Frau Monika Lichtenfeld) erschienen 2005/2006 bei Parthas in
Berlin; danach geriet das ehrgeizige Unternehmen ins Stocken. Rühm
wechselte zu Matthes & Seitz: 2010 kamen die Theaterstücke heraus,
diesen Herbst folgt die Auditive Musik, und dann geht es im
Halbjahrestakt weiter.
Trotz der Gesamtausgabe wird aber nicht der gesamte Rühm publiziert
sein: Fetz weist auf die vielen Vorstudien und Quellen hin, die im
Vorlass enthalten seien. Gerade sie dürften für die Forschung von
besonderem Interesse sein.
Auch Johanna Rachinger, Generaldirektorin der ÖNB, ist stolz auf die
Erwerbung. Er bedeute zwar einen "finanziellen Kraftakt", es sei ihr
aber wichtig gewesen, Rühms Lebenswerk für eine österreichische
Institution zu sichern. Im Gespräch mit dem Standard weist sie auf eine
weitere Neuigkeit hin: Die ÖNB und die Bayerische Staatsbibliothek
schlossen einen Kooperationsvertrag ab. (Thomas Trenkler, DER STANDARD, Printausgabe, 27.1.2012)