Ein Katalog und die Ausstellung "That's me - That's not me" der Sammlung Verbund präsentieren das Frühwerk von US-Künstlerin Cindy Sherman
Ihr eigener Blick auf die
frühe Zeit, verriet sie Anne Katrin Feßler, sei jedoch durchaus
kritisch.
Wien - Sie ist ein Chamäleon. Es gibt keine Rolle, in welche die
US-Künstlerin und -Fotografin Cindy Sherman nicht geschlüpft ist: Model
oder Madonna, Bibliothekarin oder Femme fatal, Figur eines
altmeisterlichen Gemäldes oder von Maden angeknabberte Leiche. Zuletzt
verbildlichte die 57-Jährige die psychologischen Abgründe der Clowns.
Einen Hang zur dramatischen Typveränderung hatte sie bereits in
Kindertagen, obwohl ihr das Kostüm des Monsters oder der runzligen alten
Dame stets mehr behagte als das der Prinzessin.
Die 69-teilige Serie der
Untitled Film Stills (1977-1980), die die 23-jährige Sherman noch in
ihrem ersten Sommer in New York begann, machte sie rasch berühmt. Auch
darin verkörpert sie verschiedenste Frauentypen - Kunstfiguren aus Film
noir und B-Movies der 1940er- und 1950er-Jahre: bis zur Persiflage
überzeichnete weibliche Stereotype.
Es waren Arbeiten dieser Serie, mit denen Gabriele Schor 2004 den
Grundstock zur privaten Sammlung des Verbund legte. Aber was war davor?
Serien wie Untitled A-D (1975) oder Bus Riders (1976) waren zwar bereits
2000 in der Londoner Tate ausgestellt, trotzdem galt es, das Frühwerk
restlos zu entdecken. Nun liegt der von Gabriele Schor zusammengestellte, 374 Seiten starke Catalog raisonnée
der Jahre 1975 bis 1977 (begleitet von einer kleinen Ausstellung im
Verbund-Gebäude) vor, der freilich eine Aufwertung ihres noch während ihrer Studienzeit in Buffalo entstandenen Frühwerks, welches
Sherman selbst als "sehr studentisch" beschreibt, bedeutet. Vom
Wiener Catalogue Raisonnée und der damit verbundenen Neubewertung von
Shermans Frühwerk unbeachtet, startet am 26. Februar im Moma in
New York eine große Retrospektive (gespickt mit einer Handvoll sehr
früher Arbeiten) der im Big Apple lebenden Sherman.
Aber der Werkkatalog enthält Schlüssel für Späteres und räumt mit Interpretationsirrtümern auf: Die in den Aufnahmen der Bus Riders gut
sichtbaren Kabel des Selbstauslösers und die Schlagschatten an der
Studiowand konnte man etwa als Zeichen bewusster Inszenierung werten.
Ursprünglich sollten die Figuren aber ausgeschnitten werden, vom
Hintergrund gelöst Teil neuer Inszenierungen werden: Diese "Cut-Outs"
sind allerdings verschollen.
* * *
Standard: Haben Sie sich mit dem Umstand, dass jemand in Ihrem Archiv
nach unentdeckten Schätzen sucht, immer wohlgefühlt?
Sherman: Gabriele Schor hatte bereits viel recherchiert, und ihre
Ernsthaftigkeit überzeugte mich. Je häufiger wir uns trafen und
sprachen, umso mehr stieg ich auf die Idee ein, öffnete Kasten um Kasten
und sagte: "Ich hätte da noch eine Arbeit in der Lade."
Es gab Dinge, die ich niemals zeigen wollte, Dinge, von denen ich
hoffte, jemand würde sie eigentlich erst sehen, wenn ich bereits tot
bin. Inzwischen glaube ich, dass es sinnvoll ist zu sehen, womit ich
mich vor fast 40 Jahren beschäftigt habe.
Standard: Hatte das Reden über diese sehr frühe Zeit Einfluss auf Ihre
aktuellsten Arbeiten?
Sherman: Einfluss nicht. Aber ich bemerkte, dass Arbeiten der
vergangenen zwei Jahre formal genau dort anknüpfen. Stark silhouettierte
Figuren, deren Hintergründe ich verschob und austauschte, damit es nicht
natürlich aussieht, wie etwa bei den "Cut-Outs": Diese Bezüge sind
interessant, obwohl ich vieles stets für amateurhaft und studentisch
gehalten habe. Einiges davon, etwa die Cover Girls-Serie, scheint mir im
Hinblick auf die Intention zu offensichtlich, irgendwie protzig und
seicht zu sein.
Standard: Sie sind in so viele Rollen geschlüpft. Waren die Kostüme
dabei hilfreich?
Sherman: Ja. Es konnte die Perücke oder ein Requisit sein, die den
kompletten Charakter inspirierte.
Standard: Schauspielerisches Talent oder harte Arbeit?
Sherman: Die Schauspielerei kam mir nie in den Sinn. Ich konnte gut
posieren, nicht unbedingt schauspielern. So wie andere ein Ohr für Musik
haben oder Gelesenes genau rezitieren können, ist mein Beobachtungs- und
visuelles Erinnerungsvermögen gut.
Standard: Also eher Stand- statt Bewegtbild: Das Kino interessierte Sie
aber dennoch?
Sherman: Ich glaube, während meiner College-Zeit hat mich Film mehr
inspiriert als das, was in der Kunst passierte. Zunächst studierte ich
Malerei, aber die war - wie auch viele Zeitungen schrieben - tot. Also
ging ich in die Fotografie.
Standard: Aber Fotografie war damals noch nicht als Kunst etabliert. War
das für Sie ein Problem?
Sherman: Im Gegenteil, es war befreiend. Auch anderen gab das die
Freiheit, mit niemandem wetteifern zu müssen, unbeeinflusst zu arbeiten.
Die neuen Medien wurden hauptsächlich von Frauen genutzt, etwa von
Barbara Kruger, Laurie Simmons oder Sarah Charlesworth. Man vermied es,
sich auf die Kunst von Männern zu beziehen, die alle Aufmerksamkeit
bekam. Schwierig war es allerdings, etwas zu verkaufen. Noch 1982 bei
der Documenta 7 hörte ich von Sammlern: "Oh, ich mochte ihre letzte
Ausstellung wirklich, aber ich sammle leider keine Fotos." Fotografie
war von niedriger Klasse.
Standard: 1976 haben Sie die Kamera als Werkzeug beschrieben, mit der
Sie Ihre Erfahrungen als Frau erkunden konnten.
Sherman: Als ich das schrieb, war ich sehr jung, 22, wollte smart, stark
und selbstbewusst wirken. Heute glaube ich nicht mehr, dass ich das
wirklich so sah. Ich glaube, ich habe meine Arbeit mehr als notwendig
politisiert.
Standard: Vorbilder waren für Sie damals Künstlerinnen wie Lynda Benglis
oder Adrian Piper.
Sherman: Was sie für mich einflussreich machte, war der Umstand, dass
sie Frauen waren, die erfolgreich Kunst produzierten und dazu ihren
Körper nutzten. Von Benglis, die eine Anzeige gestaltete, auf der sie
mit einem Penis posierte, hatte ich in einem Artikel über Kunst im Life
-Magazin gelesen. Vor dem College war das quasi mein einziges Wissen zur
Gegenwartskunst. An Piper mochte ich das Subversive. Als ich sie vor
zehn Jahren traf, ihr sagte, wie sehr mich ihre Arbeit beeinflusst
hatte, schien sie nicht sehr glücklich darüber. Ich hatte das Gefühl,
ich sollte besser den Mund halten und schnell weggehen.
Standard: Die Serie (Air Shutter Release fashions, 1975) scheint aus
Ihrem Werk herauszufallen, weil Sie nicht Ihr Gesicht, sondern allein
Ihren nackten Körper zeigt.
Sherman: Das ist die Arbeit, von der ich dachte, man würde sie erst nach
meinem Tod wiedersehen. Ich bin sehr selbstkritisch. In keiner meiner
Arbeiten enthülle ich mich, ich verstecke mich eher, lösche meine
Identität aus. Diese Serie ist das komplette Gegenteil. Es waren die
1970er, und keiner außer mir hatte Angst, sich auszuziehen. Ich war
prüde und wollte mich meiner Angst stellen. (DER STANDARD, Printausgabe, 27.1.2012)
Bis 16. 5. Nach Anmeldung:
050313-50044.