Sichtschutz und Fenster

Maik Novotny, 26. Jänner 2012 12:21
  • Artikelbild
    vergrößern 600x350
    Foto: hertha hurnaus

    Privatheit: Wohnsiedlung von SUE Architekten in Wien-Aspern.

Ob für Stadtrandbewohner oder Schubhäftlinge: Für die Wiener SUE Architekten zählt das Maß von Privatheit und Öffentlichkeit

Wien - Dass die Menschen ihre Ruhe haben wollen, ist eine unumstößliche Wahrheit, die der von Glas und Transparenz schwärmende Architekt oft übersieht. Er baut ihnen Reihenhäuser mit zaunlosen Gärten, die dann flugs mit halbtoten Koniferen und Baumarktgerümpel blickdicht zugestellt werden.

Nicht so die Ende 2011 erbaute Wohnanlage in Wien-Aspern von SUE Architekten: Um trotz der geforderten Bebauungsdichte genügend Privatheit zu bieten, versetzten sie die Reihenhäuser zueinander und umrahmten die Gärten mit soliden Holzzäunen.

"Nach innen hat es so eine fast dörfliche Identität - zur Straße hin gibt es dafür breite Balkone und Fensterfronten", erklärt Architekt Harald Höller. Zusammen mit den Kollegen Michael Anhammer und Christian Ambos fungiert er seit 2006 unter SUE. Der apart-feminine Name steht dabei ganz seriös für Strategie und Entwicklung.

Bei ihren Innenausbauten wie dem dezent renovierten Gmoa-Keller haben die Architekten gezeigt, wie man Räume so teilt, dass man sich intim und ungestört genauso wie kollektiv daran erfreuen kann.

Beim preisgekrönten Gemeindehaus in Ottensheim bei Linz verpassten sie dem Gemeindesaal eine öffenbare Glasfront zur Straße und machten ihn so zum Teil des öffentlichen Raumes.

Ein ähnlich demokratisches Schaufenster wird Teil des jüngsten SUE-Bauwerks sein, dessen Spatenstich im März ansteht: das Schubhaftzentrum im steirischen Vordernberg. Der Bürotrakt, in dem Asylfälle verhandelt werden, wird von der Straße direkt einsehbar sein: "So bringen wir die Öffentlichkeit hinein. Die Verhandlungen sollen schließlich nicht im Keller stattfinden." Raumhohe Fensterrahmen und Möbel aus Vollholz vermitteln Wertigkeit und Würde für den Lebensraum der 220 Insassen.

"Sichtbeton wäre hier das falsche Material gewesen", so die Architekten. Für die Ruhe in seelischen Extremsituationen wurden die Zellen um grüne Innenhöfe gruppiert, Mauern und vergitterte Fenster vermieden. "Wir wollten jegliche Gefängnisrhetorik unbedingt vermeiden." Egal ob Schubhäftling oder Stadtrandbewohner - das Wichtige, so die drei Jungs namens SUE, sei letztendlich, ob man jemandem etwas schenkt, womit man ihn erziehen möchte, oder etwas, worüber er sich freut. (Maik Novotny, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.1.2012)

  • Geschenk namens Arbeit [6]

    TitelbildDas Wiener Architekturbüro gaupenraub zeichnet sich nicht nur durch Projektgeschenke an Obdachlose aus

  • Die Struktur der Arbeit [2]

    TitelbildMöbelrutschen und Snowboarden. Das Innsbrucker Architektenbüro Bad Architects würde gerne ein Bürohaus bauen

  • Sichtschutz und Fenster [8]

  • Erst reden, dann bauen

    TitelbildRaus aus dem Elfenbeinturm: Katharina Bayer und Markus Zilker vom Büro einszueins entwickeln Häuser aus der Kommunikation

  • Hobby mit 120 Prozent [8]

    TitelbildDie Salzburger Architekten hobby a. haben Spaß an der Arbeit. Ob Krokodilgrün oder modular zerlegbar - man sieht es an den frechen Projekten der letzten Jahre

  • Mehrwert im Süden [6]

    TitelbildBaukultur in Kärnten: Die Spado-Architekten aus Klagenfurt verbinden mit ihren offenen Räumen Funktion und Ästhetik

  • Ein Kreuz mit fünf Ecken [2]

    TitelbildDie x-Architekten aus Linz schälen Räume aus der Landschaft und verstecken helle Kerne in dunklen Schalen. Ganz neu: eine Seelsorgestelle

  • Denn die Farbe hat keinen Maßstab

    TitelbildDie Purpur-Architekten träumten davon, Wohnungen eigenständig zu errichten. Heute entwickeln sie ihre Projekte selbst

  • Frau der Schwerelosigkeit [5]

    TitelbildIm Gegensatz zu anderen Architekten muss sich Barbara Imhof nicht mit der Schwerkraft herumplagen: Sie plant für Astronauten

  • Gute Laune ohne Lederhose [8]

    TitelbildUlrich Stöckl und Michael Egger machen Baukultur am Rande Tirols und haben viel Spaß dabei

  • Stromlinien in Form

    TitelbildRames und Karim Najjar lassen sich für ihre Architektur vom Design von Yachten inspirieren. Und die Brüder planen diese gleich mit

  • Ideen in Bewegung

    TitelbildFreiraum im Gefängnishof, Freiheit für den Donaukanal: Gabu Heindl forscht theoretisch und plant praktisch, wie man Räume benützt

  • Von der Mur bis Manhattan [5]

    TitelbildBüros in drei Städten, Bauten von S bis XL: Die Architektinnen mit dem affirmativen Namen "yes" lassen sich in keine Schublade stecken

  • Räume voller "Rosen" [1]

    TitelbildHeike Schlauch und Robert Fabach vom Bregenzer Büro raumhochrosen bauen für eine spezielle Kundschaft: Kinder und Singvögel

  • Pragmatik auf Rezept [1]

    Das Büro tp3 aus Linz liefert Architektur und Grafik aus einer Hand

  • Kanten für das Land [8]

    TitelbildBodenständiger Name, innovativer Inhalt: Das 2009 gegründete Wiener Büro Franz erfindet neue Räume aus einfachen Formen

  • Abschreckende Fassaden [13]

    TitelbildFür das Wiener Büro t-hoch-n spielen km/h eine wichtige Rolle. Da werden Busse geplant und Geschäfte aus der Perspektive einer Straßenbahn

  • Auf jeder Feuermauer ein Paradiesgarten [1]

    TitelbildArchitekt Michael Wallraff plant vertikale Erholungsgärten. Hört sich utopisch an, ist es aber nicht. Das erste Projekt ist in Bau

  • Kiemen auf Knopfdruck

    TitelbildDas Büro soma architecture liebt das Experiment. Der Pavillon auf der Expo 2012 in Yeosu besticht durch eine bionische Fassade

  • Turmbau mit Hüftschwung [61]

    TitelbildDas Architekturbüro Klaura+Kaden ist ein Anhänger des Holzbaus. Das neueste Projekt ist ein 100 Meter hoher Aussichtsturm

  • Schanzwerk aus Tirol [31]

    TitelbildGeschwindigkeit und Eleganz: Die Baukünstler von LAAC Architekten aus Innsbruck lieben die Dynamik von Ski und Bob

  • Bauidee und Badehose [11]

    TitelbildDer Architekt Clemens Kirsch ist nicht nur ein begeisterter Pausenschwimmer, vielmehr auch ein wahrer Profi in Sachen Bildungsbau

  • Hawelka in Neon [1]

    TitelbildDas Architekturtrio Ten.Two macht sich mit Restaurant-Interieurs einen Namen

  • Salat aus der Zukunftsbox [14]

    TitelbildDas Wiener Büro Span entwirft und plant mithilfe digitaler Medien. Das nächste Projekt ist einfuturistischer Biomarkt in Amstetten

Elegantestes Conversations-Lexicon für alle Stände
28.01.2012 11:04

Auf den Bildern funktioniert der Versatz überhaupt nicht, da man von der Terrasse der vorstehenden Häuser den anderen nicht nur in die Suppe schauen, sondern sogar reinspucken könnte.

Da ist der klassische Versatz von Kettenhäusern weitaus besser, auch wenn die Belichtung ein bissl leidet.

HansPeter10
27.01.2012 10:24

Ich würde die Architekten strafweise ein Jahr in diesem Ghetto wohnen lassen, damit sie wissen was sie tun.
Die Abschirmung ist erstens hässlich, zweitens unnütz, wenn der Nachbar zwar ebenerdig abgeschirmt ist, aber von der Terase im 1.OG direkt in den Teller des Anderen blickt. Besonders auffällig die zurückgesetzte Wohneinheit neben der hohen Mauer im ewigen Schatten. Da wird nicht einmal das Gras wachsen.

Rene Stangeler
27.01.2012 16:08
Architekten sehen zukünftige Bewohner

ihrer Schandtaten wohl meist als Versuchskaninchen an, wie lang halten die es aus ohne sich Gegenseitig zu killen? Insbesondere die besonders Innovativen (siehe auch das Hadid Haus am Donaukanal, steht das noch immer leer?), da geht meist Form vor Funktionalität.
Als ob es so ein Kunststück wäre Behausungen zu schaffen in denen sich Menschen einfach wohlfühlen. Betritt man ein 200 Jahre altes Bauernhaus fühlt man sich (meist) auf Anhieb wohl. ebenso in einer Gründerzeitwohnung (muss kein Protzbau sein), selbst die selbst zusammengeschusterten Häuser auf dem Land aus den 70iger Jahren bieten oft mehr Behaglichkeit (auch wenn sie von aussen oft potthässlich sind) als das was von so manchem Stararchitekten verbrochen wird.

blackdeeper
26.01.2012 17:34

der abgebildete zaun überzeugt mich nicht wirklich, aber es ist schön, dass mal das prinzip "abschirmung" als bedürfnis erkannt wird.
hab noch nie verstanden, warum bei reihenhäusern (jeder preisklasse) oft terrasse an terrasse liegt bzw. der billigste baumarktzaun gezogen wird. wer will so wohnen???

wogir83
31.01.2012 16:13

sind die handtuchgärten nicht teil des programms für wohnbauförderungen? jeder braucht seinen freiraum. da es im erdgeschoss keine balkone, terrassen oder loggien gibt, ist's halt der garten.

alexanderletten
 
27.01.2012 10:07

Mich stört vielmehr der schmale Weg zwischen den Zäunen. Es ist wohl für 2 Erwachsene nicht möglich halbwegs normal dort nebeneinander gehen zu können.

Die Zäune schauen auf dem Bild nicht sher überzeugend aus, wohl wahr, hier aber:
http://www.sue-architekten.at/projekte/... 4/fid/4837

sieht man, dass da wirklich versucht wurde etwas Privatssphäre zu schaffen; im Rahmen der Möglichkeiten versteht sich.

blackdeeper
27.01.2012 12:00

richtig, der weg ist seltsam, dürfte auch im winter ein problem werden (wohin den schnee schaufeln?).

der zaun ist trotzdem nicht stimmig. ich persönlich (und da gibt es beipiele von innenhofhäusern von roland rainer) würde eine schmale verputzte mauer bevorzugen. praktisch gut nutzbar für anbauten (geräteschuppen), gestaltbar mit spalieren und kletterpflanzen (viel platzsparender als hecken) und echte intimität. sicher ein kostenfaktor, spart langfristig aber viel ärger.

alexanderletten
 
27.01.2012 13:27

Gute Idee mit der Mauer: so lässt sich auch ein ordentliche und dauerhaft funktionierende Gartentüre verplanen, in etwa so:
http://www.messerschmidt-design.de/katalog/t... uer_1.html

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.