Gegeninitiative zu "Kunst hat Recht"

Mehr Rechte gegen die Kunst?

Kommentar der anderen | Konrad Becker u.a., 25. Jänner 2012 18:03
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    Foto: standard / corn

    Konrad Becker, Mitinitiator der Gegenaktion zu "Kunst hat Recht".

Warum die Kulturkämpfer für eine Verschärfung des Urheberrechts sich ins eigene Fleisch schneiden - Eine Gegeninitiative

Dieser Tage macht die Kulturindustrie wieder Stimmung, um ihre überholten Geschäftsmodelle noch ein paar Jahre absichern zu können. Dazu schickt sie verunsicherte Kulturschaffende vor, deren wirtschaftliche Lage tatsächlich meist sehr prekär ist. Unter dem Titel "Kunst hat Recht"  liest man etwa: "Die Lebensgrundlage der Kunstschaffenden ist bedroht!" Das stimmt, allerdings ist die geforderte Verschärfung der Urheberrechte das gänzlich falsche Mittel, dieser Bedrohung zu begegnen.

Das haben die letzten zwei Jahrzehnte deutlich gezeigt. Global wie national wurden die Urheberrechte massiv ausgebaut, dennoch wurden die Arbeitsbedingungen und Lebensgrundlagen für freie Kulturschaffende immer schlechter. Wie kann das sein?

Der Ausbau der Urheberrechte schafft neue Einkommensquellen, vor allem aber neue Kosten. Leider sind diese nicht gleichmäßig verteilt. Die zunehmend verschärfte und unübersichtliche Rechtslage nützt vor allem Großkonzernen und ihrem juristischen Personal. Kleine und unabhängige Produzenten hingegen sind in mehrfacher Weise benachteiligt. Für nicht industriell auf den Massenmarkt orientierte Produkte werden finanzielle und administrative Barrieren errichtet, die neue und experimentelle kulturelle Praxen schon im Keim ersticken. "Das ist nur mit gesetzlichen Regelungen zu lösen!" Aber anstatt das Gesetz noch komplexer und realitätsferner zu machen müsste es doch darum gehen, die Kunst aus der Umklammerung durch Rechtsanwälte aller Art zu befreien.

Die innovativsten Ausdrucksformen der Kultur der letzten Jahrzehnte, das Aufgreifen kultureller Codes des Alltags sowie die Samplekunst in der elektronisch produzierten Musik, werden von der Verhinderungskultur der Copyrightkartelle in die Unsichtbarkeit getrieben. Keines der großen Hip-Hop-Alben der 1980er-Jahre könnte heute noch produziert werden - die Rechteverwaltung wäre viel zu teuer. Kein Andy Warhol, besonders nicht zu Beginn seiner Karriere, könnte es sich heute noch leisten, Pop-Art zu machen.

Digitale Medien und Netzwerke ermöglichen eigentlich eine neue Breite von Zugang zu Wissen, Kultur und Bildung. Die Produktion von kulturellen Werken konnte immer weiter technisch vereinfacht und dezentralisiert werden, aber die Kontrolle über diese Prozesse und Netzwerkvorgänge ist zunehmend zentralisiert. Immer weniger globale Unternehmen dominieren den Markt und Zugang zu Kultur, Marktkonzentration in diesem Bereich hat ein nie dagewesenes Ausmaß erreicht - eine direkte Folge der Verschärfung der Urheberrechte. Der Erfindungsreichtum dieser Oligopole beschränkt sich vor allem darauf, durch juristische oder technische Hindernisse Mitbewerber aus dem Markt zu drängen und durch Mangelwirtschaft zu profitieren. Die angemessene Verwendung von Zitaten, Fair Use, und andere wichtige demokratische Schranken des Urheberrechts wurden in den letzten 15 Jahren zunehmend aufgeweicht oder de facto aufgehoben. Konzerne sind an Profitmaximierung ihrer Finanziers interessiert. Demokratiepolitischen Grundlagen kultureller Praxis und das Wohlergehen der Künstler sind ihnen reichlich egal.

In der ökonomischen Logik des kognitiven Kapitalismus macht es Sinn, vermeintliche Superstars aufzubauen. Den Bedarf dafür zu schaffen ist keine kulturelle Frage, sondern ein Geschäft. Diversität und Wohlstand vieler Kulturschaffenden werden auf dem Altar dieser simplen Geschäftsstrategien geopfert. Vermeintlich finanzieren diese Superstars die kommerziell weniger erfolgreichen Künstler/innen mit. Tatsächlich ist es wohl eher umgekehrt, ein Pyramidenspiel in dem der Beitrag der vielen das Kasino der Industrie erst ermöglicht.

Die Interessen privater Lobbyisten und spekulativer Finanzinvestoren sind nicht die Interessen der Kulturschaffenden oder der Öffentlichkeit. Deren Regelwerke machen die Situation für unabhängige Künstler schwieriger, nicht besser. Die Verwertungsindustrie vertritt im besten Fall die Interessen der kommerziellen Superstars, aber nicht die der unabhängigen oder gar innovativ arbeitenden Künstler. Der notwendige neue Gesellschaftsvertrag, der lebendige Kultur ermöglicht und die Künstler/innen finanzieren kann, muss zwischen den Kulturschaffenden und ihrem Publikum, der Öffentlichkeit, verhandelt werden und nicht mit Zwischenträgern, die sich zu Türwächtern aufgeschwungen haben.

Wir brauchen eine grundsätzliche Neuordnung der Praxis im Urheberrecht für das 21. Jahrhundert. Die technokulturellen Umwälzung hin zu einer digital vernetzten Wissensgesellschaft rücken Kulturschaffende und Publikum näher zusammen. Es gilt diesen Prozess durch neue Rahmenbedingungen zu fördern, anstatt ihn durch Regelwerke zu behindern. Ein Ausbau der Urheberrechte, wie ihn die Kampagne von Gerhard Ruiss u. a. fordert, ist ein Schritt in die falsche Richtung. (DER STANDARD, Printausgabe, 26.1.2012)

Autoren

Konrad Becker, World-Information Institute

Marina Grzinic, Akademie der bildenden Künste Wien

Susanne Kirchmayr, Female:Pressure

Monika Mokre, Fokus, Forschungsgesellschaft kulturökonomische und kulturpolitische Studien

Gerald Raunig, Europäisches Institut für Progressive Kulturpolitiken

Felix Stalder, World-Information Institute

Weiterlesen:
Künstler fordern zeitgemäßes Urheberrecht
Breite Unterstützung für die Initiative "Kunst hat Recht"

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 44
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Zitronenbaum
20.02.2012 11:42

Ich finds witzige, dass gerade Hip-Hop als Samplekunstbeispiel herhält, während eigentlich die älteren, bei sehr vielen beliebten, Filme der Star Wars Trilogie auch teilweise Szenen aus anderen, älteren Filmen sampeln. Das ist das perfekte Beispiel, wie man etwas sehr gutes aus etwas gutem machen kann. Bei strengeren Urheberrechtsgesetzen undenkbar!

sledgehammer44
16.02.2012 20:59
danke

nehmen sie auch paypal, für dinge die mir gut gefallen haben zahl ich auch gern einen angemessenen betrag.

Marek Gebhardt
27.01.2012 12:59
Das hab ich (raub-)kopiert

hab das hier im netz gefunden, ich finde, es passt wunderbar zu dieser diskussion. es ist ein statement auf einer autoren-website:
http://www.the-quandary-novelists.com/copyleft/

wir stellen unsere bücher online
wir verwenden freie lizenzen
wir wollen, dass ihr kopiert

wir haben nichts gegen gedruckte bücher
wir drucken sie selbst
wir verlegen unsere verlegenheit und finden sie jeden tag wieder

wir sind froh, wenn sich unsere texte verbreiten, verändern, verliern
wir haben keine lust auf die konzentration von macht und kapital
wir schreiben bücher, das ist schlimm genug

wir sehen, dass das mögliche und das notwendige weit auseinanderliegen
wir fürchten, dass sich dazwischen die texte und bücher nur so stapeln
wir sitzen trotzdem hier

yomellamo
27.01.2012 11:02
wirtschaft und urheberrecht, historisch gesehen.

http://www.spiegel.de/spiegel/0... 61,00.html

Heavyweather
26.01.2012 23:28

Einfach nichts mehr kaufen. Wenn alle Künstler und Möchtegernkünstler verschwunden sind, werden diejenigen die es wirklich wollen, echte Kunst aus den Trümmern entstehen lassen.

TaxiSolange
26.01.2012 21:40
Alternative Reality ?

>>>haben die letzten zwei Jahrzehnte deutlich gezeigt. Global wie national wurden die Urheberrechte massiv ausgebaut<<<

Nicht in der Welt, in der ich lebe. Ich bin Übersetzer, und meine Texte werden andauernd und überall im Netz gnadenlos verwurstet. Honoraranfrage? Lächerlich. Namensnennung? Wieso denn? (weder meiner noch O-Autor) Eher wird noch verschlimmbessert, dass es weh tut. (man google "gefülltes Kamel" und staune!)

Okay, wenn das eine Liebhaberlesegruppe aus Windischgarsten oder eine Mütterberatungs-Chatsite macht, tu ich’s mir evtl. an, sie auf ihren Faux pas hinzuweisen. Reagieren auch meist ganz nett. Aber wenn’s eine kommerzielle Site ist, lass ich denen schon eine Abmahnung schicken.

Heinz Anderle
 
28.01.2012 16:40
Übersetzer? Es gibt wenigstens noch einen Bereich, in dem der Inhalt mehr zählt als die Verpackung:

Im Patentwesen werden ungezählte Anmeldungen und regionale Patente in die unterschiedlichsten Landessprachen übersetzt, von Mitarbeitern der Patentanwaltskanzleien, die ihre Arbeit wirklich gut beherrschen müssen.

Und trotzdem sind die allermeisten dieser Schriften durch ihre Offenlegung heute jedermann weltweit frei im Internet zugänglich und tragen so zur Weitergabe und Weiterentwicklung des Wissens bei.

Bei Patenten ist nämlich die Information der Öffentlichkeit das höhere Rechtsgut als das Handwerk der Übersetzung. Und das industrielle Schutzrecht gilt maximal 21 Jahre ab der Anmeldung und wird danach auch für jedermann frei verwendbar.

So gedeiht eben die Industrie und verkümmert die Kunst.

Dr. Heinz Anderle, Freigeist

Peter G
26.01.2012 21:50
Das ist ja irgendwie das Paradoxe !

Die gigantisch großen Rechteverwerter (Urheber sind sie meist ja nicht....) fahren mit der Urheberrechtsdampfwalze über alles und jeden drüber, der auch nur einen Beistrich der Rechte verletzt.

Der "kleine Urheber" hat oft keine reelle Möglichkeiten, irgendwelche Ansprüche geltend zu machen. oder gar durchzusetzen.

Daher kann man dem Befund, dass das derzeitige Urheberrechtssystem auf die "Großindustrie" angepasst ist, wohl nur zustimmen.

Aber wie weiter ?

Was sind alternative Modelle für das Urheberrecht ?

TaxiSolange
26.01.2012 21:44
Alternative Reality ?? (geht noch weiter)

Kreatives Material nutzen, gerne noch die Sahnehäubchen zitieren und damit das eigene Geschwurbel aufpeppen, aber so tun, als hätte man das virtuos selbst aus dem Ärmel geschüttet, das ist nicht die feine Art. Wird aber durch eine Mentalität gefördert, die das Internet nicht nur als Wissensquelle für alle, sondern vor allem als Selbstbedienungsladen begreift.

Natürlich ist es fein, wenn man die eigenen Wissenslücken aus der - als Projekt echt tollen - Wikipedia oder massenhaft anderen Seiten stopfen kann (aber weiter als WP sucht heute ja schon kaum jemand mehr), aber da fehlen wirklich ein paar Warnschilder, wenn Studierende heute nicht kapieren, wieso es nicht ist, dass sie zwei Drittel ihrer BA- oder MA-Arbeit irgendwo rauskopieren

Heavyweather
26.01.2012 23:14

Wozu noch einmal etwas ausformulieren dass schon ausformuliert wurde?
Wir kopieren ständig. Lernen besteht zu einem Großteil aus kopieren.

Warum produzieren Menschen immer noch wenn sie doch ständig jammern?

Der lachende Mann
26.01.2012 21:03
Mehr Rechte für die Kunst!

Green Spirit
26.01.2012 18:01
toller Artikel

dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Solange das Prinzip "Profit" dominiert, sind diese Zusammenhänge einfach nachzuvollziehen. Es wird sich erst ändern, wenn sich unsere Matrix hin zu Allgemeinwohl ändert

Chien de Pique
26.01.2012 16:23

Sehr schpön gesagt und weitestgehend meine Meinung. Die Instrumentarien des Urgroßvaters werden weder der Kunst von heute, noch den Künstler_Innen gerecht.

byron sully
26.01.2012 15:48

da ist sicher was dran.
die kampagne von ruiss & co. ist zweifellos gut gemeint, da möcht ich keine bösen hintergedanken unterstellen. und sie hat richtige und ehrenwerte motive/hintergedanken. aber von der konkreten forderung her ist sie fragwürdig bis bedenklich.

17+4
26.01.2012 12:44
von der Initiative, die derzeit läuft, habe ich den

eindruck, dass da Kleine vorgeschickt werden, missbraucht genaugenommen, die ohnehin nie an den Topf zugelassen werden, den sie nun einzureichten helfen sollen.
Funktioniert deshalb, weil es der Eitelkeit widersprechen würde, wenn der kleine Vorgeschickte seine Unwichtigkeit zugeben müßte.

Tatsächlich geht es um Generalverdacht und arbeitsoses Einkommen. (der Verwertungsgesellschaften natürlich)

Peter G
26.01.2012 12:24
Überaus interessante Sichtweise !

Bislang habe ich das Thema "Urheberrecht" ja nur aus meiner Konsumentensicht gesehen:
Da will irgendeine Riesenfirma Geld von mir, damit ich mir was ansehen oder anhören darf.

Den Aspekt der Behinderung künstlerischen Schaffens durch die Rechteverwerter war mit nicht bewusst.
Das Beispiel Andy Warhol finde ich sehr treffend.

BM Stadler-Waldorf
 
26.01.2012 11:22

Ohne Geld ka Musi.

Dieses Tatsache lässt sich auch durch akademisches (subventioniertes) Schwadronieren nicht schönreden.

??was??
26.01.2012 11:15

Grundeinkommen für Künstler wäre der bessere Weg.

Heavyweather
26.01.2012 23:16

Bedingungsloses Grundeinkommen für ALLE. Dann kann jemand der keine Lust hat etwas anderes zu arbeiten auch einmal versuchen sich als Künstler durch zu setzen ohne Gefahr laufen zu müssen auf der Strecke zu blieben.
Klappt es nicht, macht er halt etwas anderes oder lebt mit dem Grundeinkommen weiter.

Peter G
26.01.2012 12:21
Ich glaube, das ist nur ein kleiner Teil des Themas...

"Keines der großen Hip-Hop-Alben der 1980er-Jahre könnte heute noch produziert werden - die Rechteverwaltung wäre viel zu teuer. Kein Andy Warhol, besonders nicht zu Beginn seiner Karriere, könnte es sich heute noch leisten, Pop-Art zu machen."

Becker argumentiert, dass einige künstlerische Ausdrucksformen gar nicht mehr möglich sind, weil die "Rechteinhaber" (= Verwertungsindustrie) für "jede Kleinigkeit" Geld sehen will.

Herzerzog Johann
26.01.2012 10:23
Eine Frage wird letztlich nicht beantwortet:

Wie kommt der Künstler zu Geld?

edlow
26.01.2012 11:08
Kulturflatrate

Die im Artikel angesprochene notwendige Verhandlung eines "neuen Gesellschaftsvertrages" umfasst u.a. die Diskussion um die Einführung einer Kulturflatrate. In diesem Interview finden Sie einige ganz konkrete Vorschläge, wie KünstlerInnen auch entlohnt werden können:
http://kulturrisse.at/ausgaben/... n-das-ziel

Herzerzog Johann
26.01.2012 12:08

Das habe ich mir eh gedacht. Die Allgemeinheit zahlts, letztlich der Staat. Konsumiert wird gratis.

edlow
26.01.2012 18:03

Nicht unbedingt - eine Pauschalabgabe auf Breitbandzugänge könnte mir ja auch als zusätzliche Option meines Internetproviders aneboten werden. Die entscheidende Frage ist vielmehr jene der gerechten Verteilung, um zu verhindern, dass die Gelder erst recht wieder über die bisherigen Intermediäre (Plattenfirmen, Verlage, etc.) fließen, wo sie ja bekanntlich zu einem Großteil versickern.

Der Neisseer
26.01.2012 04:32
Unrealistischer Unsinn

Das Gequatsche von den angeblich durch die neuen Medien als "hürdenlose Chance, die für alle gleich ist" zu sehenden, gar neuen Kontakt zum Publikum, ist verquaster Akademiesprech. Tatsächlich werden über diese "basisdemokratischen" Verbreitungsschwemmen auch ganz andere, der Technik angepaßte Inhalte verbreitet, wo Technikbegeisterung das Hirn leerbläst, und wie in Trance völlig vergessen wird, was überhaupt noch wesentlich ist. Für die Kunst selber sind diese Verbreitungsformen im Grunde unbrauchbar. Und noch mehr geplante Kunstprojekte verwalteter Superideen brauchen wir auch so notwendig wie einen Kropf.

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