Krieg zu gefährlich für Offiziere

André Anwar aus Stockholm, 26. Jänner 2012, 06:15

Ein Arbeitsgericht in Schweden soll prüfen, ob 116 gefeuerte Offiziere, die Auslandseinsätze ablehnen, wieder eingestellt werden müssen

Da wettern Schwedens Streitkräfte seit Jahren, dass ihnen immer weiter die Gelder gestrichen und die Stützpunkte geschlossen werden. Gleichzeitig gelten die Bezüge für die de facto seit über zwei Jahrzehnten bestehende Freiwilligenarmee des neutralen Landes als relativ großzügig. Schließlich ist die Armee eine der letzten Bastionen mit ordentlichen Anstellungsverhältnissen. Zudem gilt der Beruf Soldat als recht angenehm, solange es nicht zum Ernstfall kommt. Doch weil es dazu kommen kann, gibt es die Armee.

Deshalb ist die öffentliche Verwunderung in Schweden groß darüber, dass sich 116 schwedische Berufsoffiziere ungerecht behandelt fühlen, weil sie entlassen wurden, nachdem sie sich weigerten, ihre theoretische Bereitschaft zum Einsatz im Ausland zu erklären. Das schwedische Arbeitsgericht hat der Klage der Offiziere auf Wiedereinstellung ohne den Zwang zum Einsatz außerhalb der Landesgrenzen nun stattgegeben. Seit 2011 sieht die Armeeführung die Bereitschaft zu Auslandseinsätzen für Offiziere als zwingend an. Die Entlassungen rechtfertigte die Heeresspitze mit "Arbeitsmangel" innerhalb der Landesgrenzen.

Etappensieg für Offiziere

Tatsächlich ist bereits der Entscheid des Arbeitsgerichts, diesen ganz besonderen Fall überhaupt zu verhandeln, ein Etappensieg für die Armeebediensteten. Der Offiziersverband will am Arbeitsgerichtshof widerlegen, dass für die Armee im Land "Arbeitsmangel" herrscht. Und sie zeigt sich überzeugt davon, dass der Zwang zu Auslandseinsetzen arbeitsvertragstechnisch nicht rechtens ist und die Offiziere schleunigst wieder anzustellen sind.

Ob das nicht ein schlechtes Licht auf die Armee und ihre Nützlichkeit werfe und zu weiteren Sparmaßnahmen anrege, wenn Offiziere den Auslandsdienst verweigern, fragen Kritiker. Da kontert der Offiziersverband: Grundsätzlich sei man sich der zunehmenden Wichtigkeit von friedensbewahrenden Auslandseinsätzen, etwa der Uno, bewusst. Doch der 2010 von den einst dem Militär nahestehenden bürgerlichen Regierungsparteien parlamentarisch ratifizierte Zwang zum Auslandseinsatz für Offiziere sei mit Wirkung ab 2011 "zu abrupt" eingeführt worden. Zumindest für einen Teil der Diensthabenden, etwa mit Familie. Es gehe auch um die soziale Verträglichkeit bei veränderten Arbeitsbereichen und Versetzungen.

Man hätte das etwas ausführlicher und langsamer diskutieren müssen unter Einbindung des Offiziersverbandes, meint die Interessenvertretung. Doch dafür ist es nun zu spät. (DER STANDARD, Printausgabe, 26.1.2012)

Kommentar posten
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Gilgamesh
20
31.1.2012, 12:35

Berufssoldaten die nicht in den Kampf ziehen wollen, weil es ihnen zu gefährlich ist??

Mal ehrlich, zum Berufsbild des Soldaten gehört nun mal, auch wenn es grausam erscheinen mag, kämpfen, töten und sterben..

Im Grunde ist es eine schlichte Arbeitsverweigerung. Ein Feuerwehrmann kann ja auch nicht sagen, "ui das Haus brennt, da gehe ich nicht hinein"...
Er wird versuchen hinein zu gehen, solange es irgendwie geht. Blöd nur, dass diese Situation bei einem Soldaten erst im Feld eintreten kann. Aber das sollte man schon vorher wissen, BEVOR man Soldätchen spielt...

Martin Rosenkranz
02
10.2.2012, 11:22
So ändern sich die Zeiten

Für Jahrzehnte war Territorialverteidigung am Speiseplan und jetzt ist es Expedition.

Und es macht natürlich einen Unterschied ob man bereit ist sein Leben zu riskieren um seien Heimat zu schützen und regelmäßig im eigenen Bett schläft oder nach Buxtehude geschickt wird wo man täglich mit Zombieattacken konfrontiert wird und seine Familie bestenfalls per mail erreicht.

DThl
12
29.1.2012, 06:39
Söldner

Da schafft sich ein neutraler Staat die allgemeine Wehrpflicht ab, damit man endlich mit den Großen dort mitspielen darf, wo es richtig kracht; und dann meutern die Söldner. So war das nicht gedacht, meine Lieben!

Hurrrrzn!
31
26.1.2012, 22:46
Europa wird scheitern

Die Aufgaben von Soldaten sind wohl allgemein verständlich und beschränken sich nicht auf den Zivilschutz.

Die Verteidigung des eigenen Landes kann nicht notwendigerweise nur auf eigenem Boden geschehen.

Wenn Europa weiter ein solches weichgespültes Selbstbild zuläßt oder sogar pflegt, dann gute Nacht!

Hurrrrzn!
21
26.1.2012, 21:42
Europa wird scheitern.

Die Aufgaben von Soldaten sind wohl allgemein verständlich und beschränken sich nicht auf den Zivilschutz.

Die Verteidigung des egenen Landes kann nicht notwendigerweise nur auf eigenem Boden geschehen.

Wenn Europa weiter ein solches weichgespülten Selbstbild zuläßt oder sogar pflegt, dann gute Nachte.

sysiphos
 
22
26.1.2012, 19:31
ist pazifismus die aufgabe von berufssoldaten?

da bin ich mir eigentlich nicht so sicher wie die mehrheit der poster hier, die dieses verhalten irgendwie lässig zu finden scheint. die diskussion darüber, bei welchen einsätzen ein land beschließt mitzumachen, und darüber kann man selbstredend lange und sinnvoll diskutieren, ist ja wohl immer noch eher aufgabe der politik, die des militärs ist halt nunmal der "umsatz des einsatzes". dass die dienstpflichten auf auslandseinsätze ausgedehnt werden, ist natürlich wiederum etwas, was man nicht zwingend widerstandslos hinnehmen muss, aber um moral geht es dabei wohl weniger, und die hat auf dieser ebene in wahrheit auch nichts verloren, sondern um zumutungen bzw. deren ablehnung. realistisch ist der einsatz im heimatland aber wohl unauslastend

dermartino
11
26.1.2012, 20:32

Sie schreiben das so locker dahin... Was es bedeutet, wenn man "Auslastung" zur Maxime erklärt, dessen sind sie sich anscheinend nicht im geringsten bewusst.

sysiphos
 
10
31.1.2012, 21:13
dann eben heimschicken!

von mir aus muss niemand überflüssige soldaten irgendwohin schicken!!
wenn man aber vorhat, sie zu haben und zu behalten, und wenn die soldaten diesen beruf ausüben wollen, dann kann man wohl verlangen, dass sie entsprechend dem soldatenberuf eingesetzt werden, schließlich sind das keine zwangsverpflichteten pfadfinder, sondern berufssoldaten!!

dermartino
01
31.1.2012, 21:20

Ich bin immer wieder erstaunt zu welch totalitären Maßnahmen manche Standardposter greifen würden, wo sie sich doch sonst so liberal gerieren.

Ich gehe davon aus, dass die betroffenen Offiziere ihren Eid auf die Verteidigung von Schweden geleistet haben, nicht für die "Verteidigung am Hindukusch".

Insofern ist die Frage etwas komplexer, als sie es versuchen hier darzustellen.

sysiphos
 
10
wissen sie das wirklich?

auf die verteidigung der heimat vereidigt wird der rekrut im wherdienst. (was entprechende machthaber im übrigen auch noch nie davon abgehalten hat, sie für angriffskriege zu verwenden, wie man wissen sollte, dies nur nebenbei...) ein berufsheer hingegen wird wohl eher dem dienst für den dienstgeber staat verpflichtet sein, da dies ein höchst freiwilliger job ist. sie bringen da die dinge stark durcheinander und werfen alles in einen topf, nur um klischeehaft moralisieren zu können, das ist äußerst unsauber.
es ist im übrigen lächerlich, mir totalitäre gesinnung zu unterstellen, sowohl was mich als person betrifft, vor allem auch meine äußerungen hier. machen sie sich nicht lächerlich, bitte.

dermartino
01

"wird es wohl eher...."
Sie wissen über dieses Thema überhaupt nichts, sondern spekulieren nur.

Soldaten behandeln sie zumindest durch ihre Worte "wie sch*isse". Den Vorwurf des Totalitarismus beziehe ich auf ihr Verständnis vom Umgang mit Soldaten. Als ob es quasi nicht das gute Recht jedes dahergelaufenen Glücksritterministers wäre diese weiß Gott wohin zu schicken, wenn es ihm gerade passt. Das ist nicht der Fall!

Im Gegensatz zu ihnen bin ich selbst Soldat und kenne meine Rechte und Pflichten. Nachdem Schweden ähnlich strukturiert ist wie Österreich, habe ich mir erlaubt das auf die dortige Situation zu abstrahieren.

Zu Österreich: Es gibt keine Pflicht für Auslandseinsätze, eine durchaus problematische Sache.

dermartino
06
26.1.2012, 16:32
voreingenommer Artikel

Ich kenne den Eid nicht, den schwedische Soldaten leisten, aber ich könnte mir vorstellen, dass er analog zu unserem den Schutz des Heimatlandes beinhaltet.

Wer sich geistig imstande fühlt im Extremfall sein Leben zu geben für eine Sache, der muss sich schon sehr genau überlegt haben was diese Sache ist.

Und wenn dann plötzlich das Parlament über alle Soldaten hinwegfährt und sagt, dass diese Sache nun nicht mehr die Landesverteidigung, sondern beispielsweise der Irakkrieg ist (Extrembeispiel), dann ist es doch völlig logisch, dass es Leute geben wird, die sich dagegen wehren.

Gemäß diesem Artikel sind Soldaten Kanonenfutter, die sich allem zu beugen haben. Wie in Deutschland, wo Verwundete verspottet werden im Sinne von "selber schuld".

Allmächtiger Satan
05
26.1.2012, 16:16

Wenn Militärs sich weigern, in den Krieg zu gehen, ist das zumindest ein guter Anfang.

Der Artikel gefällt mir
11
26.1.2012, 15:34
Wenn das alle machen, bricht der Friede aus!

(Dann müssen nur noch die Privaten zuhause bleiben: Taliban und Co)

docNukem
00
29.3.2012, 14:09
Die Taliban sind keine Privatiers ...

nur weil die sich über Spenden aus Saudi Arabien finanzieren.

okami
15
26.1.2012, 15:11
Die Hauptaufgabe eines Berufssoldaten ist, sich auf den Ernstfall vorzubereiten.

Davon kann man sich durch den Ernstfall nicht ablenken lassen!

khaleb
02
27.1.2012, 00:12
der Ernstfall für einen schwedischen Soldaten ist,

wenn ein militärischer Angriff auf Schweden erfolgt, und nicht wenn Bush und "Go fuck yourself"-Cheney billiges Öl wollen.

Voll in die Kaldaunen!
02
26.1.2012, 15:09
"Ob das nicht ein schlechtes Licht auf die Armee und ihre Nützlichkeit werfe..."

Genau! Die Frage nach der Nützlichkeit ist die Frage nach dem Zweck, und der Zweck der Armee eines Landes kann nur die Verteidigung desselben sein. Viel zu oft aber sind die Armeen der eigentlichen "Schurkenstaaten" und deren SoldatInnen "nützliche Idioten" für eine falsche, verlogene und brutale Machtpolitik. Jeder denkende Mensch weiß, wer gemeint ist ...

klein adlerauge
 
00
26.1.2012, 14:49

"theoretische bereitschaft" my a..
die haben den politikern halt nicht den blanko scheck unterschrieben sie irgendwo in einen krieg im ausland zu schicken.
das hat wenig mit feigheit aber sehr viel mit der schwedischen verfassung zu tun auf die sie eingeschworen sind.

wrkskrfzk
14
26.1.2012, 15:41
Nun, diese schwedischen Offiziere sind eben der Meinung, dass uns Abendländer Konflikte im Ausland nichts angehen

So lange es uns gut geht, kann es uns ja wurscht sein, wenn irgendwleche Typen ihren Zivilisten die Schädel einschlagen. Ist ja nicht unser Problem. Unsere Welt hört genau an unserem Tellerrand auf. Bestes Beispiel - Jugoslavienkonflikt. Ohne Eingreifen einer Int. Truppe hätten dort die Kroaten mehr Serben, dann die Serben mehr Kroaten oder mehr Ksosovoianer usw gekillt. Aber Sie haben schon recht. War ja nicht unser Problem.
Und ich melde mich jetzt zur Polizei, aber nur, wenn ich dort NIE irgendwelchen Handgreiflichkeiten ausgesetzt bin. Und das klage ich jetzt ein.
Ein Einsatz im Tschad, bei dem verhindert wird dass Zivilisten in Flüchtlingslagern gekillt werden hat meine volle Unterstützung.

klein adlerauge
 
01
30.1.2012, 09:40

die schweden wehren sich auch nicht gegen FREIWILLIGE uno einsätze sondern dagegen GEZWUNGEN zu werden hinzufahren wo auch immer politiker sich das einbilden. ein bissi differenzieren schadet nicht.

Allmächtiger Satan
11
26.1.2012, 16:18

Um Ihre Postingunterstützng können sich die vor dem Gekilltwerden stehenden Flüchtlinge nix kaufen, also ab in die Uniform und runter in den Tschad. Oder reden'S nur groß hinter der Tastatur und kommen nicht von der Couch auf?

wrkskrfzk
10
26.1.2012, 19:21
Liebe(r) Satan

Dazu bin ich zu alt. Mit 50+ nehmen die mich nicht mehr. Aber..... Sie sitzen hinter der Tastatur und denken sich - die sollen sich die Schädel wegpusten, was geht mich das an - und ich sitze hinter der Tastatur und denke, dass wir nicht alleine auf der Welt sind, auch wenn es bei uns noch so nett ist.
Ist lange her, dass ich den Präsenzdienst abgeleistet habe und ich weiß nicht, wie ich reagiert hätte, wenn so etwas vorgefallen wäre.
Aber wenn ich als angehender Offizier eine Berufsentscheidung getroffen habe, mich in diesen Verein einzugliedern, dann ausbilden und bezahlen zu lassen, dann ist das ja schon eigenartig, wenn ich sage - na Ernst darf es aber nicht werden. Da wäre - Inland eben - die Pozilei richtiger....

Markus1975
00
26.1.2012, 14:23
Bravo

hört sich für mich sehr nach einem Österreichischen Ereignis an :D
Wir sind also gar nicht so weit vom Schwedischen Standard entfernt ... Man könnte dann doch auch folgerichtig argumentieren: Eigentlich, wenn niemand bereits ist, auch nur theoretisch, in einen Krieg zu ziehen, braucht man doch auch keine Armee ... Oder versteh ich die Sache falsch ? Und damit wäre der ganze Verein obsolet ... Natürlich auch die Anstellung und das Gehalt ...

Edmund der Fröhliche
01
26.1.2012, 15:16
Der Unterschied ist, dass in Ö sogar der einfache Zeitsoldat seine grundlegende Bereitschaft zum Einsatz in den KIOPs bekunden muss und Offiziere zwingend an Auslandseinsätzen teilnehmen müssen.

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