"Die Eurozone fährt eine sehr riskante Strategie"

Interview25. Jänner 2012, 18:18
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Europa ist nach Ansicht von US-Ökonom Kenneth Rogoff weit von einer Lösung der Krise entfernt

Europa ist nach Ansicht von US-Ökonom Kenneth Rogoff weit von einer Lösung der Krise entfernt. Für Griechenland und andere Problemstaaten empfiehlt er im Gespräch mit Alexandra Föderl-Schmid einen sanften Ausstieg aus der Eurozone.

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STANDARD: Wie beurteilen Sie die Prognose des Internationalen Währungsfonds, der für die Eurozone heuer eine "milde Rezession" erwartet, ein Schrumpfen der Wirtschaftsleistung um 0,5 Prozent?

Rogoff: Das erscheint mir eine sehr nüchterne Prognose. Die Eurozone ist jetzt schon in einer Rezession und hat profunde Verschuldungsprobleme quer über den ganzen Kontinent.

STANDARD: Glauben Sie, dass sich Europas Probleme noch vertiefen?

Rogoff: Es ist keine Lösung in Reichweite, die eine signifikante Schuldabschreibung in einer Reihe von Ländern beinhaltet, was aber notwendig wäre.

STANDARD: Eine Reihe von Ländern, also nicht nur Griechenland?

Rogoff: Selbstverständlich nicht nur Griechenland. Portugal gehört dazu, vielleicht auch Irland und Spanien. Im Falle Spaniens gibt es Schulden von Regionalregierungen und dem Privatsektor. Aber wenn die Regierung dafür garantiert, dann sind es auch die Schulden der Regierung. Solange es diese Verschuldung und das langsame Wachstum in der Eurozone gibt, muss es notwendigerweise nicht noch schlechter werden, aber es kann auch nicht besser werden. Die gegenwärtige Politik löst die Schwierigkeiten der Länder höchstens kurzfristig. Auch das Wachstum wird weiter nur langsam zunehmen.

STANDARD: Was heißt langsames Wachstum für die Eurozone?

Rogoff: Ich erwarte ein Japan-ähnliches Szenario. Es besteht ein sehr hohes Risiko in die Richtung.

STANDARD: Also ein verlorenes Jahrzehnt für Europa?

Rogoff: Es waren einige Jahre, bis Japan wieder aus dem Tunnel kam. Es liegt an der Eurozone, dass man eine Lösung erreicht. Solange man in puncto Verschuldung immer alles garantiert, aber nichts löst, wird es schlimmer. Zeit zu kaufen, ist keine Option, die Probleme werden bleiben.

STANDARD: Es gibt nun die Debatte, den permanenten Rettungsschirm ESM mit Mitteln des derzeitigen Schirms EFSF auf insgesamt 750 Milliarden Euro aufzustocken. Ist das eine gute Idee?

Rogoff: Ja, das ist eine gute Idee, man musste etwas tun. Aber man kommt trotzdem nicht um einen dramatischen Politikwechsel herum in Europa. Wenn man sich anschaut, in der EU wird bei Abstimmungen fast überall Einstimmigkeit verlangt. Es gibt keine Finanzbehörde mit einer Steuerhoheit mit Durchgriffsrecht, das kann so nicht weitergehen.

STANDARD: Glauben Sie, dass der Fiskalpakt, der beim EU-Gipfel nächste Woche beschlossen werden soll, etwas bringt?

Rogoff: Man ist noch immer sehr, sehr weit von einem wirklich arbeitsfähigen System entfernt. Das jetzige ist nicht stabil. Man bräuchte ein sehr viel höheres Maß an fiskaler, regulatorischer und politischer Einheit. Die Idee, dass sich Brüssel die Budgetpläne und Wirtschaftspolitik anschaut und das ist es, ist nicht realistisch. Die gegenwärtige Strategie ist, Zeit zu kaufen, aber mit dem Risiko, dass die Probleme gravierender werden. Jetzt sind die Probleme vor allem in der Peripherie der Eurozone, die verbreiten sich aber und werden größer. Die Eurozone fährt eine sehr riskante Strategie.

STANDARD: Was sind Ihre Lösungsvorschläge? Soll man die Problemländer einfach aus der Eurozone ausschließen?

Rogoff: Ich schlage schon seit einigen Jahren eine tiefgehende Umstrukturierung der Schulden in Griechenland und Portugal vor. Das beinhaltet auch einen signifikanten Teil der Privatschulden in Irland und Spanien, vielleicht auch einen Teil der öffentlichen Schulden. Dann muss man eine Linie ziehen und fragen, ob es fair ist. Und dann alle anderen unterstützen.

STANDARD: Aber wer soll das bezahlen? Die Deutschen?

Rogoff: Die Österreicher können ja damit beginnen. Und die nordischen Staaten. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel versteht sehr wohl: Man darf dem Patienten nicht einfach mehr Blut zuführen, sondern man muss zuerst die Blutung stoppen. Die jetzige Strategie ist, man führt einfach mehr Blut zu, ohne die Blutung zu stoppen. Es gibt keine Schwarz-Weiß-Antworten. Aber man kommt um eine sehr viel engere Kooperation in Europa nicht umhin. Um eine wirkliche politische Union.

STANDARD: Würde die Blutung nicht besser gestoppt werden können, indem man Griechenland, Portugal sagt: Verlasst die Eurozone?

Rogoff: Ja, aber in einer generösen Art. Ihr kriegt weiter Unterstützung, ihr könnt in der EU bleiben, es gibt keine Strafen. Ein sehr sanfter Ausstieg. Aber den müssten möglicherweise mehr Länder als Portugal und Griechenland zugestanden bekommen. Aber jedes Land hat Vetorechte, also wird es nicht möglich sein. Der gegenwärtige Zugang wird jedoch nicht funktionieren. Warten ist nicht die richtige Strategie.

STANDARD: Ist Italien ein Sonderfall?

Rogoff: Es ist sicher besser, Italien zu unterstützen und zu versuchen, die Verluste zu kontrollieren. Das sagt mein Instinkt. Italien ist einfach so groß. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.1.2012)

KENNETH ROGOFF (geb. 1953) ist Wirtschaftsprofessor in Harvard und war Chefökonom des Internationalen Währungsfonds. Zuletzt erschien sein mit Carmen Reinhart geschriebenes Buch: "Dieses Mal ist alles anders. Acht Jahrhunderte Finanzkrisen." (Finanzbuch)

  • Kenneth Rogoff
    foto: imf

    Kenneth Rogoff

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