Opernmodeschau in der Geldstadt

25. Jänner 2012, 17:09

Premiere von "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" an der Wiener Staatsoper: Regisseur Jérôme Deschamps setzte auf statisches Rampentheater, Dirigent Ingo Metzmacher hingegen auf subtile Kammermusik

Wien - Hier trägt man zwar allerlei bunte Herzen (an der Brust oder auf Hutschachteln) spazieren - man hat jedoch keine in sich: Mahagonny, das ist jener schnell errichtete Ort des materialistischen Hedonismus und der in Wahrheit tiefgefrorenen Seelen, an dem allerlei Vergnüglichkeiten als eskapistische Ware zu erwerben sind, sofern der Bewohner mit werthaltigem Papier dafür zu bezahlen fähig ist. Was Wunder, dass hier ein Dollarschein auf der Stadtfahne flattert; was Wunder, dass irgendwann nur noch eines verboten ist, nämlich eine Rechnung nicht begleichen zu können.

Jim, der sich bei einer Boxwette bis zur Pleite verzockt und dennoch an seine von Vergnügen zu Vergnügen taumelnde Umwelt Runden spendiert, wird in Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny denn auch schließlich gehängt. Rettende Geldentlehnung bei Amigos hätte sein Weiterleben gesichert, doch Jim schlägt nur noch Härte entgegen. Freunde verweisen bedauernd auf die monetäre Gesetzeslage. Und besonders Jenny erweist sich als kühlste aller leichten Damen, da ihre Zuneigung zu Jim offenbar nur in Verbindung mit ausreichend verfügbaren Dollarscheinen aufzublühen vermochte.

Angelika Kirchschlager - sie trägt dann beim Prozess gegen ihren Jim schon quasi Witwenschwarz - muss in dieser Szene, da ihre Herzlosigkeit den Gipfel erklimmt, nur noch dastehen und eindringlich-kühl singen (in der Tiefe zeigten sich insgesamt Schwächen), um echte Wirkung zu erzielen. Allerdings hilft Jenny das Stück, es inszeniert sich gleichsam selbst und bringt so einen raren Augenblick der szenischen Intensität hervor.

In Summe darf dies an der Wiener Staatsoper nicht reichen. Regisseur Jérôme Deschamps jedoch kann mit den dramaturgischen Eigenheiten des Weill-Brecht-Stücks wie auch mit den Möglichkeiten, welche es sehr wohl bietet, kaum etwas anfangen. Er beschenkt das Haus am Ring mit einer von puppenhaftem Rampentheater geprägten Version dieser Oper.

Aber bunt ist sie: Die Kostüme von Vanessa Sannino verbreiten ein Flair von Karneval und Zirkus, doch statt hieraus schillernde Szenen zu entwickeln, behandelt Deschamps die Protagonisten wie Schaufensterpuppen, die man in eine Opernmodeschau hineinpostiert hat. Da wird auf jene (zwischen den sich zu Häusern wandelnden Wänden) Projektionen gestarrt, die Hochhäuser oder Baustellen zeigen. Und unentwegt muss ein Vorhang auf- und zugehen, um dem "Regisseur der Bühne" (eindringlich Heinz Zednik) den Erzählplatz zu überlassen.

Biss und Tiefe

Deschamps schient nicht zu inszenieren, vielmehr eine Oper zu buchstabieren, was zu einer gewissen Trostlosigkeit und Gelähmtheit der Bühnenvorgänge führen muss. Natürlich ist es beeindruckend, mit welcher Klarheit und Präsenz etwa Elisabeth Kulman (als Begbick) singt. Und natürlich ist auch Christopher Ventris (als Jim Mahoney) von tadellos opernhafter Wirkung - bei einer flexiblen Musik, die sicher auch ganz anders reizvoll umzusetzen wäre. Biss und Tiefe verleihen diese Einzelleistungsträger dem Ganzen jedoch nicht; wie auch nicht die anderen vokal sehr guten Protagonisten.

Vielleicht hätte auch Dirigent Ingo Metzmacher das Staatsopernorchester zu mehr Kantigkeit und Schärfe animieren sollen. So bliebt "nur" ein ungemein sensibel schwebendes Netz aus Klängen zu bewundern, dessen kammermusikalische Ausformung jedoch - subtil - gewisse Charakteristika des Werkes auszublenden schien. So musste Dominique Meyers am Tag seiner durchaus berechtigten Vertragsverlängerung erleben, wie man einen Regisseur seiner Wahl ausbuhte.   (Ljubisa Tosic / DER STANDARD, Printausgabe, 26.1.2012)

Kommentar posten
17 Postings
Wickinger
00
31.1.2012, 15:06

Die neue "Ästhetik", die mit Meyer eingezogen ist, hat mich bisher noch nicht vom Hocker gerissen. Deshalb war ich auch etwas enttäuscht, als Meyers Vertrag verlängert wurde.

muppetbasher
31
26.1.2012, 13:44
Trostlosigkeit und Gelähmtheit:

das ist, was die politischen Stücke von Brecht ausmachen!

Nirgends kann man besser ablesen, wie überflüssig diese Stücke sind; bestenfalls als Etüde für Schauspieler, Regisseure und Kostümierer!

Ab in den Keller damit!

muraschke
00
27.1.2012, 18:57
Berlinallegorie der End20er, dort war's eben nicht so lustig...

Kapitalismuskritik, polarisierend, Demonstration gg die exorbitanten Lebenskosten etc
Tja, für die, die das nicht hören/verstehen wollen, gibt's Rosamunde Pilcher im "Fernsehtheater". Meinten Sie dies wohl mit 60-jähriger Praxis?

Rächer der Enterbten
11
26.1.2012, 18:53

Sind Sie so ........ oder machen Sie nur so

muppetbasher
11
26.1.2012, 19:47
Nur eine kleine Information für SIE: Ich gehe seit über 60 Jahre in Theater!

Nicht nur in Europa.

Christian Oberndorfer
11
26.1.2012, 14:03

nach ihrer theorie müsste man da aber einige der größten meisterwerke der operngeschichte im keller entsorgen, den ring inklusive...

Schicke Schickse
02
26.1.2012, 13:20
Coole Kostüme, die

auch auf dem Life Ball für Furore sorgen müssten.
Ich hoffe, man kann sie sich ausleihen?!

Kontrahent1
00
27.1.2012, 12:11
Für das Motto 'Feuer'

wenig effektvoll.- Beim Kölner Karneval bestimmt erfolgreicher;-)

p-hammer
00
26.1.2012, 09:12
Musikalisch insgesamt gut gelungen

Die dominante Person in dieser Produktion ist eindeutig Elisabeth Kulman. Neben der zurecht gelobten vokalen Leistung besticht sie auch durch bemerkenswerte Präsenz auf der Bühne - zunächst als erotische Gangsterbraut, später Puffmutter und am Ende als unbarmherziger Todesengel.

Die Männer insgesamt sehr ordentlich - Ventris sticht positiv hervor. Bei Angelika Kirchschlager dürfte aber das stimmliche Koordinatensystem nicht mehr ganz passen - nur selten war da stimmliche Präsenz zu hören.

Orchestral ist alles sehr sauber und feingliedrig, wirklich spannend wird es allerdings erst gegen Ende des ersten Teils - mit systematischer Steigerung. Ab der Gerichtsverhandlung wird es dann wirklich packend.

p-hammer
00
26.1.2012, 08:55
Ein Lehrstück - klassisch und nüchtern dargeboten

Zugegeben, die Sache zieht sich am Anfang ein wenig - das liegt allerdings auch an der Brecht'schen Dramaturgie, die nur ein Ziel kennt: und das ist die abschließende Moral, die dann dem Publikum mit Holzhammer auf den Schädel geschlagen wird.

Daher gibt es auch keine stringente charakterliche und emotionale Entwicklung der Personen, weil zwischen den Szenen unbestimmte Zeit liegt und man maximal an den Kostümen eine änderung im Auftritt feststellen kann - wenn etwa statt Holzfällerlook Designerfummel getragen und gleichzeitig dem "Freund" die Rettung verweigert wird (weil das ja was kosten würde).

Insofern ist die sehr nüchterne Inszenierung mit Vorhangtrennung der Szenen durchaus werkadäquat.

p-hammer
00
26.1.2012, 09:26
Nachtrag

Ja, die Figuren sind bis zu einem gewissen Grad "Schaufensterpuppen" - fraglich nur, ob man dafür den Regisseur verantwortlich machen kann. Ich sehe das eher wie Frau Kulman: dass hier Charakterschablonen mit einer Funktion auf der Bühne stehen und keine Personen, bei denen man emotional "mitgehen" kann. Die Figuren sind einfach kalt.
Selbst kurz vor Jimmys Hinrichtung gibt es keine ergreifende Emotion (wie etwa das "Look!" in Brittens Billy Budd) - weder in der Musik noch im Text.

Bei Barockopern kann man die Charakterentwicklung immerhin durch stumme Szenen während der langen da-capo-Arien illustrieren - hier geht das schon aufgrund der Zeitsprünge eigentlich nicht.

artemis70
00
25.1.2012, 21:35
hans weigels wiedergänger

einer der buhschreier war unter garantie der sinkovicz von der presse.

Kontrahent1
00
27.1.2012, 12:12
Dann lesen Sie einmal

Herrn Irrgeher in der 'Wiener Zeitung'!

ach herje
00
26.1.2012, 06:57
Genau, weil sein Liebling nicht dirigiert hat...

artemis70
00
26.1.2012, 08:58

wenns nur das wäre!

p-hammer
00
25.1.2012, 17:21
Ausbuhte?! - Wer? Wann? Wo?

Also eventuell in der Sitznachbarschaft der teuren Journalistenplätze.

In der Galerie jedenfalls nicht - ein paar Buhs waren zu hören, sonst im Großen und Ganzen freundlicher Applaus.

Florian Brandner1
00
25.1.2012, 20:16
ausserdem gibt' schliesslich die Buhschreier aus Prinzip - die sind nicht ernstzunehmen

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.