Premiere von "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" an der Wiener Staatsoper: Regisseur Jérôme Deschamps setzte auf statisches Rampentheater, Dirigent Ingo Metzmacher hingegen auf subtile Kammermusik
Wien - Hier trägt man zwar allerlei bunte Herzen (an der Brust oder auf
Hutschachteln) spazieren - man hat jedoch keine in sich: Mahagonny, das
ist jener schnell errichtete Ort des materialistischen Hedonismus und
der in Wahrheit tiefgefrorenen Seelen, an dem allerlei Vergnüglichkeiten
als eskapistische Ware zu erwerben sind, sofern der Bewohner mit
werthaltigem Papier dafür zu bezahlen fähig ist. Was Wunder, dass hier
ein Dollarschein auf der Stadtfahne flattert; was Wunder, dass
irgendwann nur noch eines verboten ist, nämlich eine Rechnung nicht
begleichen zu können.
Jim, der sich bei einer Boxwette bis zur Pleite verzockt und dennoch an
seine von Vergnügen zu Vergnügen taumelnde Umwelt Runden spendiert, wird
in Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny denn auch schließlich gehängt.
Rettende Geldentlehnung bei Amigos hätte sein Weiterleben gesichert,
doch Jim schlägt nur noch Härte entgegen. Freunde verweisen bedauernd
auf die monetäre Gesetzeslage. Und besonders Jenny erweist sich als
kühlste aller leichten Damen, da ihre Zuneigung zu Jim offenbar nur in
Verbindung mit ausreichend verfügbaren Dollarscheinen aufzublühen
vermochte.
Angelika Kirchschlager - sie trägt dann beim Prozess gegen ihren Jim
schon quasi Witwenschwarz - muss in dieser Szene, da ihre Herzlosigkeit
den Gipfel erklimmt, nur noch dastehen und eindringlich-kühl singen (in
der Tiefe zeigten sich insgesamt Schwächen), um echte Wirkung zu
erzielen. Allerdings hilft Jenny das Stück, es inszeniert sich gleichsam
selbst und bringt so einen raren Augenblick der szenischen Intensität
hervor.
In Summe darf dies an der Wiener Staatsoper nicht reichen. Regisseur
Jérôme Deschamps jedoch kann mit den dramaturgischen Eigenheiten des
Weill-Brecht-Stücks wie auch mit den Möglichkeiten, welche es sehr wohl
bietet, kaum etwas anfangen. Er beschenkt das Haus am Ring mit einer von
puppenhaftem Rampentheater geprägten Version dieser Oper.
Aber bunt ist sie: Die Kostüme von Vanessa Sannino verbreiten ein Flair
von Karneval und Zirkus, doch statt hieraus schillernde Szenen zu
entwickeln, behandelt Deschamps die Protagonisten wie
Schaufensterpuppen, die man in eine Opernmodeschau hineinpostiert hat.
Da wird auf jene (zwischen den sich zu Häusern wandelnden Wänden)
Projektionen gestarrt, die Hochhäuser oder Baustellen zeigen. Und
unentwegt muss ein Vorhang auf- und zugehen, um dem "Regisseur der
Bühne" (eindringlich Heinz Zednik) den Erzählplatz zu überlassen.
Biss und Tiefe
Deschamps schient nicht zu inszenieren, vielmehr eine Oper zu
buchstabieren, was zu einer gewissen Trostlosigkeit und Gelähmtheit der
Bühnenvorgänge führen muss. Natürlich ist es beeindruckend, mit welcher
Klarheit und Präsenz etwa Elisabeth Kulman (als Begbick) singt. Und
natürlich ist auch Christopher Ventris (als Jim Mahoney) von tadellos
opernhafter Wirkung - bei einer flexiblen Musik, die sicher auch ganz
anders reizvoll umzusetzen wäre. Biss und Tiefe verleihen diese
Einzelleistungsträger dem Ganzen jedoch nicht; wie auch nicht die
anderen vokal sehr guten Protagonisten.
Vielleicht hätte auch Dirigent Ingo Metzmacher das Staatsopernorchester
zu mehr Kantigkeit und Schärfe animieren sollen. So bliebt "nur" ein
ungemein sensibel schwebendes Netz aus Klängen zu bewundern, dessen
kammermusikalische Ausformung jedoch - subtil - gewisse Charakteristika
des Werkes auszublenden schien. So musste Dominique Meyers am Tag seiner
durchaus berechtigten Vertragsverlängerung erleben, wie man einen
Regisseur seiner Wahl ausbuhte. (Ljubisa Tosic / DER STANDARD, Printausgabe, 26.1.2012)