Als Rednerin bei der Verleihung der Kunstpreise 2011 weilte Autorin Sibylle Lewitscharoff in Wien
Im Gespräch mit Ronald Pohl
umreißt sie die geistige Landschaft ihres fabelhaften Romans
"Blumenberg".
Wien - Der große Münsteraner Philosoph Hans Blumenberg (1920-1996)
erhält eines Abends unerwarteten Besuch: In seiner Studierstube legt
sich ein alter, überaus milde gestimmter Löwe neben ihm auf den Teppich.
Aus einem aparten Einfall entwickelt die deutsche Autorin Sibylle
Lewitscharoff einen der anmutigsten Romane der vergangenen Jahre:
Blumenberg (Suhrkamp, 2011) enthält eine Mentalitätsstudie der alten
Bundesrepublik. In dieser geht die Generation der No-Future-Kinder unter
den Augen ihrer geistigen Autoritäten still und beinahe unbemerkt
zugrunde. Gefühle der Schwärmerei im Herzen, The River von Bruce
Springsteen im Ohr, stürzt sich eine junge Protagonistin von einer
Autobahnbrücke.
Lewitscharoff ("In den 1980er-Jahren war die Popmusik erotischer, ihr
Sound überwältigender") stammt unüberhörbar aus Stuttgart. Sie weilte in
Wien, da sie aus Anlass der Kunstpreis-Verleihung 2011 in der Hofburg
den Festvortrag hielt. Sie nützte ihre Rede für eine Liebeserklärung an
die österreichische Literatur: "Meine Hausheiligen sind alle hiesige
Autoren."
Standard: Ihr Roman Blumenberg enthält - neben einem hinreißenden
Porträt des Philosophen Hans Blumenberg - eine Art von Verlustanzeige.
Mit den jungen Studenten, die in Münster, in den frühen 1980er-Jahren,
den Vorlesungen dieses großen Philosophen lauschen, nimmt es jeweils ein
schlechtes Ende. Die Dinge des Geistes "funktionieren" nicht mehr, der
Zusammenhang von Fühlen und Begründen ist zerrissen. Lag dieser Aufweis
in Ihrer Absicht?
Lewitscharoff: Zunächst ist Blumenberg kein klassischer Campus-Roman,
dazu fehlen die erotischen Verstrickungen. Die Distanz dieses Professors
zu seinen Studenten ist riesig - was im Falle Hans Blumenbergs, in
dieser seiner späten Phase, der Realität entsprach. Dazu kommt ein
merkwürdiger Mechanismus in Gang: Sie finden auf der einen Seite junge
Studenten vor, auf der anderen diesen umfassend gebildeten Mann, der
souverän über alles gebietet, eine aufgeblähte Groß-Koryphäe, die
beinahe das ganze Weltwissen in sich vereinigt.
Standard: Blumenberg bildet eine angsteinflößende Übermacht?
Lewitscharoff: Er konfrontiert seine Schüler frontal mit der Philosophie
der Antike und mit der Theologie, die damals beide überhaupt nicht im
Schwange waren. Das, plus die Verweigerung einer pädagogischen
Schritttechnik, erzeugt eine große Einsamkeit bei den Studenten. Und
öffnet trotzdem ein weites Feld der Imagination, man wird im Angesicht
der Koryphäe ja auch selbst größer.
Ich kenne das selbst: Ich habe bei zwei Koryphäen in Berlin studiert,
bei dem Religionswissenschafter Klaus Heinrich und bei seinem Kollegen
Jacob Taubès. Man ist geschmeichelt; zum anderen fühlt man sich
gedeckelt, weil man mit dem verabfolgten Wissen nicht operieren kann.
Die Studentenfiguren in dem Buch gehen unter. Sie sterben alle jung, was
in dem konkreten Fall aber auch romantechnische Gründe hatte.
Standard: Der heimliche Gegenspieler Blumenbergs in Ihrem Roman, aber
auch in der bundesrepublikanischen Geisteslandschaft, war Jürgen
Habermas: der Denker der vollkommenen Nüchternheit. Dagegen ist
Blumenberg ein Philosoph, bei dem noch die magischen Anteile des Denkens
erfahrbar bleiben. Besteht das Bedürfnis nach Magie auch dann, wenn man
ein braver deutscher Verfassungspatriot geworden ist?
Lewitscharoff: Der Unterschied zwischen Blumenberg und Habermas könnte
krasser nicht sein: Habermas ist ein sehr realistischer
Gesellschaftsdenker geblieben, der sicher für Studenten nicht so
verstörend war. Wer sich für Soziologie und Gesellschaft interessierte,
hatte bei ihm sein Futter gefunden - und fand es in verdaulichen
Portionen vor. Bei Blumenberg wurde man in Ausuferungen hineingetrieben:
in die Antike, in die Scholastik, in die Musik. Er war wohl Agnostiker,
hatte aber bei den Jesuiten studiert und nahm Dinge wie die
Matthäuspassion gehörig auseinander. Wohin soll so ein armer Student
jetzt mit seiner Bewunderung?
Standard: Liefert Ihr Buch somit eine Bestandsaufnahme der westdeutschen
Intelligenz?
Lewitscharoff: Was die damalige Situation von der heutigen massiv
unterscheidet: Man nahm sich unendlich Zeit für das Studieren, 17
Semester bildeten keine Seltenheit. Es hätte sich niemand Sorgen darüber
gemacht, dass er zu lange studieren könnte. Ein kostbares
Freiheitsgeschenk, das zugleich auch ein Problem bildete. Die Frage:
"Was wird jetzt damit?", die zeitigte mitunter verhängnisvolle Folgen.
Für Leute, die nicht schärfer wussten, wohin sie wollten.
Standard: Liegt die Wurzel heutiger Ohnmachtsgefühle in der damaligen
Situation?
Lewitscharoff: Der Überbau war in den 1980er-Jahren riesig, die
gedanklichen Flüge waren enorm. Sie auf das gesellschaftliche Leben zu
beziehen, gelang einigen, aber die waren dann auch nicht so theoretisch
verfasst. Es gelang ihnen politisch, weil sie nach Afrika gingen oder
sich engagierten. Diejenigen, die ihre Denkapparate anwarfen, blieben
oftmals auf der Strecke. Wieder andere verlegten sich ganz auf das
Geldverdienen: Die hatten ihr Leben mit einem Generalschnitt geändert.
Standard: Wie stark spielte die atomare Angst in diese Lebensentwürfe
hinein?
Lewitscharoff: Die kenne ich auch von mir. Mit 21 Jahren kam ich zu
einem Berner Sennenhund. Ich habe mich über lange Jahre davor
gefürchtet, dass dieser arme Hund den atomaren Super-GAU erleben muss.
Ich habe mich also nicht um mich gesorgt, sondern um den Hund. Die
Perspektive lautete: Innerhalb der nächsten zehn Jahre kracht es. Und
nach allem, was wir heute wissen, war die Möglichkeit auch gar nicht so
unwahrscheinlich. Endzeitstimmung, gloriose Freiheit, ökonomische
Freiheit: Daraus setzte sich unser Lebensgefühl zusammen. (DER STANDARD, Printausgabe, 26.1.2012)