Roman "Blumenberg"

"Die, die dachten, blieben auf der Strecke"

Interview | 25. Jänner 2012, 17:11

Als Rednerin bei der Verleihung der Kunstpreise 2011 weilte Autorin Sibylle Lewitscharoff in Wien

 Im Gespräch mit Ronald Pohl umreißt sie die geistige Landschaft ihres fabelhaften Romans "Blumenberg".

Wien - Der große Münsteraner Philosoph Hans Blumenberg (1920-1996) erhält eines Abends unerwarteten Besuch: In seiner Studierstube legt sich ein alter, überaus milde gestimmter Löwe neben ihm auf den Teppich.

Aus einem aparten Einfall entwickelt die deutsche Autorin Sibylle Lewitscharoff einen der anmutigsten Romane der vergangenen Jahre: Blumenberg (Suhrkamp, 2011) enthält eine Mentalitätsstudie der alten Bundesrepublik. In dieser geht die Generation der No-Future-Kinder unter den Augen ihrer geistigen Autoritäten still und beinahe unbemerkt zugrunde. Gefühle der Schwärmerei im Herzen, The River von Bruce Springsteen im Ohr, stürzt sich eine junge Protagonistin von einer Autobahnbrücke.

Lewitscharoff ("In den 1980er-Jahren war die Popmusik erotischer, ihr Sound überwältigender") stammt unüberhörbar aus Stuttgart. Sie weilte in Wien, da sie aus Anlass der Kunstpreis-Verleihung 2011 in der Hofburg den Festvortrag hielt. Sie nützte ihre Rede für eine Liebeserklärung an die österreichische Literatur: "Meine Hausheiligen sind alle hiesige Autoren."

 

Standard: Ihr Roman Blumenberg enthält - neben einem hinreißenden Porträt des Philosophen Hans Blumenberg - eine Art von Verlustanzeige. Mit den jungen Studenten, die in Münster, in den frühen 1980er-Jahren, den Vorlesungen dieses großen Philosophen lauschen, nimmt es jeweils ein schlechtes Ende. Die Dinge des Geistes "funktionieren" nicht mehr, der Zusammenhang von Fühlen und Begründen ist zerrissen. Lag dieser Aufweis in Ihrer Absicht?

Lewitscharoff: Zunächst ist Blumenberg kein klassischer Campus-Roman, dazu fehlen die erotischen Verstrickungen. Die Distanz dieses Professors zu seinen Studenten ist riesig - was im Falle Hans Blumenbergs, in dieser seiner späten Phase, der Realität entsprach. Dazu kommt ein merkwürdiger Mechanismus in Gang: Sie finden auf der einen Seite junge Studenten vor, auf der anderen diesen umfassend gebildeten Mann, der souverän über alles gebietet, eine aufgeblähte Groß-Koryphäe, die beinahe das ganze Weltwissen in sich vereinigt.

 

Standard: Blumenberg bildet eine angsteinflößende Übermacht?

Lewitscharoff: Er konfrontiert seine Schüler frontal mit der Philosophie der Antike und mit der Theologie, die damals beide überhaupt nicht im Schwange waren. Das, plus die Verweigerung einer pädagogischen Schritttechnik, erzeugt eine große Einsamkeit bei den Studenten. Und öffnet trotzdem ein weites Feld der Imagination, man wird im Angesicht der Koryphäe ja auch selbst größer.

Ich kenne das selbst: Ich habe bei zwei Koryphäen in Berlin studiert, bei dem Religionswissenschafter Klaus Heinrich und bei seinem Kollegen Jacob Taubès. Man ist geschmeichelt; zum anderen fühlt man sich gedeckelt, weil man mit dem verabfolgten Wissen nicht operieren kann. Die Studentenfiguren in dem Buch gehen unter. Sie sterben alle jung, was in dem konkreten Fall aber auch romantechnische Gründe hatte.

 

Standard: Der heimliche Gegenspieler Blumenbergs in Ihrem Roman, aber auch in der bundesrepublikanischen Geisteslandschaft, war Jürgen Habermas: der Denker der vollkommenen Nüchternheit. Dagegen ist Blumenberg ein Philosoph, bei dem noch die magischen Anteile des Denkens erfahrbar bleiben. Besteht das Bedürfnis nach Magie auch dann, wenn man ein braver deutscher Verfassungspatriot geworden ist?

Lewitscharoff: Der Unterschied zwischen Blumenberg und Habermas könnte krasser nicht sein: Habermas ist ein sehr realistischer Gesellschaftsdenker geblieben, der sicher für Studenten nicht so verstörend war. Wer sich für Soziologie und Gesellschaft interessierte, hatte bei ihm sein Futter gefunden - und fand es in verdaulichen Portionen vor. Bei Blumenberg wurde man in Ausuferungen hineingetrieben: in die Antike, in die Scholastik, in die Musik. Er war wohl Agnostiker, hatte aber bei den Jesuiten studiert und nahm Dinge wie die Matthäuspassion gehörig auseinander. Wohin soll so ein armer Student jetzt mit seiner Bewunderung?

 

Standard: Liefert Ihr Buch somit eine Bestandsaufnahme der westdeutschen Intelligenz?

Lewitscharoff: Was die damalige Situation von der heutigen massiv unterscheidet: Man nahm sich unendlich Zeit für das Studieren, 17 Semester bildeten keine Seltenheit. Es hätte sich niemand Sorgen darüber gemacht, dass er zu lange studieren könnte. Ein kostbares Freiheitsgeschenk, das zugleich auch ein Problem bildete. Die Frage: "Was wird jetzt damit?", die zeitigte mitunter verhängnisvolle Folgen. Für Leute, die nicht schärfer wussten, wohin sie wollten.

 

Standard: Liegt die Wurzel heutiger Ohnmachtsgefühle in der damaligen Situation?

Lewitscharoff: Der Überbau war in den 1980er-Jahren riesig, die gedanklichen Flüge waren enorm. Sie auf das gesellschaftliche Leben zu beziehen, gelang einigen, aber die waren dann auch nicht so theoretisch verfasst. Es gelang ihnen politisch, weil sie nach Afrika gingen oder sich engagierten. Diejenigen, die ihre Denkapparate anwarfen, blieben oftmals auf der Strecke. Wieder andere verlegten sich ganz auf das Geldverdienen: Die hatten ihr Leben mit einem Generalschnitt geändert.

 

Standard: Wie stark spielte die atomare Angst in diese Lebensentwürfe hinein?

Lewitscharoff: Die kenne ich auch von mir. Mit 21 Jahren kam ich zu einem Berner Sennenhund. Ich habe mich über lange Jahre davor gefürchtet, dass dieser arme Hund den atomaren Super-GAU erleben muss. Ich habe mich also nicht um mich gesorgt, sondern um den Hund. Die Perspektive lautete: Innerhalb der nächsten zehn Jahre kracht es. Und nach allem, was wir heute wissen, war die Möglichkeit auch gar nicht so unwahrscheinlich. Endzeitstimmung, gloriose Freiheit, ökonomische Freiheit: Daraus setzte sich unser Lebensgefühl zusammen.  (DER STANDARD, Printausgabe, 26.1.2012)

Wer will nochmal??
00
26.1.2012, 15:50
Ich liebe sie.

A. Hundsamer
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26.1.2012, 15:42
Warum postet hier niemand?

lemkul
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30.1.2012, 18:37

Weil Kehlmann, Glavinic und Menasse nicht vorkommen.

politisch verfolgt
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26.1.2012, 16:06
mir fällt nichts dazu ein

die dame findet die 80er toll, ich fand sie so lala.
das wars von meiner seite.

Wer will nochmal??
00
26.1.2012, 15:50

(weil ich grad erst aufgestanden bin)
;)

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