Die Ausstellung "Forbidden Art-2006" in Moskau hatte ein gerichtliches Nachspiel. Darauf basiert die nun in Wien präsentierte Graphic Novel von Viktoria Lomasko und Anton Nikolaev
Wien - Mit religiösen Gefühlen darf man in Russland nicht spaßen. Das
wussten auch die Kuratoren der Ausstellung Forbidden Art 2006, die die
von ihnen versammelten Werke gleich vorweg als "verbotene"
etikettierten: Mit Jesus als Coca-Cola-Testimonial und anderen Arbeiten
russischer Künstler hat sich dann allerdings nicht die Regierung,
sondern die christlich-orthodoxe, ultrarechte Bewegung Narodny Sobor
befasst.
Das von ihnen angezettelte Gerichtsverfahren brachte den Kuratoren
Andrei Yerofeyev und Yury Samodurov hohe Geldstrafen und den Verlust
ihrer Jobs ein. Der Staatsanwalt forderte gar eine dreijährige
Haftstrafe für sie. Und Patriarch Kyrill I., Vorsitzender der
russisch-orthodoxen Kirche, warf ihnen gar "dämonische Aktivitäten" vor.
Die "mediale Schlammschlacht" setzte jedoch auch eine öffentliche
Diskussion über die Freiheit von Kunst in Gang. In Folge vereinte das
die heterogene russische Kunstszene gegen die vor dem Gerichtsgebäude in
Stellung gebrachten Anhänger von Narodny Sobor.
Während etwa die russische Künstlergruppe Voina Art Group hunderte
Kakerlaken im Gerichtssaal freiließ, um gegen das Verfahren zu
protestieren, haben die Künstlerin Viktoria Lomasko und der Journalist
Anton Nikolaev dieses "absurde Theater" in einer Graphic Novel
dokumentiert.
Die russische Originalversion liegt nun in der Galerie Knoll in Wien
auf. Eine kleine Auswahl der Zeichnungen, die Viktoria Lomasko im
Gerichtssaal anfertigte, wurde zudem ins Deutsche übersetzt: "Wir
wissen, dass Kabakov ein Problem mit der Wirklichkeit hatte, aber wir
haben keines." So konterte die Richterin die Ausführungen eines
Experten, der vor Gericht versuchte, einen zeitgemäßen Kunstbegriff zu
vermitteln.
Dass seine Ausführungen bei den von den Anklägern aufgehetzten
Gegnerinnen (es waren offenbar hauptsächlich Frauen) gar nicht ankommen
konnten, zeigen andere (Auf-)Zeichnungen. Sie zeigen von religiösem
Fanatismus getriebene ältere Frauen. Mit verfinsterten Mienen und der
Bibel in der Hand griffen sie selbst die Richterin an, als diese sie mit
Parfum bespritzte und dazu aufforderte, sich "mal zu waschen".
Gerade mit bizarren Szenen wie diesen vermittelt das Buch Forbidden Art
Series die Absurdität des Prozesses sehr gelungen. In Bezug auf
Zensurfragen im gegenwärtigen Moskau hätte man sich aber dennoch einen
tieferen Einblick gewünscht - etwa durch Übersetzung von eventuell in
dieser Hinsicht noch aufschlussreicheren Szenen. (Christa Benzer / DER STANDARD, Printausgabe, 26.1.2012)