Studien

Die Europäer arbeiten zu wenig

Regina Bruckner, Daniela Rom, 25. Jänner 2012, 11:25

Die "Lifestyle-Supermacht" Europa hat laut Weltbank einige Hausaufgaben zu erledigen - Eine davon: längere Lebensarbeitszeit

Das europäische Wirtschaftsmodell muss angepasst, aber nicht aufgegeben werden. Zu diesem Schluss kommt die jüngste Studie der Weltbank mit dem Titel "Goldenes Wachstum: Den Glanz des europäischen Wirtschaftsmodells wiederherstellen".

Die Ökonomen der Weltbank machen dabei die zu geringe Lebensarbeitszeit der Europäer und eine damit einhergehende sinkende Produktivität als eines der Hauptprobleme für langfristiges Wachstum aus. Wer in Europa einen Arbeitsplatz habe, genieße große Sicherheit, für Arbeitslose hingegen gebe es relativ großzügige Leistungen, der Zugang zur Pension sei zudem eher leicht.
Die Studie weist auch darauf hin, dass Europa "zu einer Lifestyle-Supermacht mit wohl der höchsten Lebensqualität der gesamten Menschheitsgeschichte" geworden sei. Und das, obwohl die Realeinkommen ein Viertel unter denen der USA liegen.

Soziale Netze

Europa gebe mehr für das soziale Netz, Pensionen, Arbeitslosenversicherung und den Wohlfahrtsstaat aus als der Rest der Welt zusammen, heißt es in der Studie. Für viele europäische Länder sei das angesichts der Schuldenkrise aber nicht mehr erschwinglich. Und Europa verliere laufend an Wettbewerbsfähigkeit: "Bei einer schnell alternden Bevölkerung, sinkender Fertilität und ohne Änderung der Arbeits-, Einwanderungs- und Rentenpolitik wird Europa in den nächsten 50 Jahren ca. eine Million Arbeitskräfte jährlich verlieren."

Besonders die Lebensarbeitszeit müsse erhöht werden. Die Europäer arbeiten laut der Weltbank-Studie weniger Stunden pro Woche, weniger Wochen pro Jahr und weniger Jahre ihres Lebens als Arbeitnehmer in anderen Regionen der Welt.

Der Schluss daraus: Ein Großteil der europäischen Länder müsse vor allem die Lebensarbeitszeit erhöhen. "Wenn richtig implementiert, bedeuten Reformen der Arbeitsmärkte und sozialen Schutzsysteme, dass Europäer weniger Stunden pro Woche und weniger Wochen im Jahr arbeiten können. Es ist aber nicht möglich, die Staatsfinanzen zu sanieren, wenn die Menschen auch weniger Jahre im Leben arbeiten." Außerdem müsse jungen Menschen der Zugang zum Arbeitsmarkt erleichtert werden. Genauso wie Zuwanderer vermehrt angeworben werden sollen, die dann aber auch besser ausgebildet sein müssten.

Produktivität

Das Thema Arbeit beleuchtete jüngst auch eine Studie des französischen, arbeitgebernahen Wirtschaftsforschungsinstituts Coe-Rexecode. Demnach leisten vollbeschäftigte französische Arbeitnehmer jährlich 1.679 Stunden Arbeit, ihre deutschen Kollegen dagegen 1.904. Österreich liegt in dieser Auswertung mit weniger als 1.850 Stunden im oberen Mittelfeld.

Andere große EU-Staaten wie Spanien und Italien, aber auch Irland, Belgien und Luxemburg liegen bei der durchschnittlichen Arbeitszeit zum Teil deutlich hinter Österreich. Mehr gearbeitet wird in Ländern wie Rumänien (2.095 Stunden) und Ungarn (2.021). Auch die griechischen Vollzeitbeschäftigten sind mit 1.971 Stunden pro Jahr etwas arbeitsamer als die Deutschen und um einiges strebsamer als die Österreicher. Erwähnenswertes Schlusslicht der Statistik sind hinter den Franzosen die Finnen mit 1.670 Jahresarbeitsstunden.

Noch fleißiger als die unselbstständig Beschäftigten sind laut einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" die Selbstständigen in Deutschland. Sie arbeiteten 2010 im Schnitt 2.459 Stunden im Jahr. Wer diese Arbeitszeit sogar noch übertrifft, das sind innerhalb der EU mit durchschnittlich 2.551 Stunden nur die Österreicher. (rb, rom, derStandard.at, 25.1.2012)

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aculus populus
 
00
31.1.2012, 08:58
Zyklus

mehr Arbeit, mehr Produktivität, längere Arbeitzeiten mehr Kranke, mehr Psychopharma, mehr Psychologen, mehr Ärzte, mehr Konsum, mehr Müll, mehr Trennungsanlagen, mehr Fernwärme, mehr Strom, mehr mehr mehr . . .
Wieso wird nicht in umgekehrter Richtung gearbeitet?
Würde viel mehr Sinn machen.

Gramurcki
01
29.1.2012, 11:19
Was soll ich mit mehr Produktivität …

… wenn niemand mehr (reales) Geld hat, das Zeug zu kaufen?

Griechenland, Ungarn, Slowenien, Spanien und Irland fallen ja wohl als "Hoffnungsmärkte" in Zukunft aus. Also produzieren die Exportweltmeister bloß mehr Schulden (bei anderen) die dann wieder mit Rettungsfonds gestützt werden müssen. Mir ist schleierhaft, wie man dieses Problem in den Griff bekommen will.

Darvon
00
27.1.2012, 21:07
Diese Aussagen bluten aus soo vielen Wunden:

Mehr arbeiten heißt nicht gleich produktiver Arbeiten.
Die Realeinkommen liegen zwar unter denen der USA, das sagt aber nichts über die Verteilung aus. (Man könnte sogar so genau sein, und in die Realeinkommen die Einkommen vom Sozialstaat einbeziehen)
Auch komisch, dass die Finnen so wenig Arbeiten und so geringe Staatsschulden haben, die Griechen viel Arbeiten und hohe Staatsschulden haben. Naja, aber was will man von der Weltbank erwarten...

humbert heller
01
26.1.2012, 21:12
einfach zum nachdenken

was als (erwerbs-)arbeit gilt, ist eine rein politische festlegung.
zum vergleich: vor 1989, also vor beginn der herrschaft eines totalitären neoliberalismus, galt als beinah-konsens, dass die wochenarbeitszeit in den entwickelten ländern in absehbarer zeit auf ca. 20 stunden (bei vollem lohnausgleich) sinken werde müssen.

polenta valsugana
00
26.1.2012, 17:59

eigentlich sollte man angesichts solcher artikel ja abwägen, bedenken, differenzieren. aber ganz ehrlich:

hahahaha lexminoasch

Aldi Kaida - Ihr Terrorismusdiskonter
00
26.1.2012, 14:20
interessant aber ethnozentrischer denkansatz... (USA)

Ich finde es gut, dass vorausschauend agiert wird und wir uns Gedanken über die Nachhaltigkeit unseres Wirtschaftssystems machen. Ohne einen kritischen Denkansatz laufen wir Gefahr, Signale nicht oder zu spät zu erkennen.
Allerdings: von der Anzahl geleisteter Arbeitsstunden auf die Produktivität zu schliessen ist schlichtweg unzulässig (wobei ich zugeben muss, dass mir keine Details zur Studie vorliegen). Es ist evident, dass die Produktivität ein Indikator für Effizienz ist - und diese kann nicht auf einer absoluten Zahl (Arbeitsstunden) basieren, sonder erklärt sich aus dem Verhältnis von In- und Output.
Die Challenge für uns ist vielmehr, weiterhin eine Rechtfertigung für Wertschöpfung abseits der Produktionswirtschaft zu erhalten.

pox vobiscum
00
26.1.2012, 10:46

Eine Lifestyle-Supermacht mit wohl der höchsten Lebensqualität in der ganzen Menschheitsgeschichte,
genau,
und der Neid ist was Schiaches.
Die restlichen Vorstellungen der Weltbank sind leider nicht ganz schlüssig.

star observer
00
26.1.2012, 08:37

wir arbeiten nicht zuwenig, wir werden schlicht zu alt.
die großen fortschritte in der behandlung von herz-/kreislauferkrankungen, so schön sie für die betroffenen sind, sind das eigentliche problem.
durch einnahme von 5-10 pulverln am tag (horrende kosten), wird die lebenserwartung um ca. 10 (15?) jahre (noch horrendere kosten wegen der pension) erhöht.

das kann man nicht dadurch lösen, dass man einfach sagt, die leut sollen 10 jahre länger arbeiten, wird schlicht und einfach nicht funktionieren.

El Congelador
02
26.1.2012, 05:36

Nach dem ersten Weltkrieg wurde in Europa der 8-Stunden-Tag durchgesetzt. Wo stehen wir heute, wieviele Überstunden schieben wir durchschnittlich?
Es wäre schon längst eine beträchtliche Arbeitszeitverkürzung möglich (technische Errungenschaften / Automatisierung / hohe Produktivität). Wir sind nicht mehr im Mittelalter, wo ein Großteil der Zeit investiert werden muss, um die basalen Bedürfnisse (Nahrung/Unterkunft/Kleidung) zu befriedigen. Stattdessen - um Profite und bestehende Macht/Wertansprüche zu sichern - wird und eingeredet, dass wir immer mehr lohn-arbeiten müssen, weil wir sonst im Wettbewerb nach hinten fallen und zugrunde gehen. Klar, bald können wir uns mit chinesischen Fabriksarbeitern messen. Willkommen im 19. Jahrhundert.

Elisabeth Jarok
00
26.1.2012, 02:04
steine im glashaus?

gibts in der weltbank selber überhaupt beschäftigte über 60 - außer den höchstbezahlten direktoren?

bevor nicht eine weltbank-beschäftigungsstatistik vorliegt, wie lange dort gearbeitet wird, sollten sie nicht mit steinen im glashaus auf die europäer werfen.

Franz Klug
03
26.1.2012, 00:17
Genau: arbeiten dass die Schwarten krachen:(

Lustig wie hier die Weltbank, ihr neoliberales Programm, 38 Stunden Woche schlecht, viel Urlaub und frühe Pension schlecht, gute Sozialleistungen schlecht, Europa insgesamt schlecht- in den Blödmaschinen Medien (Metz/Seeslen) verbreiten kann.
Diese Studie habe sicher frustierte Amis geschrieben, die sich ärgern, dass sie nur 14 Tage Uralub machen dürfen und pro Woche mindestens 50 Stunde arbeiten müssen.
Mein Tipp: entspannt Euch und schreibt dafür, dass weltweit weniger gearbeitet wird und weltweit das Vermögen - über Sozialleistungen wie in Europa - gerechter verteilt wird.
Das Märchen, das ein gutes Leben für Alle nicht finanzbar sei, könnt Ihr - Weltbank- Euch auch sparen:)

pox vobiscum
00
26.1.2012, 10:48

Kommt mir auch so vor. :)

Contra
01
25.1.2012, 23:51
die weltbank ist ein instrumentarium der amerikaner (chef ist immer amerikaner). nachdem ihr der iwf den rang abläuft, weil sie nichts zusammenbringt, kommt jetzt negativ-propaganda.

unfassbar! sollen wir alle so schlecht wie die usa werden??

stunden zusammenzählen und dann auf die produktivität schliessen ist lächerlich. das sagt nur aus, wie lange jemand auf seiner backe in der firma sitzt. eigentlich ist das gegenteil richtig: die, die die gleiche arbeit in kürzerer zeit schaffen, sind produktiver.

ich war in amerikanischen firmen, die immer gesagt habe, sie sind so produktiv. da hat kaum wer gearbeitet und sie hatten unendlich viel zeit. sie gehen wahnsinnig sorglos auch mit unserer zeit um.

aber im zahlen-faken sind sie ja gut: arbeitslosigkeit errechnet sich z.B. aus den neuanträgen und berücksichtigt nicht den großteil, der aus der statistik fällt, weil er schon zu lange arbeitslos ist.

AlliGator
20
25.1.2012, 21:23

Zusammenfassung:

Wir müssen endlich die Fremdenfeindlichkeit sein lassen und mehr Zuwanderer aufnehmen.

Sonst werden wir in fünfzig Jahren alle ganz alleine in unseren Geriatriewindeln herumsitzen, es wird niemand unsere Pensionen zahlen, und nicht einmal ein Pfleger im Pensionistenheim arbeiten der uns den Ars*h auswischt...

krachbummente
01
25.1.2012, 19:03

Stimm- und Konsumvieh. Nicht mehr und nicht weniger. Aber so lange es Brot und Spiele gibt, haben wir vorher eine "Rebellion der Maschinen".

Am besten viele Kinder haben, viel konsumieren, viel arbeiten, viel auf Kredit konsumieren und am Tag des Pensionsantritts den Freitod wählen. Das ist wohl das mindeste das für WACHSTUM verlangt werden kann.

Und was ist euer Beitrag?? Auf derStandard.at posten anstatt zu arbeiten ??

pepitant
02
25.1.2012, 18:43
Ich möchte mal

darauf hinweisen, dass es nicht um einen Wettstreit der Kontinente oder von Nationalstaaten geht, sondern um einen Verteilungskrieg Reich gegen Arm.

Es geht auch nicht um Gier, sondern um Macht.

Die Weltbank ist keine Institution "der Amis", sondern wie ihre Auftragnehmer Interessensvertretungen einiger machthungriger Individuen. Genauso, wie FED und Wallstreet nicht Interessen "der USA" vertreten und die EZB bzw. die Börsen nicht die "der EU", sondern die gleiche weltweit agierende Oberschicht. Gleiches gilt für Ratingagenturen wie auch Massenmedien, Nahrungsmittel-, Strom- und Ölkonzerne, Mafia, Politik, usw.
Falsche Zuordnungen machen wirksame Gegenwehr unmöglich

QUANTUM
02
25.1.2012, 18:37

und die weltbank fühlt sich zu sehr als kolonialisationsherr.

Gottfried Scheickl
03
25.1.2012, 18:16
Ich werde Berater

und kann nur die Rente FRÜHESTENS ab 99 Jahren empfehlen - wie an der Weltbank ersichtlich, ist selbst fortgeschrittene Demenz kein Hindernis, um außerordentlich wegweisende Erkenntnise zu veröffentlichen.
Und die Dachdecker etc. sollten sich an den Kollegen in Somalia ein Beispiel nehmen - es ist schlicht und ergreifend unsozial und kontraproduktiv, als Mensch dieser Berufsgruppe länger als 50 Jahre zu leben - in Afrika, Teilen Asiens und Chinas wurde diese Erkenntnis bereits erfolgreich umgesetzt.
WIR Berater können es uns schlicht und einfach nicht mehr leisten, diese Taugenichtse durchzufüttern - die entsprechende Studie wird in Kürze nachgeliefert - nach dem Urlaub auf den Seychellen.

A Voice
00
25.1.2012, 18:13
Das dürften wenige gelesen haben

[Wenn richtig implementiert, bedeuten Reformen der Arbeitsmärkte und sozialen Schutzsysteme, dass Europäer weniger Stunden pro Woche und weniger Wochen im Jahr arbeiten können. Es ist aber nicht möglich, die Staatsfinanzen zu sanieren, wenn die Menschen auch weniger Jahre im Leben arbeiten] Was daran unfair und ausbeuterisch sein soll ist mir nicht klar. Den exorbitanten Überstundenmissbrauch abstellen, dafür Lohnnebenkosten und Besteuerung des Einkommens massiv senken und damit die vorhandene Arbeit besser aufteilen. Das würde halt bedeuten, daß sich Leistung lohnt, und nicht, zB erben.

I could lose my account for having a voice
09
25.1.2012, 18:12
Es gab mal eine Zeit, da hatte die CDU tatsächlich mal recht. Sie hat diesen Fehler aber rasch wieder korrigiert. Aus dem Ahlener Programm 1947:

"Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden. Nach dem furchtbaren politischen,wirtschaftlichen und sozialen Zusammenbruch als Folge einer verbrecherischen Machtpolitik kann nur eine Neuordnung von Grund aus erfolgen. Inhalt und Ziel dieser sozialen und wirtschaftlichen Neuordnung kann nicht mehr das kapitalistische Gewinn- und Machtstreben, sondern nur das Wohlergehen unseres Volkes sein. Durch eine gemeinschaftliche Ordnung soll das deutsche Volk eine Wirtschafts- und Sozialverfassung erhalten, die dem Recht und der Würde des Menschen entspricht, dem geistigen und materiellen Aufbau unseres Volkes dient und den inneren und äußeren Frieden sichert."

pox vobiscum
00
26.1.2012, 10:55

Der Kapitalismus ist wohl das effektivste Wirtschaftssystem, aber jedes Wirtschaftssystem, das nicht hauptsächlich dem Wohlergehen der Menschen und der Wohlstandsvermehrung möglichst aller dient, muss von den Menschen/der Politik dazu gebracht werden, dies doch zu tun.
Soweit die einfache Theorie, wenn nur die Leut/die Politik nicht so schlecht wären...

Gobi Todic
00
25.1.2012, 19:03

wow - sag das mal dem spindi, der fekter oder einem kopf.

QUANTUM
00
25.1.2012, 18:35

inzwischen schreiben wir 2012 und alte programme sind der vergessenheit anheimgefallen.

Flaschenpost
04
25.1.2012, 18:29
Donnerwetter...

so weit würden sich heute nicht mal Linke oder Grüne aus dem Fenster lehnen.

manniat
12
25.1.2012, 18:09

Ich glaube, da würde ein Zitat von Götz Werner (DM) gut passen: "Die Wirtschaft hat nicht die Aufgabe, Arbeitsplätze zu schaffen. Im Gegenteil. Die Aufgabe der Wirtschaft ist es, die Menschen von der Arbeit zu befreien."

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