Einschränkungen im www

Die Politik, im Netz gefangen

Leser-Kommentar | 26. Jänner 2012, 09:01

Offensichtlich wissen weiterhin nur "einige Nerds" wirklich über die Möglichkeiten und Gefahren des Internets Bescheid. Politik und Medien sollten diesem Thema mehr Zeit und Aufmerksamkeit widmen

Vor drei Jahren feierte das World Wide Web seinen 20. Geburtstag. Angetrieben von einigen enthusiastischen Menschen fand innerhalb von wenigen Jahren eine Revolution statt, die nicht jeder verstehen konnte: Menschen vernetzten sich, tauschten Informationen und Unterhaltung aus, das meiste davon kostenlos - etwas, das wohl den Grundsätzen der älteren Generationen widersprach. Vielleicht steht die aktuelle Politik genau deswegen den Problemen im Netz so ratlos gegenüber.

Dass der Computer in den 1990er-Jahren langsam Einzug in die meisten Haushalte Österreichs fand, musste für die Parteien anfangs unangenehm gewesen sein. Während es früher reichte, einige Fernsehsender und eine Handvoll Zeitungen zu beobachten, gab es plötzlich hunderte Medien, private Standpunkte konnten wesentlich weiter als über den eigenen Stammtisch verbreitet werden. Dass die Politik besorgt war, merkte man schnell, als die ersten netzpolitischen Aussagen auftauchten: Das Internet darf kein rechtsfreier Raum sein.

Kompetenz, wo Kompetenz benötigt wird

Fast 25 Jahre World Wide Web, fast 45 Jahre Internet. Und nach wie vor wird Politik hauptsächlich mit Beschränkungen gemacht. Anstatt früh auf diese vorhersehbare Evolution des Wirtschaftssystems zu reagieren und beispielsweise den Breitbandausbau am Land zu fokussieren, wurden hier in Österreich kaum Entscheidungen getroffen. Informatik-HTLs laufen nach wie vor unter der Überschrift "Schulversuch". Könnte ja sein, dass das ganze Internet wieder verschwindet.

Währenddessen reagierten junge Staaten wie Estland vorbildlich - das Land hat das Recht des Bürgers auf einen Internetanschluss gesetzlich verankert. Das Problem in Österreich: Auf solche Entwicklungen kann man nur eingehen, wenn man eine Ahnung hat, wie solche Systeme funktionieren und wofür man sie verwenden kann. So würde das Lesen einiger Fachliteratur reichen, um zu verstehen, dass DNS-Sperren absolut wirkungslos sind. Menschen, die der Gesellschaft Schaden anrichten wollen - und das wird stets als Argument für Beschränkungen verkauft -, können diese Sperren innerhalb von wenigen Minuten komplett problemlos umgehen. Trotzdem werden diese Stoppschild-Sperren nach wie vor von einigen politischen Richtungen vehement gefordert.

Anti-Counterfeiting Trade Agreement

Während sich Österreich mit DNS-Sperren und Vorratsdatenspeicherung beschäftigt, verhandelt die EU international über den nächsten großen Schritt Richtung Einschränkung: ACTA, das Anti-Counterfeiting Trade Agreement, soll internationale Standards bei Urheberrechtsverletzungen festlegen. In der EU wurde darüber in einer nichtöffentlichen Sitzung im Agrar- und Fischereirat beraten, und ACTA wurde beschlossen. Dort versammelt sich offenbar die informationstechnologische Kompetenz der EU.

Stop Online Piracy Act

Doch sind nicht nur Österreich und die EU betroffen: Als in den Vereinigten Staaten vor kurzem im Senat über SOPA (Stop Online Piracy Act, ein Gesetz zur Ermöglichung von Internetsperren) diskutiert wurden, reagierten mehrere Senatoren mit der Aussage, dass sie eigentlich gar nicht wissen, worum es geht. Man sollte lieber zuerst einige "Nerds" (O-Ton) befragen. Diese Geringschätzung hat System, und diese Geringschätzung der Informatik wird langsam zum Problem für das System.

Der vierte Stand schläft

Doch das Problem ist nicht nur in der Politik vorhanden. Auch die etablierten Medien standen Anfangs vor großen Problemen, wie sie auf das World Wide Web reagieren sollten. Selbst heute versuchen große Medien wie die "New York Times", das Prinzip des freien Informationsaustauschs zu umgehen, um sich hinter (meist schlecht implementierten) Paywalls zu verstecken. Es ist nicht überraschend, dass das in den seltensten Fällen Erfolg hat.

Was aber noch viel schlimmer ist: Vor wenigen Tagen fand eine einmalige Aktion statt. Hunderte Großfirmen, Privatleute, Organisationen und Medien kämpften gemeinsam gegen den US-amerikanischen SOPA-Entwurf. Die englische Wikipedia wurde gesperrt, Google änderte sein Logo, Facebook wies darauf hin, und selbst diverse Pornoseiten beteiligten sich an der Aktion. Über dieses einmalige Ereignis wurde im ORF in der "Zeit im Bild" ganze sieben Sekunden lang berichtet. Zum Vergleich: Der Beitrag über den neuen Muppet-Kinofilm bekam die zehnfache Sendezeit. Selbst in Zeitungen wurde die Aktion fast ausschließlich auf diverse Technik-Seiten ausgelagert, obwohl es sich hier natürlich eigentlich um ein politisches Thema handelt.

Wenn die Medien und die Politik sich nicht bald darauf besinnen, diesem Thema mehr Zeit und Aufmerksamkeit zu widmen, kann es niemanden wundern, dass Organisationen wie Anonymous weiterhin mit Attacken auf Regierungswebseiten auf die Thematik hinweisen müssen. Das Internet ist ein einmaliges, freies System. Und wird sollten alles dafür tun, dass das auch so bleibt. (Leser-Kommentar, Lukas Linemayr, derStandard.at, 25.1.2012)

Autor

Lukas Linemayr, Jahrgang 1990, arbeitet bei einer Linzer Softwarefirma als Programmierer; http://www.facebook.com/archaeoastronom

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16 Postings
Erzpiefke
 
00
27.1.2012, 07:33
Der Staat muß sich nur aus dem Internet raushalten,

mehr braucht er nicht zu tun, aber genau da fällt den notorischen Bevormundern und Verbürokratisierern so schwer.

Reich sein muss sich lohnen!
00
27.1.2012, 09:57
Na da gäbs aber schon Dinge wo er sich einbringen sollte

Etwa um die Netzneutralität zu sichern, die Grundrechte gehören endlich auf die neuen Technologien erweitert (zB. Briefgeheimnis auf E-Mails) und auch ein neues Grundrecht auf (Breitband)Internet wäre wünschenswert.

Der Staat (eigentlich die Politik) steht im Moment bloß auf der falschen Seite.

Erzpiefke
 
00
28.1.2012, 12:32

Natürlich gibt es auch beim Internet-Anschluß Verbraucherschutz und hierfür setzt natürlich der Staat die Rahmenbedingungen. Von einem Recht auf Breitbandinternet halte ich nichts. Den letztlich sind private Unternehmen für diese Investitionen zuständig und die müssen auf Profitabilität achten. Wo sich Breitband-internet nicht lohnt, muß eben der Staat mit Subventionen nachhelfen, aber auch hier dürfen die Mittel nicht unverhältnismäßig eingesetzt werden.

3ch0
00
26.1.2012, 22:05

Schluss mit der www-Mystik.
Alle wissen genau über dessen Potential bescheid, der freie Informationsfluss als Vorbedingung einer freien Gesellschaft wird nunmal von seiten der Macht als Bedrohung angesehen - zu Recht.
Und deshalb wird versucht, die Bastion zu halten. Vergebens, natürlich

byron sully
00
26.1.2012, 15:42

in der zeit, als wesentliche grundrechte eingeführt wurden (z.b. das briefgeheimnis) gab es noch keine computer, deswegen konnten in dem bereich auch keine schutzbestimmungen bzw. grundfreiheiten verfaßt werden.
das, was vor jahrzehnten festgeschrieben wurde, läßt sich nicht so leicht aufheben (auch wenn die heutigen politikerInnen wohl liebend gerne das briefgeheimnis völlig abschaffen würden). im web gibt es diese schutzmechanismen nicht, da kann sich die politik dann natürlich so autoritär bis totalitär aufführen, wie sie will.
dort, wo echter schutz notwendig wäre (nämlich bei privaten daten), wird nichts getan bzw. überwacht, was das zeug hält. und dort, wo es um freiheit geht, werden auf einmal "schutzgesetze" eingeführt.

O5
60
26.1.2012, 15:24

Die Frage stellt sich mir was Linemayr tun würde um sicherzustellen dass die Urheberrechte im Internet gewahrt bleiben. Wenn die Produkte die er programmiert raubkopiert werden und er deshalb seinen Job verliert wär er wohl auch nicht sehr erfreut. Nur zu jammern ohne selbst konkrete Vorschläge zu liefern ist halt doch etwas schwach.

desteufelsbeitrag
02
26.1.2012, 20:19

Sie sind schon ein bissl ein Dodl und obendrein wohl nicht in der Lage auf Links unter dem Kommentar zu klicken.

Der junge Mann programmiert nicht das, was der Durchschnittsösterreicher ohne Ahnung von IT erwarten würde, nämlich PhotoshopWord-Spiele die man auf "Tauschbörsen" wie Megaupload finden kann, sondern ist im Web Development tätig. So etwas umfasst in der Regel, so wie sehr viel andere Programmiertätigkeit, maßgeschneiderte Lösungen für Unternehmen, die nicht einfach "raubkopiert" werden können.

Alter Falter. Mit solchen beschränkten Ansichten von Forenusern ist es kein Wunder, dass bei der politischen Netzdiskussion noch weniger als nix herauskommt...

MrTee
01
27.1.2012, 12:36

O5 zeichnet sich eben durch hirnlose 2 Zeiler aus. Mehr kann er nicht.

Steve Anorizz
02
26.1.2012, 11:18

Sehr guter Artikel, allerdings wird hier auch nicht genau erklärt, was ACTA machen kann. ACTA kann nämlich unter anderem erlauben, Webseiten einfach vom Netz zu nehmen. Und da dieses Abkommen international ist - die USA machen genauso mit wie Österreich - können die USA nun auch Inhalte bei uns sperren, die nicht in ihre Wertvorstellungen passen.

http://steveanorizz.wordpress.com/2012/01/2... nicht-auf/

Reich sein muss sich lohnen!
00
27.1.2012, 07:24
ACTA ist reiner Wahnsinn

Die ISPs (die Infrastruktur-Anbieter, von ihnen kommen sozusagen die Straßen für Daten) sollen für die Inhalte der User haftbar gemacht werden.

Das ist so, als wenn ich ein Auto klauen würde, und die Asfinag dann dafür zur Verantwortung gezogen werden würde, weil ich damit ja auf ihren Autobahnen unterwegs gewesen wäre.
Das Resultat wäre, dass man auf jeder Autobahnauffahrt angehalten und kontrolliert wird ob man mit dem Auto mit dem man da Unterwegs ist auch wirklich fahren darf.
Und die ISPs müssten sich eben jedes Bit ihrer Kunden ansehen, und dann entscheiden ob der Kunde berechtigt ist dieses Bit zu senden oder zu empfangen. Die totale Überwachung.

ACTA ist ein Angriff der Regierungen auf uns.

wurm83
 
00
26.1.2012, 10:33
aber eigentlich sit es egal oder?

denn eben jenes unverständis der politk führt ja auch dazu, dass alle "einschränkenden" maßnahmen defakto wertlos sind oder?

sie können noch so hohe strafen auf illegale downloads ausrufen, wenn 2 millionen österreicher illegal downloaden wird es trotzdem nicht möglich sein diese einzusperren oder alle "zahlen" zu lassen..

sobald einer angeklagt wird machen einfach alle anderen eine selbstanzeige...dann gehen 2 millionen österreicher in die privat insolvenz und österreich ist bankrott!

keywords
00
26.1.2012, 11:43

das problem ist halt, dass dann leute drunter leiden, die damit net viel am hut haben.

zum beispiel die massenabmahnungen von anwälten, die sich damit ein nettes geschäft lukrieren. oder irgendwelche teenies, die den text ihres lieblingssongs zwischen zwei einhörnern auf die homepage posten. oder eine mutter, deren sohn über ihren computer ein paar lieder gesaugt hat.

wurm83
 
00
26.1.2012, 12:05
kein problem erkennbar

nocheinmal: wir gründen einen verein und ab einer gewissen mitgleiderzahl...sagen wir mal 200.000

machen einfach alle mitgleider des vereins eine selbstanzeige sobald irgendein bürger wegen solcher vergehen angeklagt wird...

das ist:

1. nicht abzuarbeiten für die justiz
2. selbst wenn doch, dann gehen wir einfach aufgrund der hohen strafen alle in privatinsolvenz
--> das wiederum kann sich der staat einfach nicht leisten!

das würde übrigens beim kiffen sogar noch besser funktionieren!

johannes schenk1
00
27.1.2012, 09:14
Beim Kiffen wird es leider auch nicht

funktionieren - obwohl ich hier keine Probleme damit hätte, weil niemandem etwas weggenommen wird...

johannes schenk1
00
27.1.2012, 09:12
Sie werden die Mitglieder nicht finden, denn

die meisten Downloader wissen, dass es eigentlich nicht legal ist - also werden sie nicht bei den ersten sein wollen, die mitmachen.
Und wenn Sie sie finden, hätte die Justiz immer noch die Möglichkeit, sich an die "Redelsführer" zu halten. Die müssen dann die ganze Suppe auslöffeln und die Anderen stehlen sich leise davon...

Im Übrigen habe ich keine Lösung - denn ich finde auch, dass Urheber und Verwertungsrechte geschützt gehören und habe auch schon - wahrscheinlich illegal - heruntergeladen.
Ich wäre aber meistens durchaus bereit gewesen einen angemessenen Preis zu zahlen - nur: was ist angemessen?

großgoscherter Zwerghamster
00
26.1.2012, 10:16
Wir leben an der Schwelle zum Informationszeitalter

und benehmen uns noch immer so, als ob wir gerade mal ins industrielle Zeitalter eintauchen würden.

Veraltete Modell, veraltete Denkweisen, veraltete Lösungen - Konservativismus wohin man schaut.

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