Jahrestag in Ägypten

Zwiespältige Revolutionsfeiern in Kairo

Analyse | Gudrun Harrer, 25. Jänner 2012, 13:37

Hunderttausende Ägypter gedachten in Kairo und anderen Städten des Aufstands vor einem Jahr - und dessen Opfern

Kairo/Wien - Wie am 25. Jänner vor einem Jahr machten sich am Mittwoch zehntausende Ägypter und Ägypterinnen in Kairo auf, um aus allen Richtungen kommend auf dem zentralen Tahrir-Platz zusammenzukommen. Vor einem Jahr hatte sie alle ein Ziel vereint: das Ende des Regimes von Hosni Mubarak.

Genau genommen gab es bereits damals unterschiedliche Auffassungen darüber, wie radikal der Schnitt sein sollte. Manche Ägypter hätten sich mit den Reformversprechen zufriedengegeben, die der alte müde Mann vor seinem Rücktritt am 11. Februar in seinen Reden ablegte. Das war die erste Spaltung der Revolution. Dazu ließ die Unsicherheit auf den Straßen - zum Teil gewiss auch von Agenten des alten Regimes verbreitet - die Revolutionäre als Kraft dastehen, die zwar Befreiung, aber auch Chaos versprach.

Ein Jahr danach ist Ägypten politisch frei in dem Sinn, dass die erste gewählte Volksvertretung ihre Arbeit aufnehmen kann. Es ist ein Paradoxon, dass sie von Kräften dominiert wird, die die Revolution mehr oder weniger verschlafen haben - die Muslimbrüder - beziehungsweise nicht mitgetragen haben - die Salafisten. Gemeinsam kommen sie auf 70 Prozent. Jene Kräfte, die im Westen zu Recht als repräsentativ für die ägyptische Revolution und zu Unrecht als repräsentativ für die ägyptische Gesellschaft angesehen wurden, sind in diesem Parlament völlig marginalisiert. Die Erklärung für ihre Niederlage bei den Wahlen, nämlich dass sie politisch schlecht organisiert waren, greift viel zu kurz. Ägypten ist konservativ.

Salafisten nehmen an Politik teil

Das heißt nicht, dass alles beim Alten blieb. Die zwei großen islamistischen Blöcke mussten sich, um vom Umsturz zu profitieren, zumindest äußerlich radikal wandeln: die Muslimbrüder mit der Gründung einer Partei (Freiheits- und Gerechtigkeitspartei, FJP), im Grunde also einer Entpolitisierung der "alten" Bruderschaft. Da aber das Personal - typisch dafür der Parlamentssprecher Saad al-Katatni - von einer Sphäre in die andere gehievt wurde und den Muslimbrüder-Mitgliedern untersagt wurde, eine andere Partei als die FJP zu wählen, bleibt noch zu sehen, was aus dieser angeblichen Trennung wird. Für die Salafisten bedeutete der Politikeinstieg überhaupt einen radikalen Bruch: Sie nehmen nun an politischen Prozessen und Institutionen teil, die sie im Grunde als "unislamisch" ablehnen.

Die Feiern zum ersten Revolutionstag wurden vom Obersten Militärrat organisiert - der am 11. Februar die Revolution entschieden hatte, indem er Mubarak in die Pension schickte. Aus heutiger Sicht würde man eher das Wort Militärputsch bemühen, am ersten Jahrestag wird jedenfalls auf dem Tahrir-Platz das Ende der Herrschaft der Junta von Feldmarschall Mohammed Hussein Tantawi gefordert. Auch international werden ihr die allerschlechtesten Noten ausgestellt, was Menschenrechte, Pressefreiheit, Machtteilung etc. betrifft.

Das Match um die Macht wird aber nicht auf dem Tahrir-Platz entschieden werden, sondern hinter den Kulissen, zwischen Muslimbrüdern und Militärs. Die ungute Erwartung ist, dass sich die beiden größten Gruppen arrangieren. Schon bei den großen Demonstrationen vor den Parlamentswahlen nahmen die Muslimbrüder nicht mehr teil. Nächstes Jahr um die Zeit wird man mehr über Ägypten wissen: Da gibt es eine neue Verfassung und einen neuen Präsidenten.(DER STANDARD Printausgabe, 26.1.2012)

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15 Postings
brrrrrr
01
25.1.2012, 17:29
bild1

sein Engagement in Ehren aber sollte Don Didi nicht beim Training sein?

frettchen mit duftnote
21
25.1.2012, 12:36
nicht vergessen: der Iran zündelt jetzt überall!

Bahrein, Saudi-Arabien, Lybien, Afghanistan, Ägypten.
Ziel: totale Destabilisierung, Rauftreiben des Erdöl-Preises. Dies als legitime Returkutsche für das von den USA diktierte Öl-Embargo.

Utrillitn
20
25.1.2012, 15:18

Ich glaub, sie suchen die Zündler in der falschen Tischlade.

Der Waehlerwille
 
01
25.1.2012, 17:53
sprechen Sie sich ruhig aus ...

higgs - wozu?
33
25.1.2012, 10:52

respekt - da heißt es duchhalten und jede marionette, die euch die amis vor die nase setzen wollen prompt über den großen teich zurückzuschleudern, in die globale puppenwerkstatt.
ich glaub die ägypter sind schon um eineige schritte weiter als wir, beim durchschauen des spiels

Santino Corleone
39
25.1.2012, 12:01
Bin gespannt ob sie es auch noch so super finden

wenn dort erstmal die Scharia und die Burkapflicht eingeführt wird.

Ernst Dünger
00
25.1.2012, 19:20
bald

werden die Auswirkungen des islamischen Frühlings auch in Europa deutlich zu spüren sein.

dann braucht es eine kompromisslose Führungspersönlichkeit an der Spitze des Staates.

nemo sander
62
25.1.2012, 14:35
Gibt es nicht mal inovativere wortkanonen

Neben "burkapflicht" und co. um die "antieuropaer" zu markieren? Burka gibt es nur bei paschtunen, ein teil der salafitischen aegypterinnen traegt niqab und scharia vilt in religioesen angelegenheiten und im personenstandsrecht sowieso schon immer. Vielleicht wird es mal zeit andere menschen die nicht ein clon europas sind ihren eigenen weg und eine eigenstaendige identitaet zuzugestehen.

prusiner
03
25.1.2012, 17:46
alles klar

Niquab ist ja etwas gaaaanz anderes als Burka
Immer dieser mangelnde Differenzierungswille..

higgs - wozu?
11
25.1.2012, 12:42

ich glaube dazu bedarf es abermals der manipulation - ob jetzt durch politclowns oder prediger ist egal, und ich glaube aber, daß die zeiten der leicht zu manipulierenden massen vorbei sind, weil es heute viel leichter ist, sich neutral zu informieren und die manipulation zu durchschauen - wenn es nicht so wär, hätten die ägypter die erste marionettenregierung, die man ihnen vor die nase gesetzt hat akzeptiert - haben sie aber nicht, sie haben weiterprotestiert, weil sie eben die manipulation genau erkannt haben

Gegen Studiengebühren kämpfen!
32
25.1.2012, 10:47
Lang lebe die ägyptische Revolution!

Für alle Interessierten gibt's hier (rechtzeitig zum Jahrestag) eine neue Broschüre mit Texten von Sameh Naguib, Alex Callinicos und Anne Alexander.

http://www.linkswende.org/5635/Revo... n-Aegypten

NONE
24
25.1.2012, 10:18

Wozu demonstrieren die?

Das Militärregime ist noch immer da und hat sich mit den Verrätern, den Muslimbrüdern, verbündet. Und die Salafisten sind überhaupt jenseits dieser Welt. Wer grundlos Studenten niederprügelt ist genausoschlimm wie ein Militärregime das Demonstranten erschiesst.

Viel Tantam aber alles bleibt beim Alten.

prusiner
03
25.1.2012, 17:24
nicht ganz

die Militärs spielen noch immer die erste Geige, die Religiösen sind stärker ..

aber die Wirtschaft ist völlig hinüber; das Geld reicht nicht mehr lange, um die gewaltigen Weizenimporte zu finanzieren, die für die Lebensmittelversorgung (zu einem großen Teil mit stark subventioniertem Brot) erforderlich sind; einen kleinen Vorgeschmack für die Folgen gab es bereits 2008;

I could lose my account for having a voice
11
25.1.2012, 12:04

Bei uns sind die Studierenden schon so konditioniert, dass sie nach dem verprügelt werden fragen, ob es dafür ECTS gibt.

Ernst Guevara
00
25.1.2012, 09:46
der ausnahmezustand

wurde sicher nicht "mißbraucht", um politische gegner mundtot zu machen, im gegenteil, der ausnahmezustand verfolgt nahezu überall genau diesen zweck!

davon abgesehen, hier eine pessimistische einschätzung der lage in ägypten:

Die gestohlene Revolution
http://jungle-world.com/artikel/2... 44692.html

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