Bohrende Fragen zum "Fracking"

  • Die Bürger von Poysdorf zeigen auf: Bei der ersten 
Informationsveranstaltung der OMV zur geplanten Schiefergasförderung im 
Weinviertel wurde kaum ein Anwohner vom Vorhaben überzeugt.
    foto: robert newald

    Die Bürger von Poysdorf zeigen auf: Bei der ersten Informationsveranstaltung der OMV zur geplanten Schiefergasförderung im Weinviertel wurde kaum ein Anwohner vom Vorhaben überzeugt.

Die OMV will im Weinviertel im großen Stil Schiefergas abbauen, die Bürger von Poysdorf sind nur mäßig begeistert

Poysdorf - Draußen vor der Tür des Poysdorfer Kolpinghauses steht ein Container des Bundesheeres, in dem die fachgerechte Trinkwasseraufbereitung demonstriert wird. "Was? Zeigen s' uns jetzt schon, wie s' nachher das Grundwasser wieder sauber kriegen?"

Die Poysdorfer Bevölkerung, die zur Informationsveranstaltung der OMV strömt, hat sich im Vorfeld über die möglichen Auswirkungen des Schiefergas-Abbaus ausführlich informiert. Notgedrungen - nachdem vergangenen November ruchbar wurde, war, dass die OMV im Weinviertel genau das vor hat: Schiefergas fördern im großen Stil.

Vor allem die Berichte aus den USA schrecken ab, wo im Bundesstaat Pennsylvania das "Fracking" - abgeleitet von "hydraulic fracturing" - massiv betrieben wird (der Standard berichtete). Dabei wird zunächst ein Bohrloch in die Tiefe getrieben, wo das in Gestein eingeschlossene Methan schlummert. Danach wird mit einem Chemiecocktail angereichertes Wasser mit Hochdruck hinuntergepumpt und das Gestein regelrecht aufgesprengt - und so das Erdgas freigesetzt, das anschließend nach oben strömt.

Allerdings: In den USA kommt ein Gutteil des nun auch mit Schwermetallen und radioaktiven Stoffen angereicherten Giftwassers wieder an die Oberfläche und wird in Teichen gelagert. Gelegentlich tritt die Brühe aus, und schwere Kontaminierungen sind die Folge. Auch der Dokumentarfilm Gasland hat sich richtig ins Bewusstsein eingebrannt - vor allem jene Sequenz, in der in einem Haushalt ein Feuerzeug an einen Wasserhahn gehalten wird und das mit dem Wasser ausströmende Methan mächtig verpufft.

In Poysdorf drängen sich daher die Menschen in dem nach Joseph Kolping benannten Haus - von dem auch sinnigerweise der Satz stammt: "Die Menschen werden selten durch fremden Schaden klug." Drinnen, im überfüllten Saal, beteuern Christopher Veit und Hermann Spörker von der OMV, dass aber genau das nicht der Fall sei: "Wir haben gesehen, mit dem traditionellen Fracking kommen wir nicht weiter. Wenn es uns nicht gelingt, das Projekt anders zu gestalten, wird es auch keine Förderung geben."

Wie Marmelade einkochen

Und jetzt wird auch der wahre Grund für den Bundesheereinsatz vor dem Kolpinghaus aufgeklärt: Denn es soll eine vollkommen neue Methode zum Einsatz kommen. Das Wasser soll nicht mit Chemikalien oder Bioziden versetzt werden, sondern wie bei Kriseneinsätzen keimfrei gemacht werden. Das alles wird bildreich verständlich gemacht: Das Wasseraufbereiten sei wie daheim im Swimmingpool. Und dann werde das Wasser mit Sand und Maisstärke angereichert, um die aufgebrochenen gasführenden Schichten zu stützen - das sei im Grunde "wie Marmelade einkochen".

Bei den Poysdorfern und ihren Nachbarn kommt das nicht wirklich an. "So leicht wie Marmelade lasse ich mich als Weinviertlerin nicht einkochen", lautet die Antwort aus dem Publikum. "Je weiter solche Methoden vorangetrieben werden, desto mehr werden die alternativen Energien nach hinten geschoben."

Aber gerade Erdgas sei doch für den Übergang zur nachhaltigen Energieerzeugung "ein idealer Partner". Es werde weniger CO2 als bei Öl freigesetzt, und daher sei Schiefergas eine wunderbare "Brückenenergie", argumentieren Veit und Spörker.

Im Übrigen habe auch sie der Film mit dem brennenden Wasserhahn betroffen gemacht, beteuern die OMV-Vertreter. "Aber wir produzieren schon seit 60 Jahren Öl und Gas in dieser Region. Wir werden auch diesmal kein Gas ins Grundwasser oder in die Atmosphäre bringen."

Öl auf der Zaya

Doch das Weinviertler Gedächtnis ist ein nachhaltiges: "Und warum hat es dann Öl geregnet? Warum schwamm Öl auf der Zaya? Warum musste Erdreich von ganzen Feldern abgetragen werden, wenn noch nie etwas passiert ist?" Die Antwort vom Podium: "Entscheidend ist, wie man mit Verantwortung umgeht, auf Unfälle reagiert und alles wieder in Ordnung bringt."

Die Zweifel daran, dass nach dem Beginn der Bohrungen ab 2013 alles in Ordnung bleibt, können aber nicht ausgeräumt werden: "Mühsam haben wir einen sanften Tourismus aufgebaut. Wir haben dafür Preise gewonnen und Nächtigungszuwächse von 30 Prozent. Was ist jetzt unser nächstes Tourismuskonzept? Bungeejumping vom Bohrturm?" Und ein Landwirt, der in seinem Betrieb die Energieautarkie bereits lebt: "Es geht den Konzernen doch nur ums Abzocken. Wie lange wollen Sie noch mit dem Rücken zur Sonne nach Öl und Gas bohren?" (Roman David-Freihsl, DER STANDARD, Printausgabe, 25.1.2012)

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