Die OMV will im Weinviertel im großen Stil Schiefergas abbauen, die Bürger von Poysdorf sind nur mäßig begeistert
Poysdorf - Draußen vor der Tür des Poysdorfer Kolpinghauses steht ein
Container des Bundesheeres, in dem die fachgerechte Trinkwasseraufbereitung
demonstriert wird. "Was? Zeigen s' uns jetzt schon, wie s' nachher das
Grundwasser wieder sauber kriegen?"
Die Poysdorfer Bevölkerung, die zur Informationsveranstaltung der OMV strömt,
hat sich im Vorfeld über die möglichen Auswirkungen des Schiefergas-Abbaus
ausführlich informiert. Notgedrungen - nachdem vergangenen November ruchbar
wurde, war, dass die OMV im Weinviertel genau das vor hat: Schiefergas fördern
im großen Stil.
Vor allem die Berichte aus den USA schrecken ab, wo im Bundesstaat
Pennsylvania das "Fracking" - abgeleitet von
"hydraulic fracturing" - massiv betrieben wird (der Standard berichtete). Dabei
wird zunächst ein Bohrloch in die Tiefe getrieben, wo das in Gestein
eingeschlossene Methan schlummert. Danach wird mit einem Chemiecocktail
angereichertes Wasser mit Hochdruck hinuntergepumpt und das Gestein regelrecht
aufgesprengt - und so das Erdgas freigesetzt, das anschließend nach oben strömt.
Allerdings: In den USA kommt ein Gutteil des nun auch mit Schwermetallen und
radioaktiven Stoffen angereicherten Giftwassers wieder an die Oberfläche und
wird in Teichen gelagert. Gelegentlich tritt die Brühe aus, und schwere
Kontaminierungen sind die Folge. Auch der Dokumentarfilm Gasland hat sich
richtig ins Bewusstsein eingebrannt - vor allem jene Sequenz, in der in einem
Haushalt ein Feuerzeug an einen Wasserhahn gehalten wird und das mit dem Wasser
ausströmende Methan mächtig verpufft.
In Poysdorf drängen sich daher die Menschen in dem nach Joseph Kolping
benannten Haus - von dem auch sinnigerweise der Satz stammt: "Die Menschen
werden selten durch fremden Schaden klug." Drinnen, im überfüllten Saal,
beteuern Christopher Veit und Hermann Spörker von der OMV, dass aber genau das
nicht der Fall sei: "Wir haben gesehen, mit dem traditionellen Fracking kommen wir nicht weiter. Wenn es uns nicht
gelingt, das Projekt anders zu gestalten, wird es auch keine Förderung geben."
Wie Marmelade einkochen
Und jetzt wird auch der wahre Grund für den Bundesheereinsatz vor dem
Kolpinghaus aufgeklärt: Denn es soll eine vollkommen neue Methode zum Einsatz
kommen. Das Wasser soll nicht mit Chemikalien oder Bioziden versetzt werden,
sondern wie bei Kriseneinsätzen keimfrei gemacht werden. Das alles wird
bildreich verständlich gemacht: Das Wasseraufbereiten sei wie daheim im
Swimmingpool. Und dann werde das Wasser mit Sand und Maisstärke angereichert, um
die aufgebrochenen gasführenden Schichten zu stützen - das sei im Grunde "wie
Marmelade einkochen".
Bei den Poysdorfern und ihren Nachbarn kommt das nicht wirklich an. "So
leicht wie Marmelade lasse ich mich als Weinviertlerin nicht einkochen", lautet
die Antwort aus dem Publikum. "Je weiter solche Methoden vorangetrieben werden,
desto mehr werden die alternativen Energien nach hinten geschoben."
Aber gerade Erdgas sei doch für den Übergang zur nachhaltigen
Energieerzeugung "ein idealer Partner". Es werde weniger CO2 als bei Öl
freigesetzt, und daher sei Schiefergas eine wunderbare "Brückenenergie",
argumentieren Veit und Spörker.
Im Übrigen habe auch sie der Film mit dem brennenden Wasserhahn betroffen
gemacht, beteuern die OMV-Vertreter. "Aber wir produzieren schon seit 60 Jahren
Öl und Gas in dieser Region. Wir werden auch diesmal kein Gas ins Grundwasser
oder in die Atmosphäre bringen."
Öl auf der Zaya
Doch das Weinviertler Gedächtnis ist ein nachhaltiges: "Und warum hat es dann
Öl geregnet? Warum schwamm Öl auf der Zaya? Warum musste Erdreich von ganzen
Feldern abgetragen werden, wenn noch nie etwas passiert ist?" Die Antwort vom
Podium: "Entscheidend ist, wie man mit Verantwortung umgeht, auf Unfälle
reagiert und alles wieder in Ordnung bringt."
Die Zweifel daran, dass nach dem Beginn der Bohrungen ab 2013 alles in
Ordnung bleibt, können aber nicht ausgeräumt werden: "Mühsam haben wir einen
sanften Tourismus aufgebaut. Wir haben dafür Preise gewonnen und
Nächtigungszuwächse von 30 Prozent. Was ist jetzt unser nächstes
Tourismuskonzept? Bungeejumping vom Bohrturm?" Und ein Landwirt, der in seinem
Betrieb die Energieautarkie bereits lebt: "Es geht den Konzernen doch nur ums
Abzocken. Wie lange wollen Sie noch mit dem Rücken zur Sonne nach Öl und Gas
bohren?" (Roman David-Freihsl, DER STANDARD, Printausgabe, 25.1.2012)