Vor Gericht will die Habsburg-Käufergruppe ihre Anteile bei den früheren WAZ-Zeitungen erstreiten
Sofia/Istanbul - Die einen wollten mit wenig Geld in der Kasse das Erbe des WAZ-Konzerns in Bulgarien antreten. Der andere blieb im Hintergrund und zahlte. Ohne viel schriftliche Vereinbarungen stiegen die Käufergruppe um Karl von Habsburg und der Pharmahersteller Ognyan Donew in ihr 40-Millionen-Euro-Geschäft zur Übernahme von zwei der auflagenstärksten Zeitungen des Landes, inklusive Druckerei und lukratives Verlagshaus in Sofia.
Die Geschäftsbeziehung hielt nicht lange: Als "unheimlich und kriminell" beschreibt die österreichische Seite die Partner rund um den Industriellen Donew. "Wann haben die sich entschieden zu klauen?", fragt dagegen der Pharma-Boss provokativ und wirft den Wienern vor, sie hätte es auf sein Geld abgesehen.
Nun wird sich das Stadtgericht Sofia mit dem Kauf der Zeitungen Trud, 24 Chassa und 168 Chassa vom Dezember 2010 beschäftigen. Ungereimtheiten und schwer nachvollziehbare Punkte gibt es in den Versionen beider Seiten. "Wir haben Fehler gemacht, keine Frage", sagt Hristo Grosew, einer der Partner der Wiener Gruppe, im Gespräch mit dem STANDARD in Sofia. Er kämpft in Bulgarien um die verlorenen Anteile in der neuen Eigentümergesellschaft von Trud und Chassa. Habsburg selbst tritt kaum in Erscheinung; Daniel Rutz, ein deutscher Investmentbanker und der Dritte im Bunde, zog sich entnervt zurück.
Der Einstieg des Trios in Bulgarien war ein "gamble": Habsburg, Grosew und Rutz hatten auch nicht annähernd das Kapital für den Kauf der Zeitungen, doch der WAZ-Konzern machte es ihnen leichter. Die Essener wollten auf keinen Fall, dass Trud und Chassa an die Konkurrenz in Bulgarien gingen, die Neue Bulgarische Mediengruppe (NMB), ein mächtig gewordenes Imperium mit zweifelhaften Beziehungen zu Unternehmen und Parteien. Die Wiener Käufergruppe stand dagegen für westeuropäisch-demokratische Standards. Sie musste nur noch einen bulgarischen Finanzier mit seriösem Image finden: Ognyan Donew, Chef des Pharma-Unternehmens Sopharma und des bulgarischen Arbeitgeberverbands.
Sonntags beim Notar
Sechs Mio. Euro wollte die Wiener Seite investieren - knapp ein Siebtel der Kaufsumme - und dafür am Ende 34 Prozent der Anteile und gleichberechtigte Mitsprache bei der Führung der Zeitungen bekommen. Als der Kauf am 14. Dezember 2010 über die Bühne geht, hatte sie noch keinen Cent eingebracht. "Zum Tag der Unterzeichnung ist es eine Null gewesen", stellt Donew fest.
Grosew selbst erhält vertragsgemäß zwei Mio. Euro für die Vermittlung des Geschäfts mit der WAZ. Vier Mio. hat die Wiener Gruppe schließlich an die Partner nach Sofia überwiesen, als sie im März 2011 ausgebootet wird. Ljubomir Pawlow ist es, ein Medienunternehmer und Ognyan Donews Manager in der neuen Zeitungsgesellschaft, der im Alleingang an einem Sonntag bei einer Notarin in Sofia zunächst 83 Prozent der Anteile an den Pharmahersteller überschreiben lässt. Pawlow nutzt eine Vollmacht, die ihm Hristo Grosew einmal gab und deren Ablauffrist zwar mündlich verabredet worden sein soll, aber nicht schriftlich niedergelegt wurde. Auch über die Aufteilung der Anteile in der neuen Gesellschaft, der Bulgaria Media Holding, hat es nie eine schriftliche Vereinbarung gegeben. Die Bulgaren ließen die Wiener Gruppe zappeln, unterschrieben nichts.
"Ich wollte helfen, aber nicht mittendrin der wichtigste Aktionär werden. Es hat sich so ergeben, dass ich es werden musste", sagt Donew heute. Er wirft Grosew und dessen zwei Partnern vor, das Unternehmen mit seinem Kapital an sich reißen zu wollen. Grosew dagegen berichtet von merkwürdigen Umständen bei der Finanzierung des Kaufs: Donew steuerte zunächst 16 Mio. Euro aus seinem Vermögen zu. Ein Bankkredit über 24 Mio. Euro aber sei nicht wie vereinbart durch die Vermögenswerte der Zeitungen abgesichert worden, sondern durch "Garanten", deren Namen die Wiener nicht erfahren sollten. "Wie immer in Bulgarien ist nicht klar, wer hinter wem steht", sagt ein ausländischer Kenner der Medienszene in Sofia. Auch die Chefin der NMB, Irena Krastewa, sei nur "Fassade". Zur NMB zählen Bulgariens auflagenstärkstes Boulevardblatt Telegraf, die größte Wochenzeitung Weekend, die Sender TV7 und BBT, die Tageszeitung Monitor, vielleicht auch Standart.
Die Geheimnistuerei um den Bankkredit alarmierte die Wiener Käufergruppe. Daniel Rutz pochte auf Einsicht, flog nach Sofia und machte in einem unbeobachteten Moment mit seinem Mobiltelefon ein Foto von einer Seite des Vertrags. Vier Firmen seien dort als Garanten aufgeführt. Sie sollen Pawlow gehören und mit weiteren seiner Firmen zusammenhängen, die in Großbritannien und auf Zypern registriert sind. "Der Kredit war eigentlich kein Kredit", behauptet Hristo Grosew: "Wir stießen auf eine Geldwäschekette."
Donew erklärt, er sei mit dem Kredit nicht vertraut, den sein Geschäftsfreund Pawlow abgewickelt hatte. Donew hält derzeit 40 Prozent der Anteile, 43 Prozent verkauft er nach dem Coup im März 2011 gleich wieder an Pawlow. Hinter dem Wiener Käufer-Trio vermutet er die NMB und deren Hintermänner, die sich verdeckt bei Trud und Chassa einkaufen wollten: "Ich brauche da nicht zu raten, es wurde mir gesagt." Donew berichtet von einem Treffen, das zwischen ihm, dem bulgarischen Premier Boiko Borissow und dem Bankier der NMB, Tswetan Wassilew, arrangiert worden sei. "Ihr seid doch erfahrene Geschäftsleute", soll Borisow gesagt haben. Er empfahl den beiden, sich gefälligst zu einigen. Wassilew führt die Corporate Commercial Bank, bei der ein Großteil der öffentlichen Unternehmen in Bulgarien Kredite aufnehmen. Vor Gericht werden Donew und Grosew nun ihre Versionen über den Kampf um Macht und Monopol in Bulgarien präsentieren. (Markus Bernath/DER STANDARD; Printausgabe, 25.1.2012)