Rekordbeteiligung am Weltwirtschaftsforum in Davos - Heuer kein Protestmarsch
So viele Teilnehmer wie noch nie kommen heuer nach Davos: 2600 pilgern zum
Weltwirtschaftsforum, das heute, Mittwoch, von der deutschen Bundeskanzlerin
Angela Merkel eröffnet wird. "Je schlechter es der Wirtschaft geht, desto größer
ist der Andrang", diagnostiziert Klaus Schwab, der das Forum 1971 gegründet hat.
Die Welt sei im Umbruch und befinde sich "unter dem Eindruck eines globalen
Burnout-Syndroms". Sein überraschendes Fazit: "Wir haben die Lektionen aus der
Finanzkrise nicht gelernt."
Da schon Schwab den Kapitalismuskritiker gibt, ist es wenig überraschend,
dass heuer der übliche Protestmarsch der Globalisierungskritiker abgesagt wurde.
Einige Aktivisten der Occupy-Bewegung wollen jedoch ein Iglu-Camp aufbauen.
Schwabs Vorgaben für das weltweit wichtigste Treffen der Wirtschaftselite mit
insgesamt 40 Staats- und Regierungschefs lauten: "Der Kapitalismus in der
bisherigen Form passt nicht länger zu unserer Welt. Lassen Sie uns Lösungen
suchen!"
So viele Risikofaktoren wie noch nie listet heuer der "Global Risk Report"
auf: Dazu gehören "chronische finanzielle Ungleichgewichte", massive
Einkommensunterschiede, Lebensmittelkrisen und Cyber-Attacken. Folgerichtig
steht das heurige Treffen unter dem Motto "Die große Transformation - neue
Modelle gestalten".
Plattform
Die EU-Kommission will Davos als Plattform nutzen, um ihr Modell, wie
Großbanken stärker an die Kandare genommen werden können, mit Banken- und
Politikvertretern zu diskutieren. EU-Kommissar Michel Barnier sagte in einem
Interview, dass er eine schärfere Regulierung bei den Gehalts- und
Bonuszahlungen für Banker erwäge. Die Bezahlung von leitenden Bankangestellten
verglichen mit Anfängern in der Branche könnte begrenzt werden.
Wie schon in den Vorjahren werden die Debatten über die Krise in Europa
breiten Raum einnehmen. Die Chefin des Internationalen Währungsfonds, Christine
Lagarde, wird ebenso in Davos sein wie Weltbank-Präsident Robert Zoellick,
EZB-Chef Mario Draghi und die Finanzminister aller G-20-Staaten. Die USA
schicken auch heuer wieder US-Finanzminister Timothy Geithner. Der
österreichische Außenminister Michael Spindelegger will sich dagegen in Wien auf
der praktischen Ebene mit den Budgetproblemen befassen und sagte wegen der
Verhandlungen über das Sparpaket seinen Davos-Trip ab.
Damit der Kontakt der Mächtigen auch nach Davos nicht abreißt, startet der
indische Geschäftsmann Vivek Ranadivé in Davos ein "Facebook für Weltführer":
Auf Topcom sollen Obama, Merkel und Co beste Freunde sein. (Alexandra Föderl-Schmid aus Davos, DER STANDARD, Printausgabe, 25.1.2012)