Wiener Gasometer: Mit bombigen Miami-Vice-Drum-Beats und fräsenden Keyboardeffekten erzählte man von den White Lines früher in Rio
Wien - Irgendjemand hat sich ja wahrscheinlich etwas dabei gedacht, als er alte Wochenschau-aufnahmen von der Oktoberrevolution im Bühnenhintergrund flimmern ließ. Gegengeschnitten wurden sie mit Adolf Hitler sowie körnigen Schwarzweißfilmen über in Dingsland herumstehenden Kanonen, die mit Schießmunition beladen werden.
Entweder wurde der Tourbühnen-Designer anlässlich des nahenden Weltuntergangs mit einem dementsprechenden Auftrag ins Filmarchiv geschickt. Suchbegriffe: Apokalypse plus immer Saison plus Wiedererkennungsfaktor plus hoch. Es kann aber auch sein, dass Duran Duran das sentimentale, im Spätwerk der Band äußerst verhaltensunauffällige Trinklied Before The Rain auf eine dringlichere Relevanzebene wuchten wollten.
Die sich gut ausgehenden Reime auf verflossene Liebschaften, gebrochene Versprechungen und totally kaputte Herzen, die wie eine Zeitbombe ticken, bevor die Stille niederfällt und der Regen hinwegwäscht die Sünden der Welt, werden mit einer echten Botschaft kurzgeschlossen. Diese lässt das Publikum zu einer verschworenen Gemeinschaft werden, deren kleinste gemeinsame Nenner lauten: Ich-trink-auf-dein-wohl-Marie, böse Politik, Welt in Gefahr wegen Machtstreben, aber auch Hoffnung: Hopp-auf, Frieden schaffen, now!
Das zweite Lied des Abends bestätigte den didaktischen Ansatz der britischen Edelpop-Urgesteine aus den funky 80er-Jahren. Im alten Hadern Planet Earth regnet es wirklich sündenflutartig, sonst herrscht aber ebenfalls Totenstille. Crazy, ein stiller Wolkenbruch! Geschildert wird diese gespenstische Szene anhand eines Astronauten auf der Heimreise. Der schaut ganz schön blöd, als Duran Duran ihm über Funk hinaufsingen, dass niemand mehr daheim ist, weil den Maya der Kalender ausgegangen ist.
Vergangenheit und Gegenwart, dazu düstere Zukunftsaussichten, sie prägten das Konzert von Duran Duran im Wiener Gasometer. Angetan mit einer seltsamen Jacke, auf der die einstigen Schulterpolster in den Brust- und Bauchbereich gerutscht sind, stellte der sich augenscheinlich bester Gesundheit und einer plausiblen Frisur erfreuende Sänger Simon Le Bon mit alten Hits wie A View To A Kill, Blame The Machines oder Girl Panic auch eines klar: Als "New Romantics" waren Duran Duran in den Eighties schwer überschätzt.
Von wegen blaue Blume, diese Band malt schwarz. Duran Duran sind Untergangspropheten. Mit bombigen Miami-Vice-Drum-Beats und fräsenden Keyboardeffekten erzählte man von den White Lines früher in Rio. Stichworte: Hungry Like A Wolf und Wild Boys. Dass es dann auch noch Girls on Film gab, war ein Lichtblick. So knapp, bevor wir ex und hopp gehen. (Christian Schachinger, DER STANDARD, Printausgabe 25.1.2012)