Mitt Romney hat Dienstag nach langem Zögern seine Steuererklärung offengelegt. Seine Rivalen um die republikanische Präsidentschaftskandidatur hatten ihn deswegen unter Druck gesetzt - dabei hat er keinen Cent hinterzogen.
Das Orakel von Omaha meldete sich sofort zu Wort. Kaum hatte Mitt Romney
seine Steuererklärung ins Netz gestellt, war Warren Buffett, der
legendäre Milliardeninvestor aus der Prärie, auch schon mit schonungslos
offenen Sätzen zur Stelle.
"Er macht sein Geld, indem er einen Haufen Kohle hin- und herschiebt und
nicht, indem er den Rücken krumm macht. Was er tut, ist Geld hin- und
herzuschaufeln." Nein, fügte Buffett hinzu, Romney treffe keine Schuld,
wenn er nur 14 Prozent Steuern zahle. Schuld seien Gesetze, die es
schwerreichen Kapitalanlegern wie ihm erlaubten, ihre Abgaben zu
lächerlich niedrigen Sätzen zu entrichten, "zu halb so hohen wie die
Durchschnittsangestellten in meinem Büro".
Treffender als Mister Tacheles kann man sie kaum beschreiben, die
amerikanische Schieflage, für die Präsidentschaftsbewerber Romney eher
unfreiwillig als Symbol herhalten muss. Der Republikaner, der ein
geschätztes Vermögen von einer Viertelmilliarde Dollar scheffelte, als
er die Beteiligungsgesellschaft Bain Capital führte, hat gegen keinen
Paragrafen verstoßen, keine Einnahmen verschwiegen, den Fiskus de jure
um keinen einzigen Heller geprellt. Vielmehr profitiert er von den
Reformen George W. Bushs, an denen Barack Obama auf Grund des heftigen
Widerstands der konservativen Opposition bisher nichts zu ändern
vermochte. Demnach werden auf Kapitalgewinne Bundessteuern von höchstens
15 Prozent fällig, während für Arbeitslöhne ein Spitzensatz von 35
Prozent gilt.
Auf fast 550 Seiten ist akribisch aufgelistet, wie Romney sein Geld
verdient. 20,8 Millionen Dollar kassierte er 2010 durch Kapitalanlagen,
Dividenden und Zinsen. Einen Teil seiner Guthaben parkt er in
Steueroasen, auf der Atlantikinsel Bermuda und auf den Cayman Islands in
der Karibik. Ein Konto in der Schweiz ließ er vor zwei Jahren schließen.
Gründe nennt er nicht, vielleicht lag es daran, dass Schweizer Banken
immer stärker in den Fokus amerikanischer Kontrolleure gerieten. Und wie
die meisten US-Millionäre ließ sich Romney nicht lumpen, wenn es ans
Spenden ging. Fast drei Millionen Dollar zweigte er binnen zwölf Monaten
ab für gemeinnützige Zwecke, in voller Höhe absetzbar von der Steuer.
Gut die Hälfte floss an die Mormonenkirche, die Church of Jesus Christ
of Latter-Day Saints, deren Laienbischof der 64-Jährige eine Zeit lang
war.
Für 2011 präsentiert er, vorerst nur geschätzt, da Steuererklärungen
erst im April fällig sind, im Großen und Ganzen ähnliche Zahlen. Dass
man das alles im Detail nachlesen kann, liegt nicht unbedingt am Wunsch
des Kandidaten, mit gläsernen Taschen in die nächsten Wahlkampfetappen
zu ziehen. Zwar gehört rückhaltlose Transparenz in Geldangelegenheiten
zu den ungeschriebenen Gesetzen einer Präsidentschaftskampagne. Doch
Mitt Romney ließ sich wochenlang schieben und zerren, ehe er sich dem
massiven Druck seiner republikanischen Rivalen beugte. Er habe alles
überwiesen, was dem Fiskus zustehe, aber keinen Dollar mehr, kommentiert
er nun die Zahlenkolonnen. "Ich glaube nicht, dass Sie einen Kandidaten
wollen, der mehr Steuern zahlt, als er dem Staat schuldet."
Kampf um die Mittelschicht
Bei Republikanern der Tea-Party-Schule, die das Staatswesen ohnehin auf
das allernötigste Minimum zurechtstutzen wollen, erntet er durchaus
Applaus für solche Sätze. Anders kann es im November aussehen, wenn das
ganze Land abzustimmen hat - falls Romney denn tatsächlich antritt gegen
Präsident Obama. Das Weiße Haus nämlich will das Duell ins Zeichen einer
Gerechtigkeitsdebatte stellen, hier die Multimillionäre, dort die
Mittelschichten.
Barack Obama, dies nur zum Vergleich, zahlte im Jahr 2010 auf Einnahmen
von 1.728.096 Dollar, das Gros aus Büchertantiemen sowie 400.000 Dollar
Gehalt als US-Präsident, 453.770 Dollar Steuern. Zu einem Satz von rund
26 Prozent. (DER STANDARD-Printausgabe, 25.01.2012)