"Olympia war ein interaktiver Raum"

24. Jänner 2012, 17:31
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Die Archäologin Judith Barringer erforscht die Kulturgeschichte Olympias anhand von Monumenten - Sie analysiert, welche Bedeutung diese für Betrachter hatten

STANDARD: Ihr zentrales Forschungsthema ist die Kulturgeschichte Olympias am westlichen Peleponnes. Welchen Ansatz verfolgen Sie dabei?

Barringer: Wir wissen viel über einzelne Bauwerke der Antike – das Kolosseum, den Parthenon. Ein Ensemble von Monumenten in seiner Gesamtheit zu betrachten und im Zusammenhang zu deuten ist in meinem Fach allerdings neu. Genau das ist mein Ansatz. Ich untersuche die Morphologie Olympias, die Veränderung und unterschiedliche Bedeutung der Monumente im Laufe der Zeit und schaue mir an, wie Gebäude und Skulpturen interagieren. Ich analysiere, welche Absichten der Stadtherren hinter den Bauten standen und wie Olympia durch die zeitgenössischen Betrachter wahrgenommen wurde. Auch das ist für die Forschung über die antike Welt eher ungewöhnlich.

STANDARD: Können Sie ein konkretes Beispiel für Olympia geben?

Barringer: In der antiken griechischen Welt wurden Skulpturen dazu verwendet, Botschaften zu vermitteln. Ein Beispiel sind die Figuren auf dem Tempel des Zeus, der im fünften Jahrhundert v. Chr. erbaut wurde. Sie zeigen die mythologische Gründung der Olympischen Spiele durch Pelops, den Helden der Eleer. Wir haben keine schriftlichen Belege darüber, was die Menschen über die Skulpturen dachten, daher müssen wir theoretisieren: Männlich, weiblich, alt, jung, frei geboren, Sklave, Ausländer, Einheimischer – sie alle hatten natürlich unterschiedliche Wahrnehmungen. Ein männlicher Athlet sah in den Skulpturen ein Vorbild für heroisches Verhalten, athletisches Können und Ehre. Eine weibliche Olympia-Besucherin, vielleicht eine Zuschauerin der Spiele, hätte sie auch noch als Exempel für Keuschheit interpretiert. Die Bedeutung entstand erst durch das Betrachten der Skulpturen, im Kontext der religiösen und sportlichen Aktivitäten vor Ort. Olympia war ein interaktiver Raum.

STANDARD: Mit welcher Methode arbeiten Sie?

Barringer: Es ist wie ein Puzzle, ein bisschen von allem. Ich erforsche Olympia im Zeitraum vom sechsten Jahrhundert v. Chr., als das Heraion als erstes monumentales Gebäude errichtet wurde, bis zum vierten Jahrhundert n. Chr., als die Olympischen Spiele verboten wurden. Der erste Schritt ist, die Stätte in diesem Zeitraum zu rekonstruieren, soweit wir es können. Wir müssen verstehen, wie Olympia in jeder Phase aussah. Wir haben die Fundamente der Bauwerke und die Basen vieler Skulpturen. Wir haben schriftliche Dokumente, die meisten Belege sind aber fragmentarisch. Wo es gelingt, Dinge zusammenzusetzen, ist es möglich, die Bedeutung der Monumente und die Wahrnehmung der zeitgenössischen Betrachter zu ergründen. Dazu brauche ich die Kulturwissenschaften, ich setze mich mit den Zeichen auseinander und interpretiere die Werke. Ich brauche Anthropologie, Kenntnisse der griechischen Religion und Geschichte, Genderstudies, antike Literatur und Sportgeschichte. Es ist kompliziert, und natürlich ist alles Spekulation. Es ist keine exakte Wissenschaft.

STANDARD: Sie sprachen von der Interaktion zwischen Monumenten. Was darf man sich darunter vorstellen?

Barringer: Man kann es so sagen: Die Gebäude und Skulpturen in Olympia nehmen Bezug aufeinander, indem sie sich gegenüberstehen und jüngere Monumente auf ältere Bauwerke reagieren, also mit dieser Absicht geplant und errichtet wurden. Ein Beispiel: Das Philippeion steht in Beziehung zu den Gebäuden in seiner Umgebung – dem Heraion, dem Zeustempel und dem Pelopion. Es befindet sich in einem religiösen Gebiet. Philipp II. ist kein Gott, doch er platziert sein Denkmal hier. Die Idee dahinter ist, dass er sich gottgleich darstellen will.

STANDARD: Werden Sie in Ihrer Arbeit eigentlich von der drohenden Pleite des Staates Griechenland beeinflusst?

Barringer: Die Archäologie selbst ist nicht betroffen. Stark betroffen sind allerdings griechische Archäologen, ihr Einkommen und alle Finanzierungen werden gekürzt. Auch die Demonstrationen und dabei stattfindende Zerstörungen haben Folgen: Funde zerfallen, es gibt Graffiti auf antiken Inschriften. In Olympia wurde das Heiligtum der Demeter entdeckt, aber es gibt kein Geld, um die Ausgrabung zu schützen. Sie liegt frei. Das ist schrecklich, es ist ein so wichtiger Fund.

STANDARD: Das antike Griechenland hat ein positives Image. Gibt es durch die Krise eine Veränderung des Griechenlandbildes?

Barringer: Im 19. und im Großteil des 20. Jahrhunderts wurde unsere Vorstellung des modernen Griechenlands stark durch die antike Welt geformt. Aber die Zeiten haben sich geändert, was wir heute sehen, scheint sehr weit weg von unserer idealisierten Vorstellung zu sein. Olympia ist aber nicht nur eine archäologische Stätte – die modernen Olympischen Spiele sind mit der Idee der antiken Spiele verbunden. Ich mache mir Sorgen, ob es für Olympia genug Geld geben wird, alles zu erhalten und Ausgrabungen durchzuführen. Aber das Image wird für immer bestehen. Heute gibt es wie damals ein enormes öffentliches Interesse an den Spielen. Außergewöhnliche Leistungen zu sehen, Sportler, die erstaunliche Dinge tun, das lieben wir doch immer noch. (DER STANDARD, Printausgabe, 25.01.2012)

=> Wissen: Spiele zu Ehren des Zeus


Wissen: Spiele zu Ehren des Zeus

Die Kultstätte Olympia am Peloponnes entstand Mitte des elften Jh. v. Chr. Der Ursprung der antiken Olympischen Spiele ist ungeklärt, Siegerlisten reichen bis ins Jahr 776 v. Chr. zurück. Die panhellenischen Wettkämpfe waren Teil des Kultes und wurden alle vier Jahre zu Ehren von Zeus abgehalten. Als Orakelstätte diente Olympia ganzjährig als Ort religiöser und politischer Aktivitäten.

Den Kernbereich des Heiligtums bildete die Altis, der heilige Hain, an den die Sportstätten angrenzten. Hier befanden sich die wichtigsten Monumente: Das Heraion, der Tempel des Zeus, das Pelopion und der Zeusaltar, Schatzhäuser, das Prytaneion und das Philippeion. Zusätzlich wurde die Altis mit dutzenden Altären, hunderten Weihgeschenken und Siegerstatuen ausgestattet.

Nachdem die Spiele 394 n. Chr. verboten wurden, wurde der Kultort zum Teil überbaut. Erdbeben, Erdrutsche und Überschwemmungen im 6. und 7. Jh. n. Chr. zerstörten und verschütteten die Anlage. 1766 wurde sie wiederentdeckt, 1829 begannen erste Grabungen. 1875 wurden sie vom Deutschen Archäologischen Institut wiederaufgenommen und dauern mit Unterbrechungen bis heute an. (zeit)


Judith M. Barringer (52) wurde in Washington geboren und studierte an der George Washington University und in Yale Klassische Archäologie. Seit 2005 lehrt sie Griechische Kunst und Archäologie in Edinburgh. Seit Oktober 2011 ist sie Senior Fellow am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK) in Wien. Sie arbeitet derzeit an dem Buch "A Cultural History of Olympia and its Monuments".

  • Judith Barringer analysiert und interpretiert die Bedeutung der Kultstätte 
Olympia: Keine exakte Wissenschaft, wie sie gesteht.
    foto: standard/corn

    Judith Barringer analysiert und interpretiert die Bedeutung der Kultstätte Olympia: Keine exakte Wissenschaft, wie sie gesteht.

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