Harrers Analysen

Libyens Übergangsrat gerät in Bedrängnis

Analyse | Gudrun Harrer, 24. Jänner 2012, 17:45
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    foto: reuters/esam al-fetori

    Unzufriedene stürmen die Büros des Nationalen Übergangsrats in Bengasi.

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    grafik: apa

Lokale Konflikte häufen sich - Entwaffnung und Demobilisierung der Exrebellen stockt

Tripolis - Unzufriedene stürmen die Büros des Nationalen Übergangsrats (NTC) in Bengazi, dessen Vorsitzender Mustafa Abdul Jalil vor "Bürgerkrieg" warnt, Gaddafi-Anhänger erobern kurzfristig ihre Hochburg Bani Walid zurück: Die relative Abwesenheit Libyens von der aktuellen "Arabischen-Frühling"-Berichterstattung wurde am Montag abrupt beendet.

Seit der Regierungsbildung, die Ende November durch die Verhaftung von Saif al-Islam al-Gaddafi Auftrieb erhielt, war es in den Medien eher ruhig geworden um Libyen. Zwar wurden vereinzelte Auseinandersetzungen, auch bewaffnete, innerhalb der "Exrebellen", wie sie noch immer genannt werden, gemeldet, aber meist als spontane "lokale Ereignisse" ohne ernsthaftere Hintergründe qualifiziert, wie zuletzt vom früheren NTC-Koordinator Guma al-Gamaty bei einer Libyen-Diskussion im Bruno-Kreisky-Forum in Wien.

Das mag stimmen, diese lokalen Ereignisse summieren sich jedoch und sind ein Symptom für die schwierigen Voraussetzungen, unter denen Libyen seine Transition antritt. Zu den Rivalitäten unter den revolutionären Kräften kommen deren Spannungen mit dem NTC, der als abgehoben und intransparent kritisiert wird.

Libyen hat institutionell so gut wie nichts, auf dem ein politisches System aufgebaut werden könnte. Der vom NTC festgelegte politische Fahrplan spießt sich nach der schwierigen Regierungsbildung soeben wieder bei der für diese Woche geplanten und verschobenen Verabschiedung des Wahlgesetzes (mit dem das Übergangsparlament gewählt werden wird, das dann die Verfassung schreibt, unter der 2013 ein erstes verfassungsmäßiges Parlament gewählt werden soll).

Gestritten wird unter anderem über die im Entwurf vorgeschriebene Frauenquote von zehn Prozent, das Verbot der doppelten Staatsbürgerschaften für Kandidaten und eine "Antrittsgebühr". Ein Faktor, der entscheidend dafür ist, in welcher Stärke Städte und Lokalitäten im Parlament vertreten sein werden, wird in diesem Gesetz noch ausgespart und wird für Debatten in der Zukunft sorgen, sagt Wolfram Lacher von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin zum Standard: Das Ziehen der Wahlbezirke soll der Wahlkommission überlassen werden, hat der Übergangsrat entschieden.

Zwar ist die Frage, wie welcher Ort für seinen jeweiligen Beitrag an der Revolution honoriert werden soll, durch die Bildung eines vorwiegenden Technokratenkabinetts unter dem Elektroingenieur Abdurrahim al-Kib in den Hintergrund getreten. Aber dass dieses Thema für die Städte und Stämme nicht abgeschlossen ist, zeigen die Rivalitäten der einzelnen lokalen Gruppen. In Bengazi, wo am Montag die NTC-Büros gestürmt wurden, wird dem Rat vorgeworfen, sich nicht genügend von der alten Garde zu distanzieren. Bengazi war bekanntlich die Stadt, in der der Aufstand gegen Muammar al-Gaddafi begann - aber ohne die Regimeüberläufer, die den NTC gründeten, wäre er schwerlich in die Gänge gekommen.

Andere Städte wie Misrata und Zintan führen ihr besonderes Leiden und ihre besonderen militärischen Leistungen an, für die sie durch mehr Anteil an der Macht entschädigt werden wollen. So hat Osama Juwaili, der derzeitige Verteidigungsminister, sich den Posten im Kabinett durch die Ergreifung von Saif al-Islam durch die Zintaner Milizen "verdient".

Dies alles ist der Herstellung eines Gewaltmonopols durch den Staat - wofür die Milizen entwaffnet und demobilisiert werden müssten - nicht zuträglich. Dem NTC fehlt es an der nötigen Legitimität, vor den Wahlen ist deshalb nicht damit zu rechnen, dass sich die lokalen Milizen und ihre Führungsräte auflösen lassen. Und die sind zwar konfliktanfällig, andererseits tragen sie auch zur Aufrechterhaltung der Ordnung nach dem Zusammenbruch des alten Regimes bei. Es ist niemand da, diese Aufgabe zu übernehmen, die Sicherheitskräfte müssen erst aufgebaut werden. (DER STANDARD-Printausgabe, 25.01.2012)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 31
1 2
flakhelfer, 1. Weltkrieg
22
25.1.2012, 12:44
ich freu mich über diese gute Nachricht

Ivan Fedorov
41
25.1.2012, 06:28
wofür eigentlich wahlen

wenn sich die beteiligten offenbar davor schon untereinander ausschnapsen, wer welche posten bekommt?

NONE
54
25.1.2012, 04:51

Die sollen aufhören zu demonstrieren.

Sie wollten Gaddafi stürzen, nun haben die Salafisten die Macht. Wieso werden die Salafisten bekämpft?

Die sollen sich auf die Knie werfen und ihre neuen Herren umarmen.

Dani B.
00
30.1.2012, 11:14

du kommst immer sehr monothematisch daher: einmal sind alle politiker verräter, das zieht sich dann wie ein roter faden durch deine posts, dann wieder witterst du salafisten überall.

solche "analysen" bieten keinerlei mehrwert.

Von Lenin lernen heißt siegen lernen
 
510
25.1.2012, 01:39
.........nach dem Zusammenbruch des alten Regimes ..........

Werte Frau Harrer, das Regime ist nicht zusammengebrochen, sondern würde von der großten militärischen Macht hier auf Erden zusammengebombt unter dem Ausruf des Schlachtrufes. Alles für die Liebe unter den Menschen. Und der dekandente westluche Pöbel auf Kronenzeitungs-Hetzblattniveau jubelte, und die Intelligentsia zieht sich mit festgeschnürten Scheuklappen in's biedermeierliche Schneckenhaus zurück und hofft auf den Kometen vor dem 3. Weltkrieg.

Elettra
613
24.1.2012, 21:31
Soso Libyen erhält eine Demokratie mit Eintrittsgebühr

Der Westen plant also in Libyen ein Politisches System in welchem ausschließlich Kandidaten mit ausreichend Geld eine Rolle als Volksvertreter spielen dürfen.

In Libyen verwaltet der Westen das Geld, und kann sich so - so dies gelingt - seine eigene Politische Linie kaufen.

Nestor Machno
 
21
24.1.2012, 22:42
Es mag schon sein, daß manche Leute im „Westen“

– wer ist das eigentlich? Deutschland? Italien? Österreich?
so vorstellen, das wirds aber nicht spielen. Ohne eine Besatzungsmacht a la Irak ist in Libyen wahrscheinlich nix zu holen.

NONE
72
25.1.2012, 04:53

Da bin ich mir nicht so sicher.

Man kann sicherlich gegen Geld genügend Söldner rekrutieren.

Al Kaida ist ja eine einzige Datenbank für verschiedene Söldnergruppen.

Die Religion ist nur der vorgeschobene Grund - das sind genauso Söldner wie US Söldner a la Blackwater. Nur eben auf "der anderen Seite".

Es wird aber dann wohl so sein das es genügend Verlierer gibt, die nicht geschmiert werden, und die sich das dann auch nicht gefallen lassen werden.

Libyen wird wohl nicht zur Ruhe kommen.

Pierre d´Aubusson
03
24.1.2012, 23:48

In ein Land hineinzugehen ist aber eine seltsame Exit-Strategie, odr?

PEACETIME
47
24.1.2012, 21:00
Die Dauerbefreiung Libyens: Musste

man Gadaffi mit Waffengewalt beseitigen und mit Krieg, so scheint der Übergangsrat noch weniger beliebt zu sein. Kaum im Amt und schon wieder gemobbt. Man hat den Radikalen ja auch jetzt gelernt, wie es geht: Waffen zusammenraffen, stürmen, Pistole am Kopf und aus Maus.
Nachdem sich die befreiten Libyer von den Befreiern wieder befreien, und Libyen vom Öl befreit wird, wird man gespannt zusehen dürfen, wie das Hin und Her irgendwann ausgeht. Irak und Afghanistan waren scheinbar noch nicht genug. Ein weiteres Land musste her, eines, das nicht dicht besiedelt ist und trotzdem viel Öl hat. Das haben sich die westlichen Firmen bereits gekrallt. Der drohende, durch den westlichen Eingriff verursachte Bürgerkrieg interessiert wohl die Wenigsten;(

tom krishan1
 
33
24.1.2012, 20:23

wie doch die PR vasallen an ihrer lügen-linie festhalten.

Killer Bunny
188
24.1.2012, 19:45

Was die in so einer Gerüchtegiftküche unter anderem brauchen, sind PR Berater und da dachte ich eigentlich schon, dass der Westen Hilfe leistet. Die Website ist seit Monaten nicht aktualisiert worden. Überhaupt wäre ein echtes Informationsportal hilfreich, weil es meist um Gerüchte und Falschinformationen geht, die dann zu Streitigkeiten führt. Wie sollen sich die "Altpolitiker" von Gaddafi auch mit moderner Informationsbereitstellung auskennen. So könnten viele Missverständnisse schon beseitigt werden.

NONE
86
25.1.2012, 04:54

Du wirst immer schlechter.

Früher hast du ja noch recht viel grün geholt, aber mittlerweile ist da nur noch rot.

Da du einer der Kriegshetzer warst finde ich das gut das du so viel rot sammelst.

Weiter so Killer Bunny! Da geht noch was.

diamant
34
25.1.2012, 08:10
Dafuer bekommt etwa egal9 jetzt viel mehr 'gruen'!

Unter anderem auch von mir! Ich hoffe echt er kann sich da was schoenes drum kaufen.....

Killer Bunny
35
25.1.2012, 05:36

Ja, ich hab schon eine Depression, weil ich so viele rote Striche bekomme. Wenn Sie dann noch von solch schrecklichen Opportunisten wie Ihnen oder Ihren neuen Freunden, den Hardcore Ideologen, kommen, will ich mich immer sofort aus dem Fenster stürzen. Dass Sie sich wegen ein paar grünen
Bits&Bytes jeden Tag selbst verraten, kann ich mir schon vorstellen. Hochselbstverrat, None, Hochselbstverrat.

Killer Bunny
32
25.1.2012, 04:14

Ich bin auch nicht der einzige, dem das aufgefallen ist.
"Libyan government: All ministries have been asked to use current Libyan media and social sites to keep the public up to date #libya #feb17"

Killer Bunny
52
25.1.2012, 04:14

Trotzdem bräuchten sie auch noch eine professionelle Schnittstelle, bei der alle Infos zusammenlaufen und öffentlich gemacht werden.

Bertel Mann
33
25.1.2012, 06:03
Das nennt man dann Zensurbehörde

Passt aber zur "Eintrittsgebühr"

Killer Bunny
11
25.1.2012, 09:36

Eine Pressestelle ist eine Zensurbehörde?

Nestor Machno
 
13
24.1.2012, 22:45
Na, dann ab nach Libyen

und biete deine Dienste an! Alle werden sich mit offenen Armen aufnehmen.

Den Akteuren im „Westen“, die sich in Libyen fest eingemischt haben, – deine „Hilfeleister“ – ist dergleichen offenbar wurscht.
Und den dortigen Polit-Figuren sichtlich auch, die haben nämlich andere Sorgen.

Killer Bunny
24
25.1.2012, 04:03

Mein Arabisch ist leider nicht besser als mein Chinesisch. Die politischen Akteure kommen ja nicht unbedingt aus der Facebook Generation. Denen sind viele Probleme/Lösungen einfach nicht bewusst. Bezeichnend ist allerdings, wie mein Vorschlag von den anderen Kräften im Forum gesehen wird. "Nein, bloß keine Missverständnisse ausräumen. So kann es dann wieder zu Brösel und Toten kommen, so wie wir die Entwicklung haben wollen." Erbärmlich.

Elettra
11
26.1.2012, 17:02
@Killer Bunny

die Karawane ist weiter gezogen, Ihr könnt Euch nun gegenseitig "grün" geben so viel ihr wollt....

Killer Bunny
00
26.1.2012, 17:33

Wohin ist sie denn gezogen und wo ist die Dschamahiriyya?

CL
14
24.1.2012, 19:01

Es wird immer wieder vor einem Bürgerkrieg gewarnt.
Wenn ich die Sachlage in Syrien beobachte, kann ich nur feststellen, dass sich dieses Land bereits seit längerer Zeit in einem Bürgerkrieg befindet!?

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