Abgesondert oder integriert lernen

24. Jänner 2012, 18:54

Behindert ist, wer behindert wird: Die Lebenshilfe fordert ein Aus für die Sonderschulen und ein völkerrechtlich garantiertes Recht für alle Kinder - auch jene mit "Beeinträchtigungen" - auf eine "inklusive" Regelschule

Wien - Noch 138 Jahre warten: Wenn es mit der Integration von Kindern mit Behinderung in das österreichische Schulwesen in dem bisherigen Tempo weitergeht, dann werden noch einhundertachtunddreißig Jahre vergehen müssen, bis Inklusion zu hundert Prozent erreicht ist. Bis also jedes Kind, das eine körperliche oder intellektuelle Beeinträchtigung - oder "sonderpädagogischen Förderbedarf" (SPF) - hat, eine integrative Regelschule besuchen darf - und keine Sonderschule. Derzeit sind die Chancen, integriert lernen zu können, regional sehr unterschiedlich (siehe Integrationsbarometer rechts).

2009/10 wurden unter den insgesamt 596.000 Schülern laut Schulstatistik 28.468 Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf - die Einstufung nehmen die Schulbehörden vor - in allgemeinen Pflicht-, Neuen Mittel- und Polytechnischen Schulen gezählt, AHS-Unterstufen fehlen in der Statistik, obwohl auch dort Inklusion gesetzlich vorgesehen ist - und praktiziert wird: In Wien etwa sind sieben AHS inklusiv geführt, haben also "Integrationsklassen".

Aus für Sonderschulen

Von den SPF-Schülern lernten 15.247 in Integrationsklassen, 2006/07 waren es 14.594. 2009/10 betrug die Integrationsquote demnach 53,5 Prozent - die Integrationsquote stieg in drei Jahren um ein Prozent. "So lange wollen wir nicht warten", sagt Inklusionsexperte Bernhard Schmid, der die 138 Jahre errechnet hat. Der Generalsekretär der Lebenshilfe Wien fordert im Standard-Gespräch nicht nur mehr Tempo, sondern überhaupt das Aus für Sonderschulen - stufenweise bis 2016.

Die Lebenshilfe Österreich will - wie die Grünen übrigens auch - nachdrücklich eine inklusive Schule für alle Kinder - auch und vor allem, weil sich Österreich 2008 mit der Ratifizierung der UN-Konvention über die Rechte der Menschen mit Behinderungen dazu verpflichtet habe. Diese sieht vor, dass die Vertragsstaaten "ein integratives Bildungssystem auf allen Ebenen und lebenslanges Lernen" gewährleisten.

Dritter runder Tisch

Im Unterrichtsministerium findet dazu morgen, Donnerstag, bereits der dritte runde Tisch statt, bei dem ein Entwicklungsplan hin zur inklusiven Schule erarbeitet werden soll, sagt Bernhard Schmid. Die Lebenshilfe hat Sorge, dass Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) die Sonderschulen beibehalten will.

Das geht zumindest aus einer parlamentarischen Anfrage der Grünen hervor, in der sie sagt, dass die "wesentlichen Inhalte" der UN-Konvention "erfüllt" seien. Sonderschulen blieben in der Konvention "unerwähnt", das könne "nur bedeuten, dass neben einem voll ausgebauten inklusiven System derartige Schulen als zusätzliche Angebote bestehen dürfen", schreibt Schmied. Außerdem sei ein Wechsel aus der Sonderschule "ins inklusive System jederzeit möglich".

Für den Präsidenten der Lebenshilfe, Germain Weber, widerspricht der "separate Unterricht" klar den Regeln der UN-Behindertenrechtskonvention. "Das gegenseitige Lernen von Kindern mit und ohne Behinderungen befähigt zu einer solidarischen Grundeinstellung", sagt der Dekan der Fakultät für Psychologie der Uni Wien. Außerdem wisse man aus Studien, "dass die inklusive Schulbildung mehr Ressourcen einspart, als sie Kosten verursacht".

All das, was in Sonderschulen an pädagogischen Maßnahmen gemacht werde, "ist auch in Regelschulen machbar", sagt der Wiener Lebenshilfe-Generalsekretär Schmid. Italien hat als einziges EU-Land keine Sonderschulen. In Teilen Kanadas ist laut Schmid Inklusion in allen Schulstufen bis hinauf zur Universität garantiert.

In Österreich dagegen war inklusiver Unterricht bis vor kurzem nur für acht Schulstufen gesetzlich zugesichert. Erst unlängst wurde die reguläre Integration von SPF-Schülern auch in der 9. Schulstufe - in Polytechnischen Schulen und in einjährigen Haushaltungsschulen - beschlossen.

Den Behindertensprechern der fünf Parteien reicht das nicht. Gemeinsam fordern sie in einem Entschließungsantrag inklusiven Unterricht auch in berufsbildenden mittleren Schulen: "Behinderte Jugendliche mit körperlichen oder intellektuellen Einschränkungen" müssten auch die Möglichkeit einer Ausbildung in BMS und eine "Berufsperspektive in der Wirtschaft" erhalten, heißt es darin.

Denn "behindert" ist, wer behindert wird. Oder, wie Bernhard Schmid es formuliert: "Es ist normal, verschieden zu sein."(Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, Printausgabe, 25.1.2012)

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Posting 1 bis 25 von 66
1 2
insigma
00
30.1.2012, 20:19
inklusionsbarometer

interessant wäre auch ein internationaler vergleich. dass es am fleckerteppich österreich solch gravierende unterschiede gibt ist eine sache - dass es andernorts gleich aussieht, kann ich mir nur schwer vosrstellen....

BioLex .
02
25.1.2012, 18:06

Sonderschulen sollen bald integrative Regelschulen heißen, oder hat der Artikel sonst noch etwas realistischen Inhalt?

DaChief
00
25.1.2012, 17:48
Ich selbest war in einer der NMS Schulen wie es noch ein Schulversuch war.

Auch dort waren 2 geistig behinderte Schüler. Ich finde den Ansatz gut aber man brauch pro 1-2
"Sonderschüler"eine extra Lehrkraft die nur auf diese Schüler eingeht! Die allgemeine Lernleistung der Klassse wurde nicht gedämpft da die beiden eh ihr eigens Lernmaterial hatten.Das Problem waren auch nicht die eigenen Klassenkameraden sonder die jüngeren Kids die diese Beiden gehänselt, verarsch und zu Dummheiten gebracht haben wie nackt durch die Schule zu laufen und andere Kinder mit dem KRAGEN auf Kleiderhaken aufzuhängen bis diese fast erstickt wären. Nur ein paar Auszüge. Wenn das Lehrpersonal adäquat aufgestockt wird wäre es in vielen Fällen sinnvoll, dies wird aber so wie ich unser Bildungssystem kenne nie im ausreichendem Maße passieren

silver.fish
04
25.1.2012, 16:16

Die lebenshilfe existiert ja auch nur, weil ihre "kunden" im normalen arbeitsprozess weder integriert noch inkludiert sind.
immer geht das nicht.

LL MM
01
25.1.2012, 21:26

Richtig. Da müsste zuerst die Lebenshilfe bei sich selber anfangen. Weil da gibt es weder Integration noch Inklusion. Im Gegensatz zu vielen Schulen.

Radlerwahn68
08
25.1.2012, 15:42

möchte schon mal sehen, wennn der filius von hr.(oder doch frau)weber in einer klasse mit autisten, spastisch gelähmten oder entwicklungsmässig zurückgeblieben kindern unterrichtet wird! sowas von ahnungslos und fern der realität daß es schmerzt!

Mein Verteidiger gehört psychiatriert
02
25.1.2012, 16:36
Alle müßen gleich sein.

Koste es was es wolle!

123155465
03
25.1.2012, 15:28
wenn man sich mal das Leistungsniveau in der 3. Leistungsgruppe anschaut

dann kann man wohl behaupten, dass diese Schüler früher in einer Sonderschule gelandet wären. Wenn jetzt noch schwächere Schüler dazukommen, dann sackt die Klassenleistung noch weiter ab. Ich gehe mal davon aus, dass in dem Artikel nicht geistig normale Schüler mit rein körperlicher Behinderung gemeint sind - die können selbstverständlich in eine normale Klasse integriert werden, da sie dem Stoff auch folgen können.

denkender Mensch
00
25.1.2012, 16:03

In Integrationsklassen gibts zumindest auch immer Integrationslehrer. Insofern ist dort die Situation manches mal sogar besser als in reinen 3. Leistungsgruppen.

Dirty Sanchez i.R.
 
00
25.1.2012, 15:08
Und wo sollen dann die ganzen Nachwuchspolitiker ausgebildet werden?

call me ismael
08
25.1.2012, 15:02

"Das gegenseitige Lernen von Kindern mit und ohne Behinderungen befähigt zu einer solidarischen Grundeinstellung",

Da stellt sich mir schon die Frage, ob dieser Herr den Schulalltag in einer Schulklasse schon einmal als verantwortlicher Lehrer erlebt und geleitet hat.

bingoX
07
25.1.2012, 14:47
in erster Linie

gehören eigene (Sonder)schulen für schwer erziehbare Kinder und Jugendliche her!

Spucks
01
25.1.2012, 18:56

Die werden auch nicht leichter erziehbar, wenn sie nur unter ihresgleichen weilen.

Victoria Karl
 
10
gut erkannt :)

die rote baronin
06
25.1.2012, 11:55
In der Praxis funktioniert das nicht so toll, wie sich es diese Leute vorstellen. Sie sollten mal Betroffene (Behindert, Eltern, LehrerInnen, SchülerInnen) befragen und sich das genau ansehen.

Ohne Gurt im Ionensturm
09
25.1.2012, 11:09
Bitte mal die Sonderschule im 2. Bezirk besuchen wo alle paar wochen mal die polizei vom Wachzimmer gegenüber ein Kind "beruhigen" muss weils mitschüler tätlich angreift

Denn "behindert" ist, wer behindert wird. Oder, wie Bernhard Schmid es formuliert: "Es ist normal, verschieden zu sein."

Dort sind keine Lernschwachen die man halt in die Sonderschule steckt weils für die Eltern einfacher ist, sondern schwerst verhaltensgestörte die entweder stundenlang nur da sitzen und an die decke starren oder wenn die lehrerin sie falsch ansieht ausrasten.
Ist sicher lustig die dann in regelschulen zu integrieren.

Plus Lucis
12
25.1.2012, 12:15

Es gibt auch Lernschwache vom Typ "lieb und brav, aber ganz langsam", die in der Regelschule eher nicht gut aufgehoben sind, und zwar nicht, "weil es für die Eltern einfacher ist".

Es ist ein großes Problem, dass Kinder mit ganz verschiedenen Geschwindigkeiten lernen und die Leute, die aus der Mitte der Gaußglocke kommen, können das überhaupt nicht nachvollziehen.

Erwin Wolfram
62
25.1.2012, 10:34
...

es ist eine schande solch eine klare sache fordern zu muessen und sie laesst verstehen warum der orf "aufdeckt" dass kinde rmissbraucht werden und die zivilgesellschaft sich an den missstaenden gesundstoesst die der nazistaat fortgesetzt vorsaetzlich bedingt...

frontside
25
25.1.2012, 14:28

wohl auch noch auf der Sonderschule ?

aber halt! das waere ja eine Beleidigung für die Kinder dort.

Victoria Karl
 
00
er hat recht

leider

Markus1975
14
25.1.2012, 10:32
Liebe Lebenshilfe Chefs

Wenn ich mir das Beispiel der Lebenshilfe Tirol und die Praxis deren Geschäftsführer, und da vor allem deren Arbeitsverträge und Verschwendungssucht ansehe, dann wird mir ehrlich gesagt speihübel. Wie soll man denn mit Kindern, die leider besondere pädagogische Zuwendung benötigen, sonst umgehen ? Zugegeben, der Name Sonderschule ist nicht sehr vertrauenserweckend, doch ist es eben eine Sonderform des normal bekannten und gebräuchlichen Schulunterrichtes. Liebe Lebenshilfe Geschäftsführer wollt ihr von Eurem Verschwendertum ablenken und wieder mal die Ärmsten dazu verwenden ???

sociovation
01
25.1.2012, 11:11
Das eine hat mit dem anderen

wohl herzlich wenig zu tun...

Markus1975
00
25.1.2012, 15:06
Hat in der Tat sehr wenig miteinander zu tun

Stimmt

Harald Schett
25
25.1.2012, 10:18

Zuerst die Sache mit dem Nicht genügend aufsteigen (obwohl die Leistung ja der Begriffsdefinition eben genau _ nicht _ genügt hat...) und jetzt solche Vorschläge.

Leistung ist pfui, am Besten wir schaffen die Noten komplett ab und drücken jedem mit 18 ein Maturazeugnis in die Hand, egal welche Schule, egal was er dort gemacht hat, egal ober er überhaupt dort war.

Victoria Karl
 
10
immer wieder diese leier - sie (nicht persönlich sondern - die vertreter dieser meinung) gehen mir inzwischen so auf den...

http://arguschul.net/Schule/Sc... noten.html

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