Kostenlose Applikation "MathInBraille" konvertiert Formeln in Braille- oder Sprachformate
Wien - Mathematikformeln lesen und verstehen ist für blinde und sehbehinderte
Menschen meist ein Ding der Unmöglichkeit. Denn zweidimensionale Formeln ließen
sich bisher auf die lineare, taktile Ebene von Brailleformaten nur sehr
unzulänglich übertragen. Mit dem Webtool "MathInBraille", das vom Institut
Integriert Studieren der Johannes Kepler Universität (JKU) Linz in
Zusammenarbeit mit der Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen
Österreichs entwickelt wurde, ist eine neue Ära angebrochen.
"Mathematik ist in fast allen Studienfächern ein wichtiger Themenbereich.
Umso entscheidender, dass Inhalte schnell, effizient und auch in breitem Umfang
verfügbar gemacht werden können", erläuterte Univ. Prof. Klaus Miesenberger,
stellvertretender Vorsitzer des Instituts, am Dienstag im Rahmen einer
Pressekonferenz in Wien. Bisher mussten Formeln etwa in die Marburger
Mathematikschrift übersetzt werden, was extrem aufwendig ist und dennoch
unbefriedigende Ergebnisse liefert. "Das führt dazu, dass Betroffene trotz
Begabung mathematische oder technische Fächer zunehmend meiden", so
Miesenberger. An der Linzer Universität studieren gegenwärtig zwölf Menschen mit
einer diesbezüglichen Behinderung, einer davon ein technisches Fach.
Formeln lesen (fast) ohne fremde Hilfe
MathInBraille steht für einen gewaltigen Schritt in Richtung Unabhängigkeit.
Schätzungen des Blindeninstituts Wien zufolge besuchen allein in der
Bundeshauptstadt rund 300 blinde Schüler eine Regelschule. Waren sie bisher auf
Stützlehrer, Eltern oder Mitschüler angewiesen, können sie erstmals ohne fremde
Hilfe Formeln in ein Braille-Format konvertieren. Ganz ohne Unterstützung geht
es im Unterricht allerdings nicht: Irgendjemand muss die Formel in den Konverter
eingeben - sei es der Lehrer oder ein smarter Sitznachbar. Die Eingabe
funktioniert allerdings problemlos, entweder mittels des schnell erlernbaren
LaTex (ein Softwarepaket, das die Benutzung des Textsatzprogramms TeX mit Hilfe
von Makros vereinfacht) oder mit Hilfe eines WYSIWYG-Editors.
Die Web-Anwendung soll breit genutzt und in vielerlei Szenarien, etwa bei der
Softwareentwicklung, eingebunden werden. "Webdesigner können das Tool im
Hintergrund einbinden", erklärte Miesenberger. Steht auf der Website eine
Formel, wird diese für den Sehbehinderten automatisch in Brailleformat
ausgegeben. Auch das Institut selbst arbeitet im Produktionsprozess von Inhalten
mit der Applikation. Für alle Technologien gilt: Genutzt werden können sie von
den Betroffenen nur, wenn das Internet auch barrierefrei ist.
Offenes Basissystem
Nur acht Forschungseinrichtungen weltweit beschäftigen sich mit der
Umwandlung mathematischer Formeln in Braille-Formate, vier davon befinden sich
in Europa. "MathInBraille ist ein offenes, freies Basissystem, das existierende
Notationen speichern kann. Auch andere Forscher sollen ihre Braille-Notationen
einfließen lassen - die Codes für Formeln weichen ja je nach Sprache stark
voneinander ab. "So können wir schließlich eine universelle Sprache Mathematik,
die sie ja für die Sehenden schon längst ist, auch für Blinde und Sehbehinderte
schaffen", so Miesenbergers Vision.
Finanziert wurde das Projekt über das Förderprogramm Netidee 2010 der
gemeinnützigen Internet Foundation Austria (IPA). MathInBraille ist das
Nachfolgeprojekt von RoboBraille-Deutsch. Mit dem erfolgreichen Webservice
können alle Arten von elektronischen Dokumenten in Blindenschrift oder
synthetische Sprache konvertiert werden. (APA, red)