Fingolimod

Nach Todesfällen: Sicherheitscheck für neues MS-Medikament

24. Jänner 2012, 15:22
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    foto: apa/heiko wolfraum

    Symbolfoto Medikamente.

Mehrere Todesfälle nach der Verwendung von Fingolimod - Europäische Arzneimittelagentur untersucht die Situation

London/Wien - Gleich mehrere Todesfälle sind - vor allem in den USA - nach der Erstanwendung des derzeit neuesten Mittels gegen schubförmig verlaufende Multiple Sklerose registriert worden. Jetzt untersucht die Europäische Arzneimittelagentur die Situation.

Fingolimod ("Gilenya") wurde nach dem zentralen Verfahren zugelassen und bisher in zehn europäischen Mitgliedstaaten, darunter auch Österreich auf den Markt gebracht. "Der Europäischen Zulassungsbehörde (European Medicines Agency, EMA) wurden Berichte im Dezember 2011 über insgesamt vier Todesfälle mit derzeit ungeklärter Ursache aus den USA bekannt, die innerhalb kurzer Zeit nach (z.T. erstmaliger) Einnahme von Gilenya auftraten, zur Kenntnis gebracht. Inzwischen wurden sechs weitere Todesfälle ungeklärter Ursache sowie drei Fälle fataler Myokardinfarkte und ein Todesfall aufgrund von Herzrhythmusstörungen bekannt", hieß es am Dienstag in einer Aussendung der AGES (Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit).

Problematischer Therapiebeginn

In den Zulassungsstudien des Arzneimittels seien keine plötzlichen oder ungeklärten Todesfälle angeführt. Der Beginn der Therapie mit Gilenya könne jedoch mit einem vorübergehenden Abfall der Herzfrequenz und Rhythmusstörungen in Zusammenhang gebracht werden. Die AGES weiter: "Die Studiendaten zeigen aber, dass sich die Herzfrequenz in der Regel im Laufe des ersten Therapiemonats normalisiert und dass die Überleitungsstörungen ohne weitere Behandlung innerhalb von 24 Stunden abklingen." Das sei aber auch in den Fachinformationen enthalten.

Die aktuelle Fachinformation des Präparates führt diese Effekte an und weist darauf hin, dass Patienten hinsichtlich Anzeichen auf Bradykardie zu überwachen sind. Als Teil des Risiko Management Plans stellt der Zulassungsinhaber entsprechendes Informationsmaterial zur Verfügung. Jetzt soll die Sachlage von der EMA noch einmal analysiert werden.

Medikamente, die Akutphasen verhindern

Während akute Schübe seit Jahrzehnten mit Cortison behandelt werden können, gibt es erst seit 1993 Beta-Interferon zur regelmäßigen Injektion, um solche Akutphasen überhaupt zu verhindern. Später kam die Substanz Glatirameracetat (Injektion) hinzu. Karl Vass von der Universitätsklinik für Neurologie der MedUni Wien am AKH: "Das reduziert die Schubrate um 20 bis 30 Prozent. 20 bis 30 Prozent der Patienten verschlechtern sich auch weniger."

Für Kranke, bei denen diese Therapien nicht oder nicht ausreichend wirken, gibt es seit 2006 auch den monoklonalen Antikörper Natalizumab. Das Medikament hemmt aktivierte Lymphozyten am Überschreiten der Blut-Hirn-Schranke - im Gehirn können sie dann die gefährlichen Entzündungsherde mit Schädigung der Isolierschichten der Nervenzellen (Myelin-Scheiden) hervorrufen. In seltenen Fällen hat das Arzneimittel auch schwere Nebenwirkungen.

Neuer Wirkstoff Fingolimod

Dann kommt mit dem neuen Wirkstoff in Tablettenform eine neue, alternative Strategie gegen "die Krankheit der 1.000 Gesichter mit 1.000 Therapieversuchen" (Vass). Der Vorstand der Universitätsklinik für Neurologie der MedUni Graz, Franz Fazekas: "Fingolimod fängt aktiv die aktivierten Lymphozyten in den Lymphknoten." Das erfolgt durch die Besetzung eines Rezeptors, welcher ein Signal für das Auswandern der Immunzellen ins Blut setzt. Das Medikament war ehemals als potenzielles Mittel zur Verhinderung der Abstoßungsreaktionen nach Organtransplantationen in Entwicklung - bis man auf die Anwendung bei der MS stieß.

Laut groß angelegten Studien dürfte das neue Medikament sogar etwas wirksamer als die bisher bekannten sein. Berger: "Die jährliche Schubrate verringerte sich (im Vergleich zu Placebo, Anm.) um 50 bis 60 Prozent." Progressionsfrei, was dauernde Behinderung betraf, blieben unter Placebo innerhalb von zwei Jahren 75,9 Prozent der Probanden, unter den wirklich Behandelten hingegen um die 82 Prozent.  (APA)

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16 Postings
Sabine Werner
11
26.1.2012, 17:33

es sind doch bei vielen todesfällen in diesen zusammenhängen, multimorbide patienten - d.h. man kann bei vielen gar nicht genau sagen WELCHES medikament den tod verursacht hat. wer tgl. eine handvoll pillen schlucken muß, braucht schon ein eigenes pharmaziestudium, um die ganzen wechselwirkungen zu erkennen - kein arzt oder gar apotheker klärt da die patienten auf.

0 Kelvin
00
11.5.2012, 16:54
nein!

es ist klar, das diese Patienten deswegen gestorben sind. deswegen auch die Verschärfung der Kontrollen.

Transalpin2
01
28.1.2012, 22:33
... Sie tun so, als ob in der Medikamentenforschung nur Volltrottel unterwegs wären ...

Man ist nicht auf die 100% exakte Klassifizierung von Kasuistiken angewiesen! So ist momentan
der Stand des WHO-gradings von SAEs:
**
"Adverse drug reactions are classified into six types (with mnemonics): dose-related (Augmented), non-dose-related (Bizarre), dose-related and time-related (Chronic), time-related (Delayed), withdrawal (End of use), and failure of therapy (Failure). Timing, the pattern of illness, the results of investigations, and rechallenge can help attribute causality to a suspected adverse drug reaction. ... Suspected adverse drug reactions should be reported. Surveillance methods can detect reactions and prove associations."
Edwards R (2000) Lancet, 356:9237, 1255-1259

KKdJ
01
25.1.2012, 19:18
Eh klar, dass die Verschwörungstheoretiker schon wieder alles wissen, bzw. immer schon gewusst haben.

Aber Tatsache ist, dass die Diskrepanz zwischen Zulassungsstudien und Wirklichkeit hauptsächlich dadurch zustandekommen, dass in den Studien meist nur ein sehr sorgfältig ausgesuchtes Klientel behandelt wird. Und diese Patienten werden sehr genau kontrolliert. Leute mit bestimmten Begleiterkrankungen werden zumeist gar nicht in die Studie aufgenommen.
Das wirkliche Leben in der Medizin sieht aber anders aus. Da kriegen dann eben Leute ein Medikament, für deren Situation es nicht getestet wurde. Und manche sterben. Dann wird's vom Markt genommen, höchstwahrscheinlich.
Fazit: Einige Tote und sehr viel verschwendetes Geld. Deshalb: Bessere Zulassungsstudien müssen her.

Transalpin2
10
28.1.2012, 22:17
Bis zum Satz "Dann wird's vom Markt genommen,"

... kann ich dem Posting gut zustimmen. Aber das Fazit ist doch sehr "holzschnittartig". Ob ein Medikament zugelassen bleibt, wenn man in Phase IV mehr serious adverse events beobachtet als in Phase III, ist immer ein Tradeoff auch mit der Einsatzindikation. MS ist nicht einfach ein Schnupfen, bspw. .... Und die Forderung "bessere Zulassungsstudien müssen her" ist schlicht Quark! Es macht schon Sinn, erstmal den erwünschten Effekt (efficacy) und zugleich die Sicherheit (aber die halt noch grob) in Phase III zu testen, und dann weiterhin "effectiveness" (breite Anwendung) und Sicherheit (auf seltene SAEs) zu monitoren. Aber das sind dann keine "Zulassungsstudien" mehr. Ansonsten wäre das ja eine "Wasch mich, aber trocken"-Forderung.

KKdJ
01
29.1.2012, 15:38
Lieber Freund,

"serious adverse events" ist so ein netter Ausdruck, bei dem man sich im Gründe nichts vorstellen muss, bei dem man nichts spürt. Wir reden aber hier von Todesfällen.
Und dass die Ein- und vor allem Ausschlusskriterien von Zulassungsstudien zu rigid sind und jedenfalls NICHT die medizinische Realität widerspiegeln, das ist alles andere als "Quark", wie Sie das nennen.
Die Sicherheit eines Medikaments muss mehr als "grob" untersucht sein, bevor es zugelassen wird.

Transalpin2
10
29.1.2012, 23:52
Milchprodukte und Todesfälle ...

"Quark" schreibt sich bei 750 zugelassenen Zeichen einfach kürzer, war aber nicht despektierlich gemeint. Ich meine aber weiterhin, dass das Aufweichen von Ein-/Ausschlusskriterien riskiert, dass ein potenziell wirksames Medikament fälschlich nicht erkannt wird. Die SAEs sind NICHT NUR Todesfälle, und oft geht es um tödlich verlaufende Krankheiten. Daher prüfen ja auch Ethik-Kommissionen, ob der (unabweisbar notwendige) Tradeoff rechtfertigbar ist. Wenn die E.K. zu lasch sind, liegt es nicht an den Studien per se ... Und auch die Monster-Fallzahl-PhaseIII-Studie wird nicht das erkennen können, was post-marketing-surveillance dann doch noch rausbringt. m.a.W., wir haben klinische Forschung IMMER im ethischen Spannungsfeld.

0 Kelvin
00
11.5.2012, 17:05
transparenz in der Medizin JETZT

Stichwort c.o.i. lobbyismus verbieten, Politik und Medizin trennen, und zwar klar. jede finanzielle Zuwendung über 10€ klar deklarierungspflichtig machen. es darf nicht rentabel sein, ein Medikament zu verschreiben.
wir wollen auch nicht, das Ärzte aufgrund eines überheblichen Gesundheitssystems überlegen müssen, ob sie uns helfen.

Lilith Boessse
 
01
24.1.2012, 18:25
"In den Zulassungsstudien des Arzneimittels seien keine plötzlichen oder ungeklärten Todesfälle angeführt."

K. K. Lacke
93
24.1.2012, 16:31
na wen wunderts denn bitte?

die Pharmabranche ist eine der wenigen die sich rühmen können ihre KundInnen mit totaler Abhängigkeit erpressen zu können

Ungerechtfertigte Zulassungen von Medikamenten gibts zu Hauff, also was ist da so neu dran? Neu ist da wirklich nur das konkrete Präparat.

Es ist naiv und vollkommen unverantwortlich die Herstellung und Forschung an Medikamenten Pharmakonzernen zu überlassen, die NACHWEISLICH schon mehr als einmal ihre Gewinnmargen ganz klar ÜBER DEN WERT menschlichen Lebens gestellt haben und auch weiter stellen werden.

Bei der manifesten Korruption unserer politischen Systeme ist eine Unterwanderung und Beeinflussung der Zulassungsbehörden durch "Lobbyisten" und Angestellte der Pharmakonzerne keine Vermutung sondern Gewissheit.

Transalpin2
11
28.1.2012, 22:46
Zusammenfassung:

Polemisch, in der Endausführung aber noch steigerbar (Hauffs Märchen versus Prävalenzaussagen!).
In der Grundüberzeugung undifferenziert, aber fest ("Forschung seitens Industrie geht über Leichen").
Von Detailkenntnissen keineswegs angekränkelt, daher auch unbefangen in der Generalisierung (Pharmakonzerne als blosse Exemplifizierung des korrupten politischen Systems).
Der Poster wird daher völlig zu Recht für das diamantenbesetzte Holzschnitt-Stemmeisen vorgeschlagen.

G. B. Corner
11
25.1.2012, 16:12

Wer glaubt, dass die Pharmaindustrie der "Gewinnmargen" wegen ausgerechnet ein MS-Medikament auf den Markt bringt, der zeigt damit nur, dass er nicht einmal mit Halbwissen über die Branche gesegnet ist.

0 Kelvin
00
11.5.2012, 17:12
lol

2.5mio kranke. jährlich durchschnittl. 20000€ ...pro patient. ist wenig gerechnet.

noch fragen?

Phosphoenolpyruvat
11
25.1.2012, 09:01
"Ungerechtfertigte Zulassungen von Medikamenten gibts zu Hauff, "

Welche Medikamente sind das denn "zuhauf"?

Ist Ihnen klar, dass Sie generell damit den Medikamentenherstellern und Zulassungsstellen kriminelles, also gerichtlich strafbares, Verhalten, vorwerfen?

Was hindert Sie daran, die Staatsanwaltschaft einzuschalten?

Kennen Sie die Entwicklungs- und Zulassungsgeschichte von Fingolimod?

Oder sind Sie Vertreter derjenigen, die jede scheinbare Gelegenheit zum Anlass nehmen, gegen die pöse Farma verbal anzurennen?

0 Kelvin
00
11.5.2012, 17:16

"Ungerechtfertigte Zulassungen von Medikamenten gibts zu Hauff, "
Welche Medikamente sind das denn "zuhauf"?
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zb. Medikamente gegen eine Krankheit, deren Ursache man nicht kennt und die man nur an Mäusen getestet hat nachdem man sie irgendwie hat MS entwickeln lassen.
MS kommt bei Mäusen "natürlicherweise" nicht vor.

Bonair
12
25.1.2012, 06:29
Sie beeindrucken mich

Wären Sie so nett, uns Ihr Geheimwissen um die Fingolimod-bezogene Kausalität dieser Todesfälle - die nicht einmal der EMA klar ist - preiszugeben? Mich würde es brennend interessieren wie diese Todesfälle zustandekamen.

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