Evolution

Grundbedingungen für Arbeitsteilung in der Natur entschlüsselt

28. Jänner 2012, 10:18

Wiener Biomathematiker entwickeln Modell für die Erklärung der Spezialisierung von Aufgaben

Arbeitsteilung ist nicht nur ein Merkmal menschlicher Gesellschaften, sie ist auch zwischen den Bausteinen biologischer Organismen allgegenwärtig und gilt als eines der wichtigsten Resultate der Evolution. Und dennoch gibt es heute noch Organismen, die ohne Arbeitsteilung auskommen und zum Beispiel aus nicht spezialisierten Zellen bestehen. Wiener Wissenschafter haben nun in einem mathematischen Modell die Grundbedingungen untersucht, unter denen Arbeitsteilung entstehen kann. Ihre Arbeit ist in der Wissenschaftszeitschrift "PNAS" erschienen.

Tiere oder Pflanzen bestehen üblicherweise aus gleichartigen Bausteinen oder Modulen, etwa den Zellen. Diese sind aber oft nicht identisch, sondern unterscheiden sich in Form und Funktion. So sind verschiedene Pflanzenorgane wie Staubblätter, Fruchtknoten oder Laubblätter nichts anderes als modifizierte Blätter. Bei höheren Lebewesen bestehen alle Gewebe aus Zellen, aber es gibt z.B. Nieren- und Leberzellen. In solchen Organismen arbeiten also verschiedene Spezialisten zusammen. Dieser modulare Aufbau und die Möglichkeit zur Arbeitsteilung ist ein weit verbreiteter evolutionärer Trend.

Dennoch gibt es auch nach Milliarden Jahren Evolution noch immer viele Organismen von niedriger Komplexität, in denen mehrere identische Module gemeinsam mehr als eine Aufgabe erledigen. So bestehen einige Grünalgen aus mehreren Dutzend undifferenzierten Zellen. Jede davon trägt sowohl zur Ernährung als auch zur Fortbewegung und Fortpflanzung der Kolonie bei.

Grundbedingungen für die Arbeitsteilung

Die Biomathematiker Claus Rueffler und Joachim Hermisson von der Universität Wien und der Evolutionsforscher Günter Wagner von der Yale University in New Haven (US-Bundesstaat Connecticut) haben mit Hilfe eines mathematischen Modells untersucht, unter welchen Bedingungen Arbeitsteilung zwischen den Bausteinen eines Organismus entstehen kann bzw. wann eine solche Differenzierung nicht zu erwarten ist. Sie haben sich dabei auf Aspekte konzentriert, die allen Beispielen von Arbeitsteilung gemeinsam sind, um so Grundbedingungen dafür ableiten zu können.

Die Forscher können damit die Frage beantworten, unter welchen Bedingungen ein aus verschiedenen spezialisierten Modulen bestehender Organismus einem aus undifferenzierten gleichartigen Modulen aufgebauten Lebewesen überlegen ist. Dabei zeigt sich, dass "die Bedingungen, unter denen differenzierte Organismen überlegen sind, erstaunlich restriktiv sein können", so Rueffler. Als Hauptgrund sehen die Forscher die üblicherweise hohen Kosten: so führt die Spezialisierung eines Moduls für eine bestimmte Aufgabe in der Regel zu einer stark verminderten Leistungsfähigkeit für andere Aufgaben. Zudem droht bei arbeitsteilig organisierten Organismen der Totalausfall der Funktion, wenn ein spezialisiertes Modul beschädigt wird oder ausfällt.

Synergistische Effekte

Warum ist im Laufe der Evolution dennoch Arbeitsteilung entstanden? Als einen möglichen Faktor nennen die Forscher "synergistische Effekte". "Das ist dann der Fall, wenn das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile", so Rueffler, der als konkretes Beispiel Blaualgen nennt. Diese betreiben üblicherweise Photosynthese, benötigen also Sauerstoff. Unter Abwesenheit von Sauerstoff können sie Luftstickstoff binden. In isoliert lebenden Blaualgen wechseln sich diese Prozesse zeitlich ab. Blaualgen können aber auch fadenförmige Kolonien bilden, in denen sich spezialisierte Zellen abwechseln die entweder Luftstickstoff fixieren oder Photosynthese betreiben. Sie können dann ihre Stoffwechselprodukte - Stickstoff und Kohlenhydrate - austauschen.

Auf der anderen Seite gibt es "offensichtlich Rahmenbedingungen, unter denen ein undifferenzierter Generalist schlichtweg besser fährt", so Rueffler. Die Idee, dass im Laufe der Evolution immer alles komplexer werden muss, habe man ohnedies schon lange zu den Akten gelegt. (APA, red)

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13 Postings
glückliches Sein - unsägliches Haben
00
30.1.2012, 11:55

Komplexität ist eigentlich nur ein Resultat der Begrenzung des linken Randes in der Statistik des Lebens. In der Realität sind alle Lebewesen möglichst wenig Komplex im evolutionären Rahmen (zB nach evolutionär bedingten Umbauprozessen kann eine Überbauung/Rückbau zu unnötiger Komplexität führen), da es sich beim Leben ja um eine Kosten/Nutzen-Kalkulation im Kontex der Umwelt (wozu auch die Mitlebewesen gehören) handelt.

Buchtip zum Thema: http://www.amazon.de/Illusion-... 868&sr=8-1

higgs - wozu?
30
29.1.2012, 12:01
Pierre d´Aubusson
00
29.1.2012, 10:25

Nachdem ich den Artikel gelesen (sic!) und auch glaube, ihn verstanden (soso, wirklich?) zu haben, möchte ich darauf hinweisen, daß die 2 Grundbedingungen, die die Frage nach den Grundbedingungen überhaupt sinnvoll erscheinen lassen, im Artikel nicht genannt sind:

° es muß mindestens zwei miteinander verbundene Zellen geben
° es muß mindestens zwei unterschiedliche Aufgaben geben, die als solche erkannt werden.

So, jetzt bin ich geistig erschöpft, ich geh wieder schlafen.

MynniaIgnea
00
30.1.2012, 14:09

Ich glaub, das kann man getrost als "gegeben" ansehen. *mehrzellt auf den Tasten herum um anderem Mehrzeller was mitzuteilen*

MynniaIgnea
00
31.1.2012, 14:54

Zellen wollten sich schon richtig teilen, aber sind dann in einer äußerem Membran oder Zellwand (die unseren Zellen abgesehen von Haut heute ziemlich paranoid vorkommt, damals aber normal war) hängengeblieben, da sie sich einfach nicht abgeschnürt hat, weil die entsprechende genetische Anweisung kaputt war. Ja blöd. Jetzt hängst da rum.

Kommt aber eine Räuberamöbe und fängt an herumzuknabbern, kann sie dir 1,2 Zellen nehmen (wenn sie sich überhaupt entscheiden kann) und der Rest kann regenerieren...

Pierre d´Aubusson
00
30.1.2012, 19:00

Miteinander verbundene Zellen: ja, per www.

2 Unterschiedliche Aufgaben? Welche?

MynniaIgnea
00
31.1.2012, 14:50

Ich denke, unsere Existenz und was wir darüber wissen, ist Ausgangspunkt genug um anzunehmen, dass es miteinander verbundene Zellen gibt und dass sie unterschiedliche Aufgaben erfüllen - von da ab kann man sozusagen rückwärts rechnen, ab wann es sinnvoll ist. Also, ich bin jedenfalls Mehrzeller und eine Aufgabe, die grad gestellt ist, ist Kommunikation mit anderen Mehrzellern. Dafür brauchts in mir Arbeitsteilung - als Amöbe hätte ich schon Probleme damit, synaptische Muster für diverse Buchstaben und dann erst für ihren Sinn zu haben, geschweige denn mechanisch tippen können. So war das gemeint.

Mehrzelligkeit hat den Schwarmvorteil (weniger Fressgefahr fürs Individuum) auch ohne Spezialisierung. Aber war wohl trotzdem erstmal Zufall:

Trurl
00
30.1.2012, 21:04

Naja, die einen sind dazu da Irrtum statt Wahrheit zu verbreiten. Welchen Sinn das (evolutionär) machen soll weiß ich allerdings auch nicht.

MynniaIgnea
00
31.1.2012, 14:58

Irrtum? Wahrheit? Herr Ober, da sind 2 esoterische (im Wortsinn, nicht gemein gemeint) Brocken in meiner Biologiesuppe! Bitte definieren Sie sie zweifelsfrei, damit ich sie integrieren kann.

Trurl
00
31.1.2012, 16:31

Den "Faust" wieder mal rauskramen und einen Blick reinwerfen, dann wird's vielleicht klarer was ich damit sagen wollte.
;)

Pierre d´Aubusson
00
30.1.2012, 23:08

Bitte anzumerken: wenn ich nicht geantwortet hätte, dann hätte mein Psot und das Psot davor ungefähr so zusammengearbeitet wie zwei nebeneinanderliegende Kieselsteine im Bachbett.
Und das wärs gewesen, weil kein gemeinsamer Sinn in einer Lösung eines gemeinsamen von den zwei unterschiedlichen Problemen zu finden wäre. Weils keines außerhalb des Kiesels gibt...

g. simb
00
28.1.2012, 10:35

da stimmt was nicht:

Im Text von Wiener Mathematikern die Rede. Der Link zu PNAS verweist aber auf ein Paper von Tosh&Krause&Ruxton!

Trurl
00
28.1.2012, 10:49

Das wäre der richtige link gewesen:
http://www.pnas.org/content/e... 2184592e29

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