Klare Machtverhältnisse

24. Jänner 2012, 17:00
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In Nord-Laos beherrscht der chinesische Nachbar immer mehr die Wirtschaft und sogar die Vegetation

Wenn man von Yunnan die Grenze nach Laos überquert, ist man erst einmal sehr erstaunt: Nichts hat sich geändert. Die meisten Menschen, denen man begegnet, sind immer noch Chinesen, die Verkehrssprache für die ersten hundert Kilometer bleibt Chinesisch und die Geschäfte verkaufen haargenau die gleichen Kleidungsstücke, die ich schon aus Kunming kenne. Das liegt aber nicht an der märchenhaften Verwandlung von Laoten in Chinaliebhaber, sondern daran, dass immer mehr Chinesen in Nord-Laos leben, wohnen und verkaufen.

Die Inszenierung der Macht

Der Grenzübergang Mohan-Boten zwischen China und Laos ist ein gutes Symbol für die Beziehung dieser beiden Länder. Auf chinesischer Seite steht ein relativ großes Verwaltungsgebäude von faszinierend hässlicher moderner Architektur, mit modernen Scannern (die zwar benutzt, aber nicht überwacht werden), modern gekleideten schneidigen Offizieren und zehnmal so vielen Schaltern wie notwendig. Es erfüllt seinen Zweck durchaus: die obligatorische Einschüchterung von Menschen, die Länder betreten oder verlassen wollen. Auf laotischer Seite steht dagegen eine Parodie dieser Inszenierung: Die "Grenze" besteht aus nicht mehr als zwei Baracken mit Blechschildern davor. In einer Baracke kann man das Visum beantragen, in der zweiten den Reisepass abstempeln lassen. Keiner weist einen darauf hin, was zu tun ist, und wenn man wollte, könnte man wahrscheinlich auch einfach so hindurchgehen; nur die Tuk-Tuk-Fahrer interessieren sich für die Touristen, die Beamten kaum.

Systematische Ausbeutung

Diese Grenze spiegelt die Machtverhältnisse der zwei Länder bestens wider. Auf einer Seite der mächtige Riese, der alles kontrollieren könnte, wenn er wollte. Auf der anderen Seite das kleine Laos, das sich mehr um die Zubereitung des nächsten Kaffees kümmert als um seine Grenze. Und auch wenn es sich kümmern wollte, so fehlen die Ressourcen und die politische Macht. China nutzt diese Situation systematisch aus; von chinesischer Seite überqueren täglich hunderte Menschen die Grenze, um in dem industriearmen Laos Waren gegen hohen Profit zu verkaufen. In Bussen, die aus der Grenzregion in andere Städte Chinas verkehren, wird dagegen unter den Fahrgästen systematisch nach Laoten und Burmesen gefahndet, die ohne weitere Diskussion aus dem Bus geworfen werden. Theoretisch können Laoten und Burmesen genauso wie Chinesen einen Grenzpass beantragen, der ständige Grenzübertritte für die lokale Bevölkerung erleichtert. Aber faktisch kontrolliert vor allem China den Grenzverkehr.

Die Straßen der Region werden von chinesischen Firmen geplant und mit chinesischen Arbeitern gebaut. Laoten haben wenige Chancen, für chinesische Ingenieure arbeiten zu dürfen, denn Chinesen sprechen innerhalb Asiens selten eine andere Sprache und und arbeiten am allerliebsten mit ihrem Landesmännern und -frauen zusammen.

Gummibäume statt Regenwald

Auch die Vegetation wird zunehmend chinesisch: Der lokale Regenwald wird abgeholzt, ganze Berge abgetragen. Die abgeholzten Stellen werden mit chinesischen Gummibäumen bepflanzt. Diese Baumpflanzstrategie hat bereits die Grenzregion Xishuangbanna in China selbst die ursprüngliche Vegetation gekostet, nun wird sie auch gratis nach Laos und Burma exportiert und als Entwicklungshilfe bezeichnet. Denn China spendet seinen südostasiatischen Nachbarn kein Geld, sondern Bäume, die die lokale Bevölkerung kaum nutzen kann und deren Produkte somit nach China zurückgekauft werden müssen. Und der einzige Abnehmer und große Bruder diktiert natürlich den Preis. (An Yan, daStandard.at, 24.1.2012)

  • Mit dem Nachtbus nach Laos.
    foto: an yan

    Mit dem Nachtbus nach Laos.

  • Der Grenzübergang auf der chinesischen Seite ist ...
    foto: an yan

    Der Grenzübergang auf der chinesischen Seite ist ...

  • ... auch im Inneren topmodern ausgerüstet.
    foto: an yan

    ... auch im Inneren topmodern ausgerüstet.

  • Die Grenze auf der laotischen Seite besteht aus zwei Baracken am Straßenrand.
    foto: an yan

    Die Grenze auf der laotischen Seite besteht aus zwei Baracken am Straßenrand.

  • Chinesische Entwicklungshilfe in Laos: eine der vielen Gummibaumplantagen.
    foto: an yan

    Chinesische Entwicklungshilfe in Laos: eine der vielen Gummibaumplantagen.

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