Erdogan im Kostüm des Mörders

Markus Bey, 24. Jänner 2012, 12:26
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    foto: uykusuz

    Die Satirezeitung Uykusuz porträtiert Regierungschef Tayyip Erdogan mit der "beyaz bere". Die weiße Mütze ist ein Kennzeichen der Ultranationalisten und wurde auch von Ogün Samast getragen, als er 2007 auf Hrant Dink feuerte und ihn tötete.

Der Mord an dem armenisch-türkischen Verleger Hrant Dink und die Verantwortung von Regierung und Armee beschäftigen weiter die Türkei

Bevor Ankara seine Strafexpedition Richtung Frankreich in Marsch setzt, noch ein Blick auf die große innenpolitische Debatte in der Türkei: Die türkische Regierung hat verärgert auf das Urteil im Hrant-Dink-Prozess von vergangener Woche reagiert und weiß sich einig mit dem Teil der Intellektuellen und Bürgerrechtler im Land, die demonstrieren gingen und eine Neuverhandlung erwarten, um die Auftraggeber dieses politischen Mordes zu enthüllen. 18mal Freispruch in der Mordfrage, eine Haftstrafe für den Beschaffer der Mordwaffe und die Einschätzung des Gerichts, dass es keinen Komplott und keinen großen Plan gegeben habe, lassen den türkischen Regierungschef Tayyip Erdogan gleichwohl komisch aussehen, so entschied die Satirezeitung Uykusuz. Sie zeigte auf ihrer Titelseite einen Erdogan mit einer Kopfbedeckung, die auf den ersten Blick an einen ausgehöhlten Kürbis erinnert.

Der Gastronomiekenner würde das Gemüse unschwer als "Türkenturban“ oder auch "Bischofsmütze“ identifizieren, der sich schmackhaft füllen und im Ofen schmoren lässt. In Wahrheit aber geht die Karikatur von Erdogan mit der Kopfbedeckung in eine ganz andere Richtung. Ogün Samast, der Teenager aus Trabzon, trug eine weiße Mütze, als er vor fünf Jahren – am 19. Jänner 2007 – in Istanbul auf Hrant Dink feuerte und ihn tötete. Der "beyaz bere“, die weiße Mütze, ist ein Kennzeichen der Ultranationalisten und der einst militant antikommunistischen, weit rechts stehenden „Kontraguerilla“, die sich in den 1970er-Jahren in der türkischen Armee und im Geheimdienst formierte und als Teil der nebulösen "Gladio“-Organisation in den NATO-Staaten galt.

Erdogan im Kostüm des Mörders zu zeigen und ihn sagen zu lassen: "Steht mir gut, was!“, ist also ziemlich starker Tobak. Die Erklärung dafür liefert Uykusuz auch auf der Titelseite: Die AKP-Regierung hat jenen Gouverneur von Istanbul, der Hrant Dink einst bedroht haben und ihn vor weiteren kritischen Artikeln gewarnt haben soll, zum Abgeordneten gemacht – es handelt sich um Muammer Güler. Sie hat auch jenen Polizeichef zum Gouverneur gemacht, der erklärte,  hinter dem Dink-Mord stünde keine Geheimorganisation, es gäbe nur ein "nationalistisches Gefühl“. Erdogan und seine Regierung würden also jene befördern und entlasten, die in diesen Mord verwickelt sein, behauptet die Satirezeitung.

Wie verwoben der Mordfall Dink mit den angeblichen Umsturzplänen und Destabilisierungsversuchen von Armeekreisen und mit dem Eigenleben der Polizei ist, zeigt ein sehr interessantes Interview, das die Europäische Stabilitätsinitative (ESI) in Istanbul vergangenen Herbst mit dem Anwalt Orhan Kemal Cengiz führte. Cengiz stellt in dem Interview, das in drei Teilen auf YouTube zu sehen ist, seine Theorie über den Grund der steckengebliebenen Ermittlungen im Mordfall Dink vor. Die offensichtliche Verstrickung von Polizei (Innenministerium) und Gendarmerie (Teil der Armee) in den Mord werde nicht aufgedeckt, weil die türkische Polizei mauert. Der Geheimdienst der Polizei wusste von dem Mordplan der Gendarmerie und beobachtete den – illegalen – Geheimdienst der Gendarmerie. Das soll nicht an den Tag kommen:

(Minute 09:40) "This illegal branch of gendarmery prepared the groundwork, but also police intelligence put a blind eye on everything. It is impossible for them to not see that an ultranationalist group tried to penetrate a handfull of protestants community whose activities were so closely watched. This is impossible. How can we test my theory? After the Malatya massacre police stopped in Samsun similar murders, were prevented, in Izmir, in Diyarbakir, in Mersin. My theory is that police intelligence was watching was the illegal gendarmery intelligence was doing. They knew everything but they were not concerned with it because they were also under the influence of this huge nationalist propaganda. … In Hrant Dink and Malatya case is the involvement of the police by not acting on intelligence. They have their own shame on the hands.“ (derStandard.at, 24.1.2012)

    • Markus Beys Blog
      16.5.2012, 21:23
      Markus Bey

      Rückzug in Nikosia [3]

      TitelbildZyperns Präsident Christofias verzichtet auf eine zweite Kandidatur. Die Türken sind Schuld, sagt er. Aber dann gibt es noch die Sache mit der explodierten Munition und den angeschlagenen Banken.

    • Markus Beys Blog
      13.5.2012, 11:46
      Markus Bey

      Tony, der Flip-Flopper [1]

      Seinen Sondierungsauftrag für eine griechische Regierung hat er zwsichen Mittag- und Abendessen erledigt - Antonis Samaras, Chef der konservativen Nea Dimokratia und Großmeister im Fach politische Fehleinschätzung, will wieder Neuwahlen

    • Markus Beys Blog
      24.4.2012, 19:46
      Markus Bey

      Wahlverbot für griechische Senioren [77]

      TitelbildAusweis wegnehmen und am Wahlsonntag einsperren, empfiehlt eine Bewegung im Internet. Die griechische Jugend will die Großeltern an der Wahl des ewigen Regierungs-Duos Pasok und ND hindern. Und nimmt Kurs auf die Extremisten.

    • Markus Beys Blog
      20.4.2012, 19:45
      Markus Bey

      Erdogans Rache an den 97er-Putschisten [4]

      TitelbildPayback-time in Ankara: Der türkische Regierungschef ist zufrieden über die Verhaftung der Generäle von 1997. Die hatten damals den Islamisten-Premier Erbakan aus dem Amt gedrängt - und Erdogan ins Gefängnis stecken lassen.

    • Markus Beys Blog
      12.4.2012, 22:17
      Markus Bey

      Anadolu goes global [11]

      TitelbildDie staatliche türkische Nachrichtenagentur plant die Welteroberung - Wirtschaftsmacht und Superdiplomatie brauchen auch einen globalen Nachrichtenproduzenten, ist die Überlegung in Ankara

freiraumXi
31
29.1.2012, 04:21
ekelhaft.

eine schande für atatürks türkei!

Jürgen Rembremerding
12
29.1.2012, 11:35
Grad der Atatürk hat doch den exklusiven

türkischen Nationalismus zur Staatsdoktrin erhoben.

macekk
03
24.1.2012, 17:09
Ergänzung :Unter ihnen ist der als Drahtzieher des Anschlags geltende ehemalige V-Mann der Polizei Erhan Tuncel. .

Wie Dinks Mörder Samast und weitere Verdächtige gehört Tuncel zum Umfeld der von den Grauen Wölfen abgespaltenen islamisch-nationalistisch orientierten Großen Einheitspartei (BBP).Der Journalist Nedim Sener, hatte aufgezeigt wie Polizeibeamte aus dem Umfeld des islamischen Fethullah-Gülen-Ordens die Ermittlungen im Mordfall Dink behindert hatten. Er wurde im vergangenen Jahr wegen "Ergenekon" inhaftiert. Ordensführer Gülen war dem vor drei Jahren ums Leben gekommenen BBP-Chef Muhsin Yazicioglu freundschaftlich verbunden und soll dessen Partei auch finanziell unterstützt haben. Interessant ist die Verbindung zu den Christenmorden in Malatya 2007(begangen auch von Gülen Anhänger) und die Erdmordung vom Priester Santoro.

temporär autonom
 
02
27.1.2012, 13:38
dass der sultan nackt ist, war schon jedem bewusst

was soll sich denn ändern? in der türkei gilt der darwinismus und os etwas wie reue gibt es einfach nicht. ich meine das im sinne von der politik. zwischenmenschlich kenne ich nicht genügend türken, um so etwas aussagen zu können.

unten in der türkei gilt immer folgendes: wahlen gewinnen, dann macht ausbauen, eigene leute mit vorteilen überhäufen, eigene gesetzeswidrige elemente verschwinden lassen (siehe die sendung vom 23.01.2011 auf standard http://bit.ly/xr1IPe ) und notfalls erneut aktivieren, dann die macht befestigen.

es ist ja kein zufall, dass die türkei dieses jahr bei der World Press Freedom Index 2012 auf platz 148 gelandet ist (siehe http://bit.ly/w0twdH ). bei der EMGH sogar platz eins!

also erzählen sie etwas neues!

odrr
00
28.1.2012, 19:23

naja, das alte wiederholen und hinweisen, koennte evtl. jemanden interessieren.....

apropos was neues erzaehlen...

""wahlen gewinnen, dann macht ausbauen, eigene leute mit vorteilen überhäufen""

wo ist das nicht so, die mittel, welche den machtstrukturen zu verfuegung stehen, sind regional natuerlich unterschiedlich, aber im prinzip geht es doch immer um die macht.

temporär autonom
 
00
30.1.2012, 17:42

klar. machterhalten und die machtlinien auf die kleinste soziale entität ausweiten. dann überwachen und bestrafen.

ist bei uns hier nicht anders (siehe das theatralische tierschutzmafia geschichte bei uns oder die ganzen KCK und ergeneok sachen in der TR). man hat sich einen neuen begriff namens terror angeeignet, die es gilt zu überwachen! und die ganzen gesetze (anti-terror-gesetz, oder anti-mafia-gesetz, oder heimatschutzgesetz usw) dient der bestrafung. man beruht sich halt quasi auf das was zu überwachen gilt, um das eigene handeln, welches nicht gesetzeskonform ist, zu rechtfertigen.

oder haben sie etwa beobachtet, dass der markus b. über den massengräbern, die seit eine woche in türkisch-kurdischen aufgemacht werden, berichtet hat?

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