Privates Partizipations-Kapital könnte im letzten Moment doch noch als hartes Kernkapital angerechnet werden
Wien - Vier Tage nachdem die großen Banken der
Bankenaufsicht berichten mussten, wie sie bis Juni auf die von der
europäischen Aufsicht EBA geforderte harte Kapitalquote von neun Prozent
kommen wollen, machte die Finanzmarktaufsicht (FMA) in Wien den
betroffenen Konzernen Erste Group und Raiffeisen Zentralbank (RZB)
neue Hoffnung. Sie könnten jeweils rund eine halbe Milliarde Euro
weniger Kapital brauchen als bisher gedacht.
Nach Angaben der FMA-Vorstände Helmut Ettl und Kurt Pribil
entscheidet die EBA in zwei bis drei Wochen, ob das privat gezeichnete
Partizipationskapital (PS-Kapital) der heimischen Großbanken, das
2008/2009 während der staatlichen Bankenhilfen aufgenommen wurde,
doch noch angerechnet wird.
Nach EBA-Rechnung (Stichtag Ende September) brauchte die Erste
Group 743 Millionen Euro auf neun Prozent. Bei Raiffeisen wurde die
Kapitallücke mit 2,1 Milliarden Euro ausgemacht. Und zwar nach bisheriger
EBA-Definition, wonach hartes Kernkapital bloß aus gezeichneten
Aktien, einbehaltenen Gewinnen sowie staatlichen PS bestehen durfte,
die der Bund bei den Großbanken in der ersten großen Finanzkrise
gezeichnet hat.
Banken kritisierten Ungleichbehandlung
Den Bankern aus Österreich - allen voran Raiffeisen - war diese
Definition zu eng. Sie kritisierten die Ungleichbehandlung von Staat
und Privat. Zumal die Platzierung eines Drittels der Gesamt-PS-Summe
bei Privaten damals Bedingung für den (günstigeren) Jahres-Zins von acht Prozent war. Wer eine private Tranche nicht unterbrachte, zahlt 9,3
Prozent auf das Staatsgeld - wie etwa die ÖVAG. Oder vielmehr: Sollte
bezahlen. Denn die schwer defizitäre ÖVAG blieb dem Staat
Zinszahlungen auf das eingeschossene PS-Kapital schuldig. Sie fiel
nur dank des jetzt im Jänner stattfindenden Verkaufs der Ostsparte
VBI an die russische Sberbank unter die Wahrnehmungsschwelle der EBA
- muss also die 9-Prozent-Kapitalquote bis Juni nicht mehr erzielen.
Die FMA-Vorstände versicherten heute, im EBA-Board dafür
einzutreten, den verbliebenen grenzüberschreitenden Großbanken jenen
Teil des privaten PS-Kapitals, der im Zuge des Staatspakets
mitaufgelegt wurde, als Teil des harten Kapitals anzurechnen. Als
Mitglieder der Banken-Lobby sehen sie sich deshalb nicht.
Die RZB/RBI Gruppe hat neben ihrem Staatsgeld (1,75 Milliarden Euro) 750 Millionen Euro PS-Kapital zur privaten Zeichnung aufgelegt, wovon 250 Millionen Euro in den Händen der Eigentümer (Raiffeisen-Landesbanken) blieben.
Die Erste Group hat aus Anlass des Staatshilfepakets (1,2 Milliarden Euro)
damals ebenfalls eine halbe Milliarde Euro bei privaten Anlegern und
Investoren platziert.
Die Anerkennung würde die Erreichung der EBA-Zielquoten um einiges
erleichtern, sagte Pribil. Allerdings wäre auch eine Nichtanerkennung
kein Problem, fügte er hinzu. Ettl sprach von einer "Grauzone, einem
klassischen Grenzfall. Wir waren immer der Auffassung, dass es
sinnvoll ist, die zugleich privat gezeichnete Tranche einzubeziehen."
Kreditvergabe in Osteuropa steigt nach wie vor
"Mehr Eigenkapital ist eine der Vorbedingungen, um krisenfester zu
sein", so die FMA. Ettl und Pribil lassen Kritik an der
Kapitalaufbringung durch Umwidmungen, Umdefinierungen oder
Asset-Verkürzungen nicht gelten. Es sei "legitim und ökonomisch nicht
besonders schädlich", Geschäftsbereiche zu verkaufen, die nicht
Kerngeschäft seien. Sicherheiten zu erhöhen sei ein aktiver Beitrag
zur Eigenkapitalstärkung, ebenso die Umwandlung von
Hybridkapitalanteilen in Core-Capital.
Sorgen von Bankern und Politikern, die Kapitalvorgaben der EBA
würden Europas Banken dazu zwingen, ihre Bilanzsummen und
Kreditvergaben zu sehr zu reduzieren, suchten die heimischen
Aufseher heute zu zerstreuen. Die heimischen Banken hätten ihr
Exposure in Zentral/Osteuropa (inklusive Russland etc.) vom 4.
Quartal 2010 auf das 3. Quartal 2011 um knapp 20 Milliarden Euro auf über
334 Milliarden Euro gesteigert. Das ging annähernd einher mit der
BIP-Entwicklung. "Es gab kein Deleveraging in jüngster Zeit", so
Pribil. Andere Banken aus Europa hätten ihre Assets im Osten sehr
wohl zurück gefahren.
Österreichische Banken unterhalten heute 61 Töchter und
Beteiligungen in 19 Staaten der Region. Nach dem bevorstehenden
Rückzug von ÖVAG und Hypo Alpe Adria aus dem Raum teilen sich die
Osttöchter künftig auf drei Mütter in Österreich (Erste, Raiffeisen,
Bank Austria) auf. Die aktuellen Marktanteile sind laut FMA
"bemerkenswert" hoch, in Kroatien halten die Österreicher zwei
Drittel des Marktes, in Bosnien und der Slowakei fast die Hälfte, ein
Drittel in Rumänien und Tschechien, 25 Prozent in Albanien, Serbien
und Bulgarien und in Ungarn gut 20 Prozent. Die FMA verwahrt sich
gegen Kritik, die EBA-Regeln und das neue FMA/Notenbank-Reglement für
Ostbanken (nicht mehr als 110 Euro Kredit auf 100 Euro Einlagen im
Neugeschäft) würden als zu scharfe Bremse wirken. Es gehe jetzt auch
darum, nationale Kapitalmärkte zu stärken, die Ost-Banken weniger
abhängig zu machen vom Kapital der Mütter im Westen. Dass EBA-Ziele
verwässert werden könnten, sehen die FMA-Chefs nicht. (APA)