Was kommt nach dem Kapitalismus?

Es muss uns etwas anderes einfallen ...

Gastkommentar | 24. Jänner 2012, 09:46

Ab Mittwoch treffen sich die Mächtigen in Davos. Der Gründer des Treffens hält den Kapitalismus für gescheitert. Doch was kommt danach? Von Wolf-Christian Ulrich

Gestern Abend war ich zu Gast bei Thomas Gottschalk. Das ist ein Entertainer, der in einem Schloss wohnt und goldenes Haar auf dem Haupt trägt. Unsere Unterhaltung wurde alle fünf Minuten von einem Werbespot unterbrochen. Zum Glück! Denn so hatte ich Zeit, mich ein bisschen umzusehen. Da hängt doch tatsächlich oben links (!) neben dem Bücherregal: Che Guevara.

Jetzt hängt Che auch bei Gottschalk

Ich frage mich seit Jahren, weshalb alle Studenten, die im Club was aufreißen wollen, ein Che-T-Shirt tragen. Aber weil er jetzt sogar bei Gottschalk hängt, google ich flugs nach und lerne, dass der Revoluzzer ein Fan vom Sowjet-Kommunismus war!

Der Kommi-Che also in einer Dauerwerbesendung präsentiert von Deutschlands teuerstem Showmaster - der Kapitalismus ist eben eine allseits einnehmende Veranstaltung. Sogar die DDR-Bonzen sind auf West-Produkte abgefahren.

Nun hat jedoch der Gründer des Kapitalisten-Treffs in Davos gesagt: So wie er ist, passt der Kapitalismus nicht mehr zu unserer Welt. Leuchtet ein. Er kennt nämlich keine Rücksicht auf einer Welt, die immer enger wird, immer schmutziger, immer ärmer. Nur: Wie weiter? Was kommt danach?

Ich habe schon seit Längerem den Eindruck, dass die Wirtschaftswissenschaften auf die gegenwärtige System-Krise keine Antwort haben. Ich hatte immer gedacht, dass es Gesetzmäßigkeiten gibt, mit denen sich "der Markt" erklären lässt. Doch wer genauer hinschaut, weiß relativ schnell, dass dieser ominöse "Markt" genau so unberechenbar ist wie eben der Mensch, er ihn macht.

Zwischen den Jahren habe ich das Buch "Eine solidarische Leistungsgesellschaft" von Erhard Eppler gelesen und dann den Fehler gemacht, in einer Kneipe darüber zu reden. "Jetzt wird er schulmeisterlich", nölte das Pils und wendete sich angewidert ab. Dabei stellt Eppler die entscheidende Frage: Wie macht man aus einer Erfolgsgesellschaft, die sich als Leistungsgesellschaft ausgibt, eine Leistungsgesellschaft, deren Erfolg für alle spürbar wird?

Unser Grundproblem ist, dass die Sorge über die Wirtschaft die Sorge über unsere Gesellschaft ersetzt hat. Unser Fokus ist längst nicht mehr die Gesellschaft: die Art und Weise, wie 80 Millionen Menschen in Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit gemeinsam in diesem Land leben können - und vom Lohn ihrer Arbeit überleben können. Sondern unser Fokus sind "die Märkte".

Die Sorge von Bundespräsident Wulff ist ja, ob er in einem Land leben will, in dem sich Politiker von Lobbyisten Beträge leihen können, von denen manche Familien länger als zehn Jahre leben müssen.

Die Schere klafft immer weiter auseinander

Seine Sorge sollte eher sein, was in zehn Jahren in einem Land los ist, in dem die Schere zwischen arm und reich, zwischen dumm und exzellent ausgebildet, zwischen fett und gesund immer weiter und dramatischer auseinandergeht. Und das ist noch nicht mal die globale Sicht der Dinge.

Klingt das zu staatstragend? Ja, es liegt schwer im Magen. Bleibt die Frage, was denn nach gescheitertem Sozialismus und scheiterndem Kapitalismus kommen kann? Wie wäre es mit der sozialen Marktwirtschaft? Wir haben sie leichtfertig und ohne Not aufgegeben. Jetzt muss uns was einfallen. (Wolf-Christian Ulrich, derStandard.at, 24.1.2012)

Autor

Wolf-Christian Ulrich, The European, moderiert die interaktive Talkshow log in auf ZDFinfo.

Info

log in fragt am Mittwoch um 21 Uhr: "Erst wachsen, dann platzen - mit dem Kapitalismus in den Bankrott?" Im Livestream unter login.zdf.de und im Fernsehen auf ZDFinfo.

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mikromalist
 
00
25.1.2012, 11:02
In der wahrscheinlichen Sprache von Che:

Eine Marktbefreiungsbewegung und striktes Sozialregime.

Die Folge? Der Kapitalismus kann nicht mehr Märkte kapern und nicht mehr bedingungslos Kapital akkumulieren und stirbt langsam ...

Geldschöpfung wird weiter dezentralisiert, Steuern von lohnintensiv, auf ertragsintensiv umgestellt, Grundeinkommen, die Realwirtschaft lernt mit Derivaten umzugehen und was optimales Risiko ist ... statt dem Staat Schuldenberge auftürmen zu lassen kaufen die Individuen Anteile am BIP, .. Eine Weltwährung ...
Und das wichtigste: direkte Demokratie.

Staatssekretär
01
25.1.2012, 10:32
Ja, eingefallen ist uns doch schon vieles...

Es gibt doch eine Reihe alternativer Konzepte, die von Soziologen, Ökonomen, Philosophen entwickelt wurden. Offenbar ist die eine zündente Idee, der sich nach und nach immer mehr Menschen anschließen, noch nicht dabei gewesen.

"Der Mensch" möchte immer mehr - von Natur aus. Das war immer so und jedes Wirtschaftssystem, das das negiert, ist zum Scheitern verurteilt.

Unser Problem ist, dass dieses "Mehr" ausschließlich in Geld gesehen wird - also einer Bringschuld (Waren und Dienstleistung) der Gesellschaft an irgendeine Person.

Dieses "Mehr" könnten aber auch eine andere Form der gesellschaftlichen Anerkennung sein. - Wer ist noch nicht an einem Computerspiel gesessen und hat sich mit einem Platz auf einer "Ehrentafel" zufrieden gegeben?

her wig
00
25.1.2012, 17:24
Unser Problem? Wer ist wir?

Nein, es ist nicht unser Problem. Es ist mancher Menschen Problem, und auch das nur in gewissen Lebensabschnitten. Weshalb diese "System-" und "Ideologie"-Diskussionen auch allermeisst viel zu verkürzt sind um das wirkliche Leben in seiner Breite auch nur andeutungsweise abzubilden.

Staatssekretär
00
25.1.2012, 19:08

Wir - sind die Gesellschaft, die Volkswirtschaft wenn sie so wollen.

Ich weiß nicht, ob wir aneinander vorbei reden.

Aber das Problem das ich mein, ist, dass unser Wirtschaftssystem Anerkennung über Geld definiert - egal ob sie eines brachen oder nicht. Der Manager oder Investmentbanker möchte mehr verdienen, nicht weil er noch einen Porsche braucht, sondern bei der anderen Firma mehr verdient wird.
Die Hausfrau oder ehrenamtliche Mitarbeiter bekommen kein Geld und somit keine gesellschaftliche Anerkennung.

her wig
00
25.1.2012, 22:00

Ach so? Müssen sich jetzt alle so verhalten wie Sie das vorgeben, um zu unserer Gesellschaft zu gehören? Oder ist das was Sie da vorbringen eh nur ein Vorurteil. Das glaube ich nämlich. Zeigen Sie uns die wissenschaftlichen Studien die erhoben haben dass alle es genau so halten wie Sie das vorgeben. Bis dorthin gilt die Vorurteilsvermutung.

powerpack
00
25.1.2012, 10:23
super kommentar

vor allem die aussage, dass es in unserer gesellschaft nur mehr ums kapital geht. alle anderen probleme - etwa auch die immer dringender werdenden umweltschäden und ausbeutung - werden einfach ausgeblendet.

sehr interessant ist auch die aussage, dass unsere gesellschaft die suche nach einem friedlichen, gerechten leben aufgegeben hat. interessant deshalb, weil gerade in den foren hier immer wieder die eu als garant für den "frieden in europa" gefeiert wird. dabei ist sie ein rein kapitalistisches wirtschaftsgebilde ohne jegliche soziale verantwortung. vielleicht lassen sich früher oder später auch diese eu-befürworter oder man könnte auch sagen europa-gegner davon überzeugen.

her wig
20
25.1.2012, 09:25
Er weis nicht was er will,

und ist mit dem Status Quo unzufrieden. Schuld sind natürlich andere. Ja, das ist der Weg in eine bessere Zukunft. Folgen wir ihm.

sanjoaquin
 
11
25.1.2012, 08:10
Dogma - enger, schmutziger, ärmer

Das Problem besteht nicht darin, dass die Welt als Ganzes enger, schmutziger und ärmer wird, ganz im Gegenteil, wer lesen kann, der weiß, dass es global gesehen noch nie so vielen Menschen so gut gegangen ist.

Bertel Mann
03
25.1.2012, 05:58
"Unser Grundproblem ist, dass die Sorge über die Wirtschaft die Sorge über unsere Gesellschaft ersetzt hat."

Genau das ist es.
Aber schlichte Gemüter (wie sie sich auch hier im Forum herumtreiben) begnügen sich dann mit einer Pferdeäpfel-Theorie, deren vorhergesagte Folgen leider seit Jahr und Tag nicht eintreten, wie die Zahlen beweisen.
Stattdessen haben wir eine weltweite Krise...

Sabrine Grünbaum
18
25.1.2012, 04:14
Gescheitert ist was anderes

Gescheitert ist ja nicht der "Sozialismus", sondern dessen Pervertierung in Form von Planwirtschaft und menschenverachtender Diktatur. Gescheitert ist auch nicht "die Marktwirtschaft", sondern deren Pervertierung in Form von Kasino-Finanzkapitalismus und deregulierter Globalisierung.

Wären die Ziele des Sozialismus im Auge behalten worden, wäre ein soziales und demokratisches Russland heute eines der attraktivsten Gesellschaften auf diesen Planeten.

Genauso wäre eine libertäre, demokratische Marktwirtschaft mit sozialem Ausgleich, entwickeltem Sozialstaat und altruistischer Grundausrichtung sehr attraktiv als Zukunftsmodell.

Wahrscheinlich würden sich beide Modelle sogar in einer Form ergänzen. Schaffen wir diese Gesellschaft!

fanta
20
25.1.2012, 07:43

Der Traum aller Linken - die Idee war ja gut, die Ausführung aber schlecht. Hm. Vielleicht schon einmal bedacht, warum es noch nie funktioniert hat? Da könnte kritischen Menschen vielleicht die Idee kommen, dass Komminismus gar nicht funktionieren kann!

Herr und Frau Österreicher
 
00
25.1.2012, 09:49
Müllers Mops
03
24.1.2012, 23:55
Mir würd's ersten reichen wenn die Definition was Leistung ist

neu formuliert würde. Sozusagen Staatstragend, in dem Sinne wer das alles hier am laufen hält. Eine Woche im Reichstag ohne Sanitäre Anlagen, die Deutsche Bank ohne Heizung brächte das Hirn in Gang.

Der Rheinische, etwas bessere Kapitalismus,folgte nicht wirklich einer Einsicht, sondern der Angst.
Vor dem was hinter der Mauer war,oder hineininterpretiert wurde was da sei.

Seit das Ding weg ist ist die sog.Bedrohung gefallen. Sie war weniger eine Militärische, sondern eine 'Argumentative', Fiktive. Das es noch was geben könnte was evtl. besser oder gerechter
sei. Ob es so war spielte keine Rolle.

Aber es war ein guter Knüppel um sich den hungrigen Kapitalismus etwas vom Leib zu halten.

Es wird schwer werden einen neuen zu finden...

MichaelMoore
01
24.1.2012, 23:39
Die Gesellschaft wird sich sozial näherkommen (müssen)

wie nach heftigem Schneefall, wenn alle zusammen für eine Sache arbeiten.
Es wird der/die das meiste Ansehen haben, der/die etwas für alle tun. Derzeit geniessen die größten Egos und Ausbeuter das Ansehen, aber das wird sich ändern.
Read my lips :-)

Erzpiefke
 
32
24.1.2012, 23:33
Der Kapitalismus verkörpert das Wesen des Menschen

Im Gegensatz zu roter Schurkenideologie treibt er den Erfindungsreichtum der Menschen an und die hat bislang jede Herausforderung mit Bravour bestanden.

GuteZeiten
00
25.1.2012, 10:15
Superkapitalismus

Ihr redet alle von „Stalinismus“.

Der Kapitalismus ist an die Wand gefahren (Gewinne privatisieren . Verluste an den Steuerzahler abtreten, 3. Welt ausbeuten, Leerverkäufe, etc) und jetzt geht es nur mehr 2 Schritte zurück - und das wird - auch wenn es einigen nicht passt - sozialistisch sein.

Ist die einzige Richtung die möglich ist. Gewisse Grundrechte müssen geschützt werden (Wasser, Luft, Wohnen zB) bei unnötigen Luxusartikel könnt ihr Aasgeier euch dann gegenseitig die Augen aus-picken, uns wurscht.

Wird eine Mischform.

3ch0
01
24.1.2012, 23:03

eingefallen ist "Uns" eh schon genug, vieles davon wäre es wert in den experimentellen sozialkreislauf integriert zu werden - allein es steht ein bollwerk diesen ideen entgegen, welches zuvordererst zerschmettert gehört.
dieses Hindernis nennt man landläufig "Macht".

auch schon einige untergänge überlebt
14
24.1.2012, 20:56
Anderen ist einiges andere eh schon eingefallen...

...nur man wehrt sich mit hand und fuß...
Weil:“wir haben uns geplagt, soll´n sich unsere kinder auch ruhig plagen...wo kommen wir da hin, wenn jeder tun darf was er will und dafür auch noch geld bekommen!“

Bedingungsloses Grundeinkommen : http://youtu.be/XqJjWe1QeUY

alpenmilch
72
24.1.2012, 20:03

"Er kennt nämlich keine Rücksicht auf einer Welt, die immer enger wird, immer schmutziger, immer ärmer."

Wer sich volkswirtschaftliche Kennzahlen anschaut, wird sehr bald erkennen dass unsere Welt immer reicher und dadurch auch "sauberer" wird (vor allem in den Schwellenländern).

Aber das ist ja nicht so, weil das kann nicht sein, und das darf nicht sein, außerdem ist Kapitalismus böse......

auch schon einige untergänge überlebt
03
24.1.2012, 21:36
von welcher welt in diesem universum schreiben sie?

...und vor allem welche "alpenmilch" trinken sie, um zu bemerken das diese welt immer sauberer wird?

GTV916
 
13
24.1.2012, 21:11
Na klar, ...

... industrielle Produktion inhaliert ja ihre Exkremente wieder - ein wirtschaftliches Perpetuum-Mobile sozusagen???

alpenmilch
11
24.1.2012, 23:18

Je weiter eine Volkswirtschaft entwickelt ist, desto sauberer wird sie, weil:

1.) Es ist mehr Kapital vorhande um teure Projekte wie Kanäle, Müllverbrennungs- und Kläranlagen, etc zu finanzieren.

2.) Der Organisationsgrad nimmt zu, eine Müllabfuhr, Recycling, etc wird möglich.

3.) Durch den erhöhten Bildungsstandard und Wohlstand wird das Umweltbewusstsein immer ausgeprägter.

Nach eigener (persönlicher und subjektiver) Erfahrung ist es in "reicheren" Ländern auch wesentlich sauberer.

GuteZeiten
00
25.1.2012, 10:17
und ...

weil wir unseren Muell zB nach Afrika schippern nicht vergessen.

Der Ruhestifter
 
10
24.1.2012, 19:34
Ich bezweifle, dass die psychologie das problem ist

Tatsächlich gibt es eine physische welt, in der dinge produziert und konsumiert werden. Ressourcen und zugriffsrechte auf ressourcen werden getauscht. Nicht zuletzt auch in form der zusicherung zuünftiger transfers.

Diese prozesse weden durch akte der symbolverwendung moduliert. Aber es gibt dabei keine prästabilisierte repräsentation. Nichts garantiert zum beispiel, dasss sich anhand der ereignisse im symbolischen raum der geld- und marktwirtschaft zwischen zustandsfolgen diskriminiren lässt, bei denen die produktionskapazität ausgenutzt wird, und solchen, bei denen das nicht der fall ist.

Diese defekte der klassischen ökonomie in einen brei von behaupteter unerklärlichkeit der psyche zu verrühren, ist schlicht unwissenschaftlich.

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