Kommentar von Adelheid Wölfl

Ernüchterung statt Jubel

Kommentar | Adelheid Wölfl, 23. Jänner 2012, 18:18

Die Kroaten wissen, dass auch die letzte Etappe bis zum EU-Beitritt nicht leicht wird

Sogar Ante Gotovina stimmte für den EU-Beitritt. Als der ehemalige General im Frühjahr 2011 vom Kriegsverbrechertribunal verurteilt wurde, setzten viele Kroaten Den Haag und Brüssel gleich und gaben an, gegen den Beitritt stimmen zu wollen. Ein paar Monate später stimmten sie nun mit großer Mehrheit dafür. Und Gotovina sagte, dass Kroatien eben "zivilisatorisch dorthin gehöre" .

Nun ist wohl nicht anzunehmen, dass der Mann, der für die Vertreibung der Serben aus der Krajina verantwortlich ist, für jene zivilisatorischen Werte wirbt, die ihn hinter Gitter gebracht haben. Vielmehr sieht Gotovina wie andere wohl im Beitritt die Möglichkeit, sich vom "Balkan" und Jugoslawien zu distanzieren, was natürlich weder der Sinn des Reformprozesses war, noch so wirklich gelingen kann.

Als die Kroaten vor beinahe 21 Jahren ihr erstes Referendum abhielten und für den Austritt aus Jugoslawien stimmten, waren manche allerdings von einem ähnlichen Gefühl geleitet. Damals war das Land - die Serben boykottierten die Abstimmung - gespalten und stand vor dem Krieg. Heute ist nicht nur die Rhetorik anders. Kroatien ist wohl das schönste Beispiel dafür, wie sehr die Aussicht auf den EU-Beitritt ein Land verändern kann:Die kroatischen Nationalisten sind marginalisiert, einige Kriegstreiber und Kriegsgewinnler sitzen im Gefängnis, Zagreb ist heute der Motor der Aussöhnungspolitik in Ex-Jugoslawien.

Und auch wenn das kleine Land noch einem Monitoring der EU-Kommission (Justiz und Wettbewerb) unterliegt, so wird immerhin einem korruptionsverdächtigen Expremier der Prozess gemacht. Man kann sogar annehmen, dass viele Kroaten am Sonntag nicht zur Abstimmung gingen, weil sie es einfach nicht für notwendig hielten, wo sie sich doch ohnehin im Zentrum Europas wähnen. Für die Kroaten ist der Beitritt zur EUja nicht der Zugang zum langersehnten Paradies, wie dies für viele Bulgaren oder Rumänen der Fall war, sondern vielmehr die größte Selbstverständlichkeit der Welt.

Dennoch zeigt die geringe Beteiligung - knapp 44 Prozent - eine grundsätzliche Missachtung des Politischen. Die Beteiligung ist in Kroatien auch bei Wahlen nicht viel höher. Deshalb wurde vorsorglich die Verfassung geändert und eine Mindestbeteiligung beim Referendum gestrichen. Die Ablehnung sitzt tief. Institutionen, europäischen wie nationalen, wird grundsätzlich misstraut, Politiker werden pauschal für korrupt gehalten. Dass Kroatien mitten in der größten Krise der EU beitreten soll, verschärft die Verunsicherung. Doch diese wurzelt auch in dem Bewusstsein, dass die nationale Wirtschaft schwächelt. Arbeitslosigkeit und Schulden sind hoch, Privatisierungen stehen bevor. Weshalb also Begeisterungsstürme?

Die letzte Etappe vor dem Beitritt im Juli 2013 wird nicht leicht werden, der Weg bisher war schon voller Hürden (die Gotovina-Auslieferung 2005, der Grenzstreit mit Slowenien). Hier kommt kein Juhu-Kandidat in die EU, sondern ein Land voller ernüchterter Bürger. Auch die Idee von der Abgrenzung vom Balkan wird wohl nicht aufgehen. Erfreulicherweise nutzte Brüssel nun die Gelegenheit, Kroatien als Impulsgeber für den Beitritt der anderen südosteuropäischen Staaten darzustellen. Das schafft Vertrauen, das nicht nur notwendig ist, um in diesen Ländern Reformschübe wie in Kroatien zu ermöglichen, sondern zeigt auch das Selbstvertrauen, dass die EU noch immer Anziehungskraft besitzt. (DER STANDARD, Printausgabe, 24.1.2012)

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22 Postings
Aca Rankovic
00

Die Kommentare der Hobbyposter sind wesentlich aussagekräftiger als jene der professionellen Journalistin...

Warentester
01
24.1.2012, 17:57

"...jene zivilisatorischen Werte wirbt, die ihn hinter Gitter gebracht haben."

Nein, das glaube ich auch nicht: Schließlich war das ja primär der alte Wert, dass es Gleiche und Gleichere gibt. Unter den Zivilistenbombardieren und Kollateralschadenspezialisten des zivilisrten Europas wäre er sonst eine kleine Nummer gewesen. Und solange er noch für Frankreich arbeite gab's ja auch nie ein Problem. Hat wohl vergessen, dass er nicht mehr für Frankreich arbeitet, oder den "Alle Menschen sind gleich Schmäh" geschluckt.

"...das Selbstvertrauen, dass die EU noch immer Anziehungskraft besitzt."

Ja, offensichtlich die Anziehungskraft von einen Zahnarztbesuch: Wenn sichs schon gar nicht vermeiden lässt, gehen wir halt widerwillig hin. Bravo!

Wissender
11
24.1.2012, 15:50
bla bla

selten so einen nichtssagenden Artikel gelesen....

cannery row
02
24.1.2012, 14:21
Institutionen, europäischen wie nationalen, wird grundsätzlich misstraut, Politiker werden pauschal für korrupt gehalten..

weil es stimmt. und nicht nur in kroatien wird das bemerkt - alleine, es nutzt nix. das gewurschtel ist eu-weit schon zu weit fortgeschritten, eine menge leute hängen schon zu tief drinnen, als das sich da noch irgendwas bewegen könnte.

bin gespannt, wann das grosse jammern in kroatien beginnt. so lang wie bei uns wirds jedenfalls nicht dauern. spätenstens dann, wenn die in kroatien ohnehin schon unerschwinglichen immopreise und mieten nochmals anziehen.

Faka Zulu
12
24.1.2012, 14:03

Es ist erfreulich, dass die Autorin ihre übliche, haltlose Hetze gegen Serben hier unterlässt.

Andererseits ist ihr Hinweis darauf, dass das heutige Kroatien "Motor der Aussöhnungspolitik in Ex-Jugoslawien" irritierend, wenn nicht befremdlich:

Wohlwollende Individuen, die die Versöhnung vorantreiben gibt es an allen Seiten. Gleichzeitig finden auch weiterhin öffentliche Sympathiebekundung für kroatische Kriegsverbrecher statt, die katholische Kirche ist teils zutieft faschistisch, Kroatien liegt im Dauerclinch mit Serbien mit ominösen Klagen und Gegenklagen wegen Völkermord, etc.

Nicht zuletzt ist es in Kroatien weiterhin - absurderweise - gesetzlich verpflichtend, Filme/Sendungen aus Serbien mit Untertiteln zu übersetzen.

neunundneunzigprozentkommaneun
01
24.1.2012, 17:03

na gut, das mit untertiteln ist leider bisserl deppert – da geb ich ihnen recht.

was die gegen kroatische versöhnungspolitik, die hier erwähnt wird, haben, ist mir schleierhaft.

wenn serbien nur ansatzweise politiker mit profil eines josipovic oder milanovic hätte – statt diverse dacics, tadics die jeden rulpser ihres "kollegen" aus banja luka befürworten... dann wäre die globale balkan-situation viel rosiger als jetzt.

Faka Zulu
01
24.1.2012, 17:23

Wäre die Untertitel-Geschichte lediglich eine technische Gegebenheit, könnten wir es ohne Bedenken als balkanische Kuriosität einreihen.
Unter den gegeben Umständen ist sie aber leider ein Symptom eines gestörten Verhältnisses (zu was auch immer - ich will nicht psychologisieren).

Und gegen eine kroatische Versöhnungspolitik habe ich ABSOLUT nichts, sie ist ja vorbehaltslos zu begrüßen. Nur kann man nicht - wie die Autorin, so tut, Kroatien als "Motor der Versöhnungspolitik" bezeichnen. Das ist sie leider nicht, sondern diesen Verdienst können sich nur Individuen- so wie in den Nachbarstaaten auch- auf ihre Fahnen schreiben.

Und da die Autorin grundsätzlich parteiische Artikel verfasst, musste dies klar gestellt werden.

chilly76
 
00
24.1.2012, 13:38
die kroatischen nationalisten sind marginalisiert

dennoch so einflussreich das die gegen den kroatischen sender rtl vorgehen weil der serbische filme ohne untertitel ausstrahlen lies. der unterschied zwischen der serbischen und kroatischen sprache ist mit dem unterschied eines wiener und münchener dialekts vergleichbar.

kroate061
21
24.1.2012, 11:50
Hurra, um 19:30 war der EU-Beitritt Kroatiens amtlich

Die kroatische nation wird ab 19:30 offiziell Bestandteil der EU sein und das ist auch gut so. Osmanen Ungaren Habsburger und zuletzt die Jugos konnten das nach freiheit und demokratie strebende kroatische volk nicht unterkriegen.Am ende hat wie immer das gute über das böse gesiegt.es ist fast wie im märchen.Ich würde zugern einigen postern hier taschentücher zureichen das sie sich den schaum vorm mund abwischen können.

Hoinz
 
11
24.1.2012, 14:21
Bist Du auch so ein

"Die Schande währt ewig" Typ ?

Der_Klingone
00
24.1.2012, 13:53

Sag, wie oft willst Du eigentlich noch ein und das selbe Posting veröffentlichen? Ich glaube bis jetzt hat es auch der letzte Leser kapiert:

Kroaten = Good Guys, Democrats, Engerl

Der Rest = Bad Guys, Devils, einfach nur böse

^^

kroate061
00
24.1.2012, 22:47

ich finde den kommentar gelungen -))

Der_Klingone
00
25.1.2012, 09:35

In gewisser Weise ist er wirklich gelungen: Je mehr ich mich mit dem Balkan und seiner Geschichte in den letzten Jahren befasst habe, desto mehr musste ich einsehen, wie unglaublich ähnlich sich die Todfeinde doch sind:

Kroaten: Wurden immer unterdrückt (Habsburg, Serben), kämpften immer für die Freiheit, hatten die weisesten Herrscher (Tomislav) und taten nie was falsches (1941-1945 ausklammern)

Serben: Wurden immer unterdrückt (Habsburg, Osmanen), kämpften immer für die Freiheit, hatten die weisesten Herrscher (Dusan) und taten nie was falsches (1991-1995 ausklammern)

:-)))

site:°~+*-||!#.\>
86
24.1.2012, 01:02

Solange die Bevölkerung der 27 EU-Länder nicht über den Beitritt Kroatiens abstimmen darf, bleibt die EU ein höchst undemokratischer Verein.

Wie viel kostet der Beitritt Kroatiens den EU-Nettozahlern?

Wie viel kostet der Beitritt Kroatiens dem Österreichischen Steuerzahler?

Kann sich die überschuldete EU den Beitritt Kroatiens überhaupt leisten?

Und 44 % Wahlbeteiligung hat mit Demokratie nichts mehr zu tun.

Johannes99
313
24.1.2012, 07:13
Wäre ich ein Pfeffersack,

würde ich sagen, da warten einige gute Geschäfte auf uns. Die Landwirtschaft steht gut da als Basis, die Industrie entwickelt sich, eine Küste für den Tourismus, wie sie schöner nicht sein könnte, wichtige Verkehrsachsen führen durch Kroatien, da könnte man sich die Hände reiben.
Weil ich aber kein Pfeffersack bin, freue ich mich einfach, weil die Kroaten gut zu uns passen, weil sie zu meinem Europa gehören, weil sie in der nächsten Generation ein Schmuckstück Europas sein können.
PS: Ich möchte die Serben auch dabei haben.

Hoinz
 
11
24.1.2012, 13:18
Danke!

Du sagts was ich denke, kannst es aber wesentlich besser formulieren...

tubist
00
24.1.2012, 06:57
nomen est omen

stoiker
10
23.1.2012, 21:26

na,burschen,wir brauchen eh frisches kapital in der eu!
herzlich willkommen!!

Hermine Berg
 
12
23.1.2012, 22:06
vor allem aber

die 1000 km adriakueste! wer nimmt die nicht gern auf?

widiwutsch
05
24.1.2012, 08:29
Es ist ja nicht so, dass es bisher verboten gewesen wäre,

diese schöne Gegend zu besuchen. Oder, dass es jetzt für EU-Bürger kostenlos möglich wäre. Im Prinzip wird es vermutlich kaum irgendwelche spürbaren Auswirkungen haben. Und wer Kandidaten wie IRL, GR, I, P und E beherbergt, wird HR auch noch verkraften.

Michael Palomino
63
23.1.2012, 21:17
Noch mehr Pokerspieler

Noch mehr Pokerspieler in Brüssel - und die Berliner Regierung schnallt es noch immer nicht...

NANANANANANANANA BATMAN
01
23.1.2012, 18:55
"Auch die Idee von der Abgrenzung vom Balkan wird wohl nicht aufgehen."

ich ahne böses...

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