Abgabe

EU-weite Steuer auf Börsen­umsätze "besser als nichts"

23. Jänner 2012, 17:58

Die Ausklammerung von Derivaten und anderen Finanzprodukten von einer Besteuerung brächte Nachteile

Die Ausklammerung von Derivaten und anderen außerbörslich gehandelten Finanzprodukten von einer Besteuerung brächte Nachteile, wäre laut Wifo-Expertin Margit Schratzenstaller aber wenigstens ein Anfang.

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Brüssel/Wien - Deutschland und Frankreich wollen kleinere Brötchen backen. Zumindest bei der Finanztransaktionssteuer (FTS). Eine EU-weite Einführung der Abgabe scheitert am Widerstand Großbritanniens, Schwedens und einiger osteuropäischer Staaten. Ein Alleingang der Eurozone würde zur Verlagerung von Finanzgeschäften nach London, New York und diverse asiatische Handelsplätze führen. Daher kommt nun eine FTS light, besser gesagt die konventionelle Börsenumsatzsteuer (BUSt) auf das Tapet.

FDP-Chef Philipp Rösler hat das Instrument als Alternative in die Diskussion eingebracht und Lob von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) geerntet. Berlin hofft, London mit ins Boot holen zu können, weil das Königreich bereits jetzt über eine Börsensteuer verfügt. Konkret werden seit dem 17. Jahrhundert 0,5 Prozent auf Handelsumsätze aufgeschlagen. Wegen der vielen Ausnahmen - beispielsweise für ausländische Akteure - ist das Aufkommen aus der Abgabe mit umgerechnet vier Milliarden Euro im Jahr gemessen an den riesigen Umsätzen gering.

Eine europaweite BUSt ist in den Augen von Wifo-Expertin Margit Schratzenstaller nur die zweitbeste Lösung, "aber immer noch besser als nichts", wie sie dem Standard sagte. Dass die Abgabe auf Aktien die Eigenkapitalaufbringung erschwere und damit schädlich für den Wirtschaftsstandort sei, glaubt die Finanzreferentin nicht. Die Börsenumsatzsteuer betreffe den Handel, nicht die Ausgabe von Wertpapieren. Das österreichische System erscheint aus diesem Blickwinkel falsch aufgestellt zu sein: Während die Kapitalaufbringung durch die Gesellschaftssteuer mit ein Prozent belastet wird, ist der Handel befreit.

Sieben Länder besteuern

Eine reine BUSt heben derzeit sieben EU-Länder ein, neben Großbritannien sind das Belgien, Portugal, Irland, Zypern, Griechenland und Polen. Der Steuersatz variiert zwischen 0,00225 Prozent in Portugal und ein Prozent in Polen. Die Schweiz besteuert Handel wie Emission von Wertpapieren und erlöst damit jährlich drei Mrd. Franken (2,48 Mrd. Euro). Die Nachrichtenagentur Reuters zitierte am Montag aus einem FDP-Papier, wonach eine europaweite BUSt Einnahmen im deutlich zweistelligen Milliardenbereich bringen könnte.

Deutschlands Finanzminister gab sich zu dem Thema am Montag bedeckt. Zum Zeitplan meinte er, dass er noch im ersten Quartal des Jahres Klarheit haben wolle, ob die Finanztransaktionssteuer europaweit eingeführt werden könne. Schäuble beriet sich vor dem Euro-Finanzministertreffen mit seinem französischen Pendant François Baroin.

Wichtige Themen neben der FTS: Ein Wachstumsfonds für die EU, bei dem nicht ausgeschöpfte Regionalfördermittel zur Konjunkturbelebung in Krisenstaaten mobilisiert werden sollen; die Ausgestaltung des Fiskalpaktes (siehe untenstehendes Wissen); die Arbeitsweise des Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM).

Forderungen aus Italien und von Währungsfonds-Chefin Christine Lagarde und offenbar auch der Europäischen Zentralbank, den ESM aufzustocken, wurden von Schäuble und Merkel zum jetzigen Zeitpunkt zurückgewiesen. Italiens Regierungschef Mario Monti schwebt eine Verdoppelung der Kapazitäten auf eine Milliarde vor, Lagarde legte sich nicht fest. Allerdings bekräftigte die deutsche Kanzlerin, die Gründung des permanenten Rettungsschirms auf Jahresmitte vorzuziehen und auch die Eigenmittelausstattung des Fonds zu beschleunigen. Er soll im Unterschied zum Provisorium EFSF (European Financial Stability Facility) mit 80 Mrd. Euro Eigenkapital ausgestattet werden, wovon Österreich 2,2 Milliarden beisteuern soll. Die Mittel erhöhen das Defizit nicht, sehr wohl aber den Schuldenstand. Der ESM und der neue Fiskalpakt sind dabei eng aneinander gekoppelt.

Proteste in Italien

Nicht gerade beflügelt wurden die Aussichten auf ein rasches Ende der Krise in Spanien. Die Notenbank des Landes revidierte ihre Wachstumsprognose auf minus 1,5 Prozent im laufenden Jahr. In Italien werden die Reformen von zahlreichen Berufsgruppen torpediert. Lastwagenfahrer blockierten die Straßen des Landes aus Protest gegen höhere Spritsteuern. Auch Eisenbahner, Tankstellenbetreiber, Apotheker und Rechtsanwälte wollen streiken. Angesichts des erbitterten Widerstands erscheint fraglich, ob Monti das Paket durch das Parlament bringen wird. (as, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.1.2012)

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José Atento
21
24.1.2012, 18:41
Die Banken werden natürlich diese Mehrbelastung auf die kleinen Kunden überwälzen

Danke an die EU!

Epikouros
00
25.1.2012, 22:01
Wie denn?

Banken, die kein Investmentbanking betreiben, haben nichts abzuwälzen. Die anderen werden wohl nicht können.

peace & love
00
24.1.2012, 19:51
mal abgesehen davon,

dass diese steuer kaum einnahmen verursachen wird, schweden hat sie schon wieder aufgegeben.

< Bananenrepublik Österreich >
00
24.1.2012, 10:40
Anstatt die Briten aus der EU zu schmeißen, geht man also in die Knie!!??

Unglaublich wie sich Europa von diesem arroganten, neoliberalen, US hörigen Inselstaat gängeln lässt.

Hoch lebe Betrug, Korruption und Sklaventreiberei. Ein Hoch auf die Finanzoligarchie. Sie sind die wahren Machthaber und London & New York ihre Spielplätze.

peace & love
01
24.1.2012, 10:00
das wäre die dritte entscheidung der eurokraten ...

... innerhalb von zwei tagen, die sich direkt gegen wirtschaftliche interessen europas wendet.

irgendwas läuft da völlig daneben.

Kleinhirn
00
24.1.2012, 09:53

Monti zum ESM:
"Italiens Regierungschef Mario Monti schwebt eine Verdoppelung der Kapazitäten auf eine Milliarde vor,"

Wirklich eine ganze Milliarde für den ESM lieber Standard?

Kulkulcán
02
24.1.2012, 09:27
Was?

Derivate sollen von der FTS ausgenommen sein?
WTF???
Entweder ist das ein verfrühter 1.April-Scherz oder der größtmöglichste Zynismus seit langem.
Wenn das in dieser Form kommt, habe ich für nichts mehr Hoffnung.
"Das Volk für dumm verkaufen" ist ja noch ein euphemistischer Ausdruck.

Nee-Chee
00
24.1.2012, 09:10
"Ein Alleingang der Eurozone würde zur Verlagerung von Finanzgeschäften nach London, New York und diverse asiatische Handelsplätze führen"

ist das jetzt ein Naturgesetz wie "der Ball ist rund & ein Spiel dauert 90 Minuten", oder wie.
wäre ich die deutsche Börse, würd ich in dem Fall zB meine Gebühren um den halben bis sogar vollen Steuersatz reduzieren, das wär mir immer noch lieber, als mein Business zu verlieren.
Das nennt man "Marktwirtschaft", Herr Schnauder, darauf stehen Sie doch so?

Gedankenmulde
111
23.1.2012, 22:45
Derivate und außerbörslichen Handel auszunehmen...

...bedeutet die Instrumente und Platformen zu stärken, die die Krise befeuern. Da wäre sogar ein gänzlicher Verzicht auf eine Regelung besser.
Es ist wirklich traurig!

Epikouros
00
25.1.2012, 22:12

Auch Derivate haben einen Basiswert der meist an der Börse gehandelt wird. Sinn der BUST ist nicht bloß das Stopfen von Haushaltslöchern sondern, auch das Erschweren von schädlichen Handelspraktiken.

Da erhalten beispielsweise Investmentbanken Vorabinformationen über eingehende Orders. Ein paar Sekundenbruchteile reichen der Bank um daraus Kapital zu schlagen. Kommt beispielsweise eine Kauforder so kauft die Bank schnell die Wertpapiere vom Markt um sie wenig später zu einem geringfügig höheren Preis wieder zu verkaufen.

José Atento
00
24.1.2012, 18:42

Wie immer möchte man die Kleinen belasten, denn diese können sich nicht wehren.

santa fe
 
34
23.1.2012, 21:20

so wird das projekt einer tatsächlichen besteuerung der FI (finanzindustrie) zur lächerlichen alibi-aktion.

die Fi bleibt prakrisch steuerfrei, sie hat sich bereits revanchiert und etwas druck vom € genommen.

an der eskalierenden ausbeutung von 99% der bevölkerung ändert das nichts.

BEDINGUNGSLOSES GRUNDEINKOMMEN für alle.

Reich sein muss sich lohnen!
09
23.1.2012, 21:01
Da hat die Finanzlobby wieder einen guten Job gemacht

Eine kleine, leicht zu umgehende Alibi-Steuer für die Finanzindustrie - Einsparungen und höhere Steuern für die 99%.

Was anderes war von unseren Volksverrätern auch nie zu erwarten...

Alexander M. Swoboda
01
23.1.2012, 20:32
toller Plan

statt Derivate an regulierte Boersen zu holen, machen wir Boersen ggue OTC unattraktiver - absurd

ino
12
23.1.2012, 20:24
freien kapitalverkehr in frage stellen

die briten mit ihrer city und ein paar ideologisch verblendete osteuropäer bringen also die FTS zu fall. weil alle euroländer angst haben, dass sich bei einer FTS im euroraum die banken und zocker ihre geschäfte in zukunft in london machen. was sie problemlos könnten, weil wir ja den freien kapitalverkehr haben.

warum hören wir damit nicht auf?

- der freie arbeitsmarktzugang wurde osteuropäern jahrelang verwehrt.
- die no-bailout regel des euroraums war nach 2009 auch plötzlich vergessen.

man muss den kapitalverkehr ja auch nur soweit einschränken als länder nicht bereit sind eine FTS einzuführen. im euroraum bliebe er weitgehend frei, auf die slowaken und iren kann der rest gern verzichten...

José Atento
00
24.1.2012, 18:45

Am Besten weltweit wieder hohe Zölle einführen und dann nur mehr für den Binnenmarkt produzieren, oder wie?

Dann würden wir in Ö bald alle in Lumpen herumrennen.

Da Gschupfte
00
23.1.2012, 19:14
die BUSt ist nicht abgeschafft

es ist nur deren Einhebung ausgesetzt (siehe Kapitalverkehrsteuergesetz!) es ist doch ein Leichtes die Aussetzung der Einhebung wieder auszusetzen!!

Werner F, der Inserator
00
23.1.2012, 20:29

aber dann bitte gscheit.

die bust ist eine hirnrissige steuer mit ca 3 millionen unterscheidungen und ausnahmen.

auch ist die umgehung heute leichter bzw anders also noch vor 10 Jahren.

die bust würde ich abschaffen und eine nachvollziehbare und einheitlich steuer einführen, die kann dann vormiraus bust, stamp duty (AT) oder Börsenabgabe heissen.

José Atento
00
24.1.2012, 18:46

Die Börsen sollten unterstützt werden, nicht durch unnötige Steuern noch mehr nach unten gedrückt werden.

Werner F, der Inserator
00
24.1.2012, 21:12

Komisch die uk stamp duty oder die stempel abgabe bzw in umsatzabgabe in ch stellen an den jeweiligen finanzplaetzen keine grossen probleme dar.

Sie gehoeren vereinheitliicht an den europaeischen finanzplaetzen, das wuerde sicher zu einer volumenseinbusse bei arbitrage tradern bzw hedge fonds fuehren, aber fuer den finanzplatz ansich bzw die unternehmen, die eigenkapital aufnehmen wollen stellt das kein problem dar.

Markus1980Wien
 
11
23.1.2012, 19:02
Transaktionssteuer für alle Transaktionen weltweit

Jede Person die ihren Lebensmittelpunkt in Österreich hat muss in Österreich sein gesamtes "Welteinkommen" versteuern. Also auch Einkommen, die er in anderen Ländern erwirtschaftet hat. (abzüglich der Steuern die er in den anderen Ländern schon für das Einkommen bezahlt hat)

Deshalb bin ich auch dafür, dass alle juristischen und natürlichen Personen die ihren Lebensmittelpunkt in einem der Finanztransaktionssteuer-Mitgliedsländer haben, eine Transaktionssteuer für alle Transaktionen weltweit zahlen müssen. Dadurch würde ein Ausweichen auf London oder asiatische Börsen nichts mehr bringen.

Vielleicht nicht einfach zu kontrollieren, aber wer seine Umsätze nicht meldet, würde sich immerhin der Steuerhinterziehung strafbar machen.

peace & love
01
24.1.2012, 10:53
ich mach eine firma in dubai auf,

kostet 5 tausender und ich bin schon aus Ihrem konzept draussen.

und wenn ich das schaff, dann schaffen das andere auch.

diese eurokraten sollten die illusion der kontrolle aufgeben und NACHHALTIGE wirtschaftliche impulse setzen.

unguat
00
27.1.2012, 00:35

die firma wär aber immer noch in österreich steuerpflichtig, wenn sich der ort der geschäftsleitung (=willensbildung) im inland befindet. ob man da drauf kommt ist eine andere frage, aber wenn, dann kommt man wegen steuerhinterziehung dran.

José Atento
00
24.1.2012, 18:49
Die Eurokraten wollen nichts reformieren,

die wollen immer mehr Geld beschaffen, um noch mehr Schulden anhäufen zu können.

Easy Rawlins
00
24.1.2012, 10:11

Na, dann gründet die juristische Person ganz einfach eine Gesellschaft in einem Nicht-FTS-Land und wickelt die entsprechenden Geschäfte nicht selbst sondern über dieses selbständige Steuersubjekt ab.

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