EGMR-Urteil

Familienstreit um Pflegekinder

23. Jänner 2012 18:21
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    Foto: apa/neubauer

    "Mir nach", könnte dieses Spiel heißen. Wem Kinder folgen sollen, bleibt in strittigen Pflegschaftsangelegenheiten oft zu lange offen. Generell werden Pflegeeltern dringend gesucht.

Vier Jahre stritten Eltern und Pflegeeltern um ein Kind - Dafür wurde Österreich nun vom Europäischen Menschenrechtsgerichtshof verurteilt

Wien - Deutlicher hätte der Rüffel der Straßburger Richter kaum ausfallen können: "Die österreichischen Behörden konnten keine befriedigende Erklärung dafür geben, warum die Prozesse so langsam abliefen und es sogar zu einem Stillstand kam." Daher, so der Spruch des Europäischen Menschenrechtsgerichtshofs im Fall des Pflegeelternpaares Anna K. und Viktor L.: Österreich hat gegen Artikel 8 der Europäischen Menschenrechtskonvention verstoßen, das "Recht auf Schutz des privaten und Familienlebens".

Die Republik Österreich wurde zu einer Geldstrafe verdonnert (insgesamt 10.000 Euro), am persönlichen Drama des Paares ändert das nichts. Die beiden hatten 1997 ein zweijähriges Pflegekind bei sich aufgenommen, das seiner drogenkranken Mutter abgenommen worden war. Nach vier Jahren hatte sich die leibliche Mutter erholt, das zuständige Bezirksgericht stellte eine positive Bindung des Kindes zu ihr fest, das Kind kam wieder zu ihr. Weiterer Kontakt zwischen Pflegeeltern und Kind wurde untersagt - mit dem Argument, das Ausbleiben eines Kontaktes würde des Kindes Wohlbefinden nicht weiter berühren.

Pinterits: Entscheid "hoch interessant"

Die Pflegeeltern legten Berufung ein, der Fall ging in die Instanzen - und wurde verschleppt. 2005 stellte das österreichische Höchstgericht fest: Die Bindung zwischen leiblicher Mutter und Kind sei eng und positiv, ein neuerlicher Kontakt zu den einstigen Pflegeeltern würde das Kind in Loyalitätskonflikte stürzen.

Dieser Argumentation konnten sich die Straßburger Richter nicht anschließen - umso weniger, als man am Bezirksgericht plötzlich zugab, die Pflegeeltern hätten durchaus gute Chancen auf ein Besuchsrecht beim Pflegekind gehabt, wenn denn ihr "Fall" schneller bearbeitet worden wäre.

Die Wiener Kinder- und Jugendanwältin Monika Pinterits empfindet den Spruch der Straßburger Höchstrichter als "hoch interessant" - umso mehr, als er sich mit ihren Wahrnehmungen durchaus trifft: "Familienrichter tendieren in den letzten Jahren dazu, auch in strittigen Fällen zugunsten der leiblichen Eltern zu entscheiden." Dies habe wohl mit dem gesellschaftlichen Diskurs zu tun, mit der wachsenden Komplexität der Fälle - und mit einem ganz praktischen Problem. Pinterits: "Familienrichter sind keine Experten in Sachen Jugendwohlfahrt. Sie beauftragen gerichtlich beeidete Gutachter, deren Gutachten dann die Grundlage ihrer Entscheidungen bilden." Damit seien Richter auf der "sicheren Seite".

Kritk: Bindung zwischen Kind und Pflegeeltern nicht berücksichtigt

Die Arbeit der Gutachter sei freilich "von unterschiedlicher Qualität". Die Kinder- und Jugendanwältin stört beispielsweise massiv, "dass in vielen Fällen nur die Interaktion zwischen leiblichen Eltern und Kind begutachtet wird". Die Bindung zwischen Pflegeeltern und Kindern werde oftmals nicht beurteilt. Dann werde Pflegeeltern, die schon viele Jahre für ihr Pflegekind sorgten, dieses abgenommen - "und die Prognose über die weitere Zukunft des Kindes mit den leiblichen Eltern ist trotzdem sehr unsicher" - weil, zum Beispiel, mit den Eltern in der Zwischenzeit "nicht oder nur wenig gearbeitet wurde". Oder es werde "ein Besuchsrecht um jeden Preis gewährt, selbst, wenn zuvor Gewalt ein Thema war".

Das Problem betrifft die Stadt Wien auch insofern, als Pflegeeltern dringend gesucht werden: 518 Pflegefamilien sind in Wien registriert, mehr werden gesucht - etwa auch in Migrantenkreisen oder unter homosexuellen Paaren. Pinterits: "Es macht die Sache nicht einfacher, wenn dann Richter-Entscheidungen kaum nachvollziehbar erscheinen."

Außergerichtliche Stelle

Es sei "die belastendste Entscheidung überhaupt", sagt die Jugendanwältin, wenn Richter über die Zukunft kleiner Menschen entscheiden müssten. Daher solle man sie damit "nicht alleine lassen". Pinterits fordert daher "eine Stelle außerhalb des Gerichts", die automatisch angerufen werde, sobald es um Pflege- oder auch Obsorge-Streitigkeiten gehe: Jugend- und Sozialarbeiter, Kinder- und Jugendpsychiater und Mediatoren sollten strittige Fälle zunächst einmal, gemeinsam mit allen Beteiligten, bearbeiten. Pinterits: "Wir müssen dahin kommen, dass Pflegschaftsgerichte nur in aussichtslosen Fällen angerufen werden." Das derzeit laufende Pilotprojekt "Familiengerichtshilfe" sei zwar "ein Fortschritt, dient aber letztlich nur dazu, das Gericht zu beraten". Zielführender wäre, von Beginn eines Konflikts an mit den Familien zu arbeiten.

Zudem wünsche sie sich "eine Diskussion darüber, wie lange einmal abgenommene Kinder wieder zurück zu ihren leiblichen Eltern sollen" - dies sei überhaupt nicht festgelegt. Pinterits, die auch in der interministeriellen Arbeitsgruppe zur Reform der Obsorge sitzt, hält das "Arbeiten mit den Eltern für unbedingt notwendig. Alles andere ist selbst-entmündigend".

Dass das Problem ein virulentes ist, zeigen die Zahlen: 2010 wurden in Wien insgesamt 742 Kinder und Jugendliche "untergebracht", wie es im Jugendamt-Jargon heißt. 549 in Wohngemeinschaften, 193 bei Pflegeeltern. (Petra Stuiber, DER STANDARD, Printausgabe, 24.1.2012)

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schokonat
03.02.2012 21:44
@absolut: Liebe...

Ich weiß nicht wie Du sowas behaupten kannst Absolut. Pflegeeltern werden in den meisten Bundesländern nicht sehr gut bezahlt und machen es daher schlicht aus Kinderliebe. Pflegeeltern kennen ausserdem die Kinder, was man vom Jugendamt tatsächlich nicht immer behaupten kann. Diese Kleine kennt nur die Pflegeeltern, wieso sollte sie jetzt weg. Es ist doch Unsinn dass Bindung nur zur Mutter entstehen kann. Wenn dann hätte man gleich anders entscheiden können, jetzt ist es Wahnsinn das Kind noch von seinen Bezugspersonen zu entfernen

absolution
25.01.2012 15:23
Es hätte mich gewundert, wenn die Pinterits dazu nix sagen müsste

Aber um das Wohl des Kindes hat sich offenbar auch in diesem Fall das Jugendamt nicht gekümmert.

Für alle, die noch nicht alles begriffen haben: Pflegefamilien (Pflegemama, Pflegepapa) sind ein Geschäftsmodell der Jugendämter, weder Jugendamt noch Pflegefamilie sind einzig am Kindeswohl interessiert sondern mehr an der Kohle!

M. K. 4
31.01.2012 22:56

ich kenne es eher umgekehrt.
Adoptionskinder gibt es nicht, daher versucht man Pflegekinder zu bekommen - und evtl in Folge zu adoptieren.
Wenn da die leibliche Mutter dazwischenkommt...

Vorstadtmama
 
26.01.2012 10:33
..im Prinzip haben sie sicher Sie nicht ganz unrecht...

...auch wenn dieses Schwarz/Weiss Denken ein bisserl übertrieben wirkt. Es sind sicher nicht ALLE Pflegeeltern nur an der Kohle interessiert, es gibt aber auch hier Schwarze Schafe (Einzelfälle von Mißhandlung und Vernachlässigung sind aus der Zeitung allgemein bekannt). Das Jugendamt hat -zumindest bei uns in der Vorstadt - keinen besonders guten Ruf. Jeder mir Bekannte - auch eine Pflegefamilie ist darunter (und die ist definitiv nicht nur am Geld interessiert) - schimpft über diese Behörde. Persönliche Erfahrungen kann ich hier zwar nicht beisteuern, aber ein ungutes Gefühl bleibt...

Rosa Stahl
26.01.2012 11:57

so wie überall gibts auch am JA und bei den Pflegeeltern gute und weniger gute.

Und wenn jemand glaubt, heutzutage mit der Bezahlung als Pflegemutter gut Kohle zu machen, dann hat dieser Jemand einen Knall: rund 370 Euro brutto (!) pro Monat. Den würd ich gern sehen, der damit durchkommt.

Vorstadtmama
 
26.01.2012 13:23

Und genau darauf muß das Jugendamt besser achten. Es gibt leider auch Menschen, die auf jeden Cent, den sie nur irgendwie bekommen können, angewiesen sind. Die haben in der Regel sogenanntes "Vermögen" (ein unverkäufliches Häusl in der Pampa mit Schulden) und deshalb kein Anrecht auf Grundsicherung. Ein bisserl Theaterspielen (glückliches Paar, sie kann mangels Berufstätigkeit nur für das Pflegekind da sein, er möchte nichts Lieber tun, als sich nach der Schichtarbeit um ein Problemkind zu kümmern, das nicht das Seine ist...) und die haben den Zuschlag. Die Entschädigung reicht zumindest für das Essensgeld für die drei Personen. Für die fälligen Kreditraten bleibt mehr über...

Rosa Stahl
26.01.2012 16:09

ganz einfach:

wenn Sie den Eindruck haben, dass es dem Kind nicht gut geht, es an irgendetwas fehlt, dann machen Sie bitte eine Gefährdungsmeldung an das Amt. Die MÜSSEN dann kontrollieren kommen.

Es gibt vor der Pflegestellenbewilligung bestimmte Kriterien, die erfüllt werden müssen (Leumund etc.).
Ein Blick in die Schuldenkartei des KSV ist nicht vorgesehen. Es müssen auch nicht Pflegeeltern, die ein Häusl haben und wo sie zuHause ist, prinzipiell schlechte Eltern sein.

Wie gesagt: Wenn Sie konkrete Anhaltspunkte haben, dann sind Sie eigentlich verpflichtet, eine Meldung zu machen. Ein niedrigeres soziales Niveau allein stellt aber noch keine Gefährdung dar.

schokonat
03.02.2012 21:45
perma:

wenn 370 euro viel geld sind könnte man genauso gut behaupten alle die Alimente bkeommen sind nur hinter dem GEld her...

Vorstadtmama
 
26.01.2012 13:43
andererseits, soll das Jugendamt auch aufhören, guten Pflegeeltern das Leben schwer zu machen...

Den Pflegeeltern, die ich kenne, wurde in jede Kleinigkeit hineingeredet. Die kamen sich schon selbst wie Unmündige vor.

Nemi
26.01.2012 08:15

Haben Sie schon einmal ein Kind betreut? Noch dazu eines, dass vielleicht eine sehr unglückliche Vorgeschichte hat? Eines, dem die bisherigen Bezugspersonen genommen wurde und das sich neu gewöhnen muss?

Nein?? Dann würde ich nicht von "Kohle machen" reden. Pflegeeltern die Kinder nur aus "Geldgier" aufnehmen (so wie sie es ihnen unterstellen) werden die nicht lange haben, weil überfordert!

Vorstadtmama
 
26.01.2012 10:41
es ist nicht alles schwarz/weiss...

Nicht alle Pflegeeltern sind selbstlose Engerln. Renate A. wurde wegen ihrer mangelnden Sprachkenntnisse hier im Forum nicht ernstgenommen, ihre Vorwürfe habe ich aber auch schon von anderer Seite (und aus der Zeitung) gehört. Da kann sich wohl das Jugendamt seine Pflegeeltern nicht immer aussuchen...

Nemi
26.01.2012 15:38

Geb Ihnen vollkommen Recht was das schwarz/weiß-Sehen betrifft :-).

Rosa Stahl
26.01.2012 11:59

oh doch. das Jugendamt kann sich seine Pflegeeltern aussuchen. Da gibts klare Kriterien dafür. Einziges Problem: Es melden sich wenig Leute, eben weils mühsam ist, man nix verdient und einem gleichzeitig auch noch unterstellt wird, dass man das eh nur wegen der Kohle macht.

Vorstadtmama
 
26.01.2012 13:11
..wenns zu wenige gibt, kann man es sich nicht aussuchen.

Und da bekommt schon mal ein Pärchen aus Hintertupfingshausen mit einem Einfamilienhaus, Schulden und einer Mama, für die es sich nicht auszahlt, zu pendeln, den Zuschlag. Die Entschädigung ist gering - zugegeben - für jemanden der sonst kein Einkommen hat, ist es mehr als nichts. Kontrollen sind teuer, den Rest kennen wir aus der Zeitung (meine aus der Vorstadt stammenden Gerüchte behalte ich diesmal für mich).

schokonat
03.02.2012 21:55
@vorstadtmama

und wie die ausgesucht werden. das zieht sich über 1 bis 2 Jahre zumindest in unserem Bundesland. Mehrere gEspräche mit Sozialarbeitern und Psychologen, das HAus muss genauestens gezeigt werden ebenso wie das Einkommen offen gelegt werden muss, weil eben überprüft wird ob das eh nicht die einzige Einkommensquelle ist. Außerdem haben beide Paarteile eine Schulung zu machen

Rosa Stahl
25.01.2012 16:26

wo vegetieren Sie denn dahin, dass Sie so einen Unsinn posten?

Von wegen Kohle....

Pflegeeltern können sich anstellen lassen, jawohl. und dann " verdienen" sie genau einen Euro über der GEringfügigkeitsgrenze pro Monat.

Gehen Sie für rund 370 Euro sieben Tage die Woche mit täglich Nachbereitschaft arbeiten???

Vorstadtmama
 
26.01.2012 10:50
..er logiert halt nicht am obersten Ende der sozialen Leiter...

Bei uns in der Vorstadt hört man auch nicht nur Gutes über das Jugendamt... Da ich aber selbst eine Pflegefamilie kenne, die definitiv nicht am Geld interessiert ist und sich in erstaunlichem Maß selbstlos der Pflege des nicht unproblematischen Kindes widmet, weiss ich, dass dieses "nur am Geld interessiert" in den meisten Fällen sicher nicht stimmt. Ich habe aber auch schon von anderen gehört..

nikris
25.01.2012 11:18
Kinder sind kein Eigentum

... und wenn das endlich mal sich als Faktum in der Gesellschaft durchsetzen würde es zu solchen Dramen nicht mehr kommen.

An erster Stelle kommt das Wohl des Kindes, in Österreich leider nicht immer.

Miss Vane
 
25.01.2012 12:01

in erster linie leidet ja wohl ein kleines kind darunter, wenn es sich jahre lang in einer pflegefamilie gut eingelebt hat und dann plötzlich zu -ihm womöglich unbekannten oder kaum bekannten - eltern zurück muss.

Miss Vane
 
25.01.2012 11:58
was genau wollen sie damit sagen?

nikris
25.01.2012 12:22
wir sind uns einig :-)

Wenn Kinder nicht als Eigentum ihrer Eltern gesehen werden kann man voll und ganz auf das Kindeswohl achten. Ohne Panik, dass die Eltern "ihr Eigentum" verlieren.

Dann darf ein Kind dort bleiben, wo es sich zu Hause fühlt. Und dieses Gefühl stellt sich bei kleinen Kindern schon nach wenigen Wochen ein!

Miss Vane
 
25.01.2012 12:39
alles klar :-)

in der diskussion hier wurden ja auch tw. die pflegeltern "verurteilt", welche die kinder nicht mehr hergeben wollten...
ich habe übrigens im internet auch einige tragische fälle gefunden, wo man den eltern die kinder wohl zu unrecht weggenommen hat... (zB weil sie nicht "intelligent" genug waren). nichtsdestotrotz wird die Rückführung v.a. für die kinder immer sehr schwierig werden...

nikris
25.01.2012 13:04
klare Fristen

könnten helfen. Es sollte sehr gründlich geprüft werden, ob das Kind weg muss und dazu sollte es einen beschränkten Zeitraum geben (z.B. 4 Monate). In der Zeit kann das Kind zu Krisenpflegeeltern.

Das muss doch bitte reichen um Klarheit zu bekommen. Nach dieser Frist gibt es dann eindeutige Verhältnisse - Kind bei Dauerpflegeeltern oder bei den Eltern. Endgültige Entscheidung. Ich wette, dann würde es auch deutlich mehr Menschen geben, die sich als Pflegeeltern zur Verfügung stellen.

Rosa Stahl
25.01.2012 16:28

das wird in Wien ohnedies so gehandhabt.

Trotzdem gibt es zu wenig Pflegeeltern, weil sich dem Streß (traumatisierte Kinder, oftmals ziemlich verwirrte Herkunftseltern, dazu noch Sozialarbeiter, Psychologen, Probleme mit Papieren bei ausländischen Kindern....) kaum wer aussetzt.

renate a
25.01.2012 10:40
pflegeeltern ...

.. die meisten pflegeeltern stellen sich in kunkurenz zu den eltern das ist ein missverständniss
und viele wollen die kinder behalten weil sie keine bekommen haben und sich für die besseren eltern halten
so ist das aber nicht

sie sind "platzhalter" für die eltern

und das jugendamt ist meist sehr nachsichtig mit pflegeeltern weil sie zuwenig haben

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