Dass bloß 44 Prozent der Wahlberechtigten überhaupt abgestimmt haben, ist ein untrügliches Zeichen für das Unbehagen und für die Skepsis gegenüber der EU
Die Entscheidung beim Referendum über den EU-Beitritt Kroatiens ist gerade angesichts der Identitätskrise der Europäischen Union ein Erfolg nicht nur für die rund 4,5 Millionen Einwohner des Landes, sondern auch für den europäischen Einigungsprozess. Darüber hinaus bedeutet die als fast sicher geltende Zustimmung der Parlamente der 27 EU-Staaten zum formellen Beitritt am 1. Juli 2013 auch eine Hoffnung für die Bemühungen der anderen Nachfolgestaaten des zerfallenen Jugoslawien um engere Beziehungen mit Brüssel.
Dass bloß 44 Prozent der Wahlberechtigten überhaupt abgestimmt haben, ist freilich auch ein untrügliches Zeichen für das Unbehagen und für die Skepsis gegenüber der EU, aber auch für die Politikverdrossenheit der Menschen. Was der große britische Historiker L. B. Namier vor vielen Jahren schrieb, bleibt auch für Kroatien und die mittel- und südeuropäischen Staaten relevant: "Die erste und elementare Voraussetzung des Regierens ist die Routine einer sauberen Verwaltung." Gerade in dieser Hinsicht gibt es noch immer einen Ballast der tief verwurzelten, auch international verzweigten Korruption aus der Ära Franjo Tudjmans und Ivo Sanaders, der beiden stärksten, aber umstrittenen Führungspersönlichkeiten nach der Erringung der Unabhängigkeit.
Man muss feststellen, dass auch der wegen illegaler Bereicherung angeklagte Exministerpräsident Sanader persönlich und politisch den Weg nach Brüssel geebnet hat. Eine bedeutende Rolle spielt bei der Öffnung nach Europa und bei der Versöhnung mit Serbien der kluge und energische Anfang 2010 zum Staatspräsident gewählte Jurist und Komponist, Ivo Josipović. Ob die sozialdemokratisch dominierte Koalitionsregierung die Kraft und die Geschlossenheit haben wird, bei einer Arbeitslosenrate von 18 Prozent und bei einer starken nationalistischen Herausforderung die Wirtschaftsreformen voranzutreiben, muss ebenso dahingestellt bleiben wie ihre künftige Haltung zu den Folgen der Brüsseler Agrar- und Fischereipolitik.
Viel hängt von den Führungsqualitäten des 45-jährigen Regierungschefs und sozialdemokratischen Parteivorsitzenden Zoran Milanović ab. Für ihn und seine Regierungsmannschaft gilt auch eine andere Feststellung Namiers: "Jede Regierung beruht auf irgendeiner Form von Oligarchie, und es kommt weit mehr auf das sittliche und geistige Niveau der Männer an, aus denen sie sich zusammensetzt, sowie auf die Auffassung, die sie vom Regieren haben, und ihr Verantwortungsbewusstsein gegenüber den Regierten als auf ihre soziale Herkunft." Man muss dabei freilich auch die potenziell bedeutende Rolle der prominenten liberalen Politikerin in der Regierung und sprachkundigen Soziologin, Außenministerin Vesna Pusić, hervorheben.
Trotz aller Fragezeichen über die Zukunft Kroatiens und die Heilung der Wunden aus den Jugoslawienkriegen sprach Staatspräsident Josipović zu Recht vom Beitritt zur Europäischen Union als einem Wendepunkt in der langen und oft turbulenten Geschichte Kroatiens. Aus historischen und politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Gründen kann man die bevorstehende Aufnahme dieses mit Österreich so eng verbundenen Landes als 28. Mitglied der EU vorbehaltlos begrüßen. (DER STANDARD, Printausgabe, 24.1.2012)