Kroatiens Erfolg

Kolumne | Paul Lendvai, 23. Jänner 2012, 17:00

Dass bloß 44 Prozent der Wahlberechtigten überhaupt abgestimmt haben, ist ein untrügliches Zeichen für das Unbehagen und für die Skepsis gegenüber der EU

Die Entscheidung beim Referendum über den EU-Beitritt Kroatiens ist gerade angesichts der Identitätskrise der Europäischen Union ein Erfolg nicht nur für die rund 4,5 Millionen Einwohner des Landes, sondern auch für den europäischen Einigungsprozess. Darüber hinaus bedeutet die als fast sicher geltende Zustimmung der Parlamente der 27 EU-Staaten zum formellen Beitritt am 1. Juli 2013 auch eine Hoffnung für die Bemühungen der anderen Nachfolgestaaten des zerfallenen Jugoslawien um engere Beziehungen mit Brüssel.

Dass bloß 44 Prozent der Wahlberechtigten überhaupt abgestimmt haben, ist freilich auch ein untrügliches Zeichen für das Unbehagen und für die Skepsis gegenüber der EU, aber auch für die Politikverdrossenheit der Menschen. Was der große britische Historiker L. B. Namier vor vielen Jahren schrieb, bleibt auch für Kroatien und die mittel- und südeuropäischen Staaten relevant: "Die erste und elementare Voraussetzung des Regierens ist die Routine einer sauberen Verwaltung." Gerade in dieser Hinsicht gibt es noch immer einen Ballast der tief verwurzelten, auch international verzweigten Korruption aus der Ära Franjo Tudjmans und Ivo Sanaders, der beiden stärksten, aber umstrittenen Führungspersönlichkeiten nach der Erringung der Unabhängigkeit.

Man muss feststellen, dass auch der wegen illegaler Bereicherung angeklagte Exministerpräsident Sanader persönlich und politisch den Weg nach Brüssel geebnet hat. Eine bedeutende Rolle spielt bei der Öffnung nach Europa und bei der Versöhnung mit Serbien der kluge und energische Anfang 2010 zum Staatspräsident gewählte Jurist und Komponist, Ivo Josipović. Ob die sozialdemokratisch dominierte Koalitionsregierung die Kraft und die Geschlossenheit haben wird, bei einer Arbeitslosenrate von 18 Prozent und bei einer starken nationalistischen Herausforderung die Wirtschaftsreformen voranzutreiben, muss ebenso dahingestellt bleiben wie ihre künftige Haltung zu den Folgen der Brüsseler Agrar- und Fischereipolitik.

Viel hängt von den Führungsqualitäten des 45-jährigen Regierungschefs und sozialdemokratischen Parteivorsitzenden Zoran Milanović ab. Für ihn und seine Regierungsmannschaft gilt auch eine andere Feststellung Namiers: "Jede Regierung beruht auf irgendeiner Form von Oligarchie, und es kommt weit mehr auf das sittliche und geistige Niveau der Männer an, aus denen sie sich zusammensetzt, sowie auf die Auffassung, die sie vom Regieren haben, und ihr Verantwortungsbewusstsein gegenüber den Regierten als auf ihre soziale Herkunft." Man muss dabei freilich auch die potenziell bedeutende Rolle der prominenten liberalen Politikerin in der Regierung und sprachkundigen Soziologin, Außenministerin Vesna Pusić, hervorheben.

Trotz aller Fragezeichen über die Zukunft Kroatiens und die Heilung der Wunden aus den Jugoslawienkriegen sprach Staatspräsident Josipović zu Recht vom Beitritt zur Europäischen Union als einem Wendepunkt in der langen und oft turbulenten Geschichte Kroatiens. Aus historischen und politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Gründen kann man die bevorstehende Aufnahme dieses mit Österreich so eng verbundenen Landes als 28. Mitglied der EU vorbehaltlos begrüßen. (DER STANDARD, Printausgabe, 24.1.2012)

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15 Postings
Warentester
22
24.1.2012, 17:51

"...Staatspräsident ... Ivo Josipovic."

Jaja, der edle Ivo. Blöd das er halt irgendwie in der Nähe von einen Insidergeschäft bei einer Bank angesiedelt war, und darüber wie seine Frau zu Posten kommt reden wir lieber auch nicht. Obwohl für kroat. Politiker sind das Petitessen, also insofern stimmt's wieder mit der "Sauberkeit".

"liberalen Politikerin ... Außenministerin Vesna Pusic,"

Wenn die liberal ist, ist der Raul Castro libertär. Eine in die Wolle gefärbte Altkommunistin mit Ahnung von nix, dafür einer kaum vehelten Abneigung gegen echt Demokratie (dieses blöde Volk aber auch immer).

Toll, wen uns hier Hr. Lendvai wieder anpreist. Aber vor ein paar Jahren hat er hier ja auch noch Sanader in den Himmel gelobt.

gutmensch6
11
24.1.2012, 15:37

kroatien ist ein problem für die eu, wiederum einen mehr, wir dürfen wieder blechen

sandor gjalski
31
24.1.2012, 14:11

ich glaub alle gerade von den bäumen gestiegenen affen und halbaffen würden besser regieren als die jetztigen halbaffen und die vorigen affen (hdz) so gesehen ist kroatien noch in demokratischer steinzeit - paläolithikum und prä-historischer zeit ähnlich wie der rest des balkans....

chilly76
 
00
24.1.2012, 13:40
paar jahre dürften die kroaten noch absahnen

bevor die ganzen touristengelder nach brüssel abgetreten werden müssen. :-DDDDD

DrSigmundFreud
 
34
24.1.2012, 09:57

mit einer bereingten wählerliste kommt man auf ca. 3 mio wahlberechtigte in kroatien und das ergibt eine wahlbeteiliung knapp unter 60%. die auslandskroaten spielen in diesem fall keine rolle (3,4% beteilgung) .
kroatien hat jetzt für die zunkunft alle chanchen da ja endlich die krimminelle hdz-regierung angewählt wurde und neue kräfte an der macht sind

sandor gjalski
10
25.1.2012, 02:02

sie sind echt naiv oder leben auf den mond?

es ist ein karussell aus gleichen leuten die ganzen fleischpuppen ohne geist und seele

milinovic ist unfähig genauso wie pusic sie spielen elite in einer gartenzwergliga

Cogito Ergo Dumm
05
24.1.2012, 09:42
Genauso könnte man sagen,

dass sich die Wahlbeteiligung wegen des offensichtlichen Erfolges der Befürworter in Grenzen gehalten hat. Alle Umfragen haben ja schon vorher eine klare Bereitschaft zum "Ja" signalisiert, das könnte auch manchen dazu bewogen haben, gleich gar nicht hinzugehen.

Filicijo
64
24.1.2012, 08:59
Immer wieder,

von P. Lendvai das gleiche Muster:
Tudjman, Sanader, HDZ, Rechts = schlimm, schlimmer das schlimmste
Josipovic, Pusic, Links = gut, besser das beste

Bitte schicken sie Herrn Lendvai auf einen Kurs über geschichte Kroatiens (mit Themenschwerpunkt 20. Jhdr.) oder in die Pension oder in die Wüste.

?und
00
24.1.2012, 15:47
wie recht sie haben....

auch links hat noch lange nicht bewiesen, daß sie besser und weniger korruptionsanfällig sind.

wunderwutzler
00
24.1.2012, 08:40
"Zeichen für das Unbehagen und für die Skepsis gegenüber der EU"

"Desinteresse" - würde ich eher meinen.

Tintifax der ... Druide!
00
24.1.2012, 08:23

Vielleicht hat die niedrige Wahlbeteiligung auch damit zu tun, dass die Kroaten in letzter Zeit recht viele Abstimmungen hatten, und es ihnen deshalb schon zu fad wird, schon wieder einen Zettel abzugeben...

permanent marker
24
24.1.2012, 07:54

Politik- oder EU-Verdrossenheit hin oder her, wer nicht zur Wahl/Abstimmung geht, hat keine Mitsprache verdient.

Ich finde es sehr traurig, dass gerade in jenen Ländern, die erst seit sehr kurzer Zeit demokratisch sind, die Wahlbeteiligung so niedrig ist.

Gerade dort sollte man sich noch dessen bewusst sein, wie wertvoll Mitbestimmung ist!

barney
13
24.1.2012, 08:50
siehe unten

Zu einer Wahl, die so oft wiederholt wird, bis das Ergebnis "paßt", würde ich auch nicht gehen...

barney
14
24.1.2012, 06:29
gut geplant ist...

"Kroatiens Erfolg" war unvermeidlich, denn die Abstimmung wäre (völlig unabhängig von der Beteiligung) so oft wiederholt worden, bis das gewünschte "Ja" als "Ergebnis" übriggeblieben wäre!
Und darüber freuen wir uns alle sehr!!

Gary Grantscherbn
00
24.1.2012, 14:09

und wie wir uns freuen....yippie....

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