Bernsteins "Candide" konzertant an der Volksoper
Wien - Es macht sich der Direktor des Hauses schon wieder - wie zuletzt beim
Musical Die spinnen, die Römer! - mitten unter seinen Premieren-Sängern
bequem, doch hat Robert Meyer tatsächlich abermals etwa zu sagen: Als Erzähler
in Leonard Bernsteins Candide vermittelt er schließlich einen Abend lang
den erklärenden Zwischentext von Vicco von Bülow (Loriot), der mit seiner (alle
Schrecklichkeiten des Candide- Kosmos in stoische Ironie packenden)
Schilderungskunst für sich schon den Besuch dieser konzertanten Premiere wert
wäre.
Da ist natürlich viel mehr, nämlich die Hauptsache, die in Musical- und
Operettenform gebrachte Novelle Candide oder der Optimismus; mit selbiger
hat sich Voltaire seinerzeit (1759) satirisch mit der Theorie, wonach man "in
der besten aller möglichen Welten" lebe, auseinandergesetzt. Leonard Bernstein
tut Gleiches zwar nicht mit der melodischen Genialität seiner West Side
Story. Doch die haarsträubenden Episoden des Stückes, die jedem
Abenteuerroman zur irrwitzigen Ehre gereichen würden, bieten zahllose
Möglichkeiten für die effektvolle Selbstdarstellung jener immer wieder von den
Toten auferstehenden Charaktere.
Da wäre die edle Cunegonde, die - aus ihrer heilen Welt herausgerissen - als
leichte Dame den Globus bereist, bis sie mit ihrem Candide (tadellos Stephen
Chaundy) schließlich bürgerliche Ruhe zu erlangen versucht. Jennifer O'Loughlin
verleiht Cunegounde theatrale Strahlkraft, wobei besonders die koloraturgeprägte
Nummer Glitter And Be Gay zu einem nicht enden wollenden Applaus führte,
da sich auch vokal Besonderes ereignet hatte.
Nicht minder schillernd in ihrer deftigen Schrillheit die Old Lady, deren (in
Form eines Tangos durchgeführter) Kampf gegen die Schwerkraft Kim Criswell
grandios vermittelt. Vollständig wird das Vergnügen mit dem lässigen Morten
Frank Larsen (Pangloss/Martin) sowie der Leistung des restlichen Ensembles. Und
auch das Orchester unter dem engagierten Joseph R. Olefirowicz zeigte, wie
gekonnt Bernstein seine eklektische Ästhetik zu schillernden, gar nicht so
leicht zu spielenden Arrangements gebündelt hat. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD - Printausgabe, 24. Jänner 2012)
Termine: 24., 26. u. 29. 1. um 19.00