Elisabeth Kulman ist bei der Staatsopern-Premiere von Kurt Weills "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" als Leokadja Begbick zu hören
Daniel Ender sprach mit ihr über Opernlangeweile und -marionetten.
STANDARD: Wenn man Ihre Arbeit verfolgt, scheint es: Sie legen viel Wert
auf Vielfalt und Abwechslung.
Kulman: Ja, ich bin jemand, der sich relativ schnell langweilt. Mit der
Wiederholung habe ich Schwierigkeiten, obwohl es auch eine Herausforderung ist,
eine lange Reihe von Opernvorstellungen zu spielen. Eine Carmen muss man
mindestens zehnmal singen, bis da alles stimmt. Aber es gibt einen Punkt, an dem
man Gefahr läuft, in Routine zu verfallen. Dagegen anzukämpfen ist
herausfordernd, ich bewundere alle, die jahrzehntelang die gleichen Rollen
singen. Für mich ist es viel reizvoller, Grenzen auszuloten.
STANDARD: Der Punkt, an dem Sie in Produktionen ganz in Ihre Rolle
gefunden haben, ist also schon wieder uninteressant für Sie?
Kulman: Genauso ist es. Wir haben sechs Wochen Probenzeit, und in dieser Zeit
kreiert man die Rolle. Das ist ein unglaublich spannender Prozess. Dass man die
Rolle richtig formt und gestaltet, geschieht aber dann meist erst vor Publikum.
Mit der Generalprobe, die die erste Probe ohne Unterbrechungen und meist auch
noch öffentlich ist, beginnt sich die Rolle zu manifestieren. Gleichzeitig gibt
es unglaublich viele Freiheiten. Das ist spannend.
STANDARD: Ein Haus wie die Staatsoper beruht im Wesentlichen darauf, dass
sich Stücke - und lange Zeit auch in denselben Inszenierungen - wiederholen. Wie
viel Spielraum gibt es da für Sie?
Kulman: Im Opernalltag ist es ja so, dass ständig jemand krank wird und man
plötzlich andere Kollegen hat - das macht es eigentlich wieder sehr spannend.
Ich habe an der Staatsoper immer gerne Repertoire gesungen, weil es immer
aufregend war.
STANDARD: Das heißt, der Repertoirebetrieb als auf die Spitze getriebene
Routine heißt dann für die Einzelnen das genaue Gegenteil?
Kulman: Das kann man so sagen. Die Staatsoper ist sicher ein Extremfall. Ich
erinnere mich an die Volksoper, da waren wir halt immer die gleiche Besetzung.
Ich habe Boccaccio unglaublich oft gesungen. Tolle Rolle. Aber irgendwann habe
ich gesagt, ich will das nicht mehr singen.
STANDARD: Wiederholungen haben Sie auch bei Aufnahmen im Studio.
Kulman: Eigentlich werden Aufnahmen vor Publikum meistens besser, weil da
mehr Stimmung ist. Aber das kann man sich kaum leisten. Da wird der Moment
eingefangen, und das hat einen Zauber. Natürlich hat man im Studio die Chance,
ein Ideal zu erreichen. Aber mir geht es in der Musik um Emotionen. Das ist für
mich das Oberste. Die Präzision und die Perfektion, das kommt erst danach.
Deshalb entscheide ich mich bei meinen CDs manchmal für Cuts, die nicht ganz
perfekt sind, aber mehr Stimmung haben.
STANDARD: Gibt es dieses Abwägen zwischen der technischen Seite und dem
Risiko für Sie auch, wenn Sie auf der Bühne stehen?
Kulman: Das ist ein großes Thema. Für uns klassische Sänger ist es so, dass
wir uns immer kontrollieren müssen. Von uns wird Präzision und Schönklang, Kultur, Stil verlangt - das sind Parameter, die man
erfüllen muss. Aber es ist mir ein Bedürfnis, etwas einzufangen oder
rauszulassen, was außerhalb der Noten liegt. Deswegen bin ich ja da, deswegen
haben wir keine Maschinen, die Töne produzieren.
STANDARD: "Mahagonny" ist in vieler Hinsicht anders als das Gros des
Opernrepertoires. Wie wirkt es sich auf Sie aus, dass Brecht und Weill darauf
abzielen, die Illusionierung des Publikums zu brechen?
Kulman: Brecht und Weill wollten ja, dass sich Sänger und Schauspieler nicht
mit den Figuren identifizieren. Ich habe das Gefühl, wir sind auf die Bühne
gestellt und strahlen für einen Moment. Dann werden wir auf der Seite wie
Marionetten abgestellt. Irgendwie sind die Figuren dann leer. Es sind nicht
Figuren aus Fleisch und Blut, wie wir sie aus der Oper kennen, sondern sie haben
bestimmte Funktionen. Es waren kritische Phasen in der Probenphase, wo wir die
gesucht haben.
STANDARD: Heißt das dann auch, dass Sie Ihre Figur nicht so sehr an sich
heranlassen?
Kulman: Wenn man Puccini nimmt, ist man einfach involviert und kann etwa am
Schluss der Bohème fast nicht anders als heulen. Ich glaube nicht, dass
bei Mahagonny jemand heulen wird. Es ist einfach ein Statement, auch eine
Botschaft, die sie senden wollen, es ist auch ein Zeigefinger: Seid nicht zu
kapitalistisch, sonst geht die Welt unter.
STANDARD: Sie haben vorhin starke Emotionalität als Ideal genannt. Kommen
Sie hier damit ins Straucheln?
Kulman: Eigentlich nicht. Ich empfinde es so: Wenn ich auf der Bühne bin, bin
ich wie ein Kaleidoskop in allen Emotionen. Dann bricht das Ganze in sich
zusammen: Es war einfach nur eine Illusion. Es ist eine Fata Morgana, die in den
schillerndsten Farben blüht, und in Wirklichkeit ist alles Lug und Trug. (Daniel Ender, DER STANDARD - Printausgabe, 24. Jänner 2012)
Elisabeth Kulman (1973 in Oberpullendorf geboren) feierte erste Erfolge als
Sopranistin, wechselte dann aber ins Mezzofach. Mittlerweile ist die Sängerin,
die nach wie vor eng mit der Staatsoper verbunden ist, an den meisten großen
Häusern der Welt präsent.