Die ewige Suche nach der Opernspannung

Interview23. Jänner 2012, 17:34
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Elisabeth Kulman ist bei der Staatsopern-Premiere von Kurt Weills "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" als Leokadja Begbick zu hören

Daniel Ender sprach mit ihr über Opernlangeweile und -marionetten.

STANDARD: Wenn man Ihre Arbeit verfolgt, scheint es: Sie legen viel Wert auf Vielfalt und Abwechslung.

Kulman: Ja, ich bin jemand, der sich relativ schnell langweilt. Mit der Wiederholung habe ich Schwierigkeiten, obwohl es auch eine Herausforderung ist, eine lange Reihe von Opernvorstellungen zu spielen. Eine Carmen muss man mindestens zehnmal singen, bis da alles stimmt. Aber es gibt einen Punkt, an dem man Gefahr läuft, in Routine zu verfallen. Dagegen anzukämpfen ist herausfordernd, ich bewundere alle, die jahrzehntelang die gleichen Rollen singen. Für mich ist es viel reizvoller, Grenzen auszuloten.

STANDARD: Der Punkt, an dem Sie in Produktionen ganz in Ihre Rolle gefunden haben, ist also schon wieder uninteressant für Sie?

Kulman: Genauso ist es. Wir haben sechs Wochen Probenzeit, und in dieser Zeit kreiert man die Rolle. Das ist ein unglaublich spannender Prozess. Dass man die Rolle richtig formt und gestaltet, geschieht aber dann meist erst vor Publikum. Mit der Generalprobe, die die erste Probe ohne Unterbrechungen und meist auch noch öffentlich ist, beginnt sich die Rolle zu manifestieren. Gleichzeitig gibt es unglaublich viele Freiheiten. Das ist spannend.

STANDARD: Ein Haus wie die Staatsoper beruht im Wesentlichen darauf, dass sich Stücke - und lange Zeit auch in denselben Inszenierungen - wiederholen. Wie viel Spielraum gibt es da für Sie?

Kulman: Im Opernalltag ist es ja so, dass ständig jemand krank wird und man plötzlich andere Kollegen hat - das macht es eigentlich wieder sehr spannend. Ich habe an der Staatsoper immer gerne Repertoire gesungen, weil es immer aufregend war.

STANDARD: Das heißt, der Repertoirebetrieb als auf die Spitze getriebene Routine heißt dann für die Einzelnen das genaue Gegenteil?

Kulman: Das kann man so sagen. Die Staatsoper ist sicher ein Extremfall. Ich erinnere mich an die Volksoper, da waren wir halt immer die gleiche Besetzung. Ich habe Boccaccio unglaublich oft gesungen. Tolle Rolle. Aber irgendwann habe ich gesagt, ich will das nicht mehr singen.

STANDARD: Wiederholungen haben Sie auch bei Aufnahmen im Studio.

Kulman: Eigentlich werden Aufnahmen vor Publikum meistens besser, weil da mehr Stimmung ist. Aber das kann man sich kaum leisten. Da wird der Moment eingefangen, und das hat einen Zauber. Natürlich hat man im Studio die Chance, ein Ideal zu erreichen. Aber mir geht es in der Musik um Emotionen. Das ist für mich das Oberste. Die Präzision und die Perfektion, das kommt erst danach. Deshalb entscheide ich mich bei meinen CDs manchmal für Cuts, die nicht ganz perfekt sind, aber mehr Stimmung haben.

STANDARD: Gibt es dieses Abwägen zwischen der technischen Seite und dem Risiko für Sie auch, wenn Sie auf der Bühne stehen?

Kulman: Das ist ein großes Thema. Für uns klassische Sänger ist es so, dass wir uns immer kontrollieren müssen. Von uns wird Präzision und Schönklang, Kultur, Stil verlangt - das sind Parameter, die man erfüllen muss. Aber es ist mir ein Bedürfnis, etwas einzufangen oder rauszulassen, was außerhalb der Noten liegt. Deswegen bin ich ja da, deswegen haben wir keine Maschinen, die Töne produzieren.

STANDARD: "Mahagonny" ist in vieler Hinsicht anders als das Gros des Opernrepertoires. Wie wirkt es sich auf Sie aus, dass Brecht und Weill darauf abzielen, die Illusionierung des Publikums zu brechen?

Kulman: Brecht und Weill wollten ja, dass sich Sänger und Schauspieler nicht mit den Figuren identifizieren. Ich habe das Gefühl, wir sind auf die Bühne gestellt und strahlen für einen Moment. Dann werden wir auf der Seite wie Marionetten abgestellt. Irgendwie sind die Figuren dann leer. Es sind nicht Figuren aus Fleisch und Blut, wie wir sie aus der Oper kennen, sondern sie haben bestimmte Funktionen. Es waren kritische Phasen in der Probenphase, wo wir die gesucht haben.

STANDARD: Heißt das dann auch, dass Sie Ihre Figur nicht so sehr an sich heranlassen?

Kulman: Wenn man Puccini nimmt, ist man einfach involviert und kann etwa am Schluss der Bohème fast nicht anders als heulen. Ich glaube nicht, dass bei Mahagonny jemand heulen wird. Es ist einfach ein Statement, auch eine Botschaft, die sie senden wollen, es ist auch ein Zeigefinger: Seid nicht zu kapitalistisch, sonst geht die Welt unter.

STANDARD: Sie haben vorhin starke Emotionalität als Ideal genannt. Kommen Sie hier damit ins Straucheln?

Kulman: Eigentlich nicht. Ich empfinde es so: Wenn ich auf der Bühne bin, bin ich wie ein Kaleidoskop in allen Emotionen. Dann bricht das Ganze in sich zusammen: Es war einfach nur eine Illusion. Es ist eine Fata Morgana, die in den schillerndsten Farben blüht, und in Wirklichkeit ist alles Lug und Trug. (Daniel Ender, DER STANDARD - Printausgabe, 24. Jänner 2012)

Elisabeth Kulman (1973 in Oberpullendorf geboren) feierte erste Erfolge als Sopranistin, wechselte dann aber ins Mezzofach. Mittlerweile ist die Sängerin, die nach wie vor eng mit der Staatsoper verbunden ist, an den meisten großen Häusern der Welt präsent.

  • Elisabeth Kulman: "Bei Puccini ist man involviert, kann etwa am Schluss der 'Boheme' fast 
nicht anders als heulen."
    foto: standard/andy urban

    Elisabeth Kulman: "Bei Puccini ist man involviert, kann etwa am Schluss der 'Boheme' fast nicht anders als heulen."

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