In seinem neuen autobiografischen Roman erzählt der israelische Autor Aharon Appelfeld von einem Jungen, der vom Schweigen ins Schreiben und Leben findet
Wien - Schreiben, notierte Max Frisch in sein Tagebuch, heiße sich selber
lesen. Ganz ähnlich, nämlich als Selbstgespräche, sieht auch der 1932 in der
Bukowina geborene israelische Autor Aharon Appelfeld seine mehr als 40 Romane
und Erzählbände.
Der Glanz, den seine Prosa trotz düsteren zeitgeschichtlichen Hintergrunds
ausstrahlt, verdankt Appelfelds Werk vor allem der Erinnerung an die ersten acht
als behütetes Einzelkind einer jüdischen Familie in Czernowitz zugebrachten
Lebensjahre. Dann, 1941, erschossen die deutschen Besatzer die Mutter; Vater und
Kind wurden deportiert, nur dem Sohn gelang die Flucht. Er überlebte als
Handlanger von Schmugglern und Prostituierten, schloss sich der vorrückenden
Roten Armee an und schlug sich 1946 nach Neapel durch, wo er sich nach Palästina
einschiffte.
Seit seinem literarischen Debüt 1962 schreibt Appelfeld in seinem von
wiederkehrenden Motiven durchzogenen Werk am selben autobiografisch grundierten
Buch, das von der Erinnerung an eine zersplitternde Welt und an verschwundene
Menschen handelt, aber auch von jüdischer Identität - und von Heimat, der
verlorenen alten und der neuen, die es auf sandigem Boden aufzubauen gilt.
Die neue Welt
Buch um Buch, Mosaikstein um Mosaikstein arbeitet Appelfeld an einem Bild, in
dessen Zentrum eine wortlose Leerstelle klafft. Um dieses Schweigen herum, das
Schlimmste lässt dieser Autor immer aus, ist Appelfelds Schreiben aufgebaut.
Auch in seinem nun in deutscher Übersetzung erschienen Roman Der Mann, der
nicht aufhörte zu schlafen (Rowohlt Berlin), in dem ein Junge vom Schlaf ins
Leben und vom Schweigen ins Schreiben findet.
Über viele Wochen und zahlreiche Stationen haben die Flüchtlinge den
schlafenden Jungen von Osteuropa bis nach Italien getragen. Ab und zu schoben
sie ihm etwas zu essen in den Mund, manchmal wurde er irgendwo vergessen, doch
immer ging einer zurück, um ihn weiterzutragen. Am Strand von Neapel fragt einer
der Flüchtlinge, die ihn wie eine Last mit sich schleppten, warum er sich "mit
aller Kraft an den Schlaf geklammert" habe.
"Was hat man dir im Schlaf gezeigt?", fragt er. "Ich weiß es noch nicht,
sagte ich und meinte es auch so. (...). Wann wirst du es wissen? Wenn es so weit
ist, sagte ich, denn ich hatte keine anderen Worte." Immer wieder wird der
Ich-Erzähler, der am selben Tag wie Appelfeld geboren ist und wie der Autor
ursprünglich Erwin, später Aharon heißt, in tiefen Schlaf fallen, der ihn in
eine eigene Welt führt. Es ist - auch - die Welt der Toten, der Eltern, die den
verlorenen Sohn begleiten.
Dieser schließt sich im Auffanglager in Neapel mit anderen Jungen dem
Ausbildner Efrajim an, es wird körperlich trainiert, Hebräisch gelernt, mit
Werkzeugen und Waffen geübt. Bald wird man sich nach Palästina einschiffen. Dort
geht, während Terrassen und Plantagen angelegt werden, die militärische
Ausbildung weiter. Noch vor der isrealischen Unabhängigkeitserklärung 1948 und
der Ausrufung des Staates Israel beginnen die Scharmützel rund um den Kibbuz. In
der allerersten Kampfhandlung wird der Erzähler schwer verletzt, es folgt eine
Serie von Operationen. Zweieinhalb Jahre verbringt er in Sanatorien und
Krankenhäusern, er schreibt die Bibel ab, taucht in die Tiefen der neuen
Sprache, des Hebräischen, ein - und entschließt sich, Schriftsteller zu werden.
Am Schluss des 70 kurze episodenhafte Kapitel umfassenden Romans gelingen dem
Erzähler die ersten geschriebenen Sätze. Der Mann, der nicht aufhörte zu
schlafen ist allerdings weit mehr als die Geschichte einer
Schriftstellergeburt. Denn die Folien, vor denen Appelfeld den Roman in
einfacher, auch in der deutschen Übersetzung von Mirjam Pressler melodischer
Sprache aufspannt, sind der israelische Unabhängigkeitskrieg und die
Bruchlinien, welche das Zusammentreffen von altem (europäischem) und neuem
Judentum in Israel aufwerfen.
Viele Freunde des Erzählers kommen als Versehrte aus dem Palästinakrieg
zurück. Ihnen hat Appelfeld im Roman warmherzige Porträts gewidmet, Marek etwa,
der in den Freitod geht und dessen Schweigen ein erstarrtes Sprechen war. Oder
Eduard, dessen Aussehen den Mädchen gefiel, "doch seine Naivität mochten sie
nicht". Er verliert im Palästinakrieg, dessen Schrecken immer lautlos präsent
ist, einen Arm.
Wer seine kindliche Naivität verliere, sagte Appelfeld in einem Interview,
"kann kein Künstler sein. Ein Denker, ein Forscher, ein Journalist - ohne
weiteres. Aber im Künstler muss immer das Kind fortleben", was nicht heißt, die
Augen vor der Realität zu verschließen. Im Gegenteil, es gilt sie offenzuhalten.
Es ist ein Unbekannter, der im Roman den Jungen mit Hoffnung und Essen versorgt.
Er hinterlässt dem Schlafenden in Neapel einen Zettel. "Guten Morgen, junger
Freund. Ich verlasse in dieser Nacht das Lager (...). Ich wünsche dir ein gutes
Erwachen und ein waches Leben, Aktivität und die Kraft zu lieben." Appelfeld,
der am 16. Februar seinen 80. Geburtstag feiert, hat an dieser Kraft
festgehalten. (Stefan Gmünder, DER STANDARD - Printausgabe, 24. Jänner 2012)