"Ich wollte zu einer Form von Unschuld zurück"

Interview | 23. Jänner 2012, 17:03
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    Spiel mit alten Formen: Bérénice Bejo als aufstrebender Star Peppy Miller in Michel Hazanavicius' Stummfilm "The Artist".

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    Michel Hazanavicius: "Ich bin begeistert von Filmgeschichte. Man muss die Regeln kennen, um sie brechen zu können."

Mit seiner Ode an das frühe Kino, "The Artist", ist dem französischen Regisseur Michel Hazanavicius der Überraschungserfolg dieser Saison gelungen

Bert Rebhandl sprach mit ihm über seinen Stummfilm.

***

Wien - Von Zeit zu Zeit taucht im Kino ein Film auf, mit dem nicht zu rechnen war. Um so einen Fall handelt es sich bei The Artist von dem Franzosen Michel Hazanavicius, der davor vor allem durch Agentenfilmparodien aufgefallen war. Er erzählt hier eine Geschichte aus den Tagen, in denen der Stummfilm vom Tonfilm abgelöst wurde - der Star George Valenti (Jean Dujardin) wird von der Entwicklung abgehängt und verfällt in Selbstmitleid. Doch auch er bekommt eine zweite Chance, ein aufstrebender weiblicher Star (gespielt von Bérénice Bejo, der Frau von Hazanavicius) spielt dabei eine zentrale Rolle.

Seit der Premiere in Cannes hat The Artist einen weltweiten Siegeszug angetreten - ein erstaunliches Phänomen angesichts dessen, dass es sich hier um einen prototypischen Metafilm handelt, der von Images handelt, mit Zitaten prunkt und mit der Gegenwart gar nichts zu tun hat. Doch im Gespräch erweist sich Michel Hazanavicius als genuiner Verfechter der strikt visuellen Ausdrucksmittel des frühen Kinos, und gerade darin ist er dann doch wieder ein sehr zeitgenössischer Künstler. Als er mitbekommt, dass dieses Gespräch für eine Zeitung in Wien stattfindet, horcht er auf: "Wien? Das ist die Stadt meines Lieblingsregisseurs: Billy Wilder."

STANDARD: Billy Wilder, ein Weltbürger aus Wien. Was mögen Sie an ihm?

Hazanavicius: Ich mag die Freiheit, mit der er seine Themen gewählt hat. Sein Humor hat sich so gut gehalten. Er hat viel Zärtlichkeit für seine Figuren, aber auch Grausamkeit und Luzidität. Er ist nicht dumm, er kann sarkastisch sein, aber er liebte die Menschen. Und neben seinem "spirit" ist er auch ein toller Regisseur.

STANDARD: Billy Wilders "Sunset Boulevard" ist ein deutliches Vorbild für "The Artist". Nur ist in Ihrem Fall die "Diva" ein Mann. Wie kamen Sie auf die Idee?

Hazanavicius: Die Ursprünge liegen über zehn Jahre zurück. Ich musste vor allem mich selbst überzeugen. Vor sechs Jahren habe ich mit Produzenten gesprochen, damals konnte ich das noch nicht ausreichend überzeugend vertreten. Ich habe noch nicht an mich geglaubt. Nach dem zweiten OSS 117 (OSS 117 - Er selbst ist sich genug, 2009) erst hatte ich das Selbstvertrauen. Die Sehnsucht aber ist alt. Mein Großvater nahm mich und meinen Bruder häufig in ein Pariser Kino mit, das nur Stummfilme zeigte, allerdings waren das in erster Linie die Komiker, Slapstick von Max Linder bis Buster Keaton. Erst vor 12, 13 Jahren entdeckte ich die großen Regisseure des frühen Kinos, und mir wurde klar: Das ist eine genuine Ausdrucksform, kein behinderter Film.

STANDARD: Worin liegt denn der wesentliche Unterschied?

Hazanavicius: Der Unterschied liegt nicht nur in der Sprache. Ich wollte zu einer bestimmten Form von Unschuld zurück. Mir gefällt das, wenn Filme unschuldig sind, wenn sie uns Geschichten so erleben lassen, wie wir sie als Kinder erlebt haben. Durch die Sprache erst werden Geschichten rational und intellektuell, Informationen werden geteilt. Das ist eine Hälfte des Gehirns, die da beansprucht wird. Die andere Form kann jedes Kind, jeder Fremde verstehen. Aber Verstehen ist gar nicht das richtige Wort, es geht eher um Fühlen, um unmittelbares Begreifen.

STANDARD: Wie haben Sie denn den Hauptdarsteller Jean Dujardin auf die Rolle vorbereitet?

Hazanavicius: Ich wollte nicht, dass er sein Schauspiel umstellt, sondern er sollte natürlich agieren. Er hat sich Douglas Fairbanks angesehen, aber nur wegen einer bestimmten Energie. Ich musste ihm ein paar Klassiker zeigen, um ihm diese Kultur nahezubringen: The Crowd von King Vidor, die beiden amerikanischen Filme von Murnau, City Girl und Sunrise, ein, zwei von Sternbergs wie Underworld oder The Docks of New York. Ich sagte zu ihm: Lass mich die Geschichte erzählen, du musst nur das machen, was du immer machst.

STANDARD: War es technisch anspruchsvoll, noch einmal in die "primitive" Phase des technischen Mediums Kino zurückzugehen?

Hazanavicius: Technisch hat sich vor allem das Schreiben verändert. Die Ziele sind die gleichen: Ich möchte Figuren zeigen, die Menschen etwas bedeuten. Gute Szenen, ein wenig Spaß. Am Set ist das gar nicht so viel anders, auch die Schauspieler taten weitgehend das, was sie sonst auch tun - außer Stepptanzen. Bei der einen oder anderen Szene habe ich einen sehr modernen Kran verwendet, aber Murnau hat auch schon sehr raffinierte Einstellungen gemacht, oder Frank Borzage. Der hat für The Seventh Heaven eine aufwändige Lifteinstellung gebaut und gedreht. Ich verehre das Slapstick-Kino, ich will das gar nicht dagegen ausspielen, aber ich liebe die großen Regisseure des frühen Kinos.

STANDARD: Hat der Erfolg von "The Artist" vielleicht auch etwas damit zu tun, dass wir diese Verlusterfahrung so gut nachvollziehen können - schließlich geht das Kino ja gerade ins Digitale hinein verloren?

Hazanavicius: Ich glaube nicht. Als die Tonfilme kamen, da ging etwas verloren, eine gewisse Intimität zum Beispiel, denn man musste wegen der Mikrofone sehr laut sprechen. Dann kamen aber Regisseure, die wussten damit etwas anzufangen. Lubitsch zum Beispiel fand seinen "touch" erst im Tonfilm. Auch Wilder ist undenkbar ohne Dialog. Es war also insgesamt ein Gewinn. Aber diese andere Ausdrucksform wurde nur noch von ein paar Eigensinnigen wie Jacques Tati weitergeführt, und nicht immer gleichen sich Gewinn und Verlust vollständig aus.

STANDARD: Sie interessieren sich ja von Beginn Ihrer Karriere an für Filmgeschichte. Woher nehmen Sie dann die Leichtigkeit angesichts der übermächtigen Vorgänger?

Hazanavicius: Ich bin begeistert von Filmgeschichte, will mich aber nicht einschüchtern lassen. Man muss die Regeln kennen, um sie brechen zu können. Hitchcock, Ford, Lang haben alle im Stummfilm begonnen - das gibt ihrem Geschichtenerzählen eine Eleganz, die nicht leicht nachzumachen ist. Sie machen Kino, mir geht es vor allem um die Ausdrucksmittel. Als Nächstes werde ich etwas Einfaches machen, was ganz besonders schwierig ist. (Bert Rebhandl, DER STANDARD - Printausgabe, 24. Jänner 2012)

Ab Freitag

Michel Hazanavicius (44) arbeitete als TV-Autor und -Regisseur bei Canal+, bevor er 1999 seinen ersten Spielfilm drehte. Mit der Agentensatire OSS 117 landete er seinen ersten Erfolg.

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24 Postings
milchwerk
00
24.1.2012, 16:39

meine lieben, emanzipation hoert nicht im kino auf, und wenn eine story von paltitueden voll ist, dann ist das nicht meine schuld, auch nicht, wenn ich sie als solche war & nehme. nur weil was s/w ist, ist es noch nicht gut ... und eine erzaehlung sollte eines, ueberraschen ... fesches euch

Angelika70
06
24.1.2012, 09:14

Diese Kunst wird sich nicht durchsetzen, kann man doch mit den gebotoxten Schauspielerinnen aus L.A. mangels Mimik keine Stummfilme mehr drehen. ;-)

Zeitreisender aus dem Jahr 2343
00
24.1.2012, 09:12
ein wohltuender Film in dieser hektischen Zeit...

Filmliebhaberin
02
24.1.2012, 08:35
Heute gibt's viele Oscar-Nominierungen für dieses Meisterwerk!

Ich tippe auf 10 oder 11 Oscar-Nominierungen:
1. picture
2. director
3. original screenplay
4. actor
5. supporting actress
6. cinematography
7. art direction
8. film editing
9. costume design
10. score
evtl. 11. makeup
heute am nachmittag ab 14.30/15.00 Uhr wissen wir mehr!

Semprini?
00
24.1.2012, 15:36

korrekt, bis auf sound editing :)

Gegenflieger
21
24.1.2012, 06:39

Mel Brooks hatte lange vor ihm die Idee mit Silent Movie.)

G. B. Corner
01
24.1.2012, 08:22

Der war aber in Farbe, allerdings sonst recht nett gemacht.

milchwerk
142
24.1.2012, 04:35
...

...hm, ich sah ihn, und wundere mich wie mann ein aneinanderreihen von stereotypen als gelungen erklaert. der film ist sehr fesch gemacht kein zweifel, aber der mann trinkt, die frau himmelt ihn an ... und rettet ihn. bitte, wie fad ist das.

werwolfi
01
24.1.2012, 15:59

Dann geh und schau dir weiter Avatar 3D an.

milchwerk
10
25.1.2012, 08:46

whatsoever ... lieber wolfi, dass du (waerst du ein wolf, waeren wir per sie) mit avatar kommst wundert, sogar mich. wenn du chaplin hernimmst, der war komisch, schwarz weiss und bissig sozialkritisch. das ist ein film, der zum inhalt hat, dass sich ein mann, weil er keinen zu und spruch (sic!) findet, wegschwemmt ... das ist selbst fuer eine metapher zu duenn. der rote balken oban, den finde ich fast schon kess ...

werwolfi
00
25.1.2012, 13:37

PS: habe ich vergessen - der rote Balken kommt genau daher, weil es so klang als würdest du keine andere Ästhetik als die der neuesten CGI-3D-THX-Kracher erquicklich finden ;o)

werwolfi
00
25.1.2012, 13:36

Nun, dann verstehst du (ich bin online mit allen per du ;o) zum Glück mehr davon, als ich dachte - klang sehr nach unreflektiertem "s/w = fad"-Klischee.

Allerdings tust du dem "Artist" unrecht wie ich finde.
Er spielt auf einer Metaebene sehr geschickt mit einer Menge der Klischees aus der Stummfilmzeit (auch Filme von Keaton und Chaplin hatten immer wieder ähnliche Topoi), aber als Reflexion auf das Ende der Stummfilmzeit selbst - es gab eine Menge Leute, die genau das Schicksal von George Valentin ereilte: Sie wurden mit Aufkommen des Tonfilms obsolet, zum Teil weil ihr Stummfilmbedingtes Overacting nicht mehr adäquat war, zum Teil weil sie unmögliche Stimmen oder schlimme Akzente hatten - oder nuschelten... ;o)

Easy Rawlins
00
24.1.2012, 09:09

Dann schau halt die übliche Hollywood-Action-Gülle mit viel Spezialeffekten und Pyrotechnik.

milchwerk
00
25.1.2012, 08:47

... finde ich fesch, ein ratschlag im zuge eines films ueber hollywood ...

tom.bogart
04
24.1.2012, 03:48
Wahrnehmungsvermoegen

Ohne ihn gesehen zu haben: Endlich wieder ein Film, um ein verkuemmertes Wahrnehmungsvermoegen zu schaerfen. Auch wenn man ohnehin waehlerisch ist - wirklich gute Filme werden immer weniger produziert. Sollte das mit dem Publikum zusammenhaengen???

G. B. Corner
00
24.1.2012, 16:28

Ich finde, es werden recht viele gute Filme produziert. Jedenfalls nicht weniger als früher. Das stellt sich in der Erinnerung vielleicht anders dar, weil wenn man "heute" als die letzten 10 Jahre definiert und "früher" als alles davor, dann kommen natürlich viel mehr gute Filme von früher. Aber jahreweise betrachtet relativiert sich das - von 1985 an haben z.B. hintereinander "Amadeus", "Jenseits von Afrika" und "Platoon" den Oscar gewonnen, da gab's schon auch dürre Zeiten ;)

WoHo
01
23.1.2012, 21:46
ein wohltuendes Interview

bis auf die komische Digitalverlustfrage

fucking anglizismen
01
23.1.2012, 21:38

btw. die beiden OSS 117 filme find ich auch besser als die neuen 08/15-action bond filme

Der Freund Deiner Frau
00
24.1.2012, 10:22

Naja, der zweite OSS war schon eher doof (die echten, neuen Bonds kenn ich gar nicht).

Der echte Knaller und Durchbruch Dujardins war aber natuerlich BRICE DE NICE, ein absoluter Kultfilm.

Leider kann ich mir aber nur schwer vorstellen, dass man den halbwegs gelungen uebersetzen kann.

al vvi
02
23.1.2012, 20:28

hat mit der Gegenwart nichts zu tun,

Ach wie dumm!

Wieviele verweigern die Computertechnologie und werden dabei ueberrollt, weil die alten Methoden nicht mehr zeitgemaess sind.

Ein exzellenter Film

werwolfi
04
23.1.2012, 20:22

Nach Genuss dieses kleinen Meisterwerks war ich gleich doppelt verknallt - in das Hündchen und in die Hauptdarstellerin.
Wie ich hier lesen muss, ist sie mit dem Regisseur liiert - ich bin in der falschen Branche... ;oD

Der Film ist jedenfalls eine Empfehlung!

sæglópur
04
23.1.2012, 20:14

soooooo gut! ich ging ein bisschen genervt in den kinosaal und kam vor fröhlichkeit hüpfend wieder heraus. jean dujardins lächeln ist spektakulär. der film ist hervorragend.

Filmliebhaberin
04
23.1.2012, 18:52
Ein Meisterwerk!!!

Der Film ist wahrlich ein Meisterwerk! Jean Dujardin und Bérénice Bejo, aber auch John Goodman spielen unglaublich gut! Aber es gibt noch einen liebenswerten Star in dem Film: Uggie, der Hund:
http://www.youtube.com/watch?v=F... re=related

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