"Alternative Wege, die Klimaschutz über den Imperativ des Wirtschaftswachstums stellen"
Wien - Das Wohlergehen einer Gesellschaft steht nicht unbedingt ausschließlich mit Wirtschaftswachstum und dem damit verbundenen höheren Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) in Zusammenhang. Ein internationales Team von Wissenschaftern hat in einer aktuellen Studie, die im Wissenschaftsjournal "Nature Climate Change" erschienen ist, gezeigt, dass Länder mit hohem Pro-Kopf-Einkommen und hohen CO2-Emissionen wie die
USA oder Dänemark keine höhere Lebenserwartung haben als Staaten mit moderaten
Einkommen und geringerem CO2-Ausstoß wie Costa Rica oder Chile.
Die Studie von Julia Steinberger, die an der britischen Universität Leeds und
dem in Wien ansässigen Institut für Soziale Ökologie der Uni Klagenfurt
arbeitet, und ihren Kollegen aus Großbritannien, USA und Norwegen berücksichtigt
neben den nationalen CO2-Emissionen auch den internationalen Handel. Sie zählen
in ihren Berechnungen zu dem auf dem jeweiligen Staatsgebiet emittierten CO2
auch jene Emissionen dazu, die bei der Herstellung der jeweils importierten
Gütern anfallen, und ziehen die Emissionen für exportierte Güter ab.
"Schließlich profitieren von den CO2-emittierenden Tätigkeiten des Exporteurs
primär die Endverbraucher der importierten Güter und Dienstleistungen, also das
importierende Land", so Steinberger.
Im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung sollten Länder idealerweise hohe
Einkommen und hohe Lebenserwartung - von den Forschern als Maß für
wirtschaftliches und menschliches Wohlergehen herangezogen - bei niedrigen
CO2-Emissionen erzielen. Tatsächlich war aber in der Vergangenheit eine
Steigerung der Einkommen und der Lebenserwartung mit höherer Luftverschmutzung
verbunden. Dieser angebliche Konflikt zwischen sozio-ökonomischer Entwicklung
und der Verringerung des Treibhausgas-Ausstoßes steht auch im Zentrum der
Auseinandersetzungen über Maßnahmen zum Klimaschutz.
Kohlenstoff-effiziente Steigerung des Wohlergehens
Die Wissenschafter konnten nun zeigen, dass "einige Nationen deutlich
Kohlenstoff-effizienter sind als andere, wenn es darum geht, das Wohlergehen der
Bevölkerung zu steigern", so Steinberger. So findet sich etwa unter den Ländern
mit der höchsten Lebenserwartung ein breites Spektrum an CO2-Emissionen, das von
0,5 Tonnen pro Kopf in Costa Rica bis zu 6,2 Tonnen in den USA reicht.
Allerdings gibt es in Ländern mit niedrigem Ausstoß an Treibhausgaben durchwegs
auch nur geringe Einkommen.
Moderate Einkommen, die einem Bruttoinlandsprodukt zwischen 2.000 und 12.000
Dollar pro Kopf entsprechen, seien eine "notwendige, allerdings nicht
ausreichende Voraussetzung für nachhaltige Entwicklung", so die Wissenschafter.
Notwendig deshalb, weil kein Land mit hohem Einkommen weniger als eine Tonne
CO2-Emissionen pro Kopf hat; nicht ausreichend, weil moderate Einkommen alleine
weder hohe Lebenserwartung noch niedrige CO2-Emissionen garantieren.
Alternative Wege
"Unsere Studie zeigt alternative Wege, die menschliches Wohlergehen und
Klimaschutz über den Imperativ des Wirtschaftswachstums stellen", so
Steinberger. Die meisten Szenarien für sinkende CO2-Emissionen würden auf
schnelle technologische Veränderungen, etwa den Wechsel von fossilen zu
erneuerbaren Energieträgern, setzen. Das sei aber gar nicht erforderlich, wenn
die wirtschaftliche Aktivität in den reichsten Ländern reduziert werde. "Dann
wäre eine weltweit hohe Lebenserwartung mit einem stabilen Klima kompatibel",
betonte die Wissenschafterin. (APA, red)