Manche Menschen können sich keine Gesichter merken - Heilbar ist die Wahrnehmungsschwäche bis heute nicht, Betroffene können sich nur durch Strategien behelfen
Sie ist rund 1,65 Meter groß und hat einen federnden Gang. Ihr Haar ist blond, halblang, mit leichter Dauerwelle. Blaue Augen, ein Muttermal auf der rechten Schläfe - heute trägt sie einen olivgrünen Rock mit cremefarbener Bluse: Was klingt wie ein polizeilicher Steckbrief, ist für Menschen, die an Prosopagnosie leiden, Teil einer Strategie, um Familienangehörige, Freunde und Bekannte zu erkennen. Ihr Problem ist: Sie können sich Gesichter nicht merken. Andere Erkennungsmerkmale wie Kleidung, Ohrenform und Haaransatz gewinnen daher umso mehr an Bedeutung.
Der deutsche Ausdruck, der sich für die holprig auszusprechende neurologische Störung eingebürgert hat, lautet Gesichtsblindheit. Dieser Begriff kann allerdings in die Irre führen, denn medizinisch betrachtet versteht man unter Gesichtsblindheit Menschen, die Gesichter nicht als solche wahrnehmen können und sie teilweise mit Objekten verwechseln. Menschen mit Prosopagnosie hingegen erkennen zwar ein Gesicht als Gesicht, sind aber nicht fähig, es sich zu merken und mit einer Person zu verknüpfen. Präziser ist deshalb der aus dem Griechischen stammende Ausdruck, zusammengesetzt aus den Wörtern Prosopon, dem Gesicht, und Agnosia, dem Nichterkennen.
Leistungsschwäche des Gehirns
Warum sich manche Menschen Gesichter nicht merken können, ist bis heute nicht restlos geklärt. Diese Teilleistungsschwäche des Gehirns kann unterschiedliche Ursachen haben. Einerseits kann die Prosopagnosie im Laufe des Lebens erworben werden - etwa durch eine Schädelverletzung oder einen Schlaganfall -, andererseits kann die neurologische Störung von Geburt an bestehen, also erblich bedingt sein. Von letztgenannter Gruppe weiß man bisher wenig, erst in den vergangenen Jahren ist die genetische Komponente in Studien aufgetaucht.
Die deutschen Mediziner Martina und Thomas Grüter, die in diesem Bereich forschen, schätzen die Zahl an Prosopagnostikern auf 2,5 Prozent aller Deutschen und nehmen an, dass die erblich bedingten Störungen die erworbenen bei weitem übersteigen. Das wären für Deutschland gerechnet mehr als eine Million Menschen, die von der Wahrnehmungsstörung betroffen wären - eine Person von 40. "Diese Zahl würde ich mit Vorsicht betrachten", betont Eugen Trinka, Leiter der Universitätsklinik für Neurologie an der Christian-Doppler-Klinik in Salzburg. Er könne sich kaum vorstellen, dass so viele von der Gesichtsagnosie betroffen seien.
Die beiden deutschen Mediziner gehen davon aus, dass speziell bei der angeborenen Form viele gar nichts von ihrer Wahrnehmungsschwäche wissen. Denn: Während für jemanden, der von Geburt an davon betroffen ist, ein Leben mit Strategien zur Gesichtserkennung nichts Ungewöhnliches ist, besteht für Menschen, die diese Erkennungsschwäche im Laufe ihres Lebens erwerben, ein immenser Leidensdruck. Eine Fähigkeit zu verlieren ist schwerer zu ertragen, als sie nie besessen zu haben. Patienten mit erworbener Prosopagnosie scheinen daher schon seit geraumer Zeit immer wieder in der wissenschaftlichen Literatur auf, denn sie suchen Ärzte auf und wissen, dass etwas mit ihnen nicht in Ordnung ist.
Veränderungen in bestimmten Hirnbereichen
Organisch gesehen, sind zwei Areale im Gehirn - Hinterhauptslappen und Schläfenlappen -notwendig, um Personen zu erkennen und auch mit der Erinnerungen zu belegen. Diese beiden Hirnareale müssen verbunden sein und interagieren, ansonsten kann ein Gesicht nicht wiedererkannt werden. Während bei der angeborenen Form keine sichtbaren Veränderungen im Gehirn auftreten, ist dies bei den erworbenen Formen der Fall, wie Beobachtungen bei Schlaganfallpatienten, Menschen mit Schädelverletzungen und Stimulationsexperimente zeigen. "Wenn diese Patienten untersucht werden, so findet sich bei ihnen eine verminderte Aktivität in den genannten Hirnarealen bei der Betrachtung von Gesichtern, die sie eigentlich kennen müssten - entweder berühmte Gesichter oder familiäre Gesichter", erklärt Trinka. Bei der angeborenen Form weiß man bisher nicht, in welchem Teil des Gehirns die Schwäche vorliegt - ähnlich wie bei der Schreib-Lese-Schwäche.
Erkennungsstrategien
Der Alltag ist für Prosopagnostiker nicht immer leicht. Filmen mit ähnlich aussehenden Darstellern können sie oft nicht folgen, Bekannte, denen sie zufällig über den Weg laufen, erkennen sie nicht. Nicht selten wird ihnen Unhöflichkeit oder gar Ignoranz nachgesagt, weil sie nicht grüßen oder sich im Umgang mit neuen Bekanntschaften schwer tun. Therapie für die Erkennungsschwäche gibt es bisher keine. "Das Einzige, mit dem sich Betroffene wirklich behelfen können, sind Umgehungsstrategien. Sie erkennen zwar das Gesicht nicht, können ihre Mitmenschen aber an Merkmalen wie Haarfarbe, Gangbild, Ohrform, dem Abstand zwischen den Augen, Stimme oder Figur voneinander unterscheiden", so Trinka. Kinder mit dieser Wahrnehmungsstörung machen das bereits intuitiv: Sie spielen fast ausschließlich mit Kindern, die äußerlich besonders auffällig sind, um sich in einer Welt voll ähnlicher Gesichter zurecht zu finden. (Ursula Schersch, derStandard.at, 26.1.2012)