Ende der Beichtwarnung für St. Stephan - und viel Arbeit

Wolfgang Bergmann, 23. Jänner 2012, 10:32
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    foto: der standard/montage: ladstätter/beigelbeck

    Die Beichtwarnung für St. Stephan kann zurückgenommen werden.

Zu meinem letzten Blogeintrag (Beichtwarnung für St. Stephan) erreichte mich folgende Nachricht der Erzdiözese Wien, die ich gerne in vollem Wortlaut wiedergebe:

"Sie haben zweifellos Recht, wenn Sie auf die sensible Natur der Beichte hinweisen. Daher hat die Dompfarre - ebenso wie die diözesane Expertenkommission - den von ihnen geschilderten Missbrauchs-Verdachtsfall sorgfältig geprüft, ehe sie dem betreffenden Priester die Fortsetzung seiner Tätigkeit als Beichtvater gestattet hat. Dabei wurde auch berücksichtigt, dass die Vorwürfe sehr lange Zeit zurückliegen und dass es sich eben nicht um Vorwürfe der Pädophilie (also Missbrauch von vorpubertären Kindern - mit hoher Rückfallswahrscheinlichkeit) gehandelt hat. Obwohl es keinerlei Beschwerden über die Beichttätigkeit des Priesters gegeben hat, hat er nun mit der Dompfarre vereinbart, vom Beichtdienst abzusehen, um niemandem ein Ärgernis zu geben."

Nehmen wir das Ergebnis: Es wurde im Sinne des Opferschutzes reagiert. Die Beichtwarnung für St. Stephan kann daher zurückgenommen werden.

Grundsätzlich bleiben aber Fragen offen. Die Erklärung geht nämlich davon aus (oder lese ich das falsch?), dass der Rückzug des Priesters eigentlich nicht notwendig gewesen wäre. Eine Maßnahme nur wegen der lästigen Medien? Warum war dann aber - wie im letzten Blogeintrag gefragt - im konkreten Fall ein Rücktritt als Pfarrer angezeigt, wenn ein Beichtdienst verantwortbar scheint?

Eine weitere Besonderheit: Während die Vorgaben Roms (Rundschreiben der Glaubenskongregation vom 3. Mai 2011) und auch die Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz (vom 23.8.2010) einheitlich den sexuellen Missbrauch von Jugendlichen (unter 18 Jahren) ansprechen und Täter in diesem Bereich immer von künftiger Jugendarbeit ausschließen, schränken die Österreichischen Leitlinien häufig auf pädophile Übergriffe ein, die als Taten gegen vorpubertäre Jugendliche definiert werden. Damit ist der Opferschutz viel schwächer ausgestaltet.

Auch versucht die Deutsche Bischofskonferenz die Lücke für nicht aufgeklärte Fälle ausdrücklich zu schließen. Zum einen sollen Gutachten zur Klärung des Sachverhaltes auch dann erstellt werden, wenn die Fälle verjährt sind. Zum anderen werden die Einschränkungen der Dienstausübung in gleicher Weise vorgenommen, wenn eine letzte Klärung nicht möglich ist, aber "tatsächliche Anhaltspunkte bestehen, die die Annahme eines sexuellen Missbrauches an Minderjährigen rechtfertigen".

Genau hier setzt auch das neue Handbuch "Sexueller Missbrauch in Organisationen" an, das der Wiener Dom-Verlag vergangene Woche vorstellte. Wichtige Passagen aus der Kathpress-Meldung über die Meinung der Herausgeber lauten so:

"Die kirchliche Umsetzung beschlossener Präventionsmaßnahmen gegen sexuellen Missbrauch in den eigenen Reihen muss nach Meinung der Autoren (...) verbessert werden." Unter ausdrücklicher Bezugnahme auf die Erzdiözese Wien heißt es, "übliche Standards der Qualitätssicherung würden bislang noch zu selten umgesetzt (...)".

Werden keine klaren Konsequenzen gezogen, so die Autoren, "hat dies unausweichlich zur Folge, dass Missbrauch bagatellisiert wird und die Gruppe einen täterorientierten Weg einschlägt".

Diese Stellungnahme der Buchherausgeber, unter ihnen immerhin der geistliche Assistent des Pastoralamtes der Erzdiözese Wien, und die eingangs zitierte Erklärung der Pressestelle desselben Hauses sprechen eine sehr unterschiedliche Sprache. Kaum zu glauben, dass sie keine 24 Stunden auseinander liegen. Offensichtlich ist für die tatsächliche Kursbestimmung der Erzdiözese noch sehr viel zu tun.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Verantwortung der Päpste und des Vatikans am internationalen Missbrauchsskandal geklärt werden muss. Der derzeitige Papst hat bisher lediglich zur Schuld einzelner Priester und Bischöfe Stellung genommen. Zu den Vorgängen innerhalb der vatikanischen Mauern fand er kein Wort. Benedikts beharrliches Schweigen dazu macht ihn als Papst unglaubwürdig. (derStandard.at, 23.1.2012)

Autor: Wolfgang Bergmann, Magister der Theologie (kath.), 1988-1996 Pressesprecher der Caritas, 1996-1999 Kommunikationsdirektor der Erzdiözese Wien und Gründungsgeschäftsführer von Radio Stephansdom. Seit 2000 Geschäftsführer DER STANDARD. 2010 erschien sein Romanerstling "Die kleinere Sünde" (Czernin Verlag) zum Thema Missbrauch in der Kirche.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 44
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Mona Fitz
00
26.1.2012, 03:09
Ende der Beichtwarnungs-Berichterstattung?

Komisch, vor nicht ganz einer woche konnte man das hier lesen:http://derstandard.at/132650282... St-Stephan
Woher kommt die Beißhemmung???? Könnte es sein, dass ein gewisser Herr T.F. (der Redaktion als umtriebiger societygeiler Ex-Chauffeur bekannt) interveniert hat???????

Geschmeidig
00
25.1.2012, 15:52
Für eine Christus-Verbindung brauche ich diese eingebildeten sog. Kleriker nicht!

Das sog. Nadelöhr, das in das Himmelreich führt, kann ich alleine durchschreiten; da brauche ich mich von diesen eitlen, überheblichen Gockeln, die sich einbilden, nur mit ihrer Hilfe und Vermittlung käme man zum "wahren Glauben" nicht behindern zu lassen.

Worte gegen die Schriftgelehrten:

Lk 20,45-47: Jesus sagte vor dem ganzen Volk zu seinen Jüngern: Hütet euch vor den Schriftgelehrten! Sie gehen gern in langen Gewändern umher, lieben es, wenn man sie auf den Straßen und Plätzen grüßt, und wollen in der Synagoge die vordersten Sitze und bei jedem Festmahl die Ehrenplätze haben. Sie bringen die Witwen um ihre Häuser und verrichten in ihrer Scheinheiligkeit lange Gebete. Aber um so härter wird das Urteil sein, das sie erwartet.

hungrybear
00
25.1.2012, 13:14
Mafiaparagraph ? ;-)

CL
03
25.1.2012, 08:29
Die kath. Kirche: der Verräter-Terroristen-Club mit Zentral-Sitz Vatikan!

Pia
02
23.1.2012, 21:56
Jeder wird einmal das Gras von unten anschauen müssen - auch der Ratzi! Dann kommt die Stunde der gerechten Wahrheit! :-))))))

:-:¦¦¦¦:+_†_+:¦¦¦¦:-:
00
23.1.2012, 21:24
1:0 für Martin Humer!

Ich wünsche größtmöglichen Erfolg beim Ertappen von Verbrechern und Aufdecken von Verschleierungen - und im Gegensatz dazu bescheidenen Erfolg beim in den Dreck ziehen der Kirche.

Nicht alle Priester sind böse, es gibt sehr nette, hilfreiche, spirituelle Menschen unter ihnen! Aber das auch nur einmal zu betonen interessiert Sie nicht so besonders, stimmts? (Ach, was erwart ich Naivling mir da jetzt eine gerade Antwort..)

der Italo-Wiener
35
23.1.2012, 14:22
andere "vereine"

hätte man bei solch bewiesenen verbrechen schon längst aufgelassen und die täter INHAFTIERT!

bei vereinigungen, die einem ewiges leben nach dem tod garantieren, siehts natürlich anders aus.

Zynami
13
23.1.2012, 16:14
... ewiges leben nach dem tod garantieren ???

versprechen, versprechen, versprechen mein Lieber - es gibt keinen einzigen Beweis dafür, deshalb ist dieser Schmäh ja so einfach aufrecht zu erhalten!

Alle Religionen gehen mit demselben Schmäh hausieren - sonst wären sie völlig überflüssig!

Mona Fitz
00
26.1.2012, 03:05
Ewiges Leben

genau!!!
Es gibt immer in allen Religionen, den EINEN, der weiß, wo es in der Ewigkeit langgeht. Nur komisch, der ist noch nie nachher zurückgekehrt, nämlich so, dass man ihn/sie als Wiederkehrer erkennt. Wozu also der Zinnober??

Max Carlo
31
23.1.2012, 14:52

Glauben Sie mir, die katholische Kirche ist ein untergehendes Schiff, das es bald nicht mehr geben wird. Sie hat sich heftig gewehrt, hat den Kulturkampf aber verloren.

wuestenfuchs
24
23.1.2012, 16:22

eine organisation die seit 2000 jahren besteht hat mMn gute chancen auch die heutigen zeiten zu überstehen, die haben genügend erfahrungen mit hochs und tiefs.

scandigypt
31
23.1.2012, 16:46

da die heutigen Zeiten bedeutend anders sind, als der Großteil der Zeit in der die Kirche bisher existierte - nämlich mit der absoluten Macht ausgestattet - lässt das die Chancen wohl wieder rapide sinken...

wuestenfuchs
02
23.1.2012, 17:54

JEDE zeit glaubt, dass die ihre "grundlegend anders" ist als alle anderen.

genau diese kurzsichtigkeit ist in einer so lange bestehenden organisation nicht so stark ausgeprägt wie bei den meisten zeitgenossen.

scandigypt
00
23.1.2012, 20:09

dass wir erst seit rund 100 Jahren Demokratie hierzulande haben (de facto sogar erst seit gut 50 Jahren), ist keine "Kurzsichtigkeit", sondern Realität. und das ist einer der Hauptgründe für den stetig sinkenden Einfluss der RKK.

:-:¦¦¦¦:+_†_+:¦¦¦¦:-:
01
23.1.2012, 21:25
Demokratie?

Wo?

scandigypt
10
23.1.2012, 21:50

in unserer Verfassung? das ist wesentlich mehr als wir bis vor ca. 100 Jahren hatten. das sollte man nicht geringschätzen.

wuestenfuchs
02
23.1.2012, 21:24

na und? und zwischen 300 und 1000 nChr gabs noch viel einschneidendere veränderungen (untergang des römischen reiches und so), und die kirche hat das auch überlebt.

wie gesagt: im hier und jetzt überschätzt man die bedeutung des hier und jetzt massiv.

der Italo-Wiener
00
23.1.2012, 23:33
mit dem unterschied

dass es 300 nach christus kein tv, kein internet, die sterne sich um die erde gedreht haben und schiffe nach dem horizont in den abgrund gestürzt sind.

in der heutigen zeit haben märchenbücher wie die bibel keinen platz mehr. diese mafias a la kirche und konsorten gehören nunabgeschafft. sie haben sich schon lange genug bereichert!

scandigypt
20
23.1.2012, 21:42

und sie dürften unterschätzen (und immer noch nicht verstehen, was meine Aussage war), in welchen Gesellschaftsstrukturen vor allem absolutistisch orientierte Weltanschauungen (wie das Christentum) gedeihen: dort wo der Großteil der Gesellschaft unfrei, arm und ungebildet ist. und das trifft in unseren Breiten auf die Zeitspanne 300 - 1900 n. Chr. gleichermaßen zu. und die jahrhundertelange Verbreitung von Angst und Schrecken, Folter und Mord durch die RKK im Mittelalter tat ihr übriges um die Menschen aus Angst (sowohl vor der Hölle als auch vor der Strafe durch die Kirche selbst) an sich zu binden und ihre Macht lanfristig zu festigen.

potamu
50
23.1.2012, 14:15
"Eine Maßnahme nur wegen der lästigen Medien?"

Es scheint tatsächlich so zu sein.
Ein Vergleichsbeispiel: die www.atheistische-religionsgesellschaft.at hat anscheinend noch keine Post bekommen vom Weltanschauungsreferat der Erzdiözese (das ja auf seiner Website bzw. in einem seiner Texte schreibt, die Atheistische Religionsgesellschaft wolle quasi im Kern nur "Verwirrung" stiften; ein Leserkommentar hat das zur Sprache gebracht). Zumindest ist bis heute nichts von einer Reaktion auf der Website der Atheistischen Religionsgesellschaft in der Rubrik "Texte über uns" zu lesen, das mit der "Verwirrung" aber schon.
Es scheint nicht jede religiöse Angelegenheit einer Überprüfung/Veranlassung für würdig erachtet zu werden. Das ist sicherlich eine offenbar mögliche Form, mit der Welt umzugehen.

Fisch Suppe
02
23.1.2012, 13:48
Die beiden Kardinalfehler der katholischen Kirche...

...aus meiner Sicht:

Erstens hat sie sich angreifbar gemacht, indem es möglich war, dass sich im Klerus abartige Würdenträger eingenistet haben. Und der Durchschnittskatholik hat dann erst spätestens unter Groer davon aus der Zeitung erfahren.

Zweitens manövriert sie sich immer wieder politisch in die Nähe der ÖVP. Dabei sollte jede Religion über den Parteien stehen.

Fazit:

Den Gegnern der katholischen Kirche keine Angriffsflächen bieten; und sich aus der Politik heraushalten.

Dann müssten sich die Kirchenfeinde etwas Neues einfallen lassen.

wurm83
 
31
23.1.2012, 14:17
sie wissen schon, dass sie hier sehr verharmlosen

1. wäre es denke ich wichtig auszusprechen, was diese "angriffsfläche" ist von der sie sprechen...

organisierte pädophilie

2. wäre es wichtig zu sagen, dass mit dem "vermeiden" eben jener angriffsfläche gemeint ist, dass man die pädophilie unterbindet und nicht, dass man nicht mehr dabei erwischt wird (und immerhin hat die kirche schon immer versucht das zu vertuschen, der schluss, dass sie es wieder machen, liegt also nahe)

Chien de Pique
00
28.1.2012, 00:37

Organisiert? Meinen Sie das Ernst, haben Sie evtl. Beweise vorzulegen?

Fisch Suppe
24
23.1.2012, 14:49
@ wurm83

Um das klarzustellen:

Egal ob organisiert oder nicht - in beiden Fällen darf nichts zugedeckt werden, sondern stattdessen jeder einzelne strafrechtlich verfolgt werden. Ohne Ausnahme.

Gleichzeitig müssen aber die Aktivitäten der Kirchengegner als das gesehen werden, was sie sind: Diese Missbrauchsfälle werden benützt, um auf die katholische Kirche als solche loszugehen. Um die Missbrauchsfälle selbst geht's denen ja gar nicht.

Das ist vergleichbar mit den Angriffen rechter PolitikerInnen gegen den Islam in Österreich, aber da gibt's ja bereits rechtskräftige Verurteilungen (wegen Verhetzung) mit interessanten Urteilsbegründungen, die man letztlich als Maßstab für künftige Angriffe gegen die katholische Kirche heranziehen könnte...

Walter J. Ferstl
00
24.1.2012, 19:44
"Um die Missbrauchsfälle selbst geht's denen ja gar nicht."

Sehr vielen Menschen geht es tatsächlich nicht nur um die konkreten Missbrauchsfälle, sondern auch um das systematische Vertuschen solcher Missbrauchsfälle im kirchlichen Einflussbereich durch höchste Chargen der Kirchenhierarchie, den derzeitigen Papst dabei nicht ausgenommen.

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