Sexualtrieb und Steinzeit-Gene

Let's talk about sex, baby

Gastkommentar | 23. Jänner 2012, 10:06

Die "neosexuelle Revolution" hat alles scheinbar vereinfacht: Männer sind untreue Frauenbefruchter und Frauen-Gene zwingen zu Monogamie. Doch wer genauer hinguckt, stellt fest, dass Steinzeitreflexe heute nicht mehr als Begründung gelten können - Von Volkmar Sigusch

Warum hassen Feministinnen die Evolutionspsychologie so sehr? Weil diese wissenschaftliche Branche meint, unser Geschlechts-, Sexual- und Liebesleben sei vor Urzeiten stammesgeschichtlich festgelegt worden. Wir seien im Grunde Kinder des etwa 2,5 Millionen Jahre alten Pleistozäns, dafür geschaffen, als Jäger und Sammler in kleinen Gruppen durch die Savanne zu ziehen. Gewissermaßen natürlich sei, dass Männchen dominant sind und Weibchen sich um den Nachwuchs sorgen. Wie Männchen ihren Samen verspritzen, Promiskuität oder sexuelle Gewalt - all das sei angeboren.

Dabei übersehen die Wissenschaftsspekulanten, dass es bei all dem, was sie zu erörtern suchen, nicht um Geschlechtlichkeit, Sexualität und Liebe im heutigen kulturellen Sinne und damit um Subjektivität und Individualität geht, sondern um Fortpflanzung und Arterhaltung im biologischen Sinne. Spuren der Emotionen haben sich natürlich nicht materiell in Fossilien niederschlagen können. Alle Aussagen über das Leben der Jäger und Sammler sind logischerweise unbegründbare Vermutungen.

Moralische Vorgaben fehlen

Warum sind solche Jäger- und Sammler-Erklärungen heute so beliebt? Ich denke, weil unsere gegenwärtigen Sexual- und Geschlechtsverhältnisse sehr irritierend sind. Da heute verbindliche kulturelle und insbesondere moralische Vorgaben fehlen, müssen alle, Frauen wie Männer, selbst entscheiden, was sie tun oder lassen. Natürlich gibt es noch Weichenstellungen durch die Herkunftsfamilie, die Freundinnen und Freunde, die Medien usw. Aber letztlich muss jede und jeder selbst entscheiden, ob sie oder er überhaupt ein Sexualleben beginnt und wenn ja, auf welche Weise und mit welcher Geschlechtlichkeit.

Angesichts derartig individualisierter, Freiheiten einräumender, aber zugleich strapaziöser Verhältnisse, die ich als "neosexuelle Revolution" beschrieben habe, liegt eine Flucht in angeborene Zustände nahe. Auf einmal ist die komplexe Welt wieder ganz einfach gestrickt: Männer sind genetisch festgelegte untreue Frauenbefruchter, und Frauen sehnen sich genetisch nach Monogamie. Wundersam beruhigend ist dieser anachronistische evolutionspsychologische Reduktionismus.

Doch warum kann unser sexuelles und geschlechtliches Verhalten nicht mehr mit Urinstinkten erklärt werden? Weil zwischen der Steinzeit und dem Endkapitalismus ein Abgrund klafft. Weil wir seit Jahrhunderten in einem sexuellen Zeitalter leben und um Geburtenregelung, freie Liebe, sexuelle und geschlechtliche Emanzipation kämpfen. Weil bei uns Fortpflanzung und Sexualität nicht mehr zusammenfallen. Weil der Mensch von Natur gesellschaftlich ist und folglich sein Sexual- und Geschlechtsleben auch.

Ohne Lebensprozesse existiert die Menschheit nicht

Ohne den gesellschaftlichen Lebensprozess existierte die Menschheit weder biologisch noch sonst wie. Das natürliche Moment am Sexuellen lässt sich vom gesellschaftlichen prinzipiell nicht abscheiden - im Sinne von primär und sekundär, von vorausgegeben und gemacht, von richtig und falsch. Die ökonomisch-experimentelle Wissensgesellschaft hat in einem Tempo und in einem Ausmaß, das sich Evolutionsforscher offenbar gar nicht vorstellen können, alle vorausgegangenen Grenzziehungen beseitigt oder infrage gestellt. Ich erinnere nur daran, dass wir der bisherigen Natur "naturale" Dinge und Vorgänge hinzufügen, ob nun das chemische Element Hassium, genchirurgisch veränderte Pflanzen und ungeschlechtlich geklonte Säugetiere, menschliche "Retortenbabys" oder Schwangerschaften außerhalb der "altnatürlichen" Fruchtbarkeitsperiode. (Volkmar Sigusch, derStandard.at, 23.1.2012)

Autor

Volkmar Sigusch, The European, ist ehemaliger Direktor (1973-2006) des Instituts für Sexualwissenschaft der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Er ist Arzt und Soziologe und gilt als Begründer der deutschen Sexualmedizin. Sigusch ist weltweit einer der renommiertesten Sexualforscher.

Kommentar posten
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MynniaIgnea
01
26.2.2012, 15:28
Es gibt bei allen Primaten mehrere Strategien!

Das ist es, was oft auch bei EvoPsych zu kurz kommt, nicht immer explizit gesagt wird aber zum Verstehen wirklich wichtig ist.

Es gibt bei den meisten Tierarten, auch bei den kleinsten, mehr als eine Fortpflanzungsstrategie, oft mehrere Beutefangstrategien und so weiter und so fort.
Bei höheren Tieren gibt es "Charakter", also die nicht durch Krankheiten bedingte Neigung dazu, Dinge auf bevorzugte Arten zu tun. Das sieht man bei Pavianen ganz gut. Noch dazu gibt es Rangordnungen, aber wie flach oder ausgeprägt die ist, unterscheidet sich sogar bei einer Primatenart gruppenweise - man könnte von unterschiedlichen sozialen Kulturen sprechen.

EINE Strategie als DIE RICHTIGE darsellen ist unseriös, unwissenschaftlich und unbiologisch.

andreas lamers
 
01
entschuldigen sie

aber erstens ist der mensch weit weniger vernunftbegabt und vor allem gesteuert als er es gerne selber haette. und warum ist es so? weil es funktioniert. die natur ist weder politisch korrekt noch hat sie eine moral. was ihr dient setzt sich durch.
was aber letzten endes keine entschuldigung fuer unsoziales verhalten ist.

abgesehen davon, die legende von dem mann der jede frau besamen will ist laengst wiederlegt. es liegt auch im sinne des mannes das sein nachwuchs ueberlebt und das tut er nur wenn er auch dafuer sorgt. damit ist der mensch eine ausnahme in der natur. kein nachwuchs ist so hilflos und vor allem so lange wie beim menschen, bei keinem ist schwangerschaft und geburt so gefaehrlich.

mondlein
00

"Natürlich gibt es noch Weichenstellungen durch die Herkunftsfamilie, die Freundinnen und Freunde, die Medien usw. Aber letztlich muss jede und jeder selbst entscheiden"

Foucault lässt grüßen. Der Text scheint zu suggerieren, dass die freie Entscheidung diese "Weichenstellungen" letzten Endes relativ einfach zurücklassen könnte. Die Weichenstellungen bilden nicht nur das Randgeschehen der "freien Entscheidung" oder des freien Wollens, sondern sind das Kernproblem Ihrer Thematik; sie sind die Handlungsvorgaben, in denen sich Sexualität entwickelt - und vielleicht auch etwas, das das Jäger-Sammler Bild mitstärkt, oder?

Silvio Lackner
03
24.1.2012, 22:11
Ich glaube, dass die Jäger und Sammler ein viel "emanzipierteres" Zusammenleben pflogen, als es ihnen u.a. auch in diesem Text wieder unterstellt wird.

Familienplanung, Mobilität, gegenseitige Hilfe, gemeinsames Sammeln oder Treibjagen muss doch zu Zeiten des Jagens und Sammelns viel wichtiger gewesen sein, als in der späteren Agrargesellschaft. Erst da wurde meiner Einschätzung nach die Frau zu einer statischen Fruchtbarkeitsikone. Fitnessmerkmale der Frau wurden im Vergleich zu Fruchtbarkeitsleistungen weniger wichtig. In der Agrargesellschaft kann doch erst diese Trennung - hie weibliche Reproduktion und häusliche Frauen/Kindergesellschaft - da die männliche Produktionswirtschaft - erfolgt sein. Im Hinblick auf Partnerschaft ein Rückschritt zu den Jägern und Sammlern. Wohl auch im Hinblick auf ökologisches Gleichgewicht / Überbevölkerung.

Ms. Roadrunner
00
20.2.2012, 03:10

Ich darf empfehlen: http://www.sexatdawn.com/

Lectrice
00
24.1.2012, 13:47

Ich sage ja, die wenigsten Menschen können mit Freiheit wirklich umgehen und bauen sich gerne Kasteln. Was an und für sich ja kein Problem wäre, wenn sie einfach nicht glauben würden, dass die einzig mögliche Form für alle wären.

Das Schöne - der Mensch fängt an zu begreifen, dass er sich seine eigenen, individuellen Kastln bauen kann und nicht in die anderer reinzwängen muss - fein.

Also leben und leben lassen und nicht ein Kastl als das Bessere ansehen, sondern alle GLEICHWERTIG nebeneinander bestehen lassen, denn es muss sich eh jeder Topf seinen passenden Deckel suchen, so er nicht gerne leidet.

2023
00
26.1.2012, 17:46

ist mMn weniger das problem. das problem sind nicht die unterschiedlichen lebensweisen, sondern das nebeneinander (iSv zu geringen freiräumen (örtliche segregation)).

Dr. Viktor Frankenstein
41
24.1.2012, 09:21
Die ökonomisch-experimentelle Wissensgesellschaft hat in einem Tempo und in einem Ausmaß, das sich Evolutionsforscher offenbar gar nicht vorstellen können, alle vorausgegangenen Grenzziehungen beseitigt oder infrage gestellt.

Hat sie nicht. Die Verneinung der evolutionaeren Hintergrunde von Sexulatrieben und die Annahme dass alles nur auf gesellschaftlicher Basis beruht hoert sich sehr naiv an.

Colette
02
24.1.2012, 16:08

doch hat sie. die leugnung von gesellschaftlichkeit hört sich sehr naiv an. ;)

2023
00
26.1.2012, 21:43

interessant. ;)

Oddo Wolf
01
24.1.2012, 03:30
Dornenvögel im Anflug...

-
[...selbst entscheiden, ob sie oder er überhaupt ein Sexualleben beginnt...]

Da wären wir längst ausgestorben.

Colette
01
24.1.2012, 11:21

es gibt schwule, lesben, asexuelle, und heterosexuelle kinderlose. trotzdem noch genug menschen auf der welt. ;)

Lilith Boessse
 
01
23.1.2012, 23:21
die überschrift war vielversprechend

......

matthias_87
03
23.1.2012, 20:56
Habe den Artikel schon im European gelesen

und außer eine Spekulation mit einer anderen zu widerlegen ist steht da nicht mehr drinnen.
Was soll der "The European" überhaupt? Des is meist kompletter Humbug, vor allem Wirtscahftspolitisch.

Ich glaube schon das die Biologie noch Auswirkungen hat 1 Milliarde Jahre Evolution steckt noch in unseren Genen und das ist definitiv da, under anderem in der Trash DNA.
Menschsein bedeutet doch genau diese natürlichen Triebe zu kontrollieren oder?

Dr. Fu Man Chu
42
23.1.2012, 20:43
"du fickificki?"

"in deine oder meine höhle?"

toll finde ich dabei diesen anachronistisch evolutionspsychologischen Reduktionismus.

strangerinastrangeland
 
013
23.1.2012, 19:54
Der größte Beitrag zur männlichen Emanzipation:

Der Gentest.

"Pater semper incertus" war einmal.

Heinz Anderle
 
85
23.1.2012, 19:41
Das biologische Programm gehört auf den Komposthaufen der Evolution.

Wir haben wirksame Verhütungsmittel und - methoden, genetische Tests für die Vaterschaft, und beide Geschlechter genießen gleiche Rechte und die gleiche Chance, im Leben auf eigenen Beinen zu stehen.

Höchste Zeit, daß Frauen also das biologische Programm von Trauschein, Nestbau und Mutterschaft entrümpeln. Das Leben kann so einfach sein, wenn man (frau) nur will.

Dr. Heinz Anderle, rational der Moderne verpflichteter Freigeist

The Chaos Path
00
24.1.2012, 12:05

und männer haben dabei natürlich keine pflichten... hust.

Heinz Anderle
 
00
24.1.2012, 18:53
Pflichten? Welche?

Es gibt Männer mit Kinderwunsch und Männer ohne. Der Kinderwunsch hat mit dem Wunsch nach erotischem Vergnügen heute nur nichts mehr zu tun.

Genieße unbeschwert die schönen Seiten des Lebens und stelle die Qualität des Augenblicks über die Quantität des Alltags!

Dr. Heinz Anderle, Freigeist

Armin Bierbauer
00
24.1.2012, 11:57

Wieso eigentlich der "Dr." am Schluss? Glauben Sie, dass ihr Wort deshalb mehr Gewicht hat? Jaja, dem Österreich sein Titel...

DERHETZER1
00
26.1.2012, 15:27

ja, durch beifügung von titeln können argumente halt nur richtiger werden...

und dann noch "freigeist" sein - im unterschied zu uns allen die dies offensichtlich nicht sind - das ist schon eine tolle sache.....

Thomas Felder1
00
24.1.2012, 06:50

beide Geschlechter genießen gleiche Rechte

nicht wirklich

Threonin
03
23.1.2012, 18:58

Wenn sich ein bestimmtes biologisches Merkmal durchsetzt, dann ist das Evolution.

Es ist auch normal, dass bestimmte Merkmale am Rande überleben, wenn sie für irgendetwas "nützlich" sind (ich weiß, dass man das biologisch anders ausdrücken würde).
So gesehen ist es normal, dass es das Abnorme und nicht einfach ratzeputz wegselektioniert wird.

Eine Entwicklung der letzten 50 - 100 Jahre (2-4 Generationen?) würde ich aber nicht unbedingt als Evolution bezeichnen. So viel wird sich da weder im Genotyp noch im Phänotyp bei den Menschen verändert haben. Selbst die Weltkriege und Revolutionen mit ihren schrecklichen Ereignissen dürften den Gesamtbestand der Menschen nicht derartig verändert haben.

christoph hofbaur
12
23.1.2012, 18:52
das ist doch nicht so schwer zu verstehen und hat nichts mit moral, sondern mit erfolgversprechendster methodik der fortpflanzung zu tun:

weibchen haben +/- 20x die chance in ihrem leben nachwuchs zu gebaeren, daher geht qualitaet vor quantitaet, weibchen sind eher waehlerisch in ihrer partnerwahl.

maennchen koennen rund 365x/jahr mit verschiedenen weibchen nachwuchs generieren, daher geht quantitaet vor qualitaet. vielleicht wird ja was aus einem der vielen kinder.

dass die uns bekannten spielregeln institutionalisiert sind, hat gesellschaftspolitische gruende. weil maennchen dazu neigen, besitzansprueche zu entwickeln, fuehrt es oft zu zores, wenn promiskuitaet in der eigenen gemeinschaft gestattet ist.

der homo sapiens ist seit rund 40000 jahren genetisch der gleiche, evolution passiert in groesseren zeitraeumen, dass sollte doch ein institutsdirektor wissen.

Nevim
15
23.1.2012, 19:28

Sehen Sie, das ist genau die Art von simplistischer Erklärung, die im Artikel angesprochen wird.

Ihr Szenario funktioniert z.B. nur dann, wenn allen Menschen der Zusammenhang zwischen Sex und Kinder kriegen klar ist und es ein Konzept von biologischem Erbmaterial (in irgendeinem Sinn) gibt.

Frühe menschliche Gemeinschaften waren zudem recht klein, was wahrscheinlich zur Folge hatte dass a) eh alle irgendwie miteinander verwandt waren und b) eh die meisten Frauen dauernd schwanger waren. Das bedeutet, dass auch Männer in der Wahl eingeschränkt waren.

In so kleinen Gruppen geht es übrigens auch rein rechnerisch nicht, dass Männer polygam leben und Frauen monogam. Außer natürlich viele Männer sind vom System ganz ausgeschlossen.

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