Günther Verheugen

Deutschland ist der große Gewinner der Krise

22. Jänner 2012, 19:50

Finanzwirtschaft dominiere das EU-Geschehen. Die Union müsse zu mehr Gemeinsamkeit finden

Wien - "Deutschland ist der absolute Hauptnutznießer der Krise" sagte Günter Verheugen, 1999 bis 2010 EU-Kommissar, in seiner Rede vor dem "Senat der Wirtschaft" in Wien. "Deutschland verdient derzeit an dieser Krise und zwar nicht zu knapp." Dabei müsse die derzeitige Regierung Schritt für Schritt Verteidigungslinien aufgeben, die unter dem früheren Kanzler Helmut Kohl und Finanzminister Theo Waigel aufgebaut wurden.

Es hätte keine Haftung für andere EU-Staaten geben sollen, nun gebe es sie. Die EZB kaufe Staatspapiere, "damit existiert die Unabhängigkeit der EZB nur mehr auf dem Papier". Deutschland habe sich immer gegen eine Wirtschaftsregierung für Europa gewehrt, spätestens mit dem Fiskalpakt, der Ende des Monats beschlossen werden soll, komme man dieser näher.

"Ich glaube, dass wir noch nicht auf dem Gipfelpunkt der Krise angekommen sind" sagte Verheugen, diese sei aber auch nicht mit dem Zusammenbruch der Bank Lehman "vom Himmel gefallen", sondern sei Folge einer "langen Entwicklung schwerer politischer Fehler". Insbesondere habe man in der EU nur auf die laufende Neuverschuldung (Defizit) gestarrt, aber die Gesamtverschuldung und die Entwicklung der Wettbewerbsfähigkeit zu wenig beachtet.

So sehr er auch dafür plädiert, der EU mehr Kompetenzen einzuräumen, "eine zentrale Entscheidung wollen wir nicht. ... Ich habe große Bedenken bei 'Vereinigten Staaten von Europa'. Das entspricht nicht der europäischen Tradition." Dabei sieht Verheugen die Welt auf eine "multipolare" Machtverteilung zugehen, die Kompetenzen werden in "Peking, Delhi, Brasilia, Washington" liegen und da müsse sich Europa entscheiden: "Reden wir mit? Entscheiden die anderen über uns oder entscheiden wir selber?" Für ihn ist klar, kein Nationalstaat in Europa "kann die Interessen seiner Bürger angemessen vertreten", im neuen Machtgefüge könne nur ein politisch geeintes Europa mitreden.

Und da werde 2012 wohl ein Jahr der Entscheidungen: Ob die EU zu mehr Integration kommt, und zwar mit allen Staaten, oder ob es ein "Kerneuropa" und "zumindest ein Land, das an den Rand gedrängt wird" geben wird, so Verheugen unter Verweis darauf, dass die Briten nicht am Fiskalpakt teilnehmen. Der Deutsche sieht auch die dominante Rolle Deutschlands und Frankreichs sehr kritisch. Gebe es Probleme, träfen sich derzeit die deutsche Kanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy, "Küsschen links, Küsschen rechts und dann wird der Öffentlichkeit mitgeteilt, was Europa zu tun hat".

Verheugen bleibt aber optimistisch, dass die EU einen Ausweg finden wird. "Wir haben schon viele Krisen erlebt in Europa. Ich kenne das ja gar nicht anders." Letztlich werde Europa zu Wachstum zurückfinden. Und man dürfe nicht vergessen: "Wir haben niemanden, der raus will und viele die reinwollen." Bei allen Problemen habe es Europa geschafft, eine funktionierende Solidargemeinschaft auf die Beine zu stellen - sonst sei das noch nirgendwo gelungen.

Finanz- sticht Realwirtschaft

Ganz klar verwies der SPD-Politiker in seiner Rede auch darauf, dass die Finanzwirtschaft weiter das Geschehen dominiere. Das globale Bruttoinlandsprodukt (BIP) habe sich von 1990 bis 2010 von 22 Billionen Dollar auf 63 Billionen Dollar (48,8 Billionen Euro) verdreifacht, die außerbörslich gehandelten Derivate seien im gleichen Zeitraum von 2 Billionen Dollar auf 601 Billionen Dollar explodiert und machten daher auch nach der Lehman-Krise von 2008 das Zehnfache der Realwirtschaft aus. Auch das Volumen der gehandelten Aktien und Anleihen stieg in diesen zwanzig Jahren von neun auf 87 Billionen Dollar und lag damit weit über dem Wert der Realwirtschaft. "Die weltweite Spekulation mit vergifteten Wertpapieren geht weiter" diagnostiziert Verheugen, die Stabilisierungsversuche seien gescheitert. Der neue EU-Vertrag von Lissabon "hat möglicherweise mehr Probleme geschaffen als gelöst", die hochgelobten G-20 sei wirkungslos geblieben. (APA)

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aditec
00
26.1.2012, 13:38
Verheugens Rechenschwäche

Es ist mir unerklärlich, wie Verheugen behaupten kann, dass Deutschland der Nutznießer des Euros und der Eurokrise sei. Sicherlich gibt es für Deutschland auch Vorteile. Wenn man den Vorteilen aber die Nachteile und die Risiken gegenüberstellt, wird man eine deutliche Schieflage feststellen. Von den regelmäßigen hohen Transferzahlungen abgesehen trägt Deutschland schon heute ein astronomisches Risiko von nahezu 1 Billion Euro (Risikoschirme, EZB, IWF, Target 1, Target 2 etc.) - Tendenz steigend. Und es ist sicher wie das Amen in der Kirche, dass Deutschland eines Tages diese Risiken größtenteils einlösen muss. Eine erneute Währungsreform lässt grüßen.

José Atento
00
23.1.2012, 10:03
Deutschland reißt die Macht in Europa an sich

Dieses Mal mit finanzieller Potenz.

aditec
00
26.1.2012, 13:40
Höre ich Neid heraus?

Wer selber impotent ist neidet dem anderen seine Potenz. Das kann Formen von Krankheitswert annehmen. Ich empfehle eine Therapie.

Mostbluzza
00
23.1.2012, 16:04
500 mrd von der bundesbank für die südstaaten

ist das gut oder schlecht hm?

klar, zu beginn ist der gläubiger der held der stunde, grosse lippe oder stehts in wahrheit oberkante unterlippe ?- aber wenns mal ans zahlen geht ...

es geht um staaten, und die tun in der not was sie wollen - auch gegenüber anderen staaten.

cookieberlin
13
23.1.2012, 11:11

Es ist in der Tat bedauerlich, wenn der griechische Rentner seine 14 fürstlichen Monatsrenten auf 12 per anno gekürzt bekommen und der griechische Otto Normalverbraucher das erste Mal in seinem Leben seine Einnahmen versteuern soll.
Hier in Berlin gehen Eigentumswohnungen übrigens aktuell blockweise in griechisches Eigentum über.
Alles Weitere wird der deutsche Steuerzahler schon richten, denn...Deutschland will die "Macht" in (oder über?) an sich reißen.
Gott schütze Ihre Einfalt!

Andreas Prucha
00
23.1.2012, 17:23
Ich vermute mal, dass der Durchschnittsgrieche sich genauso wenig leisten kann haufenweise Immobilien zu kaufen wie der Durchschnittsdeutsche.

Auch wenn manche Leistungen in Griechenland gemessen an der Wirtschaftsleistung zu hoch waren und jetzt gekürzt werden müssen: Die sind es nicht, die sich jetzt leisten können mit Geld ins Ausland zu flüchten. Das können sich nur jene leisten, die bisher in grösserem Stil abgezockt haben. Die sind aber von diesen Leistungskürzungen "schlimmstenfalls" indirekt betroffen.

Ich bin der Meinung...
00
23.1.2012, 07:52
Vereinigte Staaten von Europa

hätten wenigstens den Vorteil, dass Sie von einer gewählten europäischen Regierung regiert würden.

Momentan wählen das die Franzosen und Deutschen allein die europäöische Regierung.

Darin kann ich wirklich keinen Vorteil gegenüber möglichen vereinigten Staaten von Europa erkennen.

Walter Bimini
10
23.1.2012, 08:35
bevor es dazu kommt, kollabiert das ganze eudssr gebäude

Ökonomix
00
22.1.2012, 23:39
Merkel als Brandstifter

Als die deutsche Wirtschaft 2008/2009 in der Kriese steckte tourte Merkel durch Europa un warb mit Ausgabenprogrammen - allen voran mit der Verschrottungsprämie. Das Gr. Defizit schnellte im Jahr 2009 auf über 15% obwohl gr. Banken nicht mit ABS belastet waren.

Jetzt wo die deutsche Wirtschaft wieder in Fahrt ist, tadelt Merkel die europäischen Partner für ihre Schuldenberge und die Gläubiger für die leichtfertige Kreditvergabe. Dem nicht genug wurde die €-Krise durch Merkels Forderung nach einem Schuldenerlass erst richtig entfacht und wird durch durch das ständige Erhöhen des Forderungsverzichts am Glühen gehalten. Je länger die Krise dauert desto mehr Anleihen können die Deutschen zu günstigen Konditionen umschichten.

aditec
00
26.1.2012, 13:43

Es macht wohl einen Unterschied aus, ob man Konjunkturprogramme mit eigenem Geld oder mit fremden Geld finanzieren will. Deutschland seine europäischen Partner noch nie um Unterstützung gebeten. Selbst dann nicht, als es die Wiedervereinigung zu schultern hatte. Im Übrigen erinnere ich an die unterbliebende Solidarität der europäischen Freunde im Falle der deutschen Wiedervereinigung. Solidarität ist keine Einbahnstraße.

Walter Bimini
00
22.1.2012, 22:43
einen besonders intelligenten eindruck hat verheugen noch nie gemacht

deutschland sitzt jetzt schon auf bergen von staatsanleihen aus griechenland, irland, portugal, spanien und italien. abschreiben werden die deutschen all diese wertlosen papiere können.

ich würde wetten, daß verheugen persönlich keine staatsanleihen dieser länder gekauft hat.

José Atento
00
23.1.2012, 10:06

Aber D wird vermutlich all diese Statsanleihen nicht ohne Gegenleistung kaufen.

So dämlich schätze ich deutsche Politiker nicht ein.

aditec
00
26.1.2012, 13:45
Schrottanleihen

Welchen Nutzen sollen die Schrottanleihen der Krisenländer für Deutschland haben? Ihr Wert nimmt tagtäglich ab. Ja, die Deutschen sind so dämlich. Sie unterstützen andere und lassen sich auch noch hierfür beschimpfen.

Walter Bimini
00
23.1.2012, 22:39
die dummheit deutscher politiker soll man nie unterschätzen

José Atento
00
24.1.2012, 14:32

Zumindest eine kleine Sicherstellung hätte ich verlangt.
In Griechenland gibt es doch genügend Vermögen im Staatsbesitz, oder?
Zur Not könnten sie auch Staatsgebiet verpfänden.

der held
20
22.1.2012, 20:47
Die Vermutung, dass hier D (bzw. das deutsche Kapital) krisengewinnt, hab ich ja auch schon länger...

... aber aus dem Artikel ergibt sich außer dem Postulat selbst keine weitere Argumentation desselben. Schade, hätte mich sehr interessiert.

José Atento
00
23.1.2012, 10:11

D kann die anderen Euroländer mit hoher Produktivität und halbwegs gemäßigten Löhnen nieder-konkurrenzieren. Die können aber ihre Währungen nicht so wie früher abwerten.

D kann auch im EU Ausland in Zeiten eines schwachen Euros punkten.

In Krisenzeiten sind langlebige Qualitätsprodukte eher gefragt, als Schicki- Micky Zeugs, oder?

cookieberlin
00
23.1.2012, 11:00

Kaufen Sie griechische Produkte, dann ist allen Beteiligten geholfen.

Die Aufklärung
 
41
22.1.2012, 20:30
Längst fällig

Es war längst fällig, dass ein Insider die Wahrheit verkündet:
"Deutschland verdient derzeit an dieser Krise und zwar nicht zu knapp."

Deutschland fürhrt seit Schröder einen Wirtschaftskrieg gegen Europa, langfristig wird es wieder verlieren, wie alle Kriege, die die Teutonen angezettelt haben.

egon meier
12
22.1.2012, 20:46
Wie verdient denn Deutschland?

Alle reden davon, wie macht D denn den Gewinn?
Wegen gesparter Zinsen?
Weil die Produkte gut sind und zu günstigen Konditionen angeboten werden?

Ich habe das Gefühl, dass hier gern und viel nachgeplappert wird. Verheugen ist ein Insider, ja. Aber einer der uns endlich mal die Wahrheit erzählt? Ich bitte Sie...

Andreas Prucha
00
23.1.2012, 18:00

Deutschland hat jetzt nicht nur Vorteile, aber eben auch nicht nur Nachteile.

Deutschland hat den Vorteil, dass es in diesen unsicheren Zeiten extrem billig Geld bekommt.

Deutschland hat den Vorteil, dass die Krise den Wert des Euros a bissl nach unten drückt und so Exporte aus dem EU-Raum hinaus noch um einiges leichter werden.

Der grosse Nachteil Deutschlands: Wenn das ganze Werkel aus irgendeinem Grund kollabiert, können haufenweise Forderungen abgeschrieben werden.

Ökonomix
00
22.1.2012, 23:24

Deutschland spart etwa 350 Mrd. € an Zinsen (siehe unten).

Walter Bimini
00
23.1.2012, 08:43
und hat schon hunderte milliarden in griechenland, irland, portugal, spanien, ... versenkt

die ezb ist die größte bad bank europas und deutschland hat jetzt schon den größten anteil an diesen verlusten. aber dieser anteil wird noch steigen, wenn - was zu erwarten ist - italien, spanien, portugal, irland, griechenland, ... für ihre anteile nicht aufkommen können.
auch bei der totgeburt namens efsf bürgen italien, spanien, portugal, ... für viele milliarden, obwohl sie jetzt schon pleite sind.

Ökonomix
00
23.1.2012, 09:30
Verloren ist für D noch nichts

Erst wenn es zu Staatspleiten kommt verlieren die D. auch Geld. Momentan versuchen sie den Schaden auf andere, insbesondere die privaten Gläubiger, abzuwälzen.

cookieberlin
01
23.1.2012, 09:51

Wissen Sie schon das Neueste?
Österreich sitzt mit im Boot...hat allerdings mit seinen osteuropäischen Verflechtungen noch eine zusätzliche Schlagseite.

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