Ein mittelmäßiges Comeback: Nokia Lumia 800 im Test

30. Jänner 2012, 11:55
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Das Windows Phone besticht mit hochwertigem Design - Hardware und App-Angebot kommen über Mittelklasse jedoch nicht hinaus

Nach Monaten sinkender Marktanteile, weil man den wachsenden Plattformen Android und iOS nichts entgegensetzen konnte, hat sich der finnische Handyhersteller Nokia nun mit seinen ersten Windows-Phone-Modellen zurückgemeldet. Drei Smartphones wurden bislang vorgestellt: das günstige Lumia 710, das mittelpreisige Lumia 800 und das für die USA geplante Flaggschiff Lumia 900. Reichen diese Geräte aus, damit Nokia den Anschluss an die Spitze des Smartphones-Marktes wieder schafft? Der WebStandard hat dafür das Lumia 800 einer näheren Begutachtung unterzogen.

Ausstattung

Mit den Hardware-Spezifikationen ist das Lumia 800 ein Mitteklassegerät. Die rohen Eckdaten: ein 3,7 Zoll großes AMOLED-Display, eine 8-Megpixel-Kamera mit Carl-Zeiss-Linse, Single-Core-CPU Qualcomm MSM8255 mit 1,4 GHz, 512 MB Arbeitsspeicher, 16 GB interner Speicher, WLAN 802.11b/g/n, Bluetooth 2.1, HSPA, microUSB-Anschluss und ein 1450mAh-Akku.

Design

Für das Gehäuse hat sich Nokia aus der Mittelklasse in die Oberliga begeben. Das Lumia 800 ist wie schon das Meego-Smartphone N9 in ein Unibody-Gehäuse aus Polycarbonat gehüllt. Der Kunststoff ist durchgängig in Pink, Blau oder Schwarz gefärbt. Dadurch sind Kratzer im Vergleich zu einer lackierten Oberfläche weniger auffällig. Die Verarbeitung ist hochwertig, das Gerät damit sehr robust. Fragilere Glas-Gehäuse, die stets einer Schutzhülle bedürfen, und billigere Kunststoff-Umhüllungen der Konkurrenz haben hier das Nachsehen. Mit Abmessungen von 116,5 x 61,2 x 12,1 mm und 142 Gramm liegt das Lumia auch gut in der Hand. Aber: Auf einen wechselbaren Akku und eine Erweiterung durch SD-Karten muss man verzichten.

Display

Beim Touchscreen fallen Äußerlichkeiten positiv auf, die inneren Werte enttäuschen jedoch ein wenig. Das AMOLED-Display misst 3,7 Zoll und ist abgerundet besonders nahtlos in des Gehäuse eingepasst. Das trägt nicht nur zur Wertigkeit des Geräts bei, sondern fühlt sich auch bei der Touch-Eingabe gut an. Die Auflösung von 800 x 480 Pixel liegt jedoch hinter den Screens der Konkurrenz. Im Gegensatz zu Galaxy Nexus und iPhone 4S sind einzelne Pixel erkennbar, was vor allem zu einer schlechteren Lesbarkeit bei Texten führt. Die Farben des AMOLED-Screens sind zwar kontrastreich und leuchtend, wirken allerdings auch übersättigt und teilweise zu grell.

Performance

Single-Core-CPU und 512 MB RAM lesen sich am Papier mickrig, in der Praxis ist jedoch kaum etwas davon zu bemerken. Das Gerät lässt sich sehr flüssig bedienen, was zum Gutteil auch Windows Phone geschuldet ist, das auf aufwendige Effekte verzichtet. Beim Websurfen mit dem am Gerät ausgelieferten Internet Explorer 9 macht sich jedoch bemerkbar, dass das Lumia 800 weniger PS als die High-End-Konkurrenz hat.

Browser hinkt hinterher

Im Sunspider-Javascript-Test ist das Nokia-Handy weit abgeschlagen hinter Galaxy Nexus und iPhone 4S. (Getestet wurden alle drei Geräte gleichzeitig im selben WLAN, um Nachteile durch schlechtere 3G-Verbindungen ausschließen zu können, siehe auch InSite-Video-Test des Lumia 800.) Auch hatte der mobile Internet Explorer im Test häufiger mit Darstellungsproblemen von Webseiten zu kämpfen.

Akkuleistung

Die Akkuleistung liegt laut Nokia bei 9,5 Stunden Sprechzeit in 3G-Netzen, 335 Stunden 3G-Standby, 55 Stunden Musikwiedergabe und 6,5 Stunden Videowiedergabe. Nun sind solche Werte freilich immer mit Vorsicht zu genießen, da sie im Labor ermittelt wurden. Real muss immer einbezogen werden, welche Dienste man nutzt, die häufig Daten abrufen, oder ob das Display hell oder dunkel eingestellt ist. Im Test hielt das Gerät einen Tag durch.

Akku-Bug

In einigen Fällen kommt es bei Nutzern zu Problemen mit der Akkulaufzeit, da die Geräte teilweise die Akkukapazität nicht richtig erkannt haben. Über ein Diagnose-Tool können User feststellen, ob ihr Gerät davon betroffen ist. Ein Software-Update, das das Problem zumindest teilweise behebt, wurde bereits veröffentlicht. Weitere Updates sollen folgen, wie Nokia verspricht.

Kamera

Mit dem N8 hat Nokia bereits gezeigt, was mit einer Smartphone-Kamera möglich ist. Im Windows Phone-Modell ist die Kamera schwächer ausgefallen. Das Lumia 800 besitzt eine 8-Megapixel-Kamera mit Carl-Zeiss-Linse und Dual-LED-Blitz. Wie bei allen Digicams mit kleinen Sensoren gelingen Fotos hauptsächlich bei guten Lichtverhältnissen. Sobald die Bedingungen schlechter sind, kommt allerdings schnell Bildrauschen hinzu. Auch wirken feine Details schnell verschwommen.

Der Fokus wird durch Antippen des Displays gesetzt, unpraktisch ist hier, dass die Kamera auch sofort auslöst. Ansonsten ist auf der Gehäuse-Seite eine dedizierte Kamera-Taste integriert, womit etwa auch das Fotografieren mit Handschuhen möglich ist. Eine Frontkamera für Videotelefonie gibt es nicht.

Windows Phone

Auf dem Smartphone kommt Windows Phone 7.5 zum Einsatz. Das Betriebssystem ist von Nokia nicht verändert worden und sehr minimalistisch gehalten. Neben einem Homescreen mit sogenannten Live-Kacheln, die Inhalte oder Updates anzeigen, kann man die installierten Apps alphabetisch durchsuchen. Die zuletzt geöffneten Apps können durch ein längeres Drücken der Zurück-Taste aufgerufen werden. Wie bei Android und iOS werden Benachrichtigungen in einer eigenen Leiste angezeigt.

Tiefe Netzwerk-Integration

Eine Besonderheit ist die tiefe Integration der sozialen Netzwerke Facebook, Twitter und LinkedIn in die Kontakte-Anwendung, den People Hub. Dort laufen auch SMS und Instant Messages zusammen. Alle Nachrichten werden in einer Konversationsansicht angezeigt. Die Zusammenführung von Kontakten aus dem Telefonbuch und sozialen Netzwerken ist allerdings etwas unübersichtlich. Durch die Integration von Office Mobile können beispielsweise Word-Dateien ohne zusätzliche App bearbeitet und geteilt werden.

Zune-Koppelung

Weniger nutzerfreundlich ist die Koppelung an die Zune-Software, die benötigt wird, um Musik, Videos und Fotos von einem Computer zu übertragen oder Updates einzuspielen. Für Mac gibt es dafür einen eigenen Windows Phone Connector. Über Windows Live und Skydrive bietet Microsoft weitere Möglichkeiten, Kontakte, Kalender und Office-Dokumente zu synchronisieren oder Fotos online zu speichern.

Apps

Apps und Spiele stehen über den Marketplace zur Verfügung, für den eine Windows Live ID benötigt wird. Der Marktplatz wächst zwar schnell, liegt aber mit fast 50.000 Apps noch weit hinter den Angeboten für Android und iOS zurück. Zwar kommt es nicht auf die Quantität an, doch auch bei der Qualität der verfügbaren Apps hat man jene von iOS und Android nicht erreicht. So gibt es etwa für Facebook, Dropbox und Google+ noch immer keine offiziellen Apps, nur Nachbauten von Drittentwicklern bzw. Microsoft selbst.

Nokia-Anwendungen

Nokia hat für seine Windows-Phone-Modelle ebenfalls ein paar Apps beigesteuert: Musik, Karten und Navigation. Letztere bietet kostenlose Navigation für Autos und Fußgänger und kann nach dem Download des Kartenmaterials auch ohne Internetverbindung genutzt werden. Das ist vor allem im Ausland sehr praktisch, da man sich beim Erkunden einer fremden Stadt mit dem Handy keine Gedanken um hohe Roaming-Gebühren machen muss. Mix Radio, das Zugriff auf Musik-Playlists bietet, die man offline hören kann, ist in Österreich nicht verfügbar.

Fazit

Das Lumia 800 hat mit dem hochwertigen Gehäuse wohl den größten Appeal unter den bisher erhältlichen Windows Phones (das Lumia 900 noch nicht einbezogen). Ob man das Kachel-Konzept des Microsofts-Systems oder die Icon-orientierten Interfaces von Android und iOS bevorzugt, ist Geschmackssache. Für User, die ein solides Mittelklasse-Gerät suchen, das eng in ihre Microsoft-Umgebung integriert ist, ist das Lumia 800 eine gute Wahl.

Preis

Bei Leistung, Feature-Umfang und App-Angebot liegt das Smartphone hinter dem iPhone 4S und Android-Flaggschiffen wie dem Galaxy Nexus - so gestaltet sich auch der Preis. Das Nokia-Gerät ist im freien Handel ab ca. 430 Euro erhältlich.

  • Auf dem Lumia 800 kommt Windows Phone 7.5 zum Einsatz. Das 
Betriebssystem ist von Nokia nicht verändert worden und sehr 
minimalistisch gehalten.
    foto: derstandard.at

    Auf dem Lumia 800 kommt Windows Phone 7.5 zum Einsatz. Das Betriebssystem ist von Nokia nicht verändert worden und sehr minimalistisch gehalten.

  • Single-Core-CPU und 512 MB RAM lesen sich am Papier mickrig, in der 
Praxis ist jedoch kaum etwas davon zu bemerken. Das Gerät lässt sich 
sehr flüssig bedienen, was zum Gutteil auch Windows Phone geschuldet 
ist, das auf aufwendige Effekte verzichtet.
    foto: derstandard.at

    Single-Core-CPU und 512 MB RAM lesen sich am Papier mickrig, in der Praxis ist jedoch kaum etwas davon zu bemerken. Das Gerät lässt sich sehr flüssig bedienen, was zum Gutteil auch Windows Phone geschuldet ist, das auf aufwendige Effekte verzichtet.

  •  Die Farben des AMOLED-Screens sind zwar kontrastreich und leuchtend, 
wirken allerdings auch übersättigt und teilweise zu grell (im Bild: das Lumia 800 (unten) im Vergleich zum iPhone 4S).
    foto: derstandard.at

    Die Farben des AMOLED-Screens sind zwar kontrastreich und leuchtend, wirken allerdings auch übersättigt und teilweise zu grell (im Bild: das Lumia 800 (unten) im Vergleich zum iPhone 4S).

  • Eine Besonderheit ist die tiefe Integration der sozialen Netzwerke 
Facebook, Twitter und LinkedIn in die Kontakte-Anwendung, den People 
Hub. Dort laufen auch SMS und Instant Messages zusammen.
    foto: derstandard.at

    Eine Besonderheit ist die tiefe Integration der sozialen Netzwerke Facebook, Twitter und LinkedIn in die Kontakte-Anwendung, den People Hub. Dort laufen auch SMS und Instant Messages zusammen.

  • Im Sunspider-Javascript-Test ist das Nokia-Handy weit abgeschlagen 
hinter Galaxy Nexus (rechts) und iPhone 4S (links). Auch hatte der mobile Internet Explorer im Test häufiger mit Darstellungsproblemen von Webseiten zu kämpfen.
    foto: derstandard.at

    Im Sunspider-Javascript-Test ist das Nokia-Handy weit abgeschlagen hinter Galaxy Nexus (rechts) und iPhone 4S (links). Auch hatte der mobile Internet Explorer im Test häufiger mit Darstellungsproblemen von Webseiten zu kämpfen.

  • Für das Gehäuse hat sich Nokia aus der Mittelklasse in die Oberliga 
begeben. Das Lumia 800 ist wie schon das Meego-Smartphone N9 in ein 
Unibody-Gehäuse aus Polycarbonat gehüllt.
    foto: derstandard.at

    Für das Gehäuse hat sich Nokia aus der Mittelklasse in die Oberliga begeben. Das Lumia 800 ist wie schon das Meego-Smartphone N9 in ein Unibody-Gehäuse aus Polycarbonat gehüllt.

  • Lumia 800 (oben) im Vergleich zu iPhone 4S (Mitte) und Galaxy Nexus.
    foto: derstandard.at

    Lumia 800 (oben) im Vergleich zu iPhone 4S (Mitte) und Galaxy Nexus.

  • Das Lumia 800 besitzt eine 8-Megapixel-Kamera mit Carl-Zeiss-Linse 
und Dual-LED-Blitz. Wie bei allen Digicams mit kleinen Sensoren gelingen
 Fotos hauptsächlich bei guten Lichtverhältnissen. 
    foto: derstandard.at/riegler

    Das Lumia 800 besitzt eine 8-Megapixel-Kamera mit Carl-Zeiss-Linse und Dual-LED-Blitz. Wie bei allen Digicams mit kleinen Sensoren gelingen Fotos hauptsächlich bei guten Lichtverhältnissen. 

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