Trotz durchwegs teurerer Preise werden werden die Bälle gestürmt wie eh und je. Laut einer Studie gibt ein Ballgast heuer im Schnitt 230 Euro aus
Wien - Ob prächtiges Palais, nüchternes Vereinshaus oder freigeräumter
Hotelsaal: Von Anfang Jänner bis Mitte März füllt König Walzer in weiten
Teilen Österreichs so ziemlich alles, was sich für Ballveranstaltungen
eignet. Das Gespenst der Krise bleibt gut versteckt. Es wird höchstens
gesprochen darüber - zwischen einem Glas Sekt und Sacherwürsteln.
"Die Bälle sind eine relativ krisensichere Sache. Dieses Vergnügen
lassen sich die Leute nicht nehmen", sagt Gerhard Messinger dem
Standard. Als Chef der zum Verkehrsbüro gehörenden Austria Trend Hotels
ist Messinger - obwohl selbst kein Ballgeher - mit dem Ohr dicht am
Geschehen.
Frack kontra Smoking
Mit dem Parkhotel Schönbrunn, dem Hotel Savoyen sowie Palais wie dem
Ferstel oder dem Daun-Kinsky verfügt Österreichs größter
Tourismuskonzern allein in Wien über Ballsäle mit einem Fassungsvermögen
von zusammen mehreren tausend Personen. Die bisherigen Veranstaltungen
zeigten weder einen Rückgang bei den Besucherzahlen noch bei der
Konsumation.
Auch vorgelagerte Bereiche wie Tanzschulenbetreiber und Ballausstatter
sind durchwegs zufrieden, wie die Ballsaison heuer anläuft. Von einer
Krise sei in ihrem Geschäft keine Spur, konstatiert etwa Olga Hofer,
Verleiherin in Wien. Im Gegenteil, es sei ein Trend hin zu teurerer
Ausstattung zu beobachten. Ballgeher legten zunehmend Wert auf exklusive
Bekleidung. Der Smoking sei für immer mehr Leute ein No-Go am Ball.
Hofer: "Da wird man schnell für einen Kellner gehalten. In einem Frack
ist man immer noch am besten aufgehoben."
Eine Nacht im Frack gibt es für rund 230 Euro. Die Hälfte ihrer
Kundschaft sei international, erzählt Hofer. Heuer kleide sie viele
Amerikaner, Deutsche und Italiener ein. Schlechte Erfahrungen habe sie
nur mit Ballbesuchern gemacht, die - ohne ihre Maße zu wissen - bis zu
jeweils zwanzig Fracks zur Ansicht in ihr Hotel bestellten. Schließlich
habe selbst der frühere deutsche Bundespräsident Horst Köhler die Zeit
für eine Anprobe in ihrem Geschäft gefunden.
Flott geht es auch bei Karin Lemberger her, Präsidentin der mehr als 30
Wiener Tanzschulen. Gut gebucht seien die Crashkurse vor der anlaufenden
Saison. Auch an Anfragen von Touristen, die sich den Wiener Walzer über
Privatstunden aneignen wollten, fehle es nicht. Unterm Strich sei Tanzen
ein kostengünstiges Hobby und die Gefahr, dass es einem Sparkurs zum
Opfer falle, gering. Allein mit Pfuschern schlägt sich die Branche da
und dort herum. Mittel, um gegen Schwarzarbeit am Tanzparkett
vorzugehen, gebe es aber genug, sagt Lemberger.
475.000 Ballgäste erwartet
Die Bälle haben sich im Lauf der Jahre zu einem wichtigen
Wirtschaftsfaktor entwickelt. Allein zu den 450 Wiener Bällen sollen
einer Erhebung zufolge heuer 475.000 Besucher strömen, 115.000 davon aus
anderen Bundesländern sowie dem Ausland.
"Die sind besonders interessant, weil sie mindestens einmal
übernachten", heißt es bei Wien Tourismus. Realistischerweise könne man
von 175.000 Nächtigungen ausgehen, die im Zusammenhang mit Bällen
stehen.
Auch wenn die Unesco den Wiener Ball von der Weltkulturerbeliste
genommen hat - "Bälle werden weiter das Geschäft beleben", sagt die
Landesvorsitzende der Österreichischen Hoteliervereinigung in Wien,
Michaela Reiterer. "Sie sind aber kein touristischer Brenner, wie es
Adventmärkte sind." Andererseits strahlten Events wie der Opernball oder
der Life-Ball weltweit aus. Reiterer: "Die transportieren Bilder von
Wien in die ganze Welt; so viel kann man für Marketing gar nicht
ausgeben."
Eine Karte für den Ärzteball, der diesen Samstag in der Wiener Hofburg
stattfindet, kostet 100 Euro, 15 Euro mehr als 2011. Auch für den Besuch
anderer Bälle muss heuer mehr veranschlagt werden.
Laut einer Studie der KMU Forschung Austria plant ein Gast in der
heurigen Ballsaison durchschnittlich 230 Euro auszugeben, um zehn Euro
mehr als im Vorjahr. Die gesamte Wertschöpfung beläuft sich auf 80
Millionen Euro. Zusätzlich geben Gäste aus den Bundesländern und dem
Ausland rund 30 Millionen Euro für Aufenthalt und Nächtigungen aus. (Verena Kainrath, Günther Strobl, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 23.1.2012)