Die Einheit Europas ist gefährdet, aber nicht bedroht: Auf diesen Nenner kamen vier renommierte Politiker bei der Diskussionsreihe "Europa im Diskurs"
Auch wenn Peer Steinbrück auf der Bühne des Wiener Burgtheaters keine
Festlegung für eine Kanzlerkandidatur 2013 abgeben wollte, so war der
Auftritt des ehemaligen deutschen SPD-Finanzministers am Sonntag in Wien
zumindest eine überzeugende Generalprobe in europapolitischen Fragen.
Diese kreisten um die Finanzkrise der EU: Das Institut für die
Wissenschaften vom Menschen, die Erste-Stiftung, das Burgtheater und der
Standard hatten im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Europa im Diskurs"
dazu eingeladen, die Frage "Ist die Einheit Europas in Gefahr?" zu
erörtern.
"Ökonomisch, politisch und demokratisch droht ein Zerfall", meinte
Steinbrück. "Unsere Maßnahmen kamen alle zu spät und waren zu wenig und
vor allem zu ungefähr." Die EU sei aber die Antwort auf 1945 und auf das
21. Jahrhundert gleichermaßen, doch "wir müssen uns mehr engagieren, um
unseren privilegierten Ausnahmezustand von Frieden und Wohlstand zu
erhalten. Bin ich zu pathetisch? Für einen Norddeutschen allemal!"
Die Probleme Europas sah der ehemalige griechische Außenminister
Dimitris Droutsas, heute EU-Parlamentarier, weniger auf fiskaler Ebene,
sondern vor allem in generellen politischen Defiziten. "Wir müssen uns
bewusst sein, dass sich viele Regierungen die Themen von populistischen
Parteien vorgeben lassen."
Für einen radikalen Politikwandel trat die slowakische Regierungschefin
Iveta Radièová ein, Max Weber und Ralf Dahrendorf zitierend. Die EU habe
ein Glaubwürdigkeitsproblem, weil "politische Versprechungen und
wirtschaftliche Realität weit auseinanderklaffen".
Dass die Europäische Union heute nicht homogen dastehe, sei
realpolitisch auch Deutschland und Frankreich zuzuschreiben, meinte
Daniel Cohn-Bendit, der streitbare deutsch-französische Fraktionschef
der Europäischen Grünen. Berlin und Paris würden nicht "vorangehen,
sondern sie treten zur Seite und machen falsche Vorschläge". Die Frage
nach einem Ausschluss Griechenlands aus der Eurozone tat er ab: "Werfen
Sie etwa Bremen aus der Bundesrepublik Deutschland raus, bloß weil es
Finanzprobleme hat? Natürlich nicht!"
Kritik an Berlin und Paris
Droutsas hakte hier ein und übte Kritik am Umgang mit Griechenland.
Athen, damals noch unter der Führung seines sozialdemokratischen
Parteikollegen Giorgos Papandreou, sei nicht genug Zeit gegeben worden,
Reformen durchzuführen. "Man hat uns das Messer an den Hals gesetzt."
Generell müsse man aber sämtliche griechische Regierungen der
vergangenen Jahrzehnte an den Pranger stellen.
Zum Streitpunkt wurde zwischen Cohn-Bendit und Steinbrück der
Sanierungsfall Italien. Während der deutsche Exfinanzminister meinte,
Solidarität könne nur bei eiserner Budgetkonsolidierung erwartet werden,
zollte der grüne EP-Fraktionschef Premier Mario Monti Anerkennung: Rom
mache seine Hausaufgaben, "doch wie soll man ein Budget konsolidieren,
wenn die steigenden Zinsen die Reformen auffressen?"
Für Steinbrück könnte der neue Fiskalpakt einen Beitrag zur Lösung der
Krise leisten. Wegen des Ausstiegs Londons ("EU-27 minus eins") handle
es sich um einen völkerrechtlichen Vertrag, der 26-mal durch die
Parlamente müsse. "Sagen wir, wir sind schnell und haben das bis
September: Was machen wir aber bis zu diesem Zeitpunkt?", fragte
Steinrück und sah die Europäische Zentralbank (EZB) in der Rolle als
"Staatsfinanzierer". Für Cohn-Bendit sei der Fiskalpakt "unnötig", er
werde "ebenso ein Flop wie der Hebel" für den EFSF-Rettungsfonds.
Skeptisch zeigte sich Radièová. "Der Fiskalpakt ist nur ein Kompromiss
und nicht automatisch die beste Lösung", erklärte die slowakische
Regierungschefin.
Sehr lebhaft wurde dann die Frage von Standard-Chefredakteurin Alexandra
Föderl-Schmid diskutiert, wie die Rolle Großbritanniens in der aktuellen
Lage einzuschätzen sei. Während Steinbrück hoffte, London isoliere sich
nicht auf Dauer von Europa, zeigte Cohn-Bendit Unverständnis. "Ich sage
ja schon seit fünf Jahren: Lasst die Briten darüber abstimmen, ob sie
ein EU-Mitglied oder der 51. Bundesstaat der USA sein wollen."
Steinbrück darauf: "Was ist das jetzt? Eine Alleinvorstellung von
Rumpelstilzchen?"
Die Christdemokratin Radièová zeigte da schon mehr Verständnis für den
britischen Premier David Cameron. Es gelte, den sozialen Frieden zu
wahren, "man erzielt keine Resultate, wenn man mit der Faust auf den
Tisch haut".
Und wie wird die EU im Jahr 2020 aussehen? "Wir stehen vor einer
Entscheidung: Geht es zurück ins nationale Denken, oder bekommen wir
endlich eine europäische Regierung?", meinte Droutsas und bedauerte,
dass die Stärken der EU aus dem Diskurs momentan "verschwunden" seien.
Radièová, die nach den Wahlen im März der Politik den Rücken kehren
wird, zeigte sich nicht so optimistisch. Zuletzt sei zu viel zerstört
worden, meinte sie mit Hinweis auf das Opting-out der Briten beim
Fiskalpakt.
EU-Referendum in Kroatien
Gewohnt kämpferisch-optimistisch dann wieder Cohn-Bendit: "Wir haben uns
oft für die Integration der EU eingesetzt, meist auch gegen öffentliche
nationale Meinungen." Nicht zuletzt Kroatien, das am Sonntag per
Referendum über den EU-Beitritt abstimmte, sei ein Beispiel, das das
Erfolgspotenzial der EU demonstriere. "Wir werden 2020 eine EU-Regierung
haben, die die Verantwortung in Sachen Solidarität, Wirtschaft und
Finanzen übernimmt."
Steinbrück zeigte sich zum Abschluss ganz norddeutsch-unpathetisch und
suchte fast wie bei einer Wahlveranstaltung das Zwiegespräch mit dem
Publikum. Eine erfolgreiche Entwicklung der EU könne nur funktionieren,
wenn das EU-Parlament gestärkt werde. "Das bedeutet aber, dass die
Nationalstaaten Souveränität abgeben müssen. Wären Sie dazu bereit?"
Applaus aus dem Publikum. "Nun, das sagen Sie. Und was meinen Ihre
Landsleute in Kärnten?" (Gianluca Wallisch, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 23.1.2012)
Service Die Aufzeichnung der Diskussion wird am 26. Jänner um 22.25 Uhr auf ORF III ausgestrahlt.