Europas Einheit

"Man hat uns das Messer an den Hals gesetzt"

Gianluca Wallisch, 22. Jänner 2012, 18:32

Die Einheit Europas ist gefährdet, aber nicht bedroht: Auf diesen Nenner kamen vier renommierte Politiker bei der Diskussionsreihe "Europa im Diskurs"

Auch wenn Peer Steinbrück auf der Bühne des Wiener Burgtheaters keine Festlegung für eine Kanzlerkandidatur 2013 abgeben wollte, so war der Auftritt des ehemaligen deutschen SPD-Finanzministers am Sonntag in Wien zumindest eine überzeugende Generalprobe in europapolitischen Fragen. Diese kreisten um die Finanzkrise der EU: Das Institut für die Wissenschaften vom Menschen, die Erste-Stiftung, das Burgtheater und der Standard hatten im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Europa im Diskurs" dazu eingeladen, die Frage "Ist die Einheit Europas in Gefahr?" zu erörtern.

"Ökonomisch, politisch und demokratisch droht ein Zerfall", meinte Steinbrück. "Unsere Maßnahmen kamen alle zu spät und waren zu wenig und vor allem zu ungefähr." Die EU sei aber die Antwort auf 1945 und auf das 21. Jahrhundert gleichermaßen, doch "wir müssen uns mehr engagieren, um unseren privilegierten Ausnahmezustand von Frieden und Wohlstand zu erhalten. Bin ich zu pathetisch? Für einen Norddeutschen allemal!"

Die Probleme Europas sah der ehemalige griechische Außenminister Dimitris Droutsas, heute EU-Parlamentarier, weniger auf fiskaler Ebene, sondern vor allem in generellen politischen Defiziten. "Wir müssen uns bewusst sein, dass sich viele Regierungen die Themen von populistischen Parteien vorgeben lassen."

Für einen radikalen Politikwandel trat die slowakische Regierungschefin Iveta Radièová ein, Max Weber und Ralf Dahrendorf zitierend. Die EU habe ein Glaubwürdigkeitsproblem, weil "politische Versprechungen und wirtschaftliche Realität weit auseinanderklaffen".

Dass die Europäische Union heute nicht homogen dastehe, sei realpolitisch auch Deutschland und Frankreich zuzuschreiben, meinte Daniel Cohn-Bendit, der streitbare deutsch-französische Fraktionschef der Europäischen Grünen. Berlin und Paris würden nicht "vorangehen, sondern sie treten zur Seite und machen falsche Vorschläge". Die Frage nach einem Ausschluss Griechenlands aus der Eurozone tat er ab: "Werfen Sie etwa Bremen aus der Bundesrepublik Deutschland raus, bloß weil es Finanzprobleme hat? Natürlich nicht!"

Kritik an Berlin und Paris

Droutsas hakte hier ein und übte Kritik am Umgang mit Griechenland. Athen, damals noch unter der Führung seines sozialdemokratischen Parteikollegen Giorgos Papandreou, sei nicht genug Zeit gegeben worden, Reformen durchzuführen. "Man hat uns das Messer an den Hals gesetzt." Generell müsse man aber sämtliche griechische Regierungen der vergangenen Jahrzehnte an den Pranger stellen.

Zum Streitpunkt wurde zwischen Cohn-Bendit und Steinbrück der Sanierungsfall Italien. Während der deutsche Exfinanzminister meinte, Solidarität könne nur bei eiserner Budgetkonsolidierung erwartet werden, zollte der grüne EP-Fraktionschef Premier Mario Monti Anerkennung: Rom mache seine Hausaufgaben, "doch wie soll man ein Budget konsolidieren, wenn die steigenden Zinsen die Reformen auffressen?"

Für Steinbrück könnte der neue Fiskalpakt einen Beitrag zur Lösung der Krise leisten. Wegen des Ausstiegs Londons ("EU-27 minus eins") handle es sich um einen völkerrechtlichen Vertrag, der 26-mal durch die Parlamente müsse. "Sagen wir, wir sind schnell und haben das bis September: Was machen wir aber bis zu diesem Zeitpunkt?", fragte Steinrück und sah die Europäische Zentralbank (EZB) in der Rolle als "Staatsfinanzierer". Für Cohn-Bendit sei der Fiskalpakt "unnötig", er werde "ebenso ein Flop wie der Hebel" für den EFSF-Rettungsfonds.

Skeptisch zeigte sich Radièová. "Der Fiskalpakt ist nur ein Kompromiss und nicht automatisch die beste Lösung", erklärte die slowakische Regierungschefin.

Sehr lebhaft wurde dann die Frage von Standard-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid diskutiert, wie die Rolle Großbritanniens in der aktuellen Lage einzuschätzen sei. Während Steinbrück hoffte, London isoliere sich nicht auf Dauer von Europa, zeigte Cohn-Bendit Unverständnis. "Ich sage ja schon seit fünf Jahren: Lasst die Briten darüber abstimmen, ob sie ein EU-Mitglied oder der 51. Bundesstaat der USA sein wollen." Steinbrück darauf: "Was ist das jetzt? Eine Alleinvorstellung von Rumpelstilzchen?"

Die Christdemokratin Radièová zeigte da schon mehr Verständnis für den britischen Premier David Cameron. Es gelte, den sozialen Frieden zu wahren, "man erzielt keine Resultate, wenn man mit der Faust auf den Tisch haut".

Und wie wird die EU im Jahr 2020 aussehen? "Wir stehen vor einer Entscheidung: Geht es zurück ins nationale Denken, oder bekommen wir endlich eine europäische Regierung?", meinte Droutsas und bedauerte, dass die Stärken der EU aus dem Diskurs momentan "verschwunden" seien. Radièová, die nach den Wahlen im März der Politik den Rücken kehren wird, zeigte sich nicht so optimistisch. Zuletzt sei zu viel zerstört worden, meinte sie mit Hinweis auf das Opting-out der Briten beim Fiskalpakt.

EU-Referendum in Kroatien

Gewohnt kämpferisch-optimistisch dann wieder Cohn-Bendit: "Wir haben uns oft für die Integration der EU eingesetzt, meist auch gegen öffentliche nationale Meinungen." Nicht zuletzt Kroatien, das am Sonntag per Referendum über den EU-Beitritt abstimmte, sei ein Beispiel, das das Erfolgspotenzial der EU demonstriere. "Wir werden 2020 eine EU-Regierung haben, die die Verantwortung in Sachen Solidarität, Wirtschaft und Finanzen übernimmt."

Steinbrück zeigte sich zum Abschluss ganz norddeutsch-unpathetisch und suchte fast wie bei einer Wahlveranstaltung das Zwiegespräch mit dem Publikum. Eine erfolgreiche Entwicklung der EU könne nur funktionieren, wenn das EU-Parlament gestärkt werde. "Das bedeutet aber, dass die Nationalstaaten Souveränität abgeben müssen. Wären Sie dazu bereit?" Applaus aus dem Publikum. "Nun, das sagen Sie. Und was meinen Ihre Landsleute in Kärnten?" (Gianluca Wallisch, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 23.1.2012)

Service Die Aufzeichnung der Diskussion wird am 26. Jänner um 22.25 Uhr auf ORF III ausgestrahlt.

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11 Postings
cookieberlin
00
23.1.2012, 10:10

"Man hat uns das Messer an den Hals gesetzt"?
Das ist das mittlerweile bekannte griechische Selbstbild.
So langsam sollte es allerdings reichen.
Niemand hat die ehrbaren Damen und Herren aus der griechischen Steuer-Idylle gezwungen, an einer gemeinsamen Währung teilzuhaben.
Genaugenommen hat sich da jemand mit falschen Zahlen hineingeschmuggelt und gibt jetzt den Zurückgesetzten.

Frodo Der Hobbit
00
23.1.2012, 04:24
Max Weber ist hoch interessant,

aber ich hoffe dass die nationalen politiker und die presse ihn auch gut studieren, damit man ihnen keine verdrehungen unterjubelt.
denn der weber ist grade dabei in mode zu kommen, von seiten christlich-konservativ..

man sollte genau hinsehen, welche christdemokraten authentisch und bodenständig sind, und welche geistig zwischen kissinger und bible belt pendeln...

Frodo Der Hobbit
00
23.1.2012, 04:17
Kroatien ist optimistisch

daraus sollten alle lernen.

ich bitte die journalisten aber auch nach einer analyse, wie genau die kroatischen leitwölfe und lobbies untereinander argumentiert haben, wo sie den vorteil sehen, und ob es unterschiede zur öffentlichen pro-EU werbung gibt.
als kontext auch die geschichte der bilateralen beziehungen zur USA und zu den ex-jugo staaten.
was ist in diesen beziehungen heute das thema, was die ziele?

madathara
11
22.1.2012, 19:39

"man hat uns das messer an den hals gesetzt"

was macht jede normale gesellschaft nach so einer aktion? man versucht die schuldigen zu fangen und sperrt sie ein. was machen wir? wir beten weiter unser schuldgeldsystem an und beglücken unsere finanzelite mit nicht enden wollenden milliarden.

Werner Lischka
00
22.1.2012, 20:01
um jemand einzusperren, muss dieser jemand ...

... auch gegen gesetze verstossen haben - blose gier ist kein gesetzesbruch.
diese gesellschaft muss sich mal in den spiegel schauen und selbst eingestehen 'wir haben die regierungen gewählt, wir sind daher verantwortlich für die deregulierung und den wildwuchs der fi'.
sündenböcke suchen ist einer demokratischen gesellschaft unwürdig - wer seine regierenden selber wählen darf, ist auch für deren verhalten verantwortlich. recht bedeutet verantwortung - das wird gerne vergessen!

madathara
00
23.1.2012, 01:19

wenn das resultat von gier raub am volk ist ist es ein verbrechen. und wenn gesetze so einen raub legitimieren gehören diese gesetze schleunigst geändert.

Werner Lischka
00
23.1.2012, 10:41
'raub am volk' ist genauso schwammig ...

.. wie 'beschmutzung der heiligkeit des islam' oder 'beleidigung des türkentums'.
wegen ersterem wollen die narren im iran jetzt einen sw-ingenieur hängen - ab wann ist es denn 'raub am volk' - ab einem gewinn von 10000, 100000 oder mehr?
wollen sie die methoden bewerten - verkauf von risikopapieren?
nur weil ein gefühltes unrecht geschieht, ist es nicht durch gesetze aufhaltbar. die müssen nämlich konkret die tat verbieten - sonst werden sie missbraucht (siehe den gummiparagraph 'organisiertes verbrechen' in ö).

madathara
00
23.1.2012, 12:41

vermögensobergrenzen einführen. das wäre eindeutig und würde der endlosen gier den wind aus den segeln nehmen. kein mensch braucht milliarden von vermögen. dies kann er nur erreichen in dem er andere ausbeutet (ungerecht entlohnt für sich arbeiten lässt) oder irgendwelche schwindeligen spekulationsgeschäfte auf kosten anderer durchführt.

Werner Lischka
00
23.1.2012, 13:34
sie werden lachen - ähnliches gab es i.d. usa!

ab bestimmten einkommensgrenzen wurde mit 90% besteuert.
dies ist zwar keine vermögensobergrenze, aber ähnlich wirksam (und einfacher zu administrieren).
nur hat man dieses steuer a.d. roosevelt-ära abgeschafft.

pussycat.1337
00
22.1.2012, 19:37

steinbrück soll mal die klappe halten. er war finanzminister in deutschland, damals wusste er von nichts, jetzt im nachhin weiß er alles besser. solche leute gibts es viel zu viele!!!

Frodo Der Hobbit
00
23.1.2012, 04:33
cohn-bendit hat eins richtig:

man muss sich mit den briten intensiver auseinandersetzen und ihnen diesen zwiespalt so schmerzhaft wie möglich machen.

der 51. bundesstaat ist ein wenig unterschätzend, denn mir scheint, die macher in den USA wollen die alten commonwealth beziehungen der briten für sich nutzbar machen, geostrategisch, besonders auch in asien, und das lassen sich die briten mit marktanteil und einfluss abkaufen.

europa muss mit einer frischen, gesunden "seidenstrasse" politik (ohne drogen!) darauf kontern. eurasische planung für infrastruktur, ressourcen, und technologie-entwicklung.

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